"Gemeinschaft in Christus und untereinander", 1. Korinther 10,16-17 von Friedrich Hauschildt

Gemeinschaft in Christus und untereinander
Der biblische Text, der heute, am Gründonnerstag, dem Tag der Einsetzung des heiligen Abendmahles, unsere Besinnung leiten soll, ist ungewöhnlich kurz und konzentriert ‑ er umfasst nur zwei rhetorische Fragesätze und einen Behauptungssatz mit insgesamt  44 Wörtern.  An prägnanter Stelle  tauchen zweimal das Wort „Gemeinschaft“ und dreimal die besondere  Zahl „eins“ auf. Wahrlich eine eindringliche Redeweise, die unüberhörbar auf Einigkeit, auf Gemeinschaft drängt.  Fast könnte man sagen: wie kann es am Gründonnerstag anders sein. Es geht um Gemeinschaft, um Einheit, um Einigkeit am Tisch des Herrn.
Wenn man die Gemeinschaft, die uns hier vor Augen gestellt wird,  eingehender bedenkt, erschließen sich uns vier charakteristische Züge dessen, was mit Gemeinschaft am Tisch des Herrn gemeint ist und welche Konsequenzen sich aus ihr ergeben.
Erstens.Wenn von Gemeinschaft die Rede ist, dann geht es um eine Verbundenheit von Menschen. Dabei kann der Grund der Verbundenheit unterschiedlich sein. Sie kann in Verwandtschaft oder Sympathie, in gemeinsamer Geschichte oder gemeinsamen Aufgaben wurzeln. Die Gemeinschaft, um die es heute Abend geht, kann sich mit alledem auch verbinden und findet darin ihren Ausdruck. Aber sie besitzt gewissermaßen noch ein tieferes Fundament. Paulus behauptet, – wenn man die Form der Frage in eine Aussage verwandelt – der gesegnete Kelch und das Brot, also die Abendmahlselemente Brot und Wein, „sind“ die Gemeinschaft. Wie können Brot und Wein Gemeinschaft sein? Brot und Wein repräsentieren die Person Jesu Christi, sind er selbst. Die Gemeinschaft besteht darin, dass er sich selbst uns gibt, dass wir Anteil an ihm selbst empfangen. Im Abendmahl erinnern wir uns nicht nur an ein Geschehen, das einmal war. Indem wir uns erinnern lassen, geschieht etwas mit uns hier und heute: Wir werden Teil seiner selbst, wir bilden gewissermaßen einen Leib, einen gegenwärtigen Lebenszusammenhang.  Christen verstehen sich als zu einem großen Lebenszusammenhang gehörig, dessen Haupt Jesus Christus selbst ist.
Martin Luther hat in einem Abendmahlsermon von 1519 verschiedene Bilder und metaphorische Ausdrücke verwendet, um diese Realität zu beschreiben. Es gibt Realitäten, die nur in metaphorischer Redeweise andeutend umschrieben werden können.
Wie eine Vielzahl von Getreidekörnern einen Laib Brot bilden, so wird aus der Gemeinschaft der Christen in Christus „ein Kuchen“. Die Menschen einer Stadt bilden einen Lebenszusammenhang, sind in einer bestimmten Weise in Wohl und Wehe so untereinander verbunden, dass man sie als einen Körper bezeichnen kann: einen Körper allerdings, der nicht in derselben Weise wie der Körper eines einzelnen Menschen sichtbar, messbar, fühlbar ist, sondern in gewisser Weise unsichtbar bleibt. Luther spricht von einem „geistlichen Körper“. Aber es gehört nach Gottes Willen zur Eigenart eines solchen unsichtbaren Geschehens, dass es dafür sichtbare Hinweise gibt: Brot und Wein, die um Wort und Abendmahlstisch versammelte Gemeinde.
