Große Freude – Predigt zu Matthäus 2, 1-12 von Frank Nico Jaeger

Da machten sich die Sterndeuter auf den Weg. Und der Stern, den sie im Osten gesehen hatten, ging vor ihnen her. Und als sie den Stern sahen, waren sie außer sich vor Freude.

„Und dann kommt ihr auch wirklich zu uns?“ Der Glühwein hat mir die Zunge gelöst und die katholische Gemeindereferentin nickt eifrig: „Aber klar!“ „Ich freue mich!“, sage ich noch, dann hat das Gespräch längst eine andere Richtung genommen.

Jedes Jahr geht der katholische Kindergarten mit den Weisen aus dem Morgenland auf Tour durch die Stadt und segnet die Häuser. Meine Frau hatte mich schon mehrmals streng darauf hingewiesen, dass der alte Aufkleber über der Tür nun auch schon ein paar Jahre alt sei. „Ob da nicht mal ein neuer hinkann?!“ Gott sei Dank war mir das jetzt hier am Glühweinstand noch eingefallen und so hatte ich mich dieser Verantwortung entledigt.

Drei Wochen später, der letzte Glühwein war längst getrunken, Weihnachten war vorbei und in meinem Kopf waren längst wieder andere Themen in den Vordergrund getreten, klingelte es an der Tür. Zugegeben, es war kurz nach halb zehn, aber es waren immer noch Ferien und die Tage davor waren anstrengend genug gewesen. Kurzum, wir waren gerade erst aufgestanden, noch ohne Frühstück und alle im Schlafanzug. Aber da ist der Jüngste auch schon längst an der Tür und lässt eine große Schar fremder Menschen in den Flur. Auf dem Weg nach unten erkenne ich die katholische Gemeindereferentin und erinnere mich sofort.

Dass ich außer mir bin vor Freude kann ich zu diesem Zeitpunkt wirklich nicht behaupten, aber ich versuche mein Bestes. Eines der anwesenden Kinder erkennt mich und ruft laut meinen Namen. Vor meinem Gesicht baumelt ein goldener Stern und jetzt fangen alle an zu singen. Das gibt mir die Gelegenheit mich zu sammeln: Ach ja, der Glühwein, die katholische Gemeindereferentin, meine Anfrage, ihre Zusage.

Als die Kinder fertig sind nicke ich anerkennend. Mittlerweile ist auch meine Frau zu uns gestoßen, ebenfalls im Schlafanzug. Der goldene Stern baumelt jetzt über meiner ganzen Familie, aber Freude will immer noch nicht aufkommen.

So etwas haben wir alle noch nicht erlebt. Weder die katholische Gemeindereferentin, noch wir, geschweige denn die Weisen.

Außer sich vor Freude?

Es ist eine Sache, wenn du verkleidet als orientaler Sterndeuter voller Freude einem Stern folgst, denke ich. Eine ganz andere Sache ist es aber doch, frühmorgens an einer Haustür im waldhessischen Hersfeld plötzlich und unerwartet diesen weisen Sterndeutern gegenüberzustehen.

Zu meiner Entschuldigung muss ich sagen, dass es wirklich schwer ist, sich auf Kommando über einen unangemeldeten Stern zu freuen, mit dem man zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr gerechnet hat.

Den Weisen aus dem Morgenland macht das alles nichts aus. Denen geht es gut. Die haben die Zeichen der Zeit längst erkannt und sind wieder auf der Spur. Folgen dem Stern und haben sich sehr darüber gefreut, dass ihnen die Tür geöffnet wurde. Auf die Kleidung, das haben sie später noch der katholischen Gemeindereferentin mitgeteilt, haben sie überhaupt nicht geachtet.

Derweil herrscht im Königspalast rege Aufregung. Das hatte ihm gerade noch gefehlt. So kurz vor den ruhigen Tagen eine beunruhigende Nachricht aus dem Osten.  Ausgerechnet aus dem Osten.Er sieht schon die Pressemeldungen aus den Parteizentralen vor seinem inneren Auge: Das würde von „wir sind total neugierig und außer uns vor Freude“ bis hin zur Ablehnung a la „was soll schon aus dem Osten Gutes kommen“ reichen. Die ganze Bandbreite eben.

