Jesus – eine echte Zumutung Matthäus 14,22-33 von Peer Schladebusch

Jesus – eine echte Zumutung Matthäus 14,22-33 von Peer Schladebusch

Er macht es mir nicht immer ganz einfach – dieser Jesus – ihn in meinem Alltag zu verstehen. Wenn ich allein im Auto unterwegs bin, dann rede ich auch schon mal lauter mit ihm: Jesus, was soll das jetzt wieder:
Warum musste dieser Mensch jetzt ausgerechnet sterben? Warum hast Du dieses Gebet nicht erhört? Warum gibt es jetzt diesen Streit in der Gemeinde? Warum haben diese Kinder jetzt keine Eltern mehr? Warum müssen so viele Christen auf dieser Erde unter Verfolgung und Drangsalierung leiden? Warum siehst Du bei so vielem Unrecht und Leid tatenlos zu? Warum wirfst Du die Lebensplanungen der Menschen immer so durcheinander?
Jesus, Du bist eine echte Zumutung für mich!
Ob so auch seine Jünger damals gedacht haben? Wenn ich den Predigttext im Zusammenhang der vorherigen Geschehnisse lese, bin ich mir da ziemlich sicher:
Gerade eben haben die Jünger etwas so Großartiges erlebt: Das Volk ist Jesus nachgelaufen aus den Städten in eine sonst öde und einsame Gegend. Eine Massenbewegung ist entstanden. Menschen wollen in unmittelbarer Nähe von Jesus sein. Ihn hören, sehen, wahrscheinlich auch geheilt werden von Krankheiten. In seiner Nähe vergeht die Zeit wie im Fluge. Da bricht schon die Nacht herein. Es wäre unverantwortlich, den Leuten nun nicht die Chance zu geben, sich in den Dörfern um Essen zu kümmern. Aber Jesus bleibt ganz ruhig. Mit fünf Broten und zwei Fischen macht er 5.000 Menschen satt. Und da sind zur damaligen Zeit nur die Männer gezählt, nicht die Frauen und Kinder. Am Ende bleiben sogar 12 Körbe mit Brocken von Brot übrig.
OK, wäre das jetzt nicht der Moment, das zu feiern? Wenn nicht jetzt, wann dann? Wer das kann, was Jesus kann, den muss man doch zum Anführer, zum Brotkönig, zum Führer des durch die römische Besatzungsmacht geschundenen Volkes machen. Ist es nicht super, gerade jetzt zu seinem engsten Kreis zu gehören?
Aber nein, Jesus macht hier Schluss, bricht hier einfach ab.
Wir hören dazu den Predigttext aus Matthäus 14,22-33: (Textlesung)
Jesus – die nächste Zumutung:
Jesus schickt seine Jünger komplett weg: Was soll das denn? Vielleicht fragen sie sich: „Sind wir jetzt nicht mehr gut genug? Das ist ja wie bei kleinen Kindern am Abend, so wie: Ab, ab ins Bettchen, Ihr Kleinen.“
Er zwingt sie sogar: „Steigt in das Boot und fahrt weg über den See.“ Ja, Jesus übt Zwang aus. Ein schlicht autoritärer Führungsstil. Ist das nicht enttäuschend? Entspricht das meiner Vorstellung von Jesus?
Danach schickt er auch alle anderen Menschen weg. Was für ein Ende: Es hätte so gut weitergehen können. Jetzt ist finstere Nacht. Jesus zieht sich zurück, betet allein auf einem Berg. Die Jünger kämpfen im Boot in der Nacht gegen die Wellen. Der starke Wind macht ihnen zu schaffen.
Die dritte Zumutung:
Sie sind von Jesus verlassen und allein. Hat er sie nicht berufen? Haben sie seinetwegen nicht alles verlassen und sind ihm gefolgt? Jetzt sind sie weit weg von Familie, Beruf und Freunden. Es mag so zwischen 3 und 6 Uhr morgens sein. Aber Jesus ist nicht bei ihnen.
 Vgl. Polarkreis 18 Allein Allein auf Vimeo Und schon die vierte Zumutung:
Jesus erschrickt seine Jünger zu Tode. Das ist kein Spaß. Das ist auch nicht einfach nur ein schlechter Film. Gemeinsam sehen sie, wie eine unheimliche Gestalt (griechisch: Phantasma) auf dem Wasser direkt auf sie zukommt. Die pure Angst ergreift sie. Das ist jetzt nicht Fantasy. Sie sind zwar müde und abgekämpft, aber immer noch Herr ihrer Sinne und auf dem Wasser mitten in der Realität.
Wir sind ja heutzutage schon einiges gewohnt. Technisch perfekt gemachte Filme in 3D-Technik und mit Surround-Klang nehmen uns hinein in Fantasy-Welten mit unvorstellbaren Lebewesen. Und doch wissen wir, wenn wir im Kino sitzen: Nachher komme ich hier wieder heile heraus. Ganz anders die Jünger: Sie sitzen im Boot auf dem See Genezareth. Mit Jesus rechnen sie jetzt nicht mehr.
Vor ein paar Stunden haben sie noch das Wunder der Brotvermehrung erlebt. Dass es Jesus sein könnte, der auf sie zukommt, haben sie jedoch nach diesen wenigen Stunden gar nicht mehr auf dem Radar.
