Nur Mord und Totschlag? – Predigt zu 1. Mose 4,1-16a von Andreas Pawlas

Nur Mord und Totschlag? – Predigt zu 1. Mose 4,1-16a von Andreas Pawlas

Adam erkannte seine Frau Eva, und sie ward schwanger und gebar den Kain und sprach: Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des HERRN. Danach gebar sie Abel, seinen Bruder. Und Abel wurde ein Schäfer, Kain aber wurde ein Ackermann. Es begab sich aber nach etlicher Zeit, dass Kain dem HERRN Opfer brachte von den Früchten des Feldes. Und auch Abel brachte von den Erstlingen seiner Herde und von ihrem Fett. Und der HERR sah gnädig an Abel und sein Opfer, aber Kain und sein Opfer sah er nicht gnädig an. Da ergrimmte Kain sehr und senkte finster seinen Blick. Da sprach der HERR zu Kain: Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist’s nicht also? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. Da sprach Kain zu seinem Bruder Abel: Lass uns aufs Feld gehen! Und es begab sich, als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. Da sprach der HERR zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Blutes deines Bruders schreit zu mir von der Erde. Und nun: Verflucht seist du auf der Erde, die ihr Maul hat aufgetan und deines Bruders Blut von deinen Händen empfangen. Wenn du den Acker bebauen wirst, soll er dir hinfort seinen Ertrag nicht geben. Unstet und flüchtig sollst du sein auf Erden. Kain aber sprach zu dem HERRN: Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte. Siehe, du treibst mich heute vom Acker, und ich muss mich vor deinem Angesicht verbergen und muss unstet und flüchtig sein auf Erden. So wird mir’s gehen, dass mich totschlägt, wer mich findet. Aber der HERR sprach zu ihm: Nein, sondern wer Kain totschlägt, das soll siebenfältig gerächt werden. Und der HERR machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände. So ging Kain hinweg von dem Angesicht des HERRN.

 

Liebe Gemeinde,

Warum müssen wir denn am heutigen Sonntagmorgen wieder etwas von Mord und Totschlag hören? Unsere Medien sind doch schon voll davon! Und gibt es nicht jeden Abend „Krimis“, wo es um die Aufdeckung und Verfolgung einer Bluttat geht? Darüber hinaus fesseln so oft die Zeitungen unsere Aufmerksamkeit durch Schlagzeilen von gräßlichsten Bluttaten und bringen uns dann auf den folgenden Seiten alle üblen Details zur Kenntnis. Und jetzt, jetzt soll auch noch diese bluttriefende Welt hier in unseren Gottesdienst einbrechen, wo doch unsere wunden Seelen im Angesicht Gottes Einkehr und Frieden finden sollen und wollen. Wie sollte das auszuhalten sein!? Zudem geht doch bestimmt keiner in die Kirche, um hier vor Gottes Angesicht noch einmal dasselbe erzählt zu bekommen, was er auch außerhalb der Kirchenmauern hört. Nein, hier in der Gegenwart Gottes, da soll doch alles ganz anders sein oder werden.

Was ist also nun zu tun? Den blutigen Bericht von Kain und Abel einfach ignorieren und verschweigen? Aber warum wird er denn seit Jahrtausenden in unserer Bibel so sorgfältig überliefert? Und es muss doch Gründe dafür geben, warum dieser Bericht in der Bibel als Gottes Heiliges Wort Nahrung für unser Leben sein soll. Außerdem muss es doch Gründe dafür geben, warum dieser Bericht in unser kulturelles bzw. sprachliches Gedächtnis Einzug gehalten hat: Die Stichworte vom Bruderzwist zwischen Kain und Abel, die bohrende Frage an Kain: „Wo ist dein Bruder Abel?“ die ausweichende Antwort Kains: „Soll ich meines Bruders Hüter sein?“ und dann das Zeichen Gottes an Kain, das Kainsmal, die gehören doch nun einmal zu uns.

Und warum gehören sie im Kern zu uns? Weil wir vielleicht selbst etwas von Kain und Abel an uns und in uns haben? Weil vielleicht dieser archaische Bericht von Kain und Abel, nicht ein antiquiertes Zeugnis für das Denken und die Lebensart alter Zeiten ist, über die wir uns weit erhaben fühlen dürfen? Ja, es spricht viel dafür, dass dieser Bericht von Kain und Abel ebenso für uns moderne Menschen so eng zu uns gehört, dass sie uns auch begleitet, wenn wir vor Gottes Angesicht für unsere Seelen Einkehr und Frieden finden wollen. Ja, weil genau wir es sind, die Frieden suchen, deshalb hat dieser mörderische Bericht hier seinen Raum.

Natürlich gibt es versierte Leute, die rücken durch kluges geschichtliches Wissen diesen Bericht etwas von uns ab, wenn sie uns aufklären, dass die Szene zwischen Kain und Abel eine archetypische Konkurrenz widerspiegelt zwischen dem Bauern Kain und dem Schäfer Abel, zwischen der Bodenständigkeit Kains und der Wandermentalität Abels. Aber damit wäre der Bericht in den Bereich des Lehrbuchwissens abgeschoben. Auch dürfte die ganze Thematik der Opferns eigentlich klug und separat zu erörtern sein.

Trotzdem sieht es für mich so aus, als würde in der Szene zwischen Kain und Abel etwas hindurchschimmern, was wir auch durchaus im heutigen Alltag erleben können. Denn wie häufig passiert es, dass der eine auf Früchte seiner Arbeit schaut, auf alle bitteren Mühen und Lasten, die er sich abgequält hat, und dann muss er erfahren: Sie sind nichts wert. Vergeblich! Umsonst gerackert! Alles für die Katz! "Kain und sein Opfer sah Gott nicht gnädig an".