Noch ein weiteres Bild benutzt Luther: Das Sakrament sei wie „eine Furt, eine Brücke, eine Tür, ein Schiff und eine Tragbahre, in der und durch die wir von dieser Welt fahren ins ewige Leben“. Dabei hänge die „Tragfähigkeit“ dieser Brücke, dieses Schiffes „ganz am Glauben“, an einem Glauben, der über ein „Vertrauen auf das Sichtbare“ hinausgehe.
Zweitens.Dieser besondere, in Christus gestiftete, über die Grenzen der Endlichkeit hinausreichende Wirklichkeitszusammenhang hat Auswirkungen auf unsere Weisen, zwischenmenschliche Gemeinschaft zu pflegen oder zu versagen. Wenn der Mann oder die Frau, die beim Abendmahl neben mir stehen, Anteil an Christus haben genau wie ich, dann sind wir auch untereinander zu einer Gemeinschaft verbunden. Dieser Gedanke fällt uns dann leicht, wenn ich die neben mir stehende Person kenne und sie mir sympathisch ist. Diese in Christus begründete Gemeinschaft gilt aber auch dann noch, wenn ich meinen Nebenmann nicht gut leiden kann oder ihn vielleicht gar nicht kenne. Wenn wir beide Teil des einen Christus sind, wenn viele an einem Leib teilhaben, Teilhaber des gemeinsamen Lebenszusammenhanges sind, dann verlieren die trennenden Aspekte ihr Gewicht. Dann gilt: Wenn ein Glied sich freut, freuen sich die anderen mit. Wenn ein Glied leidet, leiden die anderen mit(1. Kor. 12, 26). Es gehört zum Wesen einer echten Gemeinschaft, dass ihre Glieder füreinander einstehen.  Christus tritt für uns Menschen ein, wir bekennen uns zu ihm. Wir treten für unseren Mitmenschen ein, wenn er geschunden, beleidigt, benachteiligt wird. Denn was wir einem der Geringsten getan haben, das haben wir Christus getan (Mt. 25,40). Es geht hier um eine Verbundenheit, deren innere Kraft in der Liebe besteht, einer Liebe, die auch zur Selbsthingabe, zum Opfer bereit ist. Das Karfreitagsgeschehen hält uns das vor Augen. Wenn wir gemeinsam Abendmahl feiern, dann wird etwas von dieser Verbundenheit leibhaft erlebbar und spürbar: „Schmeckt und seht wie freundlich der Herr ist.“
Drittens.Diese Gemeinschaft ist wesentlich ein Geschenk. Aber das bedeutet nicht, das auf unserer Seite Untätigkeit und Gleichgültigkeit die angemessene Haltung wären. Das ernsthafte Empfangen eines Geschenks setzt Empfangsbereitschaft voraus.  Die Gemeinschaft im Abendmahl verlangt unsere Aufmerksamkeit, unsere Konzentration, unsere Offenheit, unsere Ernsthaftigkeit und vor allem unser Vertrauen, setzt voraus, dass wir in den Zeichen der Gegenwart Christi ihn selbst als gegenwärtig wahrnehmen.  Aber wenn wir all dies der Abendmahlsgemeinschaft entgegenbringen, werden wir dessen inne, dass wir diese Gemeinschaft nicht machen und herstellen können. Sie beruht darauf, dass der  Herr selbst uns an sich Anteil gibt, uns teilhaben lässt. Er ist der Einladende: „Kommt, denn es ist alles bereit, schmecket und sehet, wie freundlich ich bin.“ Und die Austeilenden sprechen es jedem zu: „Christi Leib, Christi Blut, für dich gegeben“, Christus selbst gibt sich  mir. Diesen  Weg von den äußeren Zeichen zur inneren Gewissheit, den müssen wir immer wieder neu gehen.
