Gotteswahrnehmung - Predigt zu 1. Korinther 11,23-26 von Rainer Kopisch

Gotteswahrnehmung

23  Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe: Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot,
24 dankte und brach's und sprach:2 Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis.
25 Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach: Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut; das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.
26 Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.

Liebe Gemeinde,
ungefähr 10 Jahre nach dem Tod Jesu wird Paulus in Antiochia mit der  Überlieferung der Ereignisse aus dem Leben Jesu bekannt. Die Berichte über Jesu Leiden, Sterben und Auferstehen waren zunächst die wichtigen Überlieferungen, die die Entwicklung des Glaubens der ersten Christen an Jesus Christus bestimmten.
 
Von Jesus selbst vor Damaskus berufen, war es für Paulus von brennendem Interesse, sich aus der Überlieferung ein Bild seines neuen Herrn zu machen und seinen eigenen Glauben zu entwickeln. Die Überlieferung war ihm eine Richtschnur des eigenen Denkens. In seiner Tätigkeit als Apostel hat  er auch den Gemeinden gegenüber keinen Zweifel gelassen, dass es darum geht, aus der Überlieferung über Jesus und dem entsprechenden Glauben Konsequenzen für das Leben der Einzelnen und das Zusammenleben in den Gemeinden zu ziehen.
Paulus hat dies in seinen Briefen an die Gemeinden immer wieder betont.
Der Episteltext am Gründonnerstag, der heute auch Predigttext ist,  ist aus dem 1. Brief an die Korintherbrief. Er beginnt mit einem Stück Überlieferung, die mittelbar auf Jesus selbst zurückgeht. Mittelbar sage ich, weil der Bericht über die Worte Jesu bei seinem letzten Passahmahl mit seinen Jüngern ein Ausschnitt aus der überlieferten Leidensgeschichte Jesu ist und die Worte Jesu aus der aramäischen Sprache inzwischen in das Griechische übersetzt wurden. Dieser Ausschnitt wurde in der Liturgie des Abendmahls der Gemeinden verwendet, so wie es Jesus seinen Jüngern aufgetragen hat.
Ein Bericht über die Einsetzung des Abendmahls findet sich an vier Stellen im Neuen Testament: Kor 11,23-25/Mk 14,22-25/Mt 26,26-29/Lk 22,15-20. Dabei ist der Paulus-Text die älteste Quelle.
Martin Luther schreibt im kleinen Katechismus:
So schreiben die heiligen Evangelisten Matthäus, Markus, Lukas und der Apostel Paulus
Und dann ergänzt er den Paulus-Text nach dem Wort Blut um die Worte: das für euch vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Außerdem ändert er  die Worte Neuer Bund in die Worte Neues Testament.
Jesus hat beim letzten Passahmahl mit seinen Jünger etwas gestiftet, was seine Jünger und mit ihnen die späteren Christen nicht nur an das Ereignis der Einsetzung dieser Stiftung erinnern soll, sondern ihnen auch die Möglichkeit gibt, seine Gegenwart im Glauben erleben dürfen. Leib und Blut sind Ausdruck für die ganze Person Jesu.  Diese Person Jesu wandelt sich mit Jesu Geschichte von Leiden, Sterben und Auferstehen in der Sicht des Glaubens seiner Anhänger. 
Jesus weiß um diesen Prozess des Glaubens. Darum fordert er seine Jünger auf, zu wiederholen, was er ihnen gestiftet hat. Wir sagen in unserem Verständnis:
Jesus hat das Sakrament des Heiligen Abendmahls gestiftet.
Paulus hat das gut verstanden, wenn er schreibt: Denn sooft ihr von diesem Brot esst und von diesen Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.
Es geht für uns Christen auch um das Bewusstsein einer Zeitspanne bis zum Kommen des Herrn. Die frühen Christen haben das Kommen des Herrn und den Anbruch des Reiches Gottes innerhalb ihrer eigenen Lebenszeit erwartet.
Wir Christen sind heute in einer anderen Situation. Die macht uns allerdings nicht hilflos, denn wir haben als Geschenk Gottes unseren Glauben. Dieser Glaube ist von seiner Eigenart her ein lebendiger. Eine wichtige Eigenschaft des Lebens ist, dass das Leben in verschiedenen Prozessen abläuft.
Dem Prozess des eigenen Glaubenslebens Aufmerksamkeit, Energie und Zuwendung zu geben, sollte für Christen eine Selbstverständlichkeit sein. Die Gemeinschaft der Christen, die Gemeinde oder die Kirche kann dabei Unterstützung geben. Die Feier des Heiligen Abendmahles ist eine der wichtigen Gelegenheiten, uns in der Gemeinschaft nicht nur dem lebendigen Glauben zu öffnen, sondern auch die Gegenwart Jesu Christi zu erleben.
Jesus hat in der Nacht, da er verraten wurde, gewusst, dass der irdische Weg mit seinen Jüngern zusammen in absehbar kurzer Zeit zu Ende geht. Um seine Jünger aber auf seinem Weg hin zu Gott durch Tod und Auferstehung teilhaben zu lassen, hat er als sein Vermächtnis das Sakrament des heiligen Abendmahles gestiftet.

