Heiliger Geist- heilender Geist - Predigt zu Matthäus 16, 13-19 von Jörg Coburger

Heiliger Geist- heilender Geist - Predigt zu Matthäus 16, 13-19 von Jörg Coburger

„Tu es petrus et super hanc petram aedificabo ekklesiam meam“ So kann es alle Touristen sehen, wenn sie in Rom den Petersdom besuchen. Ganz hoch oben, im Rund der riesigen Kuppel steht es geschrieben. Es ist auf lateinisch gesagt, was unser Predigtext heute in griechischer Sprache ausdrückt; also nun auf deutsch: „Du bist Petrus und auf diesen Felsen will ich meine Kirche erbauen“

 

„Du bist“ Wie wir vernehmen konnten, fällt gleich zweimal dieses „Du bist“. Zum Ersten sagt das Petrus bekenntnishaft zu Christus ( „Du bist Christus“ ) und zum anderen Mal spricht Christus damit dem Apostel eben jenes soeben gehörte Verheißung zu: „Du bist Petrus“ Die in Rom all so verwendete Inschrift – immerhin, so erfährt der Besucher, sei sie zwei Meter hoch - ist die seitens der Römisch-Katholischen Kirche die Begründung und Grund für das Papstamt. Nun ist es allerdings ein biblischer Text und die Deutungshoheit muss ich nicht meinen Schwestern und Brüdern der anderen Konfession überlassen. Mein Kirchenverständnis beziehe ich nicht aus Rom. Von Petrus bis zum derzeitigen Papst Franziskus eine Art „charismatische Pipeline“ zu behaupten ist allerdings auch vielen katholischen Theologen fremd.

 

Wir sehen in der Bibel Petrus als eine überaus vielfältige und keineswegs homogene Persönlichkeit. Himmelhochjauchzend – zu Tode betrübt; zum Beispiel einer, der sich auf dem Apostelkonzil streiten kann. Oder da ist der Fischer Petrus, der morgens nach einer durcharbeiteten , frustrierenden Nacht am Strand beim Netze Waschen erneut auf Christus hören kann und sich dadurch seiner selbst klar wird. Ein und derselbe ist´s dann, der über Wasser zu Christus will und bald zu versinken droht. Er wird Zeuge der Auferweckung der Tochter des Jairus, seine Schwiegermutter erfährt Heilung durch Jesus. In den Stunden des Prozesses gegen Jesus will er nicht zu ihm gehört haben und distanziert sich klar und deutlich. Er ist in der Lage, über sein Versagen bitterlich zu weinen. Ganz menschlich will er nichts vom Leidensweg Jesu wissen. Er wird mit Haft bestraft und erlebt dort Todesangst. Und schließlich ist es der, der in Jerusalem die Pfingstpredigt hält. Im Lukasevangelium öffnet sich eine Tür zum Verständnis seines Lebens durch Jesus selbst: Es wird Petrus zugesprochen, dass seine Erfahrungen wichtig und wertvoll sind, weil sie später nach, einer Lebenswende, einmal die Gemeinde stärken können.

 

Und auf so einen baut Jesus Christus seine Kirche? Ja, auf so einen, der sich bekennt und outet, wie brüchig seine Biografie auch sein mag. Und wie spätere Übermalungen seiner historischen Person und Überzeichnungen, wie Redaktion und andere Betonungen auch geschehen sein mögen, das darf durchaus so sein, Petrus hat aufgehört, über Jesus zu reden.

Jesus will es geradezu wissen, er hebt das Gespräch selbst auf eine neue Ebene: Und ihr .. und du – was sagst du, wer ich bin…?

 

Dabei spielt das Petrus-Bekenntnis durchaus nicht auf einer Ebene von „Jesus ist für mich“ sondern doch mehr, auch wenn´s manchen stören mag. Es gibt durchaus mehr als ein sicher gut gemeintes „Für mich“ in einem Bekenntnis. Wir können unvermittelt gefragt sein, ganz überraschend, und sind in dem Augenblick durch niemand anderen mehr vertretbar. Die einen sagen dies ÜBER Jesus, andere wiederum sagen das. Im Religionsunterricht begegnet mir das ständig. Klar, Wissensvermittlung und Lehrplan ist wichtig und das fromme Meinungen und unfromme nicht zensiert werden dürfen. Aber da gibt es auch einen Spielraum, dass mir etwas Frommes rausrutschen darf. Diesen Spielraum will ich nicht gern verspielen. Gelernt habe ich, dass dort, wo kein Bekenntnis mehr im Ton der Gültigkeit gesprochen werden darf und soll, es auch keine sich daran reibendes „Für mich“ mehr möglich macht. Jedes Bekenntnis will eine Übereinstimmung herstellen und eine Vergewisserung suchen.

 

Die Diskussion über Jesus ist bis heute nicht abgeflaut. Immer weiter erscheinen kluge, fromme, frömmelnde, mehr oder minder bisweilen sogar blödsinnige Jesusbücher. Was wird von anderen alles über Jesus gesagt. Die Liste ist lang und reich. Da war Jesus schon mal der „Heiland der Deutschen“ ( Walter Grundmann ) oder „ein heruntergekommener Weichling“

( Friedrich Nietzsche ) Für Milan Machowetz war er „der erste Atheist“ und für meinen Russischlehrer „der erste Sozialist“ Shalom ben Chorin nennt Jesus „seinen größeren Bruder“ und Kolosser 1,15 spricht vom „Ebenbild des unsichtbaren Gottes“.

 

Bekenntnisse, die vor mir da waren und größer sind als mein Herz und meine kleine- große je eigene Biografie. Bekenntnisse, die meinen religiösen Autismus aufdecken und aufbrechen, die mich in ungeahnte weite Räume führen, entstehen offenbar in einem Dialog. Jesus setzt sich dem aus. Er sucht nach Schlüsselworten und Felsensätzen. Die Suche Jesu ist nicht abgesperrt gegen Heiligen Geist. Offenbarung bleibt möglich. Aber Gott muss uns nicht ständig zustimmen und nachziehen. Neue Antwort war möglich: Du bist! Die Not meiner Kirche besteht derzeit genau in einer unübersehbaren Tendenz genau darin, dass wir wohl bereit sind, Jesus als einen besonders tollen Menschen, mutigen Märtyrer oder guten Seelsorger zu verstehen, aber Göttliches…? Jesus ist mehr, als wir ihm skeptisch wie zubilligen wollen. Je größer unser Wunsch und Suche nach Einmaligkeit, dem Besonderen, nach eigener Identität mitten in den Kollektivismen heute ist, desto deutlicher wird, wie nicht allein im Singulären, im Exclusiven, das in einer neuen Marke gefunden werden kann, sondern  „Nur im Du werde ich zum Ich“ – so Martin Buber.

 

Diese Brauchbarkeit für einen ehemaligen Versager fasziniert. Auf Grund seiner Entwicklungsfähigkeit zeigt uns der Blick Jesus, der auf Petrus fällt, wird er zu einer Grundsäule der ersten Gemeinde. Die Perspektive der Liebe, uns in Gottes heilenden Geist als das sehen zu dürfen, was noch zu werden versprechen. Weil ich weiß, wer bin, kann ich mir auch leisten, einzustimmen. Weil ich weiß, wer ich bin, kann ich mir auch leisten zu sagen: Du bist.

Information
Datum 10.06.2019
Perikopenreihe: 2018/2019 Perikope 1
Bibelbuch: Matthäus
Kapitel / Verse: 16,13-19