„Erntedank bei Hassan – Es kann so einfach sein“ Predigt zu 1. Timotheus 4,4-5 von Wolfgang Grosse

„Moin Hassan.“
„Salam!“
„Salam aleikum!“ grüße ich zurück.
Eine Windböe drückt mich mit ein paar Herbstblättern in die Imbissstube. Meine Brille beschlägt. Es ist brechend voll. Mittagszeit. Warme Düfte des Orients steigen mir in die Nase.
Draußen tobt der erste Herbststurm. Regen peitscht über den Asphalt. Von meiner Jacke tropft es. Ich versuche mich zu orientieren. Alle Einzeltische sind besetzt. Nur hinten der große Familientisch mit 8 Stühlen ist frei.
„Komm, Imamchen, komm durch. Setz‘ dich hierhin.“ Hassan geleitet mich durch den Raum. Ich muss grinsen. Imamchen, so nennt Hassan mich mit einem Augenzwinkern, seit er vor ein paar Monaten herausgefunden hat, dass ich Pastor bin. Ich hänge meine nasse Jacke an den wackeligen Garderobenständer. Er schiebt mir den Stuhl hin. Ich nehme Platz.

Was für ein Vormittag! Am Morgen war ich im Kindergarten. Herbstfrühstück mit den Eltern. Alle hatten etwas mitgebracht. Zusammen saßen wir auf den kleinen Stühlen. Unbequem aber frohgemut.
Die Tafel war reich gedeckt. Frische Brötchen, sogar Kürbisbrot, Käse und Wurst, selbstgemachte Marmelade, Gemüsesticks in allen Variationen, leuchtende Tomaten und glänzende Gurkenscheiben, duftendes Obst. Die Erzieherinnen hatten als Deko einige Getreidehalme in kleine Vasen gestellt. Erntedank konnte kommen. Alles war gut.
Schließlich gab mir die Leiterin ein Zeichen. Ich wusste schon: Tischgebet! Aber manchmal geht der Schalk mit mir durch. Heute wollte ich es anders machen. „Wer von den Eltern spricht den heute das Tischgebet?“ fragte ich in die Runde. Betretenes Schweigen. Blicke senkten sich zu Boden. Einige Mütter kramten plötzlich hilflos in ihren Handtaschen. Die wenigen Väter schauten mich entsetzt an. Einer fummelte nervös an den nicht vorhandenen Schnürsenkeln unterm Tisch.
Aber ich wusste: wenigstens auf die Kinder ist Verlass. Diesmal war Marie die Schnellste. „Du Pastor Wolfgang, wir singen doch immer!“ und schon begann sie. Alle anderen Kinder stimmten mit ein:
Jedes Tierlein hat sein Essen, jedes Blümlein trinkt von dir,
hast auch unser nicht vergessen, lieber Gott wir danken dir.

Ich sah die Erleichterung in den Augen der Eltern. Nochmal Glück gehabt. Es wurde ein fröhlicher, lebendiger Morgen. Alles war gut.

Danach kam der Tod. Friedhof. Beerdigung. Frau Meyer war letzte Woche gestorben. 87 Jahre alt. Ein kleiner Kreis. Nur die Familie, wenige Nachbarn und 2 alte Freundinnen.
Sie hatte ein reiches Leben gehabt. War in der Landwirtschaft aufgewachsen. Dann die Flucht, schuften auf dem Bauernhof in der Notunterkunft. Schließlich der Neuanfang hier in Bremen. Die große Liebe, die Ehe, die Kinder, irgendwann ein eigenes kleines Häuschen mit Garten. Im Gespräch hatte mir die Tochter davon erzählt. Auch von den langen Reihen der Einmachgläser im Keller, dem nie endenden Duft in Mudderns Küche, selbst als sie schon alt war. Und davon, dass die 3 Enkelkinder bei Oma die Erdbeermarmelade aus dem Glas löffeln durften.
Frau Meyer hatte ihre Ernte eingefahren. Gesegnetes Leben. Wir sangen (EG 325):
Sollt ich meinem Gott nicht singen? Sollt ich ihm nicht dankbar sein?
Denn ich seh in allen Dingen, wie so gut er’s mit mir mein‘.

Erntedank war gekommen. Alles war gut.

