"Heimat" - Predigt über Jeremia 29, 1. 4-7. 10-14 von Doris Gräb
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"Heimat" - Predigt über Jeremia 29, 1. 4-7. 10-14 von Doris Gräb

Heimat
Liebe Gemeinde!
„Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl“. – So singt Herbert Grönemeyer in seinem Song „Heimat“. Da spüren wir schon etwas von der Doppeldeutigkeit, der diffusen Zwiespältigkeit, die zu diesem Begriff gehören.
Und so geht es dann auch weiter, gar nicht einfach ist der Text zu verstehen:
Heimat, das meint: „ Zweisprachenland, entfernt verwandt, an verschiedene Ufer gespült, zum gemeinsamen Gelingen verdammt. “ –
Nicht nur die Musik, auch die Sprache verrät den großen Künstler. Was es mit der Heimat ist, das ist alles andere als eindeutig. Unendlich schwer sogar ist es zu fassen. Gegenteiliges reibt sich, widerspricht sich, kann nur mühsam zusammen gebracht werden. – Zweisprachenland, entfernt verwandt, an verschiedene Ufer gespült.
Die Israeliten, zumindest eine große Zahl der sog. Jerusalemer Oberschicht, hatten ihre Heimat verloren. Jerusalem, die Heimatstadt, hatten sie verloren, und den Tempel, den Ort, an dem sie der Nähe Gottes gewiss waren. Und da saßen sie, an die Wasserflüsse Babylons gespült, und weinten. Weinten, weil sie nicht mehr an dem Ort leben und beten durften, der zuvor ihre Heimat war.
Ich bin mir sicher, sie hätten Herbert Grönemeyer vehement widersprochen.
Und vermutlich nicht nur sie, dort im fernen Babylon.
Immer noch, ja, auch heute noch, - wenn auch nicht mehr lange  - hören wir die Erzählungen derer, die am Ende des Krieges aus ihrer Heimat vertrieben wurden. Aus Schlesien und aus Pommern, aus Ostpreußen und dem Sudetenland. Die Bilder ihrer Heimatorte sind immer noch lebendig in den Erinnerungen: die wogenden Kornfelder, die bis an die Ostsee reichen. Die Hügel des Riesengebirges, und das frische Haff, und die Schlote der oberschlesischen Kohlenreviere. Ganz konkrete Orte, aus denen sie und so viele andere verjagt und vertrieben wurden, nur das, was sie tragen konnten, als Habe bei sich. Damals.
Die Bilder der Heimatlosen aus unserer Zeit bringen uns die Medien ins Haus. In den jordanischen und türkischen Flüchtlingslagern leben sie, in den Hungerlagern am Rande der Sahara, von Rebellen vertrieben. Für sie alle ist Heimat zunächst ein Ort. Der Ort, an dem sie groß geworden sind, an dem sie gelebt und gearbeitet haben, meist im Familienverband, und an dem es für sie nun kein Bleiben mehr gibt.
Und da sind noch die anderen, die freiwillig ihre Heimat verlassen, weil sie dort keine Lebensgrundlage und keine Lebensperspektive für sich erkennen. Auf den seeuntüchtigen Booten des Mittelmeers finden wir sie, und in den Abschieberäumen der Flughäfen, und in  primitiven und behelfsmäßigen Unterkünften mancher Städte. Grade in diesen Tagen begehren sie auf, wehren sich über die unmenschlichen Zustände ihrer Kasernierung, haben sich zusammen getan zu einem Marsch nach Berlin.
Für sie war die Heimat kein lebenswerter Ort mehr. Deswegen haben sie sich auf den Weg gemacht in ein neues, vermeintlich besseres Leben.
Und da sind schließlich auch noch solche, und ich bin eine von ihnen, die den Heimatort  verlassen haben, freiwillig und ohne Not. Die wir neugierig waren auf neue Orte, weil die Kinder-Heimat zu eng wurde, zu wenig anregend, und mit nur spärlicher Perspektive.
