‚O Jerusalem. O Al-Quds‘ – Predigt über Jesaja 62, (1) 6-12 von Jochen Riepe

                       

                                        I

Wie beruhigend ist es, wenn wir von einem Menschen sagen können: ‚Er ist ehrlich. Man kann sich auf ihn verlassen‘. Wie schlechterdings ‚heil‘-bringend aber ist es, wenn wir sagen, loben und jubeln dürfen: Gott ist klar. Gott ist treu. Alle Welt wird ihn sehen, ‚den Glanz seiner Gerechtigkeit‘.

                                       II

‚Einer war über die Erde gegangen und hatte Schwefel gesät‘.[1] Reise nach Jerusalem. Als die Touristen den Bus verlassen, liegt die Stadt vor ihnen – in einem unwirklichen, ‚schwefligen Unheilslicht‘ … so als drohe eine Gefahr. Jerusalem. Lebensraum von Israelis und Palästinensern. Ort großer Erwartungen und großer Befürchtungen, vollbeschrieben, ‚vollgetankt‘ mit Religion, Ideologie und Politik. Geballte, explosive Heiligkeit. Klagemauer. Al-Aqsa-Moschee. Grabeskirche.

Ein gelbliches, unheimliches Licht. War es der Chamsin, der heiße, trockene Wüstenwind, der die Stadt ‚immer wieder in seinen gelben Dunst hüllt und das Gemüt auch, der Idiotenwind, der einen Schweif von Verrücktheit nach sich zieht‘[2]? So als drohe eine Gefahr…

                                         III

Jerusalem. Gottes Stadt. Sein Tempel. Ein Ort im Zwielicht von Erwählung und Gericht, von Unverletzlichkeitsphantasien (Jer 7,10) und realer Zerstörung. Ein schriftgelehrter Prophet aus der nachexilischen Zeit spricht es aus: Das Leiden an der Stadt, das Leiden an Gott. ‚Lasst dem Herrn keine Ruhe, bis er es wieder aufrichte …‘ Auch wenn es weh tut, und die Wächter auf den Mauern heiser werden: Niemals mögen sie schweigen, bis Gott sein Versprechen wahrmacht, und sein ‚Glanz‘ die ‚Stadtfrau Zion‘ wieder einhüllt.

Wir wissen: Der Prophet schreibt solches in den Trümmern der nur schleppend wieder aufgebauten Stadt. Die Perser haben die Babylonier als Besatzungsmacht abgelöst, eine Gruppe Deportierter kam aus dem Exil zurück und fand kein – ‚leeres Land‘ (vgl. Jer 32,43) vor. Ganz neue Fragen stellten sich: Wird es ein Zusammenleben, einen Ausgleich zwischen Daheimgebliebenen, Neuansiedlern und Rückkehrern aus dem Exil geben? Wird neuer Zusammenhalt wachsen, oder wird das Land an den Gegensätzen zwischen Arm und Reich zugrunde gehen? Wem gehört der Boden, und wem gehören die Verheißungen an die ‚Tochter Zion‘? Und immer wieder: Hat Gott uns ‚vergessen‘(Jes 49,15) und ‚verlassen‘ (54,7)? Wo ist er, der doch Zion einst zu seinem Wohnsitz erwählt hatte?

                                          IV

Gottes Propheten sind keine Ideologen. Die würden jetzt die alten Parolen, die alten Ansprüche, die bekannten Vorwürfe, wiederholen – je nachdem, welcher Schicht oder Gruppe sie selbst entstammen oder wessen Interessen sie vertreten. Opfer. Täter. Schuldige. Unschuldige. Resignation, Trauer, vage Hoffnungen auf Wiederherstellung dessen, was war. Der anonyme Autor (oder: die Autoren) des 3. Jesaja-Buches aber wird sehr konkret, als müssten seine Hörer im ‚gelben Dunst‘ der Gefühle sozusagen in Realitätskontakt kommen und endlich wahrnehmen ‚was Sache ist‘.

