Lebenskinder - Königskinder – Hoffnungskinder – Predigt zu Jesaja 9,1-6 von Georg Freuling

Lebenskinder - Königskinder – Hoffnungskinder – Predigt zu Jesaja 9,1-6 von Georg Freuling

Wir feiern heute ein Kind: das Kind von Bethlehem. Ich habe immer wieder den Eindruck: Das bestimmt die Art und Weise, wie wir feiern. Weihnachten weckt in uns die Sehnsucht nach einer heilen Welt, den Wunsch, dass alles gut wird. Unausgesprochen sehnen sich viele zurück in die Unbeschwertheit ihrer Kindheit. Ob es die immer so gab...?

Ja – wir feiern heute ein Kind. Aber Weihnachten ist mehr als der größte Kindergeburtstag des Jahres. Weihnachten soll uns mehr geben, als dass es Wünsche und Sehnsüchte in uns wach hält.

In der Weihnachtsgeschichte sagen die Engel: „Euch ist heute der Heiland geboren!“ Und damit das kein Kinderkram bleibt, hören wir heute eine alte Weissagung aus dem Buch des Propheten Jesaja. „Uns ist ein Kind geboren“ heißt es da. Dieses Kind soll uns heute zeigen, was es mit dem Kind von Bethlehem auf sich hat und mit uns – Menschenkindern. Ich lese Jesaja 9,1-6:

 

1) Das Volk, das im Finstern wandelt, sieht ein großes Licht, und über denen, die da wohnen im finstern Lande, scheint es hell. 2) Du weckst lauten Jubel, du machst groß die Freude. Vor dir wird man sich freuen, wie man sich freut in der Ernte, wie man fröhlich ist, wenn man Beute austeilt. 3) Denn du hast ihr drückendes Joch, die Jochstange auf ihrer Schulter und den Stecken ihres Treibers zerbrochen wie am Tage Midians. 4) Denn jeder Stiefel, der mit Gedröhn dahergeht, und jeder Mantel, durch Blut geschleift, wird verbrannt und vom Feuer verzehrt. 5) Denn uns ist ein Kind geboren, ein Sohn ist uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und er heißt Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst; 6) auf dass seine Herrschaft groß werde und des Friedens kein Ende auf dem Thron Davids und in seinem Königreich, dass er's stärke und stütze durch Recht und Gerechtigkeit von nun an bis in Ewigkeit. Solches wird tun der Eifer des HERRN Zebaoth.

„Uns ist ein Kind geboren“ sagt der Prophet Jesaja. Mehr als 700 Jahre vor der Nacht von Bethlehem. Jede und jeder hat es wahrscheinlich gerade herausgehört: Hier geht es um ein besonderes Kind.

Die Menschen, zu denen der Prophet spricht, waren besorgt und verängstigt - „ein Volk im Dunkeln.“ Die Welt ringsum war finster und bedrohlich. Die Soldaten Assurs versetzten den Orient in Angst und Schrecken. Trampelten alles nieder, was sich ihnen in den Weg stellte – grausam und brutal. Im Norden sahen die Menschen in Jerusalem, was ihnen blühte. Zukunft sahen sie nicht – für sich und ihre Kinder.

In diese Welt hinein spricht der Prophet von dem Kind, das alles ändert: „Uns ist ein Kind geboren.“

Was hat es mit diesem Kind auf sich? Und mit dem Kind von Bethlehem? Und – was hat das mit uns zu tun?

Es gibt etwas, was uns mit diesen Kindern verbindet: Am Anfang sind wir alle ein schreiendes,

blutverschmiertes Bündel Mensch. So kommen wir zur Welt. Am Anfang müssen wir raus aus dem Bauch der Mutter. Das ist mit Schmerzen verbunden. Das ist gefährlich. Danach sind Mutter und Kind fertig. Väter oft auch… Und dann zeigt uns dieses kleine Bündel Mensch, wie kostbar und zugleich verletzlich unser Leben ist. Das rührt uns an, macht uns glücklich.

