Gewagter Impuls aus dem neuen Gemeindebrief – nicht nur für Laodizea – Predigt zu Offenbarung 3,14-21 (Nietzke)

Kanzelgruß: Friede sei mit euch allen, die ihr in Jesus Christus seid!

I.

„Plopp!“ Eben ist das Heft durch den Briefschlitz an der Haustür gefallen, jemand hat es eingesteckt, als die junge Frau gerade dabei ist, den Flur zu wischen. Sie stellt den Wischer beiseite, denkt: „Ein kleine Pause tut gut!“, fährt kurz mit der Hand über ihr schwarzes, längeres Haar, knotet es kurz zusammen. Sie rückt sich einen Hocker zurecht, setzt sich hin und nimmt das Heft in die Hand. Das offenbar frisch gedruckte Heft riecht sogar noch ein wenig nach Druckerpresse. Beim ersten Aufblättern knackt das Papier ganz leise an der Heftung. Sie erkennt sofort, was für ein Heft das ist: Bunt aufgemacht, mit Titelfoto und Titel, im DIN-A5-Format, gut 20 Seiten Umfang. Der neue Gemeindebrief aus dem Pfarrbezirk. „Ach ja…“ sagt sie und blättert ein wenig zwischen den Seiten.

II.

Der Gemeindebrief ist nach wie vor das wichtigste Kommunikationsmittel der Kirche, hieß es unlängst in einer Studie zur Kommunikation in der Kirche. Solch einen typischen Gemeindebrief hält die junge Frau in der Hand. Der Aufbau eines Gemeindebriefs ist weltweit ähnlich: Als Einleitung ein geistlicher Impuls. Dann Berichte, Ankündigungen, Rückblicke mit oder ohne Fotos aus dem Gemeindeleben und Terminpläne mit Gottesdienstzeiten und Gottesdienstorten. Die andauernde Herausforderung für jedes Redaktion eines Gemeindebriefs ist: Wie erreichen wir die, die zwar zur Gemeinde gehören aber eben so gut wie nie am Gemeindeleben teilnehmen?

III.

Die junge Frau fängt an zu lesen: „So kann es nicht weitergehen. Landauf, landab immer nur freundliches Wohlwollen, tolerantes Lächeln, Gefälligkeiten hier und da. Nein, unsere Kirche und Gemeinde muss umkehren. Es liegt eine verfehlte Selbsteinschätzung seitens der  Gemeinde vor. Wir werden bescheidenere Weg einschlagen.“ Amüsiert liest die junge Frau weiter. „Da packt jemand ja mal richtig aus!“ denkt sie. Im Verlauf der Andacht liest sie von Menschen, die heilsam erschrecken über allzu-leichfertiges nach-dem-Munde-der-Gesellschaft-Reden. Ein deutlicher Appell an die Menschen,  sich zu verändern – in ihren Worten und Taten – und zwar durch die Begegnung mit Gottes Wort. Sie folgert im Stillen: Ein gewagter Impuls im neuen Gemeindebrief!

IV.

Das Wort heiliger Schrift für diese Predigt aus dem letzten Buch der Bibel hat auch Gemeindebriefcharakter. Sieben Orte gehören zu diesem Pfarrbezirk: Ephesus, Smyrna, Pergamon, Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodizea. Jede dieser sieben Gemeinden wird besonders feinsinnig auf ihre Vorzüge in der damaligen Gesellschaft und Welt angesprochen. Allerdings nicht nur im positiven Sinne. Hören wir, was im Gemeindebrief als gewagter geistlicher Impuls für die Christen in Laodizea steht (Apokalypse 3,14-21):

14 Und dem Engel der Gemeinde in Laodizea schreibe: Das sagt, der Amen heißt, der treue und wahrhaftige Zeuge, der Anfang der Schöpfung Gottes: 15 Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach dass du kalt oder warm wärest! 16 Weil du aber lau bist und weder warm noch kalt, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde. 17 Du sprichst: Ich bin reich und habe mehr als genug und brauche nichts!, und weißt nicht, dass du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß. 18 Ich rate dir, dass du Gold von mir kaufst, das im Feuer geläutert ist, damit du reich werdest, und weiße Kleider, damit du sie anziehst und die Schande deiner Blöße nicht offenbar werde, und Augensalbe, deine Augen zu salben, damit du sehen mögest. 19 Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich. So sei nun eifrig und tue Buße! 20 Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir. 21 Wer überwindet, dem will ich geben, mit mir auf meinem Thron zu sitzen, wie auch ich überwunden habe und mich gesetzt habe mit meinem Vater auf seinen Thron. 22 Wer Ohren hat, der höre, was der Geist den Gemeinden sagt!

V.

