Freunde des Weinbergs und die Liebe des Fischers – Predigt zu Jesaja 5,1-7 von Lars Hillebold

Eine Predigt-Cuvee

mit Jesaja 5,1-7 und Gerhard Schöne, Die Liebe des Fischers (aus: Die sieben Gaben 1992)

Wohlan, ich will von meinem lieben Freunde singen, ein Lied von meinem Freund und seinem Weinberg. Mein Freund hatte einen Weinberg auf einer fetten Höhe. Und er grub ihn um und entsteinte ihn und pflanzte darin edle Reben. Er baute auch einen Turm darin und grub eine Kelter und wartete darauf, dass er gute Trauben brächte; aber er brachte schlechte. Nun richtet, ihr Bürger zu Jerusalem und ihr Männer Judas, zwischen mir und meinem Weinberg! Was sollte man noch mehr tun an meinem Weinberg, das ich nicht getan habe an ihm? Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?       Wohlan, ich will euch zeigen, was ich mit meinem Weinberg tun will! Sein Zaun soll weggenommen werden, dass er kahl gefressen werde, und seine Mauer soll eingerissen werden, dass er zertreten werde. Ich will ihn wüst liegen lassen, dass er nicht beschnitten noch gehackt werde, sondern Disteln und Dornen darauf wachsen, und will den Wolken gebieten, dass sie nicht darauf regnen. Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch, auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.

(Luther 2017)

 

[Der Liedermacher]

Im lärmenden Gedränge der Gassen Jerusalems ist er einer von vielen. Doch hörbar ist er zwischen den Mauern. Seine Stimme füllt die Gasse. Sein Klang erreicht die Masse. Die Menschen strömen zu ihm und seine Töne in ihren Ohren. Jerusalem ist seine Stadt. Hauptstadt - darüber würde es noch lange Misstöne geben. Aber so ist das: Wenn einer seine Stimme erhebt, werden auch andere lauter. Heute war die Zeit gekommen, den Tönen Taten  folgen zu lassen. Es war, als würde er mit der Melodie eine Amphore Wein öffnen. Der Duft der Trauben zieht in die Gassen. Seine Stimme fließt. Es hallt von den Stadtmauern wider. Die Menschen nehmen den Klang auf, wie trockene Erde Wasser schluckt.

Genau. Der harte Boden dieser Stadt bräuchte so viel Pflege. Manchmal ist ihm zum Weinen zu Mute, wieviel Kraft und Liebe in einen Weinberg eingebracht werden muss. All die Mühe bis ein Ertrag sichtbar wird. Vor allem bis er schmackhaft wird. Doch was bleibt einem Winzer schon übrig. Den unfruchtbaren Boden harkt er beständig mit seiner Fürsorge um. In den Berg hat er eine feste Bleibe hineingebaut. Dort lässt er sich nieder mit Geduld; und nimmt Aussicht vom Turm über seinen ganzen Berg.

Da hebt die Melodie wieder an. Nun warten die Menschen auf seine Worte. Sein Lied summen sie schon mit. Sie stoßen fast an. Gleich werden sie noch schunkeln. Es klingt schon kitschig: In den Noten hängt die Liebe. Da weicht der Kitsch: enttäuschte Liebe. Auf den ersten Blick Trauben im vollen Saft. Doch nun kommt die Botschaft: Die Trauben schmecken nicht. Sein Urteil ist vernichtend.  

[Die erste Strophe von der Liebe des Fischers]

Fische huschten unter Steine, Wolken zogen bang,

als der junge Fischer Erik heimkam mit Gesang.

Vor dem Tor im schwarzen Mantel wartete ein Mann.

`s war der Richter von dem Festland, der sprach Erik an:

`Deine Frau Luise brachte man mir in der Früh.

Sie brach die Ehe mit `nem Fremden. Schande über sie!

Nach dem Brauch der Insel wird beim ersten Sonnenschein

deine Frau vom Fels gestoßen in den Tod hinein.

 

[Ein Rechtspruch]

Das Urteil ist gefallen. Bitter. Es waren schlechte Trauben. Was für eine Enttäuschung nach all den Jahren der Pflege und des Wartens. Dann probieren. Ein erster Schluck: überrascht, unerwartet, enttäuscht. Bitter: Der Wein korkt. Sie hätten doch fast geschunkelt, als sie das Lied hörten und den Wein rochen. Doch beim ersten Tropfen im Mund und bei den ersten Worten im Ohr, hörten sie den Kehrvers: Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte?

 

Das Urteil über den Wein und seinen Berg ist gefallen. Da hing sein Herz dran, so wie volle Trauben am Weinstock hängen. Der Weinberg und die Lesenden sind eins. Ernten, was man sät. Da erklingt es wieder: Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht, während ich darauf wartete, dass er gute brächte? Inzwischen steht es in allen Parzellen und Zeilen in rot und weiß. Es steht allen vor Augen, warum unsere Welt ausblutet. Und es weiß ein jeder, dass wir aus den fetten Höhen fallen werden. Warum hat er denn schlechte Trauben gebracht? Warum hat er denn? Warum hat er? Warum? ... Der Kehrvers blendet sich aus. Nicht mehr warum, sondern wie tief werden wir fallen, mag die Frage sein.