  Heimat, was ist es nur mit der Heimat?
Provozierend muss der Brief Jeremias für die aus der Heimat vertriebenen, klagenden und heimwehkranken Israeliten gewesen sein. Fordert er sie doch auf, Wurzeln in der Fremde zu schlagen, für den Ort ihres Exils gar zu beten, sich den Gedanken an die frühere Heimat aus dem Sinn zu schlagen.
Dort in der Fremde, am unwirtlichen Ort, hören, lesen sie die Mahnung des Propheten: „Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte, mehret euch, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn.“
Ähnlich, ganz ähnlich klingt es, wenn uns der Jesus der Bergpredigt im Evangelium dieses Sonntag mahnt: „Liebet eure Feinde. Betet für die, die euch verfolgen!“ Also: Hadert nicht. Arrangiert euch. Denkt um. Denkt nach vorne! Denkt nicht zurück!
Zu viel verlangt, war es nicht viel zu viel verlangt für die weinenden Israeliten an den Wasserflüssen Babylons? Klingt es nicht geradezu grausam angesichts der syrischen Flüchtlinge in ihren jordanischen und türkischen Behelfsunterkünften in sengender Hitze?
War es damals nicht genau so schlimm für die schlesischen, pommerschen, ostpreußischen Heimatvertriebenen, die noch nach Jahren wieder zurück wollten in ihre Heimatorte?
Und dann, als sie es endlich konnten, als der Eiserne Vorhang durchlässiger wurde, dann merkten sie es auf einmal – wir können von ihren Erfahrungen bis heute hören: der Ort, an den sie zurück kamen, war gar nicht mehr ihre Heimat.
Heimat – also doch ein Gefühl, und nicht ein Ort?
Ja, doch, Herbert Grönemeyer hat recht:
Zur Heimat gehören die ins Unterbewusste eingegrabenen Bilder der Landschaft. Und die Geräusche, des Meers - oder des schwarzen Tannenwaldes. Und die Gerüche, von frisch geschlagenem Holz, - vom grade gefangenen Fisch. Und der Geschmack: der auf Tannenholz geräucherten Würste – oder des nordischen Grünkohls. Und nicht zuletzt die Klänge: der Dialekt, das Idiom, das ganz unverwechselbar fast jeder Landschaft eigen ist.
Alle diese sinnlichen Erfahrungen von Heimat, alle diese Bilder, ins unterbewusste Gedächtnis eingebrannt, sie können uns nicht genommen werden. Auch wenn die Orte unerreichbar fern, oder, im Laufe der Zeit, unendlich fremd geworden sind.
Sie bleiben uns, sie bleiben, so hat es die große Ostpreußin Marion Gräfin Döhnhoff formuliert, vor allem für den, für die, die „imstande ist zu lieben ohne zu besitzen.“
Und, und das scheint mir das Allerwichtigste, dieses Gefühl von Heimat verhindert eben nicht, sich neu zu orientieren, sich der Zukunft zu öffnen, Perspektiven zu entwickeln, oder, mit Jeremia gesagt, Häuser zu bauen und Gärten zu pflanzen.
Doch Jeremia will ja nicht nur Empfehlungen geben an die Heimatlosen, sie nicht nur ermahnen, die Harfen aus den Weiden zu holen, in die sie sie in ihrer Verzweiflung gehängt hatten, und wieder Lieder der Hoffnung zu singen, - er will doch auch trösten.
Die ganz großen Worte des Trostes gebraucht er: Frieden und Heil, Zukunft und Hoffnung.
„Ich weiß wohl, was für Gedanken ich über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe das Ende, des ihr wartet.“
Ob sie diesen Trost damals gehört, und verstanden, und in der Tiefe ihrer Seele aufgenommen haben?