Jetzt muss er sich vorbereiten. Welches Protokoll gilt eigentlich für Weise und Sterndeuter aus dem Morgenland? Ausgerechnet aus dem Orient und ausgerechnet jetzt. Der König lässt müde den Stift fallen und schaut aus dem Fenster auf eine aufgeregte Stadt. Seit dieser Stern erschienen ist, drehen hier alle am Rad. In der Kantine gibt es heute Kalbsgeschnetzeltes, aber er hat keinen Hunger. Er muss sich vorbereiten. Er hat den Stern auch gesehen. Außer sich vor Freude ist er nicht. Nein, das kann er wirklich nicht sagen.

Von all dem bekommen die Weisen nichts mit. Sie sind längst weitergezogen.

Sie haben keine Ahnung von Schlagzeilen und Protokollen. Sie sind einfach nur aufgebrochen, um dieses Kind, das König sein soll, zu finden. Also klopfen sie mal hier und mal dort. Und wenn die Menschen ihnen die Türen öffnen freuen sie sich noch mehr, auch wenn nicht alle freundlich zu ihnen sind.

Einer hält sie sogar für Paketboten, wahrscheinlich wegen der Geschenke in ihrer Hand. Aber es ist ihnen wirklich egal, wer wo und wann Pakete beim Nachbarn abgelegt hat, obwohl der Mann zu Hause gewesen sei. Sie verstehen es auch nicht. Darum lächeln sie einfach und ziehen weiter. Sie sind nicht den weiten Weg bis hierhin gekommen, um sich jetzt mit dem alltäglichen kleinklein zu beschäftigen.

Nein, sie haben sich auf den Weg gemacht, um einem Stern zu folgen, den sie schon im Osten gesehen haben und sie spüren deutlich, dass das Ziel nahe ist. Und wenn sie kurz Rast machen um still und hastig was zu essen und zu trinken schauen sie sich in die Augen und wissen: Sie können es kaum erwarten; sie sind immer noch außer sich vor Freude.

Als sie den Stern sahen, waren sie außer sich vor Freude.

Dass die Weisen sich freuen, finde ich sympathisch. Freude ist gut, keine Frage, aber außer sich sein vor Freude? Ich z.B. freue mich, wenn mir ein Einparkmanöver glückt. Es muss auch gar nicht kompliziert sein. Irgendwo auf dem Supermarktparkplatz gelingt es mir, mich elegant in eine Parklücke zu quetschen oder am Straßenrand, mitten hinein in eine Lücke und vorne und hinten ist noch massig Platz.

Dann freue ich mich. Ich freue mich aber auch, wenn ich das Altpapier in die richtige Tonne entsorgt habe und der Korb wieder leer ist. Und ich freue mich, über kleine Zeichen der Menschlichkeit. Über zärtliche Gesten, eine aufgehaltene Tür, ein aufmunterndes Wort, über die Urlaubskarte von Freunden mit der ich schon gar nicht mehr gerechnet habe. Ich bin bescheiden geworden. „Es sind eben die kleinen Dinge!“, sagt der christliche Sprüche-Kalender und den werde ich als nächstes in die blaue Tonne werfen.

Und ich frage mich, wann hat das eigentlich aufgehört, sich auf das Große zu freuen? Über die richtungsweisende, neue Idee? Über die weltverändernde Vision? Über das tröstliche Zeichen, dass der Welt einen ganz neuen Weg weist? Wann habe ich bloß damit angefangen, mehr über Protokolle nachzudenken und mich übers Einparken zu freuen als über einen hellen Stern, der mir den Weg ins Neue weist? Ich freue mich über die kleinen Dinge, weil ich den Großen nicht traue?

Die Weisen aus dem Morgenland sind mutig. Machen sich auf den Weg, klopfen hier und dort an Türen, gehen - von Königen und unvorbereiteten Menschen völlig unbeeindruckt - unbeirrt ihren Weg. Und wenn der Stern nicht zu sehen ist, ziehen sie eben mit der Hoffnung weiter. Weil sie wissen: Das Kind ist da!

Das Kind ist König!

Was für ein Glück!

Was für eine große Freude!

Amen.