Gebet und Gerechtigkeit – Predigt zu Jesaja 62,6-12 von Christoph Hildebrandt-Ayasse

Jesaja 62, 6-12

O Jerusalem, ich habe Wächter über deine Mauern bestellt, die den ganzen Tag und die ganze Nacht nicht mehr schweigen sollen. Die ihr den Herrn erinnern sollt, ohne euch Ruhe zu gönnen,

lasst ihm keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte und es setze zum Lobpreis auf Erden! Der Herr hat geschworen bei seiner Rechten und bei seinem starken Arm: Ich will dein Getreide nicht mehr deinen Feinden zu essen geben noch deinen Wein, mit dem du so viel Arbeit hattest, die Fremden trinken lassen, sondern die es einsammeln, sollen's auch essen und den Herrn rühmen, und die ihn einbringen, sollen ihn trinken in den Vorhöfen meines Heiligtums.

Gehet ein, gehet ein durch die Tore! Bereitet dem Volk den Weg! Machet Bahn, machet Bahn, räumt die Steine hinweg! Richtet ein Zeichen auf für die Völker! Siehe, der Herr lässt es hören bis an die Enden der Erde: Sagt der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt! Siehe, was er gewann, ist bei ihm, und was er sich erwarb, geht vor ihm her! Man wird sie nennen »Heiliges Volk«, »Erlöste des Herrn«, und dich wird man nennen »Gesuchte« und »Nicht mehr verlassene Stadt«.

 

O Jerusalem – ach, liebe Gemeinde,

es gibt wohl keine Stadt auf der ganzen Welt, die, wie sie, so viele Emotionen hervorruft. Jerusalem, die Heilige Stadt für Juden, Christen und Muslime ist eine Stadt voller Gegensätze; eine Stadt voller Geschichte. Wenn die Steine Jerusalems erzählen könnten, dann nähmen die Geschichten kein Ende: Geschichten aus der Zeit des Melchizedek, des Priester des Höchsten Gottes in der Stadt Salem, der den Abraham Willkommen hieß. Geschichten von David und Salomo, einem ersten und einem zweiten Tempel. Geschichten über die Römer und Jesus, über Byzantiner, Kreuzfahrer und Osmanen. Geschichten von Briten, Arabern, Jordaniern und Zionisten, Israelis und Palästinensern, Armeniern, Drusen, Äthiopiern, Russen, Europäern, Kopten und viele anderen. Und je nachdem von welcher Seite man einen Stein in Jerusalem anspricht, wird er seine Geschichte aus verschiedener Perspektive erzählen. Und während eine Geschichte von der einen Seite wie ein Sieg klingt, hört man auf der anderen von einer Niederlage. Hört man hier von Heimkehr, dann dort von Vertreibung. Hier von Hoffnung, dort von Resignation. Geschichten von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft mischen sich auch in den Worten des Propheten, der mit den Israeliten aus dem Exil in Babylon nach Jerusalem zurückkehrt. Die Stadt Jerusalem mit seinem Tempel ist damals ein Schutthaufen. Fast kein Stein ist auf dem anderen geblieben. Die stolzen, starken Mauern, die sie einst umgaben und schützten, sind geschleift worden. Ihr Verlauf lässt sich im Verlauf von Steinhügeln gerade noch ausmachen.

So muss man sich das wohl vorstellen. Und es ist wohl unschwer, sich vor zustellen, was das für die Heimkehrenden bedeutete. Angesichts der Trümmer wird manches: Wir kehren endlich wieder nachhause! in ein resignatives: Das war’s dann wohl endgültig mit mir und meiner Familie! umgeschlagen sein. Es war alles viel schlimmer, als man es sich vorgestellt hatte.

Und ich denke an die Menschen, die sich zum Teil wieder aufmachen Richtung alter Heimat Syrien. Die Geflohenen, Vertriebenen, Verschleppten; an die Christen unter ihnen, die wieder zurück wollen, die wieder aufbauen wollen, ihre Häuser, ihre Kirchen, ihre Moscheen.

Der Prophet Jesaja, der damals mit seinen Leuten zurückkehrte, weiß, dass jetzt viele und schwere Aufbauarbeiten zu leisten sind. Aber es sind nicht nur harte körperliche Arbeiten und Entbehrungen, die es zu meistern gilt. Es müssen auch die Seelen und die Herzen und der Mut auferbaut und gestärkt werden.

Das erste, was Jesaja zum Wiederaufbau der Stadt Jerusalems plant, ist ein Gebetsdienst. Rund um die Uhr, 24 Stunden, Tag und Nacht, ohne Unterbrechung sollen Wächter, so nennt Jesaja diese Beter, öffentlich auf den Mauerresten der Stadt stehend laut beten. Sie sollen die Rückkehrer daran erinnern, dass sie eine Zukunft vor sich haben; vor allem sollen sie Gott daran erinnern, dass er eine andere, bessere Zukunft für diese Stadt und seine Bewohner in Aussicht gestellt hat. Das Gebet für diese Aussicht soll Mut machen.

Hoffentlich finden die Geflohenen, die gegenwärtig in ihre zerstörte Heimat zurückkehren, viele solcher Beter wie damals die Heimkehrer bei Jesaja; und hoffentlich gehören wir zu diesen Betern, die Fürbitte halten.

Wir denken ja oft, beten sei etwas ganz Passives. Was hilft es schon, wenn wir hier für die dort beten? Aber wenn das „Beten ein Reden des Herzens mit Gott“ ist, wie es der Württembergische Reformator Brenz sagt, dann gehen uns die Menschen, die wir vor Gott bringen, selber zu Herzen. Und was uns zu Herzen geht, das wird auch zur Tat. Das bewegt uns. Darum kümmern wir uns.