Jetzt erschrecke ich auch über mich selbst. Wie schnell vergesse ich diesen Jesus, der mir ständig auch Gutes tut und mich am Leben erhält. Plötzlich habe ich ihn gar nicht mehr auf dem Schirm, wenn mir der Wind des Lebens entgegenweht: In ganz alltäglichen Dingen wie auch bei den schweren Einschlägen. Das ist wie eine totale Amnesie, ein totaler Gedächtnisverlust. Plötzlich lebe ich, als gäbe es Gott gar nicht, ohne Gott, Gott-los.
Bin ich nicht getauft auf seinen Namen? Habe ich nicht schon so viel Wunderbares mit ihm erlebt? Und plötzlich ist alles weg. Der Glaube hat sich in Nichts aufgelöst. Mein Vertrauen ist wie weggeblasen vom Wind. Ein Gefühl der totalen Verlorenheit und Hoffnungslosigkeit.
Es kommt mir vor wie in diesen Filmen, wo ein Ehepartner plötzlich total dement ist und den anderen per Sie anredet und fragt: „Wer sind Sie, was machen Sie hier?“ Und dann beginnt das vorsichtige Herantasten und das liebende Gewinnen des Gegenübers von Neuem. Und am nächsten Tag fängt wieder alles von vorne an. Ich finde es ganz stark, hier in der Bibel zu lesen, dass es sogar den Jüngern Jesu damals so ging wie mir auch immer wieder: Ein ständiges Zurückfallen in die geistliche Total-Demenz.
Und nun die fünfte Zumutung. Sie ist von einer ganz anderen, neuen Art:
Was Jesus jetzt ausspricht ist wie ein Code-Wort: „Seid getrost, ich bin´s; fürchtet euch nicht!“ Es ist wie das Umlegen eines Schalters: Vom Schrecken des Todes und der Gottvergessenheit zum vollen Vertrauen in Jesus. „Ich bin´s . . .“: Es erinnert an die Ich-bin-Worte aus dem Johannes-Evangelium, mit denen sich Jesus als Erretter und Messias offenbart.
Zu-Mutung heißt jetzt: Mehr Mut. Jesus schafft es, augenblicklich neuen Mut zu schenken, dort, wo vorher Furcht und Schrecken waren. Zu-Mutung: Sein Mut von außen wird der neue Mut der Jünger. Wenn er da ist, hat die Furcht ein Ende.
Diese Zu-Mutung wiederholt sich immer wieder seit Anbeginn der christlichen Kirche. Die Kirche, die totgesagt ist, sterbend, verfolgt, heruntergewirtschaftet, verlaust und verlottert, wird durch Jesus immer wieder erweckt und getröstet. Diese Totgesagte lebt länger, nämlich ewig.
Aber ich blicke auch in die Tageszeitung und lese die Todesanzeigen. Jeden Tag bin ich erschüttert von der Hoffnungslosigkeit, die sie oft ausdrücken. Selten finde ich ein biblisches Wort, das über den Horizont hinausweist wie: „Seid getrost, ich bin´s; fürchtet euch nicht!“ Ich merke, ich brauche dieses Code-Wort des Lebens und nicht ein Bild von einem Hobby, das der oder die Verstorbene ausgeübt hat und auch nicht diese Reime über das schwere Arbeitsleben und die sanfte Ruhe.
Ja und die sechste und letzte Zumutung unseres Predigttextes werden Sie vielleicht schon aus biblischen Geschichten der Kindertage kennen, aus einer Kinderbibel mit Bildern oder dem Kindergottesdienst. Sie ist so eindrücklich, dass auch Kinder sie staunend verfolgen:
Da traut sich dieser Jünger Petrus auf Jesu Wort hin etwas Unglaubliches zu: Er steigt einfach aus dem Boot und geht wie Jesus auf dem Wasser: Ihm entgegen. Es klappt auch erst. Doch dann verläßt ihn der Glaubensmut und er beginnt zu sinken.
„Du Kleingläubiger, warum hast Du gezweifelt“, spricht Jesus. Das ist wie bei mir. Viel zu wenig erwarte ich von diesem Jesus. Ich entdecke aber auch, dass die Zumutungen in meinem Leben, die Chancen für mich sind, mir seinen Mut zu meinem Mut werden zu lassen. Manchmal denke ich: Er ist damit beschäftigt, in meinem Leben Krisen zu erzeugen. Es ist wie ein Training, das er mir gibt auf seinem Weg mit ihm und zu ihm. Er ist Seelsorger, Pädagoge und Trainer zugleich. Und doch gibt es immer wieder Momente, in denen ich das nicht so sehe und am liebsten mit den Jüngern spräche: „Jesus – wir verstehen dich einfach nicht: Du bist eine echte Zumutung!“
Jesus enttäuscht die Jünger, er zwingt sie, ihn zu verlassen, er lässt sie allein, er erschrickt sie zu Tode. Eine lange Durststrecke und ein hartes Training.
Wenn wir jetzt in der dunklen Epiphanias-Zeit die Sichtbarwerdung Gottes feiern, dann gehört gerade dieses zum Leben hinzu. Das Kalenderjahr liegt vor uns. Da brauchen wir dieses Code-Wort des Lebens in unseren dunklen Zeiten, die Zu-Mutung Jesu: „Seid getrost, ich bin´s; fürchtet euch nicht!“
Amen.