Die Stärken-Schwächen-Chancen-Risiken-Bestandsanalyse der Gemeinde Laodizea ergibt ein denkbar schlechtes Ergebnis. Nichts gefällt. Was war da los? Nichts. Das ist das Problem. Nichts, jedenfalls, was das geistliche Leben der Christen ausmachen würde. Kritisiert wird ganz konkret: Die Christen sind mit sich ganz und gar zufrieden. Sie haben genug: Geld, Wohlstand, ein sehr gutes Auskommen. Es fehlt nichts. Vielleicht sagen sie einander am Sonntag prahlerisch: „Schön, läuft doch alles!“ Die Erwartbarkeit ihrer  Antworten ist ein weiteres Problem. Man stellt sich zwar auf die Menschen ein, aber eben so, dass alles irgendwie in Ordnung ist und toleriert wird. In Anlehnung an eine Thermalquelle in unmittelbarer Nähe des Ortes mit Kalkwasser wird die Gemeinde als lau bezeichnet: Weder kalt noch heiß – lau eben – sie kann ihre Umgebung weder erfrischen mit dem, was sie von Jesus Christus her empfangen hat, noch Wärme und Geborgenheit denen anbieten, die solche Nähe suchen. Sie soll umkehren: Gold bei Jesus kaufen. Ihre Scham mit weißen Kleidern verhüllen, neue Augensalbe besorgen und nach der Heilung mit dieser Salbe neu hinschauen lernen. Jesus Christus überführt sie, weil er sie liebt. Er klopft an und will eingelassen werden. Mit ihnen essen und trinken. Neue Gemeinschaft herstellen. Aus der Schwäche der Gemeinde soll wieder neue Stärke wachsen.

VI.

In der Kirche nehmen wir drei Wochen lang das Ende aller Dinge in den Blick. Wir denken dabei über vieles nach: Gerechtigkeit, Sterben, Trauer und dem Tod. Der Volkstrauertag wird das Ende des Weltkriegs vor 100 Jahren in den Blick nehmen. Der Bußtag wird weitestgehend nur von Rentner*innen besucht werden. So ist das eben. Eher selten nehmen wir die Kirche, ihre Organisationsform und Strukturen und deren konkretes Ende ganz konkret in den Blick. Auch nicht die eigene Gemeinde. Der Bußtag ruft zur kritischen Selbstprüfung und zum Gebet um Erneuerung auf. Die Jahreszeit drängt mit der Frage nach dem, was am Ende trägt auch hin zur Gretchenfrage aus Goethes ‚Faust‘: „Nun sag`, wie hast du`s mit der Religion?“

VII.

Der gewagte Impuls im Gemeindebrief ist eine Standpauke. Da wird Tacheles geredet. So geht es nicht weiter in der Gemeinde. Selbstgefälligkeit – das hat dort keinen Platz. Immer zu allem etwas zu sagen zu haben – immer erwartbar und kaum unterscheidbar von anderen in der Gesellschaft – da lahmt jegliches Interesse an dem, was die Gemeinde sonst zu bieten hätte. Die Stärken-Schwächen-Chancen-Risiken-Bestandsanalyse der Gemeinde heute: Was würde sie ergeben? Was ist da los? Anhand von Gottes Wort muss man auch solche Fragen in den Blick nehmen. Dem muss man sich als Gemeinde stellen und stellen können, wenn gefragt wird: „Nun sag`, wie hast du`s mit der Religion?“

VIII.

Zum Glück wird  im Gemeindebrief von Laodizea nicht nur schwarz gemalt. Kritikfähigkeit ist ein gutes Zeichen für Pfarrer, Mitarbeitende in Kirche und Gemeindeglieder. Auch denen, die selten genug dabei sind und selbstgefällig meinen, ach, diese Institution Kirche im Allgemeinen, diese kleine, überschaubare Dorfgemeinde vor Ort, die brauche ich nicht wirklich, müssen sich dem stellen: „Nun sag`, wie hast du`s mit der Religion?“ Nicht vom Pfarrer auf der Kanzel geht das aus – bitte gerade von dort nicht, sondern im gemeinsamen Hören auf Gottes Wort seitens Prediger und Gemeinde und den im Wort Gottes erkennbaren Ruf zum Umkehr: „Raus aus der Selbstgefälligkeit, Raus aus der Behäbigkeit, Weg mit dem Schlendrian und Schluss mit der Angepasstheit!“.

IX.

Bei aller harschen Kritik einerseits leuchtet andererseits noch eine wichtige Aussage auf: „Welche ich lieb habe, die weise ich zurecht und züchtige ich. So sei nun eifrig und tue Buße! 20 Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an. Wenn jemand meine Stimme hören wird und die Tür auftun, zu dem werde ich hineingehen und das Abendmahl mit ihm halten und er mit mir.“ Der da anklopft, zeigt, er will Kontakt herstellen. Weil er liebt. Weil er besorgt ist. Deshalb klopft er an. Er tritt nur ein, wenn er dazu ausdrücklich aufgefordert wird. So viel Liebe ist da!

X.

„Naja, da hat der Autor aber ganz schön ausgepackt!“ denkt die junge Frau auf ihrem Hocker, nachdem sie den gewagten Impuls aus ihrem Gemeindebrief gelesen hat. Sie hört den Appell aus den Zeilen des Gemeindebriefs sehr wohl: „Raus aus der Lethargie, raus aus der ach-das-läuft-schon-Mentalität.“ Sie lässt sich ansprechen. Sie denkt: „Ich könnte  ja auch mal … ich müsste mal … Nein. Ich raffe mich auf. Am nächsten Sonntag bin ich da. Lasse mir Gottes Wort im Gottesdienst neu sagen und lasse mich überraschen. Scheint ja ganz so, als sei das dort Gesagte nicht nur erwartbar. Die machen sich echt auf die Suche nach dem was Gott sagt. Da bin ich neugierig geworden.“ Dann legt sie den Gemeindebrief zur Seite und geht ihrer Hausarbeit nach.

 

Benutze Literatur:

Klaus Berger: Kommentar zum Neuen Testament,

Ole Dost: Meditation zu einer Predigt für den Bußtag 2018 in der Zeitschrift: „Zuversicht und Stärke“