Jochen Klepper hat dies so gedichtet: „Die Hände, die zum Beten ruhn, die macht er stark zur Tat. Und was der Beter Hände tun, geschieht nach seinem Rat.“ Sie finden diesen Vers in Kleppers Lied: „Der Tag ist seiner Höhe nah“ in unserem Gesangbuch.

Das Gebet führt uns zu Fragen nach der Gerechtigkeit. Darauf weist Jesaja hin. Im wiederaufgebauten Jerusalem und seinem Umland, so hat es Gott geschworen, wird es gerecht zu gehen. Niemand wird um den Ertrag seiner Arbeit betrogen. Niemandem wird einfach weggenommen, was er erwirtschaftet hat.

Das ist ein großes Thema in unserer Welt. Ja, und es ist auch heute ein Thema in Jerusalem und seinem Umland. Vor illegalen Siedlungen in palästinensischen Gebieten dürfen wir nicht fromm die Augen schließen. Aber, und das ist uns viel näher, wir müssen uns auch fragen, wie wir es denn beim täglichen Einkauf mit der Gerechtigkeit halten: unser billiges Gemüse und unser so sehr preiswertes Obst wird von Geflohenen unter unwürdigen Arbeits- und Lebensbedingungen in Spanien und Italien geerntet. Es ist schon erstaunlich, dass schon bei Jesaja damals so moderne Probleme und Fragen der Ernährungsgerechtigkeit und des land grabbing aufgegriffen und auf die Tagesordnung gesetzt werden. Wozu das Gebet doch alles führen kann!

Erst nachdem Jesaja das Gebet zur Stärkung der Heimkehrenden organisiert hat und erst nachdem er Fragen der Gerechtigkeit angemahnt hat, beginnt nach seiner Planung der Aufbau der Stadt Jerusalem.

Erst jetzt heißt es: Geht ein durch die Tore! Erst jetzt betritt man die Stadt Jerusalem oder das, was von ihr übrig blieb. Durch zerfallene Tore geht es. Trümmer liegen im Weg. Man kommt kaum voran. Geht und räumt die Steine aus dem Weg, ordnet Jesaja an. Und ich komme nicht umhin, an das zu denken, was mir Frauen erzählt haben, die Trümmerfrauen von damals, als sie die Trümmer und die Steine aus den Straßen ihrer zerbombten Stadt geräumt haben in den 40er Jahren in Deutschland.

Und damit kommt auch die Zeit der Naziherrschaft in den Blick, die den heutigen Sonntag leider auch mitbestimmt. Der heutige Sonntag ist der Israelsonntag. Es ist der Sonntag, an dem wir Christen in Deutschland uns dankbar daran erinnern, dass wir als Nichtjuden in die Heilsgeschichte Gottes mit seinem jüdischen Volk mit aufgenommen sind. Als Juden und Christen sind wir gemeinsam unterwegs. Dabei haben Juden das Alte Testament im Gepäck; wir Christen das Alte und das Neue Testament, denn unser Herr und Heiland Jesus Christus ist Jude. Biblisch gesprochen sind Juden und Jüdinnen unsere Brüder und Schwestern im Glauben. Was eigentlich eine Bereicherung des christlichen Glaubens sein konnte, nämlich der reiche Glaubensschatz der Juden, wurde von uns Christen aber gering geschätzt und als überholt verachtet. Wir Christen haben über Jahrhunderte Juden verfolgt und ermordet. Der Antisemitismus konnte daran anknüpfen und dies ausnutzen. Ganz unvorstellbar grässlich wurden Menschen jüdischen Glaubens in der Zeit des deutschen Nationalsozialismus verfolgt und ermordet.  

Früher hat man am Israelsonntag in den christlichen Gottesdienstes der Zerstörung der Stadt Jerusalems gedacht nach dem Motto: an dem schlimmen Schicksal Jerusalems zeigt sich das Schicksal des Judentums. Also Christenmensch: Hüte dich vor Gottes Gericht!  Jerusalem und das Judentum wurden hier ausschließlich negativ gesehen.

Aber am heutigen Sonntag sehen wir wieder den Reichtum des Alten Testamentes. Jesaja fordert uns dazu auf, den Reichtum des Gebets wieder zu entdecken. Er ruft uns dazu auf, uns darum zu sorgen, dass es gerecht in unserer Welt zugeht. Er ermutigt uns, Steine aus dem Weg zu räumen; Steine, die verhindern, dass Menschen ihren Weg finden; ihren Weg in eine neue oder alte Heimat.

Die Stadt Jerusalem wird einmal als positives Zeichen für alle Völker dastehen, sagt Jesaja. Ich kann das jetzt noch nicht sehen. Mir haben die Steine in Jerusalem schon zu viele unterschiedliche Geschichten erzählt; und die Menschen, die ich in Jerusalem traf, auch.

Jesaja verspricht: „und dich, Jerusalem, wird man nennen »Gesuchte« und »Nicht mehr verlassene Stadt«“. Und ich denke manchmal: Ach, Jerusalem, wärest du doch nicht die ständig Gesuchte, jährlich von etwa 3 Millionen Touristen „Besuchte“ und „nicht mehr verlassene Stadt“, sondern die von Touristen, Politikern und selbsternannten Nahost-Experten einfach nur „in Ruhe gelassene Stadt“. Aber das sind meine Gedanken. Was aber ist mein Gebet für Jerusalem?

Amen