Gott kommt in die dunklen Ecken – Predigt zu Jesaja 9,1-6 von Stephanie Höhner

Die Welt liegt im Finstern. Für diese Woche reicht die Brot- und Bohnenration nicht mehr. Der kleine Lohn reicht nicht für neues Saatgut. Die Pacht ist erhöht worden. Das nächste Kind droht zu verhungern. Neue Steuern an den Staat. Den Reichen im Land wachsen dickere Bäuche, die Pachteinnahmen steigen, die Zinsen haben sie auch heraufgesetzt. Von Norden drohen die Nachbarstaaten mit neuen Angriffen. Ein falsches Wort und der Krieg ist zum Greifen nah. Die Welt liegt im Finstern. Der Prophet Jesaja sieht sein Volk, das im Dunkeln lebt. Er sieht, wie Menschen um ihr Leben kämpfen, um ein Leben in Würde. Er sieht, dass Kinder ohne Hoffnung aufwachsen. Dass Mütter und Väter ihren Glauben an eine Zukunft verloren haben.

Diesem Volk und dieser Welt sagt er:

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir freut man sich, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihrer Treiber zerbrochen wie am Tage Midians. Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn daher geht und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.

Denn uns ist heute ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er´s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches tut der Eifer des Herrn Zebaoth.

Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude.

Sie nimmt die blaue Glaskugel mit den weißen Schneeflocken aus der Schachtel. Karin überlegt kurz und hängt sie auf die rechte Seite im Baum. Daneben hängen Anhänger aus kleinen Astscheiben und grau-rote Herzen aus Filz. Die blaue Kugel sticht heraus. Sie wirkt irgendwie fehl am Platz, aber Karin hängt sie trotzdem in den Baum. Jedes Jahr – es ist ihr Ritual. Die blaue Glaskugel hat ihr Vater ihr geschenkt, ein Mitbringsel aus Rothenburg.

Es ist das dritte Jahr, dass Karin und ihre Mutter alleine unter dem Baum sitzen werden. Die Gans, die es früher immer gab, ist für beide viel zu viel. Jetzt gibt es Lachs. Den mochte der Vater nicht gerne.

Weihnachten tut es immer besonders weh. Der Vater hat jedes Jahr die Weihnachtsgeschichte vorgelesen, auch als Karin schon längst erwachsen war. Er bestand darauf, dass gesungen wird, „Ihr Kinderlein kommet“ und „Stille Nacht“.

Heute bleibt es still unter´ m Tannenbaum. Und es liegt über all dem eine tiefe Traurigkeit. Weihnachten muss halt gefeiert werden. Karin hat das Gefühl, das Fest einfach abzuarbeiten. Für ihre Mutter und für die Tradition. Wie traurig wäre es, wenn sie Weihnachten einfach alles normal machen würde. Kein Baum, kein Lachs, kein „Stille Nacht“. Das wohlige Weihnachtsgefühl von früher kommt einfach nicht auf. Nicht einmal ein bisschen Feststimmung, trotz Kerzen und grau-roten Herzen aus Filz. Die blaue Kugel im Baum – Karins Ritual. Sie ist es ihrem Vater schuldig, wenigstens ein bisschen seiner Weihnachtstradition zu behalten. Wenn es schon in ihr drinnen dunkel und trist ist, dann soll wenigstens außen alles stimmen.

Vor dir freut man sich, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt.

Susanne deckt den Tisch auch dieses Jahr wieder für vier. Wie jedes Jahr. Und doch dieses Jahr mit einem neuen Gefühl.

Letztes Jahr Weihnachten war furchtbar für sie. Sie hatte schon seit Monaten immer wieder Streit mit Max wegen jeder Kleinigkeit und auch wegen großer Themen. Bei welchen Eltern zuerst gefeiert wird. Wer die Tochter vom Hockey abholt und den Sohn zum Klavierunterricht bringt. Wer Samstagabend ausgehen darf und wer bei den Kindern bleiben muss. Überhaupt, immer ging es nur noch um die Kinder. Und dann ihre Beförderung. Sie bleibt länger im Büro, er muss auch mal früher Schluss machen und einkaufen gehen. Abends empfängt sie ein murriger Ehemann. So oft hat sie sich im letzten Jahr gefragt, wo eigentlich der Mann ist, in den sie sich verliebt hat. Wo die Liebe hin ist und ob jetzt alles nur noch für die Kinder gemacht wird. Sie fühlt sich gefangen in dem Haus, in dem Leben. Sie funktioniert nur noch, alles fühlt sich eng und dunkel an.

Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihrer Treiber zerbrochen wie am Tage Midians. Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn daher geht und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt.