Wir hören noch einmal den Wortlaut der von Paulus überlieferten  Sätze:
Denn ich habe von dem Herrn empfangen, was ich euch weitergegeben habe:
Der Herr Jesus, in der Nacht, da er verraten ward, nahm er das Brot,
dankte und brach's und sprach:
Das ist mein Leib, der für euch gegeben wird; das tut zu meinem Gedächtnis.
Desgleichen nahm er auch den Kelch nach dem Mahl und sprach:
Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut;
das tut, sooft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis.
Denn sooft ihr von diesem Brot esst und aus dem Kelch trinkt, verkündigt ihr den Tod des Herrn, bis er kommt.

Mit dem letzten Satz weist Paulus auf die Mitte des Sakramentes. So oft wir von diesem Brot essen und aus diesem Kelch trinken, verbinden wir uns im glaubenden Erleben mit dem Weg Jesu, den er allein durch Leiden, Tod und Auferstehung gegangen ist.
Die Spiegelwirklichkeit ist, dass Jesus Christus sich an unseren Weg bindet.
Paulus drückt das kurz und knapp aus, indem er sagt: wir sind der Leib Christi.

Gott unterliegt nicht wie wir im irdischen Leben der Bindung an die Zeit.
Gott ist von Ewigkeit zu Ewigkeit ein liebender Gott.
Wenn wir sagen, dass Gott als sein Sohn in die Welt gekommen ist, um uns zu erlösen, können wir aufgrund unserer Gebundenheit an die Zeit nur wahrnehmen, was sich zu bestimmten Zeitpunkten ereignet. Wir sagen dazu: wir leben in der Gegenwart und haben eine Vorstellung von Vergangenheit und Zukunft.
Dieses weiß Jesus, als er das Heilige Abendmahl stiftet. Er schenkt seinen Jüngern und denen, die ihnen nachfolgen, die Gelegenheiten, in ihrer eigenen jeweiligen Gegenwart die Gegenwart des liebenden Gottes glaubend zu erfahren.

Glaube ist mehr als „Wissen von Glaubensinhalten“ und „Für-wahr-halten von Informationen und Gedanken“.
Glaube ist darüber hinaus in seiner lebendigen Form auch eine Wahrnehmungsfähigkeit für Geschehnisse und Begegnungen, die außerhalb unseres üblichen Verstehens erfassen können.
Diese Wahrnehmungsfähigkeit ist Voraussetzung für jede erneute Gottesbegegnung.
Jesus war ein Meister dieser Wahrnehmungsfähigkeit und hat auch seine Jünger gelehrt, sie bei sich zu entwickeln. Deshalb war er auch ganz sicher, dass seine Jünger verstehen, was geschieht, wenn sie dieses kultische Mal  mit Brot und Wein zukünftig als eine besondere Tradition feiern werden.
Natürlich hat die Ausübung dieser kultischen Handlung durch die „Wahrnehmungen im Glauben“ der Beteiligten Veränderungen in der Gestaltung des Ritus und im Verständnis hervorgerufen. Allein im Neuen Testament haben wir vier verschiedene Einsetzungsberichte des Abendmahles, die wir bereits aufzählten.
So ist es auch verständlich, dass wir in verschiedenen Kirchen und Gemeinden unterschiedliche Gewohnheiten oder auch Vorschriften haben, das Abendmahl zu feiern.
Das Entscheidende für uns Christen aber ist der Wille des Stifters Jesus, dass wir in der Feier des Abendmahles Gott begegnen.
Wir begegnen dabei aber nicht dem unbekannten Gott sondern dem liebenden Gott, der sich in Jesus Christus offenbart hat.
Unsere eigene Glaubensgewissheit, dass Jesus, der Sohn Gottes, für uns gestorben und auferstanden ist, gibt uns die Voraussetzung, Gott im Abendmahl als dem liebenden Gott zu begegnen.
Zu einer Begegnung gehört auch das Gespräch. Über die rituellen Gebete im Abendmahl hinaus, steht es uns nicht nur frei, mit Gott in unserem Herzen zu sprechen, sondern diese Begegnung auch zu genießen.
Dazu gehört, den einziehenden Frieden und die Freude in unserem eigenen Herzen wahrzunehmen und  die Stärkung unseres eigenen Herzens zu erleben.
Dieses Geschehen  ist natürlich keine Selbstverständlichkeit, sondern es muss von uns gewollt und unterstützt werden.
Paulus sagt vor und nach dem Bericht von der Einsetzung des Abendmahles einige tadelnde und mahnende Worte an die Gemeinde in Korinth. Der Kern dieser Worte ist der Hinweis darauf, dass wir nur in würdiger Weise am Abendmahl teilnehmen sollen.
Wenn wir eigentlich keine würdige Begegnung mit Gott wollen, dann sollten wir auch am Abendmahl nicht teilnehmen.
Das Vaterunser hat mit Recht einen besonderen Platz im Ablauf der Feier des Abendmahles. Wie Martin Luther in seinen Erklärungen zum Vaterunser im kleinen Katechismus betont, bitten wir in diesem Gebet um die Gegenwart Gottes in unserem Leben und stellen sie im Dank und Lob gleichzeitig fest. Gerade in der Teilnahme am Abendmahl können wir den Schluss des Gebetes im Glauben wahrnehmen:
Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.

 Amen