Wir können es nicht wissen. Vermutlich standen die Worte erst einmal vor ihnen in ihrer rückwärts gewandten Wehmut. Vielleicht haben sie ihnen allmählich aber auch ein wenig den Rücken gestärkt, sie etwas aufrechter gehen – womöglich sogar einen vorsichtigen Blick in Richtung Zukunft werfen lassen. Wie sollten wir ´s je erfahren können?
Für mich ist es jedenfalls eines der schönsten Trostworte des Alten Testaments, das ich besonders gern weiter sage. Wie ein Wärmestrom kommt es mir entgegen und hilft mir, die Gedanken an all jene Heimatlosen und Entwurzelten zu ertragen, für die der Verlust der Heimat vor allem den bisherigen Ort ihrer Lebensgrundlage meint. Es bleibt wahr, zumindest in meiner Hoffnung für alle die, für die der Ort ihrer Heimat mit so vielen grausamen Erfahrungen verbunden ist, dass sie alle die positiven Gefühle zu ersticken drohen.
Nein, ich würde es nicht wagen, es ihnen genau so weiter zu sagen. Dieses Trostwort in ihr Elend hinein zu sagen. Es denen vorzupredigen, die sich in ihrer Verzweiflung in diesen Tagen auf einen Protestmarsch begeben haben, um auf ihre Situation aufmerksam zu machen. Und doch ist sie für mich nicht auszulöschen, die Gewissheit, dass eine Beziehung bleibt, zwischen Gott und uns, dass er sich finden lassen will – und wir ihn finden dürfen, sei es an vertrauten oder ganz fremden und unwirtlichen Orten.
Und da ist schließlich noch ein Letztes: Babylon, Sinnbild für das Exil, für den Verlust der Heimat, für die Entwurzelung und Entfremdung, hat viele Namen. Da müssen wir doch gar nicht nur an einen konkreten Ort denken, von dem wir vertrieben wurden. Immer wieder gibt es im Laufe unserer Lebensreise Erfahrungen und Begegnungen, die widerständig sind, die uns das Leben schwer machen. Die uns heraus reißen aus den gewohnten Bahnen und uns orientierungslos werden lassen.
Die Pläne gehen nicht mehr auf. Krankheit durchkreuzt die gewohnten Abläufe. Der Tod bricht herein, wo wir uns doch eben noch so sicher wussten.
Ziellos und hoffnungslos mit einem Mal. Den Wurzeln unseres vertrauten Denkens und Handelns entrissen, untröstlich und auf schwankendem Boden im neuen und fremden Lebensgefüge.
Und dann dieses so große und so wärmende Wort: „Ich weiß wohl, was für Gedanken ich über euch habe, Gedanken des Friedens und nicht des Leides.“
Zunächst gar nicht gehört im wüsten Babylon der eigenen Seele. Und doch wird es wärmer, so, dass wir uns mit einem Mal gestärkt und aufgerichtet fühlen.
Suchet mich, auch dort, in der Fremde eurer Gefühle. Wenn ihr mich von ganzem Herzen suchet, so will ich mich von euch finden lassen.
So gesehen, gewinnt Herbert Grönemeyers Wort ja noch einmal eine ganz neue Bedeutung:
„Heimat ist kein Ort. Heimat ist ein Gefühl.“
Dort, im Gefühl, im Brunnengrund unserer Seele, dort erahnen wir etwas von unserer wahren Heimat.
Wenn uns der Wärmestrom der Liebe Gottes ergreift, sei es an vertrautem Ort oder in unwirtlicher Fremde – da weitet sich der Blick, und die Hoffnung wächst, und der Mut zum Leben kommt zurück – und wir ahnen mit einem Mal, wo unsere wahre Heimat ist.
So, wie es auch der Liederdichter weiß:
„Ein Tag, der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern zur großen Ewigkeit. O Ewigkeit, so schöne, mein Herz an dich gewöhne, mein Heim ist nicht in dieser Zeit.“
Amen
 
 
Pfarrerin Doris Gräb
Burgfrauenstraße 79a
13465 Berlin