Neu aufleben – wie ein Baum – Predigt zu Jesaja 65, 17-19 von Claudia Trauthig

I.

Ach, du liebe Zeit,  sagt die schwarz gekleidete Frau mit leisem Schreck in der Stimme, jetzt hab ich ja grad richtig gelacht, sogar laut… , wieder, das ist…, glaub ich…, das erste Mal, seit mein Mann…, also, seit der Trauerfeier… und das ist doch noch gar nicht lang her…- Darf ich denn überhaupt schon wieder lachen? (…)

Liebe Schwestern und Brüder,

Fragen wie diese beschäftigen viele, die einen geliebten Menschen gehen lassen mussten, erst kürzlich, traurig und hilflos am offenen Grabe standen.

Und häufig sind da ja Momente, nein: eher Stunden, Tage, Wochen, in denen man meint, nie mehr, gar nie, so wie früher, „davor“, lachen zu können… leichte Augenblicke zu erleben, in denen alles Schwere verfliegt, wie ein Schwarm Krähen, der an einen anderen Ort zieht oder wie die Sonne, die den Nebel durchbricht.

Darf ich überhaupt schon wieder lachen…, Frau Pfarrerin? Um Himmels Willen: Ja! Du darfst. Auf diese Frage antwortet mit klarer Stimme, unmissverständlich, der Predigttext für den heutigen „Totensonntag“: 

Überraschend  redet er nicht vorrangig von der Ewigkeit, dem „Himmel“, von der wir doch hoffen und glauben, dass sie nun die Heimat unserer geliebten Verstorbenen ist. Verblüffend redet er stattdessen von dieser unserer ganz handfesten Welt, in der es auch während dieses Gottesdienstes… Zahllose gibt, die das Liebste verlieren: Den Partner durch jähen Herztod,          ein Familienmitglied durch scheußlichste Krankheit, Unschuldige durch Krieg, Gewalt, Flucht oder gar ein Kind, das noch nicht einmal auf der Welt ist.

Es sind Worte, die überwältigen können, wie es nur die Liebe vermag. Worte, die zu schön sind, um nicht wahr zu sein (Heribert Prantl). Worte, die wir, die Sie nötig haben… Und die heute hierhergehören, weil Gottes Anderwelt schon im Kommen ist: Siehe, ich mache alles neu!

Hören wir jene Worte aus Jesaja 65:

Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird.  Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe. Denn siehe, ich erschaffe Jerusalem zur Wonne und sein Volk zur Freude, und ich will fröhlich sein über Jerusalem und mich freuen über mein Volk. Man soll in ihm nicht mehr hören die Stimme des Weinens noch die Stimme des Klagens.  Es sollen keine Kinder mehr da sein, die nur einige Tage leben, oder Alte, die ihre Jahre nicht erfüllen, sondern als Knabe gilt, wer hundert Jahre alt stirbt, und wer die hundert Jahre nicht erreicht, gilt als verflucht.  Sie werden Häuser bauen und bewohnen, sie werden Weinberge pflanzen und ihre Früchte essen.  Sie sollen nicht bauen, was ein anderer bewohne, und nicht pflanzen, was ein anderer esse. Denn die Tage meines Volks werden sein wie die Tage eines Baumes, und ihrer Hände Werk werden meine Auserwählten genießen. Sie sollen nicht umsonst arbeiten und keine Kinder für einen frühen Tod zeugen; denn sie sind das Geschlecht der Gesegneten des HERRN, und ihre Nachkommen sind bei ihnen. Und es soll geschehen: Ehe sie rufen, will ich antworten; wenn sie noch reden, will ich hören. Wolf und Lamm sollen beieinander weiden; der Löwe wird Stroh fressen wie das Rind, aber die Schlange muss Erde fressen. Man wird weder Bosheit noch Schaden tun auf meinem ganzen heiligen Berge, spricht der HERR.

II.

Sind diese Gottesworte nicht wie Balsam auf Wunden der Seele? Seit Jahrtausenden schon lindern, heilen, beleben sie, lassen die Niedergestreckten von Neuem aufstehen, auferstehen. Ein Schüler eines Schülers des großen Propheten Jesaja hat sie vor weit über 2000 Jahren aufgeschrieben.  So kamen sie in die Sammlung dieses herausragenden Prophetenbuchs, das wir mit dem Namen Jesaja verbinden. Und ich frage mich: Kann man diesen fantastischen Bilderbogen der Hoffnung, zwischen neuem Himmel und neuer Erde, den friedlich miteinander weidenden Tieren, Löwe und Rind, Schaf und Wolf, mit seinem lebensfrohen Glanz überhaupt erfassen, hier, beim Hören unter der Kanzel? Mit den vielen persönlichen Gedanken, v.a. Gefühlen, die jeden und jede hier heute bewegen? Machtvoll strömt Lebenslust aus diesen Worten in unseren Tag. Machtvoll wird nicht (wie in der Schriftlesung) Gottes ganz neue Welt am Ende der Zeit beschrieben, sondern das, was Gott JETZT für die Welt will und schenkt und schafft: Freuet euch und seid fröhlich immerdar über das, was ich schaffe!

Die Männer, Frauen und Kinder, die jene Botschaft als erste gesagt bekommen, sind uns, besonders Ihnen, liebe Trauernde, seelisch nahe.  Auch sie wissen nicht wirklich, wie das Leben wirklich wieder gut werden kann. Auch sie haben oft keine Kraft mehr für neue Herausforderungen. Auch ihnen erscheint vieles im Alltag wie hinter Nebelwänden, voller Krähengeschrei… Nach Jahren, Jahrzehnten im Exil darf das Volk, dürfen die Menschen, endlich zurück: in die alte Heimat, das gelobte Land… Doch Milch und Honig sind längst versiegt. Einstige Lebensbegleiter und -begleiterinnen sind nicht mehr da. Spuren der Zerstörung sind  allgegenwärtig.