Als das Volk Israel bei seiner Wanderung durch die Wüste mit dem Manna wunderbar gespeist wurde, machte es die Erfahrung, dass man das Manna nicht einmal empfangen und dann für längere Zeit aufbewahren konnte. Wer mit Gott auf dem Weg durch die Zeiten ist, der wird erleben, dass Gott uns immer wieder neu nährt und stärkt. In einem Abendmahlsbesuch, der mehr als nur gelegentlich stattfindet, kommt das zum Ausdruck.
Viertens.Diesen einen Leib, zu dem wir nach Paulus alle gehören, diesen umgreifenden Lebenszusammenhang kann man nicht messen und in Zahlen fassen. Es ist schwierig eindeutig zu bestimmen, wer zu diesem Leib gehört „Der Mensch sieht was vor Augen ist, aber der Herr sieht das Herz an.“ (1. Sam 16, 7)  Diese Verbundenheit soll sich aber in konkretem, leibhaftem Verhalten ausdrücken, sie soll zur Handlungsmaxime auch im Alltag werden, sie soll unser ganzes Leben bestimmen.  
Als Paulus die Zeilen, deren Bedeutung für unser Leben wir jetzt zu verstehen suchen, an die Gemeinde in Korinth schrieb, war ein Problem virulent, das uns fremd vorkommt. Es stellte sich die Frage, ob Christen Fleisch essen durften, dass im Zusammenhang von Götzenopfern geschlachtet worden war. Uns mag das als eine merkwürdige Fragestellung vorkommen – damals bewegte diese Frage die Gemüter in der Gemeinde  und Paulus hat aus der Abendmahlsgemeinschaft Fingerzeige für das angemessene Verhalten in dieser Frage gefunden. Ich nennen zwei gegenwärtige Probleme, auf die von der Tischgemeinschaft her ein erhellendes Licht für uns heute fallen kann.
Viele der Zugewanderten in unserem Land gehören zwar nicht zu christlichen Kirchen. Aber wenn wir sie ausdrücklich als Gottesgeschöpfe ansehen, wenn wir uns  bewusst werden, dass sie in den weiteren Lebenszusammenhang der Kinder Gottes gehören, dann verbieten sich bestimmte Umgangsweisen mit ihnen von selbst. Missachtung von andern Menschen oder latente oder gar offene rassistische Auffassungen vertragen sich damit nicht. Die biblische Tradition schätzt die Gastfreundschaft hoch. Sie gilt nicht nur Freunden, sondern auch Fremden.
Und ein zweiter Punkt. Man mag Verhaltensweisen auf dem Feld der Beziehungen der Geschlechter zueinander ethisch unterschiedlich bewerten. Die Achtung anderer Menschen als Kinder Gottes oder als Glieder unserer Kirche darf durch unterschiedliche ethische Bewertungen nicht eingeschränkt werden. Differenzen in der Sexualmoral dürfen nicht dazu führen, dass Christen sich gegenseitig das Christsein bestreiten. Die Gemeinschaft am Tisch des Herrn hatte zu Paulus` Zeiten konkrete Auswirkungen auf Streitfragen seiner Zeit. Die Gemeinschaft ins Christus will uns im Alltag prägen.
Luther spricht in seinem Abendmahlsermon davon,  dass die Gemeinschaft des Abendmahles uns verwandelt. Die eigennützige Liebe nehme ab und die gemeinnützige, die hingabebereite Liebe nehme zu. Bei ehrlichem Nachdenken stimmen wir dem zu, dass es so sein soll, und müssen zugleich einräumen, dass wir dahinter zurückbleiben. Wir bedürfen immer wieder der Stärkung, der Erinnerung, der Ermunterung. Lasst uns in dieser Gemeinschaft, in diesem uns verbindlichen Lebenszusammenhang bleiben. Amen.
 
Martin Luther, Ein Sermon von dem hochwürdigen Sakrament  des heiligen wahren Leichnams Christ und von den Bruderschaften (Martin Luther, Ausgewählte Schriften hrsg. von K. Bornkamm und G. Ebeling, Frankfurt 1982, Bd. II,  S. 52-77)