 

Das Urteil ist gefallen.   

Bergende Mauern sind eingerissen.

Felder liegen brach. Disteln und Dornen wachsen darauf.

Nicht einmal mehr Regen fällt aus den Höhen runter.

Vom Fels gestoßen in den Tod hinein,

will ich alles wüst liegen lassen.

Ist das das Ende vom Lied?

 

[Die zweite Strophe von der Liebe des Fischers]

Erik sah dem Unglücksboten nach im Dämmerlicht.

Gott im Himmel, sei uns gnädig, Herz, zerspring mir nicht!

Als die Dörfler schliefen, stieg er in die Felsenwand

und hat mutig übern Abgrund Seil um Seil gespannt.

Hat mit Reisig, Stroh und Farnen alles dicht gemacht.

Hat am Ende noch als Polster Heu hinaufgebracht.

 

[Eine Winzerin]

In vino veritas - da war doch was. Es gibt gute und schwere Tropfen und Wahrheiten. Sie drängen danach, weitererzählt zu werden. Sonst werden Texte und Menschen sich selbst überlassen. Es ist ein Lied. Schon deshalb ist es auf Wiederholung angelegt. Wie ein guter Wein einen langen Abgang hat, so wirken auch Weinbergergüsse nachhaltig. Sie wollen gesungen werden, um zu wirken. Darum ein Liedermacher. Darum ein Rechtsspruch. Denn Urteile verändern. Daran hängt Gottes Herz: am Lied und am Recht und am Weinberg. Gedenke daran - im Februar. Denn in diesem Monat erwacht jeder Weinberg zu neuem Leben. In dieser Zeit wartet auf die Winzerin eine schwere Aufgabe. Die Reben werden geschnitten. Altes Holz aus den Rebstöcken entfernt. Neue Fruchtruten entstehen. Aus diesen werden im Laufe des Jahres neue Triebe.

 

Die einen verweilen beim Klagelied.

      Die Winzerin singt fröhlich weiter.

Altes Holz wird entfernt.

      Neues treibt aus.

Eingezäuntes geht verloren.

      Wir werden schutzloser und gerade darin glaubhaft Kirche sein.

Sichere Mauern werden uns genommen;

      damit wir reformatorisch bleiben.   

Auf ertragreichen Feldern wachsen jetzt nur noch Disteln und Dornen.

      Doch auch Esel werden von Disteln satt. Und Dornen stehen Rosen gut.

Ja, aber nicht einmal mehr Regen fällt; 

      heißt trockenen Boden unter den Füßen haben.

 

[Die dritte Strophe von der Liebe des Fischers]

Als die ersten Hähne schrien, stießen sie sogleich

seine Frau vom Fels hinunter. Himmel, fiel sie weich! 

In das Netz der Liebe fiel sie, die nicht Strafe will.

Fische spielten unter Steinen. Wolken zogen still.

                                                   

[Barrique]

Die Winzerin zog den Korken aus einer Flasche ihres Weinbergs und roch daran. Erinnerung durchströmte sie. Es war noch vor der Geburt. Da war noch keine Traube am Holz zu sehen. Schon da hatte sie es erahnt und sich gesorgt. Sie hat manches wachsen lassen, auch wilde Triebe. Jahre später war die Stunde gekommen. An dem einen Tag, als die Hähne schrieen, wusste sie, es war soweit. Und als sie das Holz anfasste, auch schmeckte, da wusste sie warum, es so gekommen war.

  

Darum goss sie den Wein ins Glas. Er breitete sich aus. Licht spiegelte sich. Sie nahm einen ersten Schluck; behutsam. Wie viel Mühe lag darin. Unsicherheit, Schmerz, Vertrauen. Was hatte sie alles umgegraben: Steine des Anstoßes. Kaum zu glauben, doch diese edle Rebe entstand. Sie nahm einen kräftigen Schluck. Er war trocken. Sie erinnerte sich: Es hatte nicht viel Regen gegeben. Der Wein schmeckte nach so vielem. Aber an einem blieb sie hängen. Er schmeckte nach Dornen. Das war kein Wein für nebenbei. Sie nahm einen zweiten Schluck. Was für ein Abgang. Dann nahm sie die Flasche und ging. Dieser Wein musste unter die Menschen. Wie ein Lied. Für uns geschrieben. Von uns gelesen. Mit euch gesungen.

 

Amen.

 

Liedvorschläge

 

Manches Holz

http://www.gottesdienststiftung.de/download/2010_sonderpreis_3_1_Manches...

 

Manches Holz

http://www.gottesdienststiftung.de/download/2010_sonderpreis_1_2_Manches...

 

Schenke mir, Gott, ein hörendes Herz freiTöne 180

 

Er ist das Brot EG 228