Unter dem Druck der neuen Herrscher, ihrer Wirtschafts- und Steuerpolitik,[3] haben sich viele Kleinbauern verschuldet und mussten ihr Land verpfänden (vgl. Neh 5,1-11), gar ihre Kinder in die Schuldknechtschaft verkaufen an aristokratische Grundherren, ja, an die Ihren! Die eh kläglichen Erträge fließen an reiche Landsleute. Die Bauern säen, aber sie ernten nicht. ‚Das muss‘, sagt der Prophet, ‚aufhören, soll es irgendeine Zukunft geben‘. Er überbringt Gottes Wort. Gottes Schwur: ‚die, die das Korn einsammeln, sollen es auch essen‘. Dieser Eid auf das ‚Lebens-Recht‘ der Armen, dass die ‚Gebundenen‘ ‚frei und ledig‘(Jes 61,1) sein sollen, ragt darum wie ein ‚scharfes Schwert‘(Jes 49,2), wie ein aufrüttelnder ‚Realitäts-Fels‘ aus dem mahnenden und tröstenden Text heraus.

Bis seine Gerechtigkeit aufgehe wie ein Glanz‘(62,1), ja, auch in der Steuer- und Abgabenpolitik. Nicht nur ‚Politik beginnt mit der Betrachtung der Wirklichkeit‘ (K. Schumacher).

                                         V

Chamsin, der Wüstenwind. ‚Einer war über die Erde gegangen und hatte Schwefel gesät‘. Auch wenn wir geographisch weit weg sind, die Stadt Jerusalem ist uns nahe von Kindheit an, und der Konflikt, ja, die mitunter unerbittliche Feindschaft zwischen Israelis und Palästinensern, dieses ‚Schwefel-Licht‘ einer immer drohenden Gefahr, ist uns aus Medien-Bildern und –berichten oder aus eigenen Reisen vertraut. Wo steht Gott? Was soll sein Prediger zu den so verschiedenen Ansprüchen, Narrativen und fanatischen Parolen sagen?

Er muss zunächst hören. ‚Die Israelis verweigern sich der Realität‘[4], behauptet Ali Qleibo, ein in Jerusalem lebender palästinensischer Künstler, dessen Familie dort seit Generationen verwurzelt ist. ‚Wir sind nur geduldet‘, Bürger zweiter Klasse, ‚und unsere Kultur, unsere Sprache, unsere Rechte werden nicht anerkannt‘. Er spricht aber auch von der ‚Realitätsverweigerung‘ seines eigenen Volkes, von einer schier unüberwindlichen Selbsttäuschung oder Ignoranz: ‚Es gibt viel mehr Koexistenz, als irgendwer zugeben möchte‘, und junge Juden und Araber seien in ihrem Lebensstil fast ununterscheidbar geworden. Als Leser schreckt man geradezu auf, wenn er schließlich, ja, ‘prophetisch‘ scharf und anstößig, sagt, ‚was Sache ist‘: ‚Israel sollte die Stadt vollumfassend annektieren … dann würden die Menschen in Ostjerusalem die gleichen Bürgerrechte bekommen‘.

                                         VI

O Jerusalem. O Al Quds. ‚Ein Schweif von Verrücktheit‘. Nimmer mögen die Wächter schweigen, bis Gottes Glanz, bis die ‚Klarheit des Herrn‘(Lk 2,9) und seine ‚ewige Treue‘(Ps 146,6) sich an der Stadt erwiesen haben.

Der unbekannte Prophet in den Trümmern von Jerusalem stellt in den Mittelpunkt seiner Verkündigung ein Wort, das als schöne Parole oder Programm altbekannt ist: ‘Gerechtigkeit. Der Glanz der Gerechtigkeit‘. Ausgleich zwischen den Zerstrittenen, ein Zusammenleben, das das ‚Existenzrecht‘ des anderen anerkennt und eine rechtliche Ordnung findet, in der das Gemeinsame und Verbindende stärker wiegt als das