Noch in Gedanken versunken klappert es vor mir. „Imamchen, trink erstmal!“ Hassan stellt den dampfenden, dunkel-leuchtenden Çay vor mich. Ich liebe diesen wunderbaren türkischen Tee, der zu jeder Tages- und Nachtzeit getrunken wird. Frühling, Sommer, Herbst und Winter gibt es Çay.
„Wird Herbst!“ sagt Hassan. „Erntezeit. Auch in meiner Heimat.“ Er deutet auf die vergilbten Fotos an der Wand. „Weißt du, Zitronen, Orangen, Granatäpfel. Melonen, so groß.“ Mit seinen kräftigen Armen formt er einen riesigen Kreis und seine Augen leuchten. „Ich bin so dankbar. Allah meint es gut.“

Ich kenne Hassan schon lange. Ursprünglich stammt er aus einer armen Familie in Anatolien. Vor vierzig Jahren waren seine Eltern mit ihm nach Deutschland gekommen. Sein Vater arbeitete viele Jahre auf dem Bau. Hassan aber hatte von seiner Büyükanne, seiner Großmutter, die Leidenschaft der türkischen Küche in die Wiege gelegt bekommen.
Irgendwann hatte er sich selbständig gemacht. Sein kleiner Imbiss Hasat. Hasat heißt Ernte. Über die Jahre war Hassan und sein Hasat, seine Ernte, zu einer kleinen Institution in unserem Stadtteil geworden. Lange bevor es an jeder Straßenecke eine Dönerbude gab.

„Trink! Wird sonst kalt!“ Ich nippe an dem kleinen Glas und verbrenne mir trotzdem fast die Zungenspitze. Der Tee tut sehr gut. „Danke.“
„Hunger?“
„Ja, was hast du denn heute?“
„Ich mach‘ dir was Leckeres.“ Hassan grinst und verschwindet in der Küche.

Die Tür öffnet sich, Yusuf, Hassans Sohn, 16 Jahre alt, kommt von der Schule. Letzter Schultag vor den Ferien. Ich kenne ihn aus unserer Jugendgruppe in der Gemeinde. Er schlendert zu mir, haut mir auf die Schulter und setzt sich. „Salam Pastor!“
„Salam aleikum Yusuf. Alles klar? Herbstferien?“
„Jo, alles klar, aber nichts Ferien.“ Er nickt zur Küche, wo die Töpfe klappern. „Baba. Die nächsten 2 Wochen arbeiten. Schule wär‘ besser. Aber ich will nicht klagen. Ist schon ok.“ Yusuf schaut sich um. Der Laden brummt. „Man muss ja dankbar sein. Ist alles gut. Gepriesen sei Allah.“ Er grinst mich aus dem Augenwinkel an. „Ja ok, weil du es bist, Pastor. Gepriesen sei Gott.“ Wir lachen beide. Yusuf steht auf und holt auch für sich Çay.
„Was gibt’s heute?“ fragt er, als er zurück kommt.
„Keine Ahnung. Dein Baba kocht irgendwas.“
„Lecker. … Ja, wenn ihr uns Türken nicht hättet!“
„Ich dachte ihr seid Deutsche?“
„Sind wir auch. Baba schon seit 25 Jahren. Ich von Geburt an. Aber für euch bleiben wir doch die Türken. Wenn’s hoch kommt die Deutsch-Türken. Da können wir machen was wir wollen.“ Wo er Recht hat hat er Recht. Hassan ist ja irgendwie der Türke geblieben. Im Stadtteil und auch ich fühle mich ein wenig ertappt. Integration hat immer zwei Seiten.

Erneut geht die Tür auf. Yusuf schaut und winkt. „Ey David! Hier!“
David ist im gleichen Alter wie Yusuf. Auch er ist regelmäßig in der Jugendgruppe. Seine Eltern waren Ende der Neunziger aus Kasachstan nach Deutschland gekommen. „Moin David!“ grüße ich ihn als er näher kommt.
„Shalom, Pastor!“
„Shalom!“
„Salam!“ sagt Yusuf, steht auf und holt auch für David Çay.
„Was geht?“ fragt Yusuf.
„Alder, Hunger! Habt ihr schon bestellt?
„Nee, Baba macht schon.“
„Krass. Lecker. Danke.

