Gott will, dass allen Menschen geholfen werde - Predigt zu Jes 49,1-6 von Norbert Stahl

Nach kurzer Einleitung zur geschichtlichen Situation: Verlesung des Predigttextes

Wow!
Wow! Da traut sich einer was! So eine Ansage in so einer Situation! Das muss den Israeliten mindestens komisch vorgekommen sein. Manche werden auch gesagt haben: „Dieser Jesaja spinnt! Schaut euch doch um! Wir sitzen in der Gefangenschaft. Der Tempel in Jerusalem ist zerstört. Wir könne nicht zurück. Unsere Zukunft ist, dass wir keine Zukunft haben! Gott hat uns verlassen. Er hat uns vergessen.“ Jesaja behauptet das Gegenteil: „Nein! Gott hat uns nicht vergessen! Er denkt an uns. Er wird uns zurück bringen in die Heimat. In die Heimat, die wir so sehr vermissen. Mehr noch! Gott spricht: Wie ich dich, Israel, rette, so will ich die Welt retten!“ „Und wenn Jesaja doch Recht hat?“ „Ach was! Ein Träumer ist er, sonst nichts! Und überhaupt: Die Welt retten. Gott hat mit Heiden nichts zu schaffen! Wenn überhaupt, dann ist er der Gott Israels!“

Käthe Duncker
Auf der Fahrt in den Oberkirchenrat: Ich höre Radio. Ein Bericht über die gesellschaftlichen Zustände in den Jahren des Ersten Weltkrieges und danach. Vor ziemlich genau 100 Jahren, im November 1918, ging dieser Krieg zu Ende. Arbeitslosigkeit, Hunger, Kriegskrüppel auf den Straßen, Kriegswaisen in schäbigen Häusern.

Da kommt die Rede auf Käthe Duncker. Dieser Name sagt mir bis dahin nichts. 1918 ist Käthe Duncker bereits 47 Jahre alt, erfahre ich. Sie gehört zu jenen Menschen, die nicht nur diesen Krieg, sondern alle Kriege ablehnen. Sie ist Lehrerin, Frauenrechtlerin, Pazifistin, Kommunistin. Sie kämpft gegen Kinderarmut, tritt ein für eine bessere Fürsorge für Schwangere und Wöchnerinnen, engagiert sich für gleiche Bildungschancen für Schulkinder. Weil sie der KPD angehört, muss Käthe Duncker zeitweise aus Deutschland fliehen. Die längste Zeit ihres Lebens verbringt sie aber in Berlin und Rostock. Sie ist verheiratet mit Hermann Duncker, der ebenfalls politisch aktiv war. Die beiden hatten zwei Söhne.

Käthe Duncker beeindruckt mich. Für mich ist sie eine mutige und kritische Frau. Im November 1918 schreibt sie aus Berlin an ihren Sohn:

„Jetzt oder nie muss versucht werden, all die Güter der Kultur und der Technik, die bis jetzt nur einer kleinen Minderheit zugutegekommen sind, der ganzen Menschheit dienstbar zu machen. Gewiss, es wird auch in Zukunft Unterschiede geben, aber nur die Unterschiede der persönlichen Begabung, nicht mehr die Unterschiede des Geldes und der Erziehung.“

Was für eine schöne Vision! Zerstörung und Elend behalten im Denken von Käthe Duncker nicht das letzte Wort. In der Krise der Niederlage sieht sie die Chance zu einem Wandel. Vorteile und Sonderrechte, die bisher nur Mitgliedern des Adels und bürgerlichen Familien zuteilwurden, sollen Rechte für alle Menschen werden. Viele sagen: „Die spinnt, die Duncker! Schaut euch doch um! Wir sitzen im Elend. Wir haben den Krieg verloren. Unsere Städte sind zerstört. Wir haben Hunger und Durst. Wir sind krank. Unsere Zukunft ist, dass wir keine Zukunft haben! Gott und die Welt haben uns verlassen!“ „Und wenn sie Recht hat? Wenn es doch noch eine Zukunft gibt? Wenn es etwas ganz Neues geben könnte? “ „Ach was! Eine Träumerin ist sie, sonst nichts! Und überhaupt: Gleiches Recht für alle – das kann nicht sein! Es gibt nun mal gottgegebene Unterschiede!“

