Ich will ja, aber ich kann nicht - Predigt zu Römer 7, 14-25 von Berenike Brehm

I Die Steine wurden einmal gefragt, ob sie nicht werden wollen wie die Menschen. Und die Steine antworteten: Dazu sind wir nicht hart genug. Eine kurze Anekdote, die zu denken gibt über unsere Welt, und darüber, was es bedeutet, in ihr zu leben. Ich weiß nicht, wer von Ihnen und euch dieses Gefühl kennt: Ich bin nicht hart genug. Ich bin nicht leistungsfähig genug. Ich pack es einfach nicht.

Wer nicht hart genug ist, wer sich nicht von klein auf anstrengt, wer nicht mit Ellenbogen kämpft, der hat nicht viel Chancen Karriere zu machen. Schon kleine Kinder lernen das. Und wer dieses Klima irgendwann nicht mehr aushält, weil sein oder ihr Innerstes sagt: Das ist doch alles falsch, ich spiel da nicht mehr mit. Der war eben nicht hart genug. Die hat sich eben nicht genug angestrengt. - So die gängige Meinung.

II Eine junge Frau schreibt auf einem Blog. Sie schreibt über diese Tage „an denen man will, aber einfach nicht kann.“ So nennt sie diese Tage, wenn die Depression sie packt. Sie schreibt: „Wir fühlen uns schlecht, einfach so, oft ohne erkennbaren Grund. Wir sind in eine dunkle Wolke hinein aufgewacht und können sie einfach nicht abschütteln. Wir fühlen uns schlecht – und dann fühlen wir uns schlecht, weil wir uns schlecht fühlen.“1

Ein Mann erzählt in einer Talkrunde im Fernsehen: „Scheitern war für mich als Manager keine Option. Los ging’s dann mit dem Schwindel. So, dass ich mich nur noch schwer konzentrieren konnte. Dann kam so ein Kopfdruck dazu, so dass ich gemerkt hab: Es wird kritisch, ich kann mich nicht mehr auf das konzentrieren, was passiert. Daraus wurde dann Unruhe und Nervosität. Über 24 Stunden.“2 Er schildert eindrücklich, wie er immer weniger kann, wie die Angst sich festsetzt, und er schließlich in eine Klinik geht.

III Wollen, aber nicht können. Das kennen nicht nur diese junge Frau, oder der Mann im Fernsehen. Davon schreibt auch der Apostel Paulus - im Römerbrief Kapitel 7:

Wir wissen ja: Das Gesetz ist vom Geist Gottes bestimmt. Ich dagegen bin als Mensch ganz von meiner irdischen Gesinnung bestimmt. Ich bin mit Haut und Haaren an die Sünde verkauft. Ja, wie ich handle, ist mir unbegreiflich. Denn ich tue nicht das, was ich eigentlich will. Sondern ich tue das, was ich verabscheue. Wenn ich aber das tue, was ich eigentlich nicht will, dann beweist das: Ich stimme dem Gesetz innerlich zu und erkenne an, dass es recht hat. Aber dann bin nicht mehr ich es, der so handelt. Es ist vielmehr die Sünde, die in mir wohnt. Ich weiß: In mir – das heißt: in meinem irdischen Leib – wohnt nichts Gutes. Der Wille zum Guten ist bei mir zwar durchaus vorhanden, aber nicht die Fähigkeit dazu. Ich tue nicht das, was ich eigentlich will – das Gute. Sondern das Böse, das ich nicht will – das tue ich. Wenn ich aber das tue, was ich nicht will, dann bin nicht mehr ich der Handelnde. Es ist vielmehr die Sünde, die in mir wohnt. Ich entdecke also bei mir folgende Gesetzmäßigkeit: Obwohl ich das Gute tun will, bringe ich nur Böses zustande. Meiner innersten Überzeugung nach stimme ich dem Gesetz Gottes mit Freude zu. Aber in meinen Gliedern nehme ich ein anderes Gesetz wahr. Es liegt im Streit mit dem Gesetz, dem ich mit meinem Verstand zustimme. Und dieses Gesetz macht mich zu seinem Gefangenen. Es ist das Gesetz der Sünde, das in meinen Gliedern steckt. Ich unglücklicher Mensch! Mein ganzes Dasein ist dem Tod verfallen. Wer wird mich davor bewahren? Dank sei Gott! Er hat es getan durch Jesus Christus, unseren Herrn!

(Text der BasisBibel)

IV Ich will ja, aber ich kann nicht – schreibt Paulus. Ich will ja, aber ich kann nicht. - Das sagen wir auch manchmal. Wir sagen es so dahin, wenn wir uns entschuldigen wollen, dass wir keine Lust oder keine Zeit haben. Wenn wir uns aus unserer Verantwortung reden wollen. Dann sagen wir gerne: Ich würde ja, aber… Das allerdings meint Paulus nicht. Es geht ihm nicht um faule Ausreden und ein fahles Vorschieben von Gründen.