„Mein Leben liegt in Trümmern“,  so hat ein plötzlich Verwitweter zusammengefasst. Überall ist das Fehlen von ihr. Den Israeliten fehlt es an allem: Die Säuglingssterblichkeit ist hoch, die Lebenserwartung niedrig.  Wo das Vaterhaus noch steht, wohnt längst ein anderer darin.  Im Weinberg der Eltern freuen sich Fremde an der Ernte. Die Heimkehrenden sind nicht willkommen. Was trägt, was gibt Zukunft? (…) Denn siehe, ich will einen neuen Himmel und eine neue Erde schaffen, dass man der vorigen nicht mehr gedenken und sie nicht mehr zu Herzen nehmen wird. So spricht Gott. Auch wenn rechts und links, vorne wie hinten alles eine andere Sprache spricht… Auch wenn die Bilder des Todes machtvoll erschüttern… Gott will es anders.  Und ER schafft es anders. Den müden Menschen, die meinen, nichts mehr aus eigener Kraft schaffen zu können, nicht mal so etwas scheinbar Leichtes wie Lachen, verspricht ER: Siehe ich mache alles neu. Ich will dem Durstigen geben von der Quelle lebendigen Wassers umsonst.

Viele, die hier sitzen, werden solche Erfahrungen, Auferstehungserfahrungen, Gott sei Dank, schon im eigenen Leben gemacht haben. Besonders die Kriegsgeneration weiß nur zu gut, was für ein Dunkel das war, aus dem man kam: „Stunde Null“. Fragwürdige Zukunft in Trümmerlandschaft.

Doch die grau-schwarzen Bilder des Todes überdeckt Gott mit seiner Verheißung, mit kommenden Bildern gesegneter Tage.  Traumatherapeuten, die Menschen nach schweren, brutalen Lebensereignissen begleiten, versuchen genau das: Über die Bilder von Gewalt und Tod werden Bilder neuen Lebens, des Glücks, des Friedens gelegt – damit die Seele heilt, auflebt.

Ja – wunderschön sind diese Bilder,  mit denen Gott unsere Sehnsucht versteht, seine Wunder an uns beschreibt.  Am besten wären sie -gerade an verdunkelten Tagen- morgens und abends zu lesen. Was bräuchte es mehr?

Und doch haben wir -Christenmenschen- noch mehr.  Heute in einer Woche werden wir den ersten Advent feiern.  Die neuen Bilder unseres erneuerten Lebens sind Bilder, in denen uns Christus begegnet: Menschensohn, Gotteskind, Jahrhunderte nach Jesaja geboren.  Im Gotteskind, Menschensohn, der die Hungrigen speist, die Kranken heilsam berührt,  alle Schmerzen vergessen macht.  Der die Kinder in die Mitte stellt und mit ihnen lacht. Der den Wein genießt und auf die Frauen hört. Der hinabsteigt in das Reich des Todes. Der Gottes Sohn ist und ein Ende setzt allen Mächten des Todes. Weil ER lebt: von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Sein Heiliger Geist verwandelt – auch uns. Gerade jenes Lachen, das aus der Tiefe kommt und wieder hell erklingt, findet Widerhall in Gottes ewigem Reich. Oder – vielleicht ist es genau umgekehrt, dass unser Lachen, dass sich gegen die Traurigkeit behauptet, ein Echo ist der himmlischen Freude?

 

III.

Mit diesem Vertrauen und den bunten Bildern der Hoffnung vor Augen können wir das Leben neu lernen. Ein ganz unspektakuläres, aber umso hilfreicheres Bild finden wir dafür im Predigttext: Denn die Tage meines Volkes werden sein wie die Tage eines Baumes.  Leben wie ein Baum. Das ist eine Spur, der ich folgen will und die doch auch gut in diese Jahreszeit passt… Ein Baum verwurzelt sich fest in der Erde und streckt zugleich seine Zweige weit in den Himmel aus.  Er meistert das Leben: Hitze, Kälte, Sturm und Frost. Noch bevor jetzt im Hebst das letzte Blatt vom Ast fällt, hat im Baum schon der Frühling begonnen, werden neue Knospen angelegt.  So lasst uns schließen mit einem Gebet von Lothar Zenetti, das dieses Bild, diese Gedanken aufgreift:

Herr, wie ein Baum so sei vor dir mein Leben.
Herr, wie ein Baum sei vor dir mein Gebet.

Gib Wurzeln mir, die in die Erde reichen,
dass tief ich gründe in den alten Zeiten,
verwurzelt in dem Glauben meiner Väter.

Gib mir die Kraft, zum festen Stamm zu wachsen,
dass aufrecht ich an meinem Platze stehe und wanke nicht,
auch wenn die Stürme toben.

Gib, dass aus mir sich Äste frei erheben,
oh meine Kinder, Herr, lass sie erstarken
und ihre Zweige stecken in den Himmel.

Gib Zukunft mir und lass die Blätter grünen
und nach den Wintern Hoffnung neu erblühen,
und wenn es Zeit ist, lass mich Früchte tragen.

Herr, wie ein Baum so sei vor dir mein Leben.
Herr, wie ein Baum sei vor dir mein Gebet.

Amen