Jesaja gibt nicht auf
Zurück zu Jesaja: Trotz mancher Anfeindungen gibt er nicht auf. Immer deutlicher formuliert er seine Hoffnungsbotschaft: „So spricht der Herr: Ich habe dich erhört, du mein Volk Israel! Gott lässt euch sagen: geht heraus! Kommt hervor! Hunger und Durst haben ein Ende. Denn ich erbarme mich über euch.“(nach Jes 49,8-10) Vielen bleibt diese Botschaft unverständlich. Jesaja erleidet Anfeindungen. Er wird geschlagen. Wir wissen nicht genau von wem: Nur von den Israeliten oder auch von den Babyloniern? Die Botschaft Jesajas klingt ja auch nach Aufbegehren. Dem muss man Einhalt gebieten! Er wird verachtet. Er wird beschimpft. Er wird krank. Er leidet stumm. Am Ende ist er tot. Man gibt ihm ein Grab bei Gottlosen und Übeltätern – obwohl er niemand Unrecht getan hat und er nichts Falsches gesagt hat. Im Gegenteil: Nur wenige Jahre nachdem Jesaja aufgetreten ist, kommt es zu politischen Veränderungen. Der Perserkönig Kyrus besiegt die Babylonier und lässt die Israeliten frei. Sie dürfen zurück in ihre geliebte Heimat. In Israel beginnen sie mit dem Wiederaufbau des Tempels.

Käthe Duncker gibt nicht auf
Auch Käthe Duncker gibt nicht auf. Das Elend der Kinder, die Verarmung der Massen, die Wohnungsnot, das Elend in den deutschen Städten – das sind weiterhin die Themen, zu denen sie spricht. Was heißt „spricht“? Käthe Duncker hält mitreißende Reden:

„Unsere erste Forderung lautet: weg mit der Scheidung von Volks- und höheren Schulen. Wir verlangen die Einheitsschule! Nicht mehr soll wie bisher der sechsjährige Adels-Sprössling von vornherein für die höhere Schule, das Arbeiterkind für die Gemeindeschule bestimmt sein, ohne jede Rücksicht auf ihre geistige Begabung. Noch eine weitere, sehr wichtige Forderung: Wir verlangen, dass der nationalistische Geist aus der Schule verschwindet, der Geist der Selbstbeweihräucherung des Deutschtums, der Geist der Völkerverhetzung und des Hasses. Er soll Platz machen der Erziehung zum Verständnis und zu gerechter Würdigung aller Völker, zu internationaler und damit rein menschlicher Gesinnung.“

Vielen geht das zu weit. „Der Duncker muss Einhalt geboten werden! Solche Gedanken sind gefährlich! Sie ist auch gar keine Patriotin! Eine Schande für ihr Land!“ Käthe Duncker und ihr Mann Hermann bezahlen für ihre freiheitlichen Gedanken: Wohnungsdurchsuchungen, Verfolgung, Inhaftierungen und Flucht. Andere bezahlen mit ihrem Leben. Jahrzehnte später sind viele Dinge, für die Käthe Duncker gestritten und gelitten hat Selbstverständlichkeiten: Das Wahlrecht der Frauen, Mutterschutz und Elternzeit, eine Reform des Schulwesens, verbesserte Bildungschancen und die Erkenntnis, dass Krieg kein einziges Problem löst.

Warum ist das so?!
Das beschäftigt mich, liebe Gemeinde, dass Menschen für hellsichtigen Ideen beschimpft, verfolgt, ja getötet werden. Und einige Zeit später sind genau diese Ideen von allen akzeptierte Wahrheiten. Zum Guten der Menschheit. Es ist doch schrecklich, dass für fast alle Errungenschaften, die wir heute selbstverständlich genießen, früher einmal Menschen kämpfen mussten buchstäblich bis aufs Blut, dass Menschen dafür furchtbar gelitten haben und gestorben sind. Es lassen sich noch viele andere Beispiele dafür finden: Mahatma Gandhi z.B. und Martin Luther King. Oder auch Jesus.

Jesus
Jesus war Jude. Einer mit reformerischen Ansichten. Er war v.a. der Ansicht, in allen Fragen des Lebens und der Religion sollte die Liebe zu den Menschen leitend sein. Jesus ist außerdem bereit jedem, der ernsthaft nach Gott fragt, einen Weg zu Gott zu ermöglichen – und sei es ein römischer Hauptmann. Die Liebe zu den Menschen ermöglicht Jesus diese großartige innere Freiheit.