Donnernd ein Schritt nach dem anderen. Alle im Gleichschritt. Die Patrouille dreht wieder ihre Runde. Jeden Abend um sechs. Morgens um acht kommen sie wieder. Donnernde Schritte in der Dunkelheit. Sonst ist kein Geräusch auf den Straßen. Ahmed und Nour sitzen auf grünbunten Kissen am Boden, neben sich ein Glas Tee. Im Hintergrund läuft der Fernseher. Als das Stiefeldonnern näher kommt, stellt Ahmed den Fernseher aus, damit kein blaues Licht nach draußen fällt. Die Patrouille geht unten auf der Straße vorbei. Für ein paar Sekunden hält Nour den Atem an, Ahmed gießt sich gelassen Tee nach.

Draußen drückt die Dunkelheit der Nacht in die Stadt. Drinnen drückt die Dunkelheit der Angst auf Nour und Ahmed.

Die Welt liegt im Finstern. Das war auch letztes Jahr schon so. Immer noch verschluckt das dunkle Meer tausende von Menschen. Immer noch donnern Kriegsstiefel durch Gassen und Straßen. Auch heute, an Heilig Abend. Die Welt liegt im Finstern. Die Welt ist finster für Susanne, die um ihre Ehe bangt. Die sich in ihrem Leben eingesperrt fühlt und die sich nach Liebe sehnt. Die Welt ist finster für Karin. Sie trauert um ihren Vater, um das Gefühl von Geborgenheit, als sie noch Kind war. Sie fühlt sich allein, auch wenn sie Mutter und Freunde hat. Die Welt ist finster für Nour und Ahmed, die Angst haben, dass die Milizen sie ausrauben, entführen, töten, weil sie ihren Glauben anders leben als die Milizen es vorgeben.

In all der Finsternis sehne ich mich nach Licht. Ich schaue auf mein Leben. Es scheint erst einmal hell. Aber auch da gibt es dunkle Ecken und finstere Winkel. Manche liegen weit entfernt, manche sind direkt nebenan. In den dunklen Ecken wohnt die Angst, der Abschied, der Abschied für immer, der Unfall, die Selbstzweifel, der Streit – bis heute unversöhnt, die Einsamkeit. Manchmal fällt in eine dieser Ecken Licht. Ein feiner Strahl, kaum zu erkennen. Und ganz ab und zu ein heller Schein, der größer wird, um sich greift und nur noch ein kleines bisschen der Ecke dunkel lässt. Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.

Ich sehne mich nach Licht, das aufscheint in der Welt, die im Finstern liegt. Nach einem lieben Wort, das mir nach langem Schweigen über die Lippen kommt. Den Menschen loszulassen, den man liebt und ihn trotzdem festhält in der Erinnerung. Nach Momenten der Freude, auch wenn man für immer Abschied nehmen musste. Nach einem Leben in Sicherheit, ohne das Dröhnen der Kriegsstiefel und dem Bombenbeben, ohne Angst um das eigene Leben und das der Frau.

Nach knusprigem Brot und saftigen Orangen. Nach Frieden und Versöhnung. Nach einem dicken Buch, das an zwei Tagen unter´m Weihnachtsbaum ausgelesen ist und nach ausgelassenem Feiern.

Ich sehe in die Welt, die im Finstern liegt. Und ich höre die alten Worte: Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. Denn uns ist heute ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben und die Herrschaft ist auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er´s stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches tut der Eifer des Herrn Zebaoth.

Ein Kind, klein und hilflos, trägt etwas großes: Die Hoffnung auf das Licht. Darauf, dass es anders wird. Dass sich etwas ändert im Leben. Ein Kind – Wunder-Rat  Dass ein Wunder geschieht. Er sieht sie an und sagt: So geht es nicht weiter. Wir müssen etwas ändern. Susanne und Max haben sich zusammen einen Tanzkurs geschenkt. Jeden Mittwoch lernen sie jetzt gemeinsam Salsa tanzen.

Ein Kind –Ewig-Vater

Dass der Vater ewig bleibt in der Erinnerung und das Leben hier auch schön ist. Der Lachs ist aufgegessen, die Mutter bleibt noch zum Kaffee. Karin stellt den CD-Player an, es erklingen die alten Lieder. Es ist anders als das Singen mit dem Vater. Die Melodien füllen den Raum und in Karin macht sich ein Gefühl von Wärme breit. Nur für einen Augenblick. Aber es war da, ein Gefühl von Leben und Geborgenheit.

Ein Kind – Gott-Held

Dass ein Held kommt. Der Bruder ruft aus Greifswald an. Er hat es geschafft. Endlich hat er den Bescheid, dass er bleiben darf. Er soll Nour und Ahmed nachholen. Sie sehen ein großes Licht. Sie setzen alle Hoffnung auf ihn.  Vielleicht sitzen sie schon in ein paar Monaten in einem Flugzeug Richtung Berlin, vielleicht auch auf einem Schlauchboot im Mittelmeer. Das Licht scheint in der Finsternis, doch manche Ecken werden immer dunkel bleiben.

Noch sitzen sie in ihrer Wohnung und hören das Stiefeldonnern der Patrouille.

Noch liegt die Welt im Finstern. Doch durch kleine Ritzen erahne ich es und hoffe weiter drauf:

Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell.