Klare Grundsätze. Realistische Selbsteinschätzung. – Predigt zu 1. Johannes 1,5-2,6 von Martin Weeber

Und das ist die Botschaft, die wir von ihm gehört haben und euch verkündigen: Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis. Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln doch in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit. Wenn wir aber im Licht wandeln, wie er im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander, und das Blut Jesu, seines Sohnes, macht uns rein von aller Sünde. Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit. Wenn wir sagen, wir haben nicht gesündigt, so machen wir ihn zum Lügner, und sein Wort ist nicht in uns. Meine Kinder, dies schreibe ich euch, damit ihr nicht sündigt. Und wenn jemand sündigt, so haben wir einen Fürsprecher bei dem Vater, Jesus Christus, der gerecht ist. Und er selbst ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt. Und daran merken wir, dass wir ihn erkannt haben, wenn wir seine Gebote halten. Wer sagt: Ich habe ihn erkannt, und hält seine Gebote nicht, der ist ein Lügner, und in dem ist die Wahrheit nicht. Wer aber sein Wort hält, in dem ist wahrlich die Liebe Gottes vollkommen. Daran erkennen wir, dass wir in ihm sind. Wer sagt, dass er in ihm bleibt, der soll so leben, wie er gelebt hat.

 

Das Programm ist einfach und schlicht: Die Lehre und das Leben sollen übereinstimmen. Was in der Theorie gelehrt wird, das soll sich in der Praxis zeigen. Die großen Grundsätze sollen in der Umsetzung ihre Wahrheit bewähren. Dieses Programm ist sehr einleuchtend. Aber wenn es dann einmal nicht so ist, dass die Praxis mit der Theorie übereinstimmt – dann wird sehr schnell die Theorie in Frage gestellt, wird die Lehre angezweifelt, werden die Grundsätze problematisiert. „Wenn Ihr behauptet, dass ihr zu Christus gehört, dann müsst Ihr auch so leben, wie er gelebt hat.“ Wenn es herauskommt, dass im pietistisch geprägten  Kinderheim Kinder schlecht behandelt, ja sogar missbraucht worden sind: Dann wird der Pietismus insgesamt in Frage gestellt. Wenn ein Mitarbeiter einer staatlichen Behörde einen Fehler macht: Dann schließt man zurück auf die ganze Behörde. Und wenn in einer Behörde viele Fehler gemacht werden: Dann sind neuerdings manche Leute schnell dabei, von einem Staatsversagen zu reden. Man schließt zurück von einer schlechten Praxis auf die Grundsätze, die diese Praxis eigentlich hätten leiten sollen. Man schließt auch zurück von einzelnen Personen auf die Institutionen, denen sie angehören. Von schlechten Lehrern schließt man zurück auf das Schulsystem. Von schlechten Pfarrern schließt man zurück auf die Kirche. Und man ist schockiert, wenn man in der Zeitung davon liest, dass es auch in Firmen, von deren Seriosität immer alle überzeugt waren, Tricksereien und Betrügereien gegeben hat. Man schließt von der Praxis zurück auf die Theorie, vom Vertreter einer Institution auf die Institution selber; vom Einzelnen auf die Gruppe, der er angehört, von der Mitarbeiterin auf die Firma. „Wenn Ihr behauptet, dass ihr zu Christus gehört, dann müsst Ihr auch so leben, wie er gelebt hat.“ Dieses Programm der Übereinstimmung zwischen Lehre und Leben ist völlig einleuchtend.

Wer eine Theorie vertritt, der muss auch in der Praxis danach handeln. Wer Grundsätze propagiert, der muss sie auch verwirklichen in dem, was er tut. Jede Institution wird darum versuchen, das Ethos derer, die ihr angehören und sie vertreten, zu pflegen. Das gilt für große staatliche Institutionen und es gilt für kleine  Vereine oder Initiativen. Es gilt für große Firmen wie für kleine Handwerksbetriebe. „Wer in meinem Handwerksbetrieb arbeitet, der arbeitet ordentlich, und wenn er geht, hinterlässt er keine Unordnung.“ Man schult seine Mitarbeiter. Man übt sie etwa ein in einen guten Umgang mit den Kunden. Die Mitarbeiter müssen ihren Job beherrschen, aber sie müssen auch gut mit den Kunden umgehen können. Wir machen das in der Kirche natürlich genauso: Wer etwa in der Jugendarbeit aktiv mitwirken will, der muss zunächst eine Mitarbeiterschulung durchlaufen. Wir wollen, dass unsere Arbeit gut gemacht wird. Darum schulen wir die Leute.  Darum gibt es für angehende Pfarrer das Ausbildungsvikariat. Darum besuchen Erzieherinnen immer wieder Fortbildungen, und Pfarrer ebenso.

Wir werden als Kirche daran gemessen, wie sich jeder verhält, der sich als Kirchenmitglied zu erkennen gibt oder der gar beruflich für die Kirche oder die Gemeinde tätig ist. Das ist in der Kirche nicht anders als sonstwo auch. Dieses Denken hat etwas Einleuchtendes an sich, aber auch etwas sehr Unbarmherziges. Denn es rechnet nicht damit, dass Menschen unvollkommen sind. Menschen sind keine Maschinen. Menschen werden müde. Menschen sind nicht immer ganz bei der Sache. Menschen sind bisweilen überfordert. Und dann machen sie Fehler. Wir Menschen sind nicht perfekt. Wir sind nicht immer so, wie wir sein sollten. Wir sind nicht immer so, wie wir gerne wären. Oder ist hier einer unter uns, der von sich sagen würde: „Ich habe noch nie einen Fehler gemacht!“? Wir Menschen sind ziemlich anfällig dafür, Fehler zu machen. Auch das hat unser Predigttext im Blick. Darum redet er von der Fehlbarkeit von uns Menschen. Sein Ausdruck dafür ist „Sünde“.

Man weiß nicht so sehr viel über den Verfasser der kleinen Schrift, aus der unser Predigttext ein Abschnitt ist. Aber man vermutet, dass er ein alter Mann gewesen ist, als er diesen Brief geschrieben hat. Mir würde das sehr einleuchten. Denn für mich spricht sich in dem, was er schreibt, eine große Lebenserfahrung aus. Er hat jene Phase des Lebens hinter sich, in der man die Dinge in schwarz und weiß einteilt. Ja, man merkt es seinen Zeilen durchaus an, dass er die Faszination dieser Sicht auf die Welt durchaus noch nachvollziehen kann: „Gott ist Licht, und in ihm ist keine Finsternis. Wenn wir sagen, dass wir Gemeinschaft mit ihm haben, und wandeln doch in der Finsternis, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit.“ Es gibt Licht und Finsternis, es gibt Lüge und Wahrheit – und dazwischen nichts.

Wenn man die Dinge so sieht, dann gibt einem das eine ungeheure Energie: Man kann alles ganz klar einordnen und zuteilen. Man hat für alles jeweils zwei Kästchen: hell/dunkel, gut/schlecht, wahr/falsch. Und so weiter. Man sortiert alles auf der Welt entweder in das eine Kästchen ein oder in das andere. Man ist eindeutig für etwas oder eindeutig gegen etwas. Aber vielleicht beginnt man irgendwann zu zögern: Wenn ich mich mit Haut und Haaren für meinen Beruf einsetze – das ist doch gut! Aber wenn ich dabei dann vor lauter Arbeitseifer meine Familie vernachlässige? Sicher ist es gut, wenn die Autofirmen ihre Fahrzeuge gut absetzen können. Aber verstopfen die vielen Autos nicht irgendwann unsere Straßen und Städte? Und so weiter.

Irgendwann kommen die meisten Leute darauf, dass fast alle Dinge zwei Seiten haben. Nur weniges ist eindeutig gut, und nur weniges ist eindeutig schlecht. Wohlgemerkt: Es gibt sie schon, die Dinge, die eindeutig gut und die Dinge, die eindeutig schlecht sind. Und so ist das auch mit unserem Handeln: Es gibt ein paar gewichtige Eindeutigkeiten, aber es gibt auch vieles, was zwei Seiten hat. Wenn ich zum Beispiel Menschen helfe, indem ich ihnen eine finanzielle Unterstützung zukommen lasse, dann trage ich leicht auch dazu bei, dass sie sich in ihrer Passivität einrichten. „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns.“

Das kann uns sehr belasten, wenn wir merken, dass wir Dinge tun, deren Folgen alles andere als eindeutig gut sind. Und manches Mal machen wir auch Dinge, von denen wir ganz genau wissen, dass sie nicht gut sind. Aber sie sind eben im Moment so verlockend, dass wir ihnen nicht widerstehen können. Wir verkneifen uns die spitze Bemerkung nicht, weil sie uns geistreich dastehen lässt. Wir genießen den Triumph, den es uns bereitet, wenn wir anderen einen Fehler oder eine Schwäche nachweisen können. Wir genießen es, zu den Guten zu gehören. Wir schauen auf andere herab.

All das gehört in den großen Bereich dessen, was die Bibel als „Sünde“ bezeichnet. Manche Menschen scheinen total cool zu sein. Sie scheinen durch solche Überlegungen nicht belastet zu sein. An ihnen scheint das alles abzugleiten. Soll man solche Leute beneiden? Manchmal beneide ich solche Menschen in der Tat. Selbstgerechtigkeit hat auch etwas sehr Verlockendes. Wie schön, wenn man sich immer für perfekt halten kann!

Aber was ist mit denen, die nicht so leicht darüber hinwegkommen können, dass sie nicht immer so gut handeln, wie sie es gerne täten? Was ist mit denen, die sich wegen ihrer Fehler und Schwächen schämen? Für die hat unser Predigttext eine tröstliche Perspektive: Er verweist darauf, dass Jesus „uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit.“ Für manche hört sich das furchtbar altmodisch an, wie eine Botschaft aus uralter Zeit. Aber bei Lichte betrachtet ist diese Botschaft des alten und lebenserfahrenen Johannes von großer Klugheit und Schönheit: Sie will uns herausholen aus dem Karussell der Selbstvorwürfe und Grübeleien.

Die Größe der Worte des alten Johannes liegt in zweierlei: Zum einen darin, dass er die großen Grundsätze nennt und anerkennt: Licht und Finsternis, Wahrheit und Lüge. Zum anderen aber darin, dass er uns auf den verweist, der die „Versöhnung“ ist „für unsere Sünden“. Klare Grundsätze. Realistische  Selbsteinschätzung: Wir sind der Versöhnung und der Vergebung bedürftig. „Wenn Ihr behauptet, dass ihr zu Christus gehört, dann müsst Ihr auch so leben, wie er gelebt hat.“

Wie hat Christus gelebt? Auf jeden Fall so, dass er barmherzig umgegangen ist mit uns fehlbaren und so oft auch tatsächlich Fehler begehenden Menschen. Wie er barmherzig umgeht mit uns, so sollen auch wir barmherzig umgehen miteinander. Wir sind solche, denen Christus die Sünden vergibt – und die anderen sind’s auch.

Noch einmal in der kräftigen Sprache der Bibel gesagt: „Wenn wir sagen, wir haben keine Sünde, so betrügen wir uns selbst, und die Wahrheit ist nicht in uns. Wenn wir aber unsre Sünden bekennen, so ist er treu und gerecht, dass er uns die Sünden vergibt und reinigt uns von aller Ungerechtigkeit. Und er selbst ist die Versöhnung für unsre Sünden, nicht allein aber für die unseren, sondern auch für die der ganzen Welt.“

Amen