Ihm geht es um dieses nicht können, das einen packt und nicht loslässt. Gegen das man einfach nicht ankommt, so sehr man es auch versucht. Wenn man ja die Mathearbeit schreiben will, aber die Zahlen im Kopf zu tanzen beginnen. Wenn man ja etwas leisten will, aber einfach nur müde und kaputt ist. Wenn man ja lachen will, aber diese Wolke um einen es einfach nicht zulässt. Wenn man gar nicht zu der Torte greifen will, aber die innere Stimme einfach zu stark ist.

Ich will ja, aber ich kann nicht. Viele Sätze spinnt Paulus um diesen einen Gedanken: Es sind Sätze, wie ein klebriges Spinnnetz. Sie ziehen einen hinein in dieses Netz aus Unvermögen, gegen das man nicht anstrampeln kann, und in das man sich nur tiefer verstrickt, je stärker man strampelt. Wer versucht hart zu sein, wer sich durch Leistung aus diesem Netz retten will, der verstrickt sich nur immer weiter. So Paulus. So die Erfahrung des Managers im Fernsehen.

V Du musst dich selbst verbessern!, sagt mir die Gesellschaft. Und sie zeigt mir Bilder, auf denen das makellose Glück scheinbar überall ist. Du musst Leistung bringen, sagt mir die Gesellschaft. Denn „Wer nicht arbeitet, braucht auch nicht essen“. Du bist nur etwas wert ist, wenn du deine Leistung bringst.

Es fällt schwer von sich selbst noch gut zu denken, wenn ich durch dieses Raster falle. Wenn mich das makellose Glück nicht auf Schritt und Tritt verfolgt, wenn mein Leben mehr so durchschnittlich ist. Dann strenge ich mich an, besser auszusehen, bessere Noten zu schreiben, erfolgreicher zu werden, und reicher. Beliebter zu werden und bekannter, fitter und gesünder.

Aber was, wenn sich anstrengen nicht reicht? Wenn die Mathearbeit schon wieder missglückt ist, weil die Zahlen Samba getanzt haben. Wenn ich schon wieder zu der Torte gegriffen habe, weil die Stimme so unendlich laut in mir wurde. Wenn ich schon wieder kaum etwas mitbekomme von der Welt, weil die Wolke um mich rum einfach nicht aufreißt. Wenn die Kräfte einfach nicht mehr wiederkommen, weil ich mich völlig verausgabt habe, weil ich krank und hilfsbedürftig werde, älter und gebrechlicher. Was, wenn ich will, aber einfach nicht kann? Dann stimmt etwas mit dir nicht. Dann haben wir keinen Platz (mehr) für dich. - sagt die Gesellschaft.

VI Aber Paulus sagt: Nein. Wenn du willst, aber nicht kannst, bist du völlig normal. Dann stimmt alles mir dir. Denn nichts leisten zu können, gehört zum Menschsein dazu. Es ist normal, nicht zu können. Es ist normal, dass ein Leben seine Ecken und Kanten hat. Es ist normal, dass Leben auch scheitern bedeutet. Es ist normal, dass kein Leben perfekt ist, und auch aus Leid und Tränen, und nicht nur aus Glitzer und Einhörnern besteht.

Wenn du denkst: Ich will ja, aber ich kann nicht, dann sagt Paulus zu dir: Das ist völlig normal. Genau so, und nicht anders, nimmt Gott uns an. Als solche, die wollen, aber nicht können, sind wir doch ganz nahe bei Gott.

Aus diesem Vertrauen dürfen wir Christen leben. Und wir dürfen, ja wir sollen es immer wieder laut sagen: Dass der Wert eines Menschen nicht von seiner Leistung abhängt. Dass einer, der scheinbar nichts leistet, nicht weniger wert ist, als einer, der erfolgreich durchstartet. Wir dürfen den Mund aufmachen und einer Gesellschaft widersprechen, die von uns das Unnormale verlangt, und uns für das Normale ein schlechtes Gewissen macht. Die behauptet, man müsste sich nur mehr anstrengen, man müsste nur härter an sich arbeiten. Und die damit das Netz noch enger um die Menschen schnürt.

Dieser Gesellschaft dürfen wir beherzt widersprechen. Wir dürfen die Schere an das Netz setzen, und von der Freiheit erzählen. Von der Freiheit, mit dem Mühen und Strampeln aufzuhören. Von der Freiheit, sich fallen und tragen zu lassen. Von der Freiheit etwas wert zu sein, egal, wer wir sind, wieviel wir leisten, wie gut wir funktionieren. Von der Freiheit, angenommen und wertgeachtet zu sein. Einfach, weil wir Menschen sind. Von dieser Freiheit dürfen wir nicht schweigen.

Damit die Steine, wenn sie gefragt werden, ob sie wie die Menschen sein wollen, antworten: So weich werden wir nie.

Amen.