Das löst Widerstand aus. Das bringt Streit. Das bringt Jesus ins Gefängnis. Am Ende ist er tot. Aber so wenig wie bei Käthe Duncker, so wenig wie bei Gandhi oder Martin Luther King, so wenig war dies bei Jesus das Ende. Nur wenige Jahrzehnte nach seinem Tod ist die Welt voller Anhänger Jesu. Seine neue Lehre ist nicht aus den Köpfen zu kriegen. Auch beginnt man seinem gewaltsamen Tod einen tieferen Sinn zu geben. Schließlich fasst ein wichtiger christlicher Missionar (Paulus) seine Erkenntnis zusammen in dem Satz: „Es gelten nun nicht mehr die alten Unterschiede. Gott lässt alle an seinem Reichtum Anteil haben. Denn jeder, der den Namen Jesu anruft, wird gerettet werden.“ (Röm 10,12f) Damit erfüllt sich, was Jesaja einst vorhergesehen hatte: Ein Jude bringt das Heil für die Welt. Zugang zu Gott sollen nicht nur Auserwählte haben. Zugang zu Gott haben jetzt alle Menschen.

Das Erbe
Wenn es doch nicht so schmerzhaft wäre, bis sich die guten Ideen durchsetzen, liebe Gemeinde! Wenn es doch selbstverständlicher wäre, dass Freiheit, Gleichheit und Geschwisterlichkeit, dass Glaube, Liebe und Hoffnung allen Menschen offen stehen müssen. Nicht nur irgendwelchen Eliten. Wenn doch nicht Anfeindungen, Verfolgung, Gefangenschaft und Tod immer noch der Preis wären für ein bisschen Fortschritt. Für ein bisschen mehr Wahrheit, Liebe und Gerechtigkeit!

Mich gemahnen die Beispiele aus meiner heutigen Predigt, hellhörig zu sein, wenn Menschen aufstehen für die Verbesserung ihrer Lebensbedingungen. Wenn sie gleiches Recht für alle fordern. Sie verdienen meine Unterstützung. Wenn Menschen unfaire Privilegien abschaffen wollen und für mehr Gerechtigkeit und Frieden eintreten – sie verdienen meinen Beistand. Z.B. wenn es um faire Preise für gute Lebensmittel geht. Oder um die Wohnungsnot oder den Pflegenotstand. Wo heute noch gekämpft wird, wird man sich hoffentlich bald schon fragen: Wie konnten wir nur so engstirnig sein? Es ermutigt mich, wie Menschen wie Jesaja,  Jesus und Käthe Duncker sich nicht frustrieren lassen vom Bestehenden. Es steckt mich an, wie sie einen positiven Gegenentwurf wagen. Ich entdecke darin auch etwas vom Geist Gottes. Gott selbst schafft keine Eliten. Gott grenzt nicht aus. Jesaja kündigt an, dass Gott allen Menschen begegnen möchte. Nicht nur einer auserwählten Schar: „Ich habe dich zum Licht der Heiden gemacht, dass du seist mein Heil bis an die Enden der Erde.“ (V.6) Gott will, dass allen Menschen geholfen wird und sie zur Erkenntnis der Wahrheit kommen.(1. Tim 2,4)

Dafür bin ich dankbar. Der Zugang zu Gott steht alle Menschen offen. Dafür steht Jesus ein. Als er als kleines Kind zum ersten Mal in den Tempel gebracht wird, erinnert sich ein weiser alter Jude an Jesajas Ankündigung. Spontan nimmt er den kleinen Jesus auf seine Arme du preist Gott mit den Worten: „Meine Augen haben den Heilsbringer Gottes gesehen. Ein Licht zu erleuchten die Heiden zum Lob seines Volkes Israel.“(Lk 2, Dem kann ich mich nur anschließen.)

Amen.

Lieder und Lesungen:
324,1-3.12.13 (Ich singe dir mit Herz und Mund)
Ps 25
Lk 2,22.25-33
346,1-3(Such wer da will)
639,1-3 (Kommt, atmet auf)
321,1-3 (Nun danket alle Gott)

(Die Zitate zu Käthe Duncker entstammen dem SWR2-Manuskript zum SWR2-Feature „Krieg der Träume“ Folge 2: Goldene Zeiten [1922-27])