Aber dann ist da der andere, ja, sogar der eigene Bruder! Und dann noch sogar der jüngere! Und dem geht alles leicht von der Hand! Dem fällt alles in den Schoß! Der muss sich nicht so sauer anstrengen. Ja, der weiß überhaupt nicht, was Sorgen sind! Was für ein leichtes, gefälliges Geschick! "Und der Herr sah gnädig an Abel und sein Opfer“.

Das ist doch ungerecht! Das darf doch nicht sein. Denn ich bin doch der Ältere, dem der Vorrang gebührt! Das darf doch nicht sein, wenn es einen Gott im Himmel gibt!

Wer könnte nicht verstehen, dass das dem Benachteiligten die Seele zerreißt, seine ganze Welt zusammenbrechen lässt. Nein, eine ungerechte Welt, die will ich nicht haben! Und einen ungerechten Gott, der willkürlich und in nicht nachvollziehbarer Weise Erfolg und Gelingen schenkt, den schon gar nicht!

Wird da nicht die ganze Empörung und Wut über Gott und die Welt zutreffend beschrieben, wenn es heißt: "Da ergrimmte Herr M. sehr und senkte finster seinen Blick“? "Da ergrimmte Frau S. sehr und senkte finster ihren Blick“?

Und wie ging das dann mit Kain weiter? Der Bauer Kain sagt listig zu dem Schäfer Abel: "Laßt uns aufs Feld gehen“. Warum auf das Feld? Etwa weil man sich da auskennt? Und macht man das heute nicht genauso? Den Rivalen auf das eigene Feld holen, auf das eigene Spezialgebiet, und dann? "Als sie auf dem Felde waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot" Auf eigenem Feld, auf eigenem Spezialgebiet, da läßt man Rivalen auflaufen, da zählt man ihn aus, da macht man ihn fertig. Und keiner merkt das! Die gerechte Ordnung ist wieder hergestellt - aus der Sicht Kains.

Aber dann, dann kommt unvermutet die Frage Gottes, die Frage, die das Gewissen unruhig macht, die Frage, die uns nicht schlafen lässt: "Kain, wo ist dein Bruder Abel?"

Aber die Antwort, die Ausflucht, die Ausrede, die kennen wir ja schon. Die hören wir doch andauernd: "Ich weiß nicht, soll ich meines Bruders Hüter sein? Hüter meiner Schwester, Hüter meiner Kinder, meiner Eltern Hüter meines Volkes? Hüter der Völker der Erde?

Was soll das mich denn alles angehen, ich habe doch genügend eigene Sorgen.“ Ja, alle diese Antworten und Ausreden, kennen wir schon. Kennen wir die nicht ganz genau, weil wir auch ziemlich genau wissen, was im Herzen von Kain vorgeht? Und ist es meist nicht nur eine Haaresbreite, die uns von Kain trennt?

Ich muss an ein Seminar über Schuld und Strafe denken, das ich mit einem Besuch im Gefängnis beenden ließ und mit einem Gespräch mit dortigen Häftlingen, darunter auch einem Mörder, einem freundlichen jungen Mann, der einmal nur für den Bruchteil einer Sekunde die Fassung verloren hatte und so zum Mörder geworden war. Hinterher stöhnten die Teilnehmer richtig und sagten, "Sie hätten es uns nicht so schwer machen dürfen und uns als Gesprächspartner nicht so nette Jungs präsentieren dürfen“.

Ja, offenbar ist es manchmal nur eine Haaresbreite, die uns von Kain trennt. Manchmal ist es offenbar nur kurz davor, das uns der Geduldsfaden reisst und sich unsere berechtigte Wut ihre tödlichen Weg bricht. Jeder, der einmal in aller Aufrichtigkeit in die grausigen Tiefen des eigenen Herzens geschaut hat, der weiß, wie man über sich und seine eigenen Gedanken und Gefühle erschrecken kann.

Und was bleibt nun? Bleibt da nur, unstet und flüchtig, oder mit einem Kainsmal auf der Stirn versehen auf diesem verfluchten Erdenboden zu leben? Kann das eine Lösung sein, so wie unser Bericht schließt, wie Kain hinwegzugehen von dem Angesicht des HERRN? Wie sollte das gehen, wo wir doch genau wissen, dass vor unserem Gott nichts verborgen ist und man einfach nicht weglaufen kann, vor Gott, vor seinem Nächsten, vor sich selbst?

Nein, die Antwort auf diese Frage findet sich nun nicht im Alten Testament, aber das Neue Testament gibt uns Antwort: Wenn wir auch als Menschenkinder, als Adamskinder, als Kainskinder durch Neid und Haß auch immer wieder schuldig werden vor Gott und den Menschen, es gibt einen, der hat alle unsere Schuld, all unser Elend, alles Unrecht und Last unseres Lebens getragen und weggenommen am Kreuz: es ist Jesus Christus!

Ja, wenn ich von dieser Gewissheit auch nur ein wenig angerührt bin, wie sollte ich dann überhaupt noch neidisch werden können auf meinen Bruder, Nachbarn, Konkurrenten? Dann habe ich doch schon alles für kein Leben!

Denn ich darf doch Christus glauben, daß Gott mir schon gnädig ist, mein Leben erfüllt und meine Sehnsucht stillt, noch ehe ich ihn überhaupt in Gebet und Opfer angerufen habe! Und vor allem, da geht es doch nicht nach Reihenfolge, nicht nach Vorsprung in der Opferkonkurrenz, nicht nach Tüchtigkeit, Leistung oder Altersvorsprung. Nein, es ist großartig: obwohl wir so sind, wie wir sind, und obwohl Christus uns genau kennt, wendet er sich Dir und mir zu. und will uns halten und erfüllen, trösten und führen von jetzt an.