Yusuf war scheinbar am letzten Gedanken vor Davids Kommen hängen geblieben. „Sag‘ mal, bist du eigentlich Jude oder Deutscher?“ David schaut Yusuf etwas verwundert an. „Na ich mein: Ich bin Moslem aber Deutscher und trotzdem immer noch Türke. Und du?“
„Jo, Alder, achso. Also dann bin ich Jude aber Deutscher aber eigentlich Russe, oder Deutsch-Russe. Oder so. Logisch oder?“ Ich kann mir das Lachen nicht verkneifen. Verrückte Welt.
„Pastor, was gibt’s da zu lachen? Was bist du denn?“
„Tja, ich bin „nur“ Christ und Deutscher.“
„Echt ey? Nur einfach so? Christ und deutsch? Das geht? Krass.“ Fast klingt es ein wenig mitleidig. Ich könnte zwar jetzt meine Familiengeschichte erzählen. Von meinen Großeltern und deren Migration nach Deutschland. Aber ich lass es. Außerdem tut sich was in der Küche.
Hassan kommt mit drei großen Platten voller Köstlichkeiten. Leuchtendes Gemüse, Fleisch, Falafeln, Oliven und Peperoni, Hummus und Auberginencreme, dazu Fladenbrot. Es duftet wie im Basar. Oder an Erntedank.

Danke Hassan. Das sieht wundervoll aus.“
Dank‘ nicht mir sondern Allah, Imamchen. Und ihr auch! Gott gibt’s.“ Ein bisschen vorwurfsvoll schaut Baba Hassan schon auf die beiden jungen Männer.
„Ja schon ok, Baba! Heute Abend. Freitagsgebet. Oder im Ramadan.“ Yusuf verdreht leicht die Augen. David nickt zustimmend. „Jo, mach‘ ich. Heute Abend. Synagoge. Oder an Sukkot.“ Fast wäre auch mir rausgerutscht: „Ja Sonntag im Gottesdienst. Erntedank.“ … „Nein jetzt!“ entfährt es Hassan leicht erbost. Der Auftrag ist also klar. Baba hat gesprochen. Tischgebet.

Vor uns ist die reich gedeckte Tafel. Daran sitzen Moslem. Jude. Christ. Türke. Russe. Deutscher. Oder irgendwie so. Ich durchschaue das ja selbst nicht. Ist aber auch egal. 3 Menschen jedenfalls. Es hätten noch viel mehr Menschen Platz. Zusammen sitzen wir an einem Tisch und sind plötzlich ratlos bis peinlich berührt. Wie soll das nun gehen mit uns Dreien? Tischgebet. Wir schauen uns verlegen an. Auf einmal ist alles gar nicht mehr gut.

Murat, Yusufs kleiner Neffe, kommt aus der Küche angestürmt. Auch er besucht unseren Kindergarten. „Pastor! …“ seine kindliche Stimme schallt durch die Imbissstube und lässt für einen Moment das Gemurmel an den anderen Tischen verstummen. Dann baut sich Murat mit leuchtenden Augen vor unserem Tisch auf und beginnt zu singen:
Jedes Tierlein hat sein Essen, jedes Blümlein trinkt von dir,
hast auch unser nicht vergessen, lieber Gott wir danken dir.

Murat hat nicht vergessen. Yusuf, David und ich … es scheint für einen Moment, als ob wir alle ein wenig Glänzen in den Augen haben. Und ganz viel Dank.
Yusuf findet als Erster seine Stimme wieder. Er streichelt seinem Neffen über den Kopf. „Das ist gut, Murat. Das ist sehr gut. Gepriesen sei Gott. Salam.“
„Gepriesen sei Gott! Shalom.“ kommt es aus Davids Mund ehrfurchtsvoll. „Gepriesen sei Gott! Friede mit uns.“ erwidere auch ich. Es ist so eigentlich so einfach.

Die Sätze vom Nachbartisch überhören wir geflissentlich. „Immer diese Ausländer. Können die sich nicht benehmen? Wir sind schließlich ein christliches Abendland.“ Stumpfe, leere Augen. Kein Leuchten. Bestimmt kein Tischgebet.
„Guten Appetit!“ ruft Murat fröhlich. Yusuf nimmt das Brot, bricht es, gibt David und mir davon und sagt: „Nehmt. Esst. Greift zu!“ Wir füllen unsere Teller. Es schmeckt köstlich. Eine lange Mittagspause.
Später setzt sich auch noch Hassan dazu. „Alles ist gut, was Gott geschaffen hat.“ sagt er. „Gott sei Dank.“ erwidere ich. In der Imbissstube Hasat.
Ernte. Dank. Menschen. An einem Tisch. Nehmen. Danken. Feiern.
Salam. Shalom. Friede sei mit uns Menschen. Amen.