Die meisten Kinder schreien direkt nach der Geburt. Früher hielt man diesen Schrei für lebenswichtig. Mit diesem Schrei, so dachte man lange, fangen die Lungen an zu arbeiten. Ab da atmet das Menschenkind. Heute hilft man nicht nach. Trotzdem schreien die meisten Kinder früher oder später: nach Milch, nach Zuwendung, nach Liebe, nach Leben. Und ich glaube: Das steckt in uns drin – auch, wenn dieser erste Schrei schon längst verstummt ist. Bis zum letzten Atemzug: Du bist ein Lebenskind.

Da kann die Welt noch so dunkel sein. Jedes neugeborene Kind zeigt uns, wie widerspenstig das Leben ist. Dann geht die Sonne auf…

Deshalb erzählt Jesaja seinen Leuten von diesem Kind. Da mögen die Stiefel im Gleichschritt marschieren und die Menschen zittern: Dieses Kind schreit dagegen an mit seinem Lebenshunger.

Ist es nicht merkwürdig, dass sich das Leben in dieser Welt immer wieder behauptet, dass es triumphiert, obwohl es so verletzlich ist? Obwohl es so schnell unter die Räder gerät. Immer wieder...

An das Kind von Bethlehem hat der Prophet nicht gedacht. Warum sollte er seine Leute 700 Jahre vertrösten? Trotzdem ist es auch dort im Stall dasselbe: ein kleines, schreiendes Bündel Mensch. So wie immer, wenn ein Kind zur Welt kommt. Und doch anders: „Menschwerdung“ sagen wir. Gott wird Mensch, ein Lebenskind – wie Du und ich. Weil Gott das Leben will, weil er es liebt, taucht er selbst hinein. Er tritt an unsere Seite, um dem Leben den Rücken zu stärken.

Damals bei Jesaja, damals in Bethlehem, heute - es gibt noch etwas, was uns mit diesen Kindern verbindet: Ein Kind bekommt einen Namen. Bei uns heute steht der mit der Geburt schon fest. Oft haben die Eltern lange darüber nachgedacht. Bei Taufgesprächen reden wir oft darüber. Der Name wird ausgesucht, weil er schön klingt, weil er eine besondere Bedeutung hat oder andere aus der Familie auch schon so hießen. 2018 sind die beliebtesten Vornamen Emma und Ben.

Bei dem einen Namen bleibt es dann aber nicht; Eltern werden erfinderisch: Hase, Maus, Spatz… Ich nehme an: Bei den meisten Eltern ist das so. Psychologen sagen, dass dadurch Zuwendung zum Ausdruck kommt.

Klar: Das kann Kindern auch zu Kopf steigen. In Köln habe ich neulich eine pinke Karte gesehen –

mit einer Krone drauf und dem Spruch: „Egal, was Papa sagt: Du bist keine Prinzessin.“ Und Eltern sollten auf jeden Fall aufhören, wenn es für die Kinder peinlich wird. Ich nehme an, dass kein 13jähriger sich freut, wenn er von seiner Mutter vor der Schule mit „Hallo, Mausebacke“ begrüßt wird.

Trotzdem sind diese Kosenamen wichtig und sagen etwas aus: Für Eltern sind ihre Kinder unendlich wichtig und wertvoll. Ausnahmen bestätigen – leider – die Regel. Und für Kinder ist das Wissen wichtig: Hier stehe ich an erster Stelle. Hier bin ich das Königskind.

Von einem richtigen Königskind spricht Jesaja. Am Königshof in Jerusalem wird ein Prinz geboren, der später auf dem Thron Davids regieren wird. Dieses Königskind bekommt gleich mehrere Namen: Wunder-Rat, Gott-Held, Ewig-Vater, Friede-Fürst. Das sind keine gewöhnliche Namen! Wahrscheinlich sind es sogenannte Thronnamen, die es auch bei den Ägyptern gab. Diese Namen zeigen: Dieser König ist Gott besonders nah und besonders begabt.

Auch das Kind von Bethlehem bekommt einen Namen: Jesus – Jehoshua – Gott hilft. Und es trägt noch andere Namen: Christus – Messias – der Gesalbte Gottes. Immanuel – Gott ist mit uns. Nicht nur seine Namen, seine ganze Geschichte erzählt, wer Gott für uns ist: Gott ist der Liebende, für den jedes Menschenkind an erster Stelle steht: ein Königskind.

Damals bei Jesaja, damals in Bethlehem, heute - es gibt noch etwas, was uns mit diesen Kindern verbindet: Wir sind in diesem Leben nicht immer auf Rosen gebettet, aber trotzdem sind wir Hoffnungskinder. Wenn ein Kind geboren wird, fragen sich Eltern schon mal: „Kind, in was für eine Welt haben wir Dich hineingesetzt?“ Und manche Erwachsene sind der Überzeugung, dass man diese Welt keinem Kind zumuten kann. Was haben wir Menschen aus dieser Welt gemacht?! Wir haben ihr unseren Stempel aufgedrückt, machen Wälder zur Wüste, und unser Müll schwimmt in den Ozeanen. Wie lange erträgt diese Erde uns noch? Friedenskinder sind wir auch nicht! Überall Hass und Gewalt, Unvernunft und Dummheit, dass es zum Himmel schreit. Und dazwischen unsere Kinder...

Trotzdem bringen Kinder Hoffnung in diese Welt. Sie öffnen uns Erwachsenen die Augen für das, was wir zu sehen verlernt haben - den Vogel am Himmel, den Marienkäfer auf dem Blatt, das Gänseblümchen am Wegrand. Sie protestieren gegen die kleinste Ungerechtigkeit, wo wir schon resigniert haben. Und sie erinnern uns daran, dass auch wir uns diese Welt ganz anders wünschen, machen uns zu Hoffnungskindern.

Große Hoffnungen setzt Jesaja auf das Kind, das am Königshof in Jerusalem geboren wird. Da kommt einer, der für Frieden und Gerechtigkeit sorgt. Da kommt einer, der zeigt: Gott hat uns nicht vergessen. Er hält das Versprechen, das er David gegeben hat. Er ist treu.

Und das Kind von Bethlehem? Auf Rosen gebettet ist es nicht - nicht im Himmelbett mit Samt und Seide, sondern im Futtertrog auf Stroh. Ein König, der nicht hoch zu Roß daher kommt, sondern auf einem Eselchen. Er hat einen harten Weg vor sich - der gekreuzigte Freund der Sünder.

Trotzdem hat er dieser Welt etwas entgegenzusetzen: Da kommt Gott nicht mit Macht, räumt nicht ein für alle mal auf. Kein Machtwort – sondern Liebe. Und die Idee von einer anderen Welt, in der nicht das Recht des Stärkeren zählt, in der die Gerechtigkeit nicht niedergetrampelt wird. Mit diesem Kind kommt unsere Hoffnung zur Welt, eine Hoffnung, die nicht tot zu kriegen ist. Da können die Mächtigen dieser Erde twittern und toben, wie sie wollen. Wir sind und bleiben Hoffnungskinder!

Deshalb feiern wir heute: Gott hat uns beschenkt; Lebenskinder – das sind wir. Gott liebt uns; Königskinder – das sind wir. Gott gibt uns uns diese Welt nicht auf; Hoffnungskinder – das sind wir! Amen.

Gebet

Gott, wir sehnen uns nach Deiner Nähe.

Wir schauen aus nach dem,

der zu uns kommt.

IHN versprichst Du uns,

den Wunder-Rat, Gott-Held,

Ewig-Vater, Friede-Fürst.

Deshalb bitten wir:

 

Komm, Wunder-Rat,

komm in unsere Welt,

rate allen die das Sagen haben

in Regierungen, Parlamenten und Palästen.

Bewege sie zu Besonnenheit und Menschlichkeit.

 

Komm, Gott-Held,

komm in unsere Welt,

und mach unsere Helden klein,

damit sie nicht überheblich werden

und Not und Elend über die Menschen bringen.

 

Komm, Ewig-Vater,

komm in unsere Welt

und mach uns zu Deinen Kindern.

Mach uns reich durch Deine Fürsorge,

damit unsere Herzen weit werden.

 

Komm Friede-Fürst,

komm in diese zerrissene Welt,

die sich so sehr nach Frieden sehnt.

Lass die Hassparolen verstummen,

entwaffne Hände und Herzen durch Deine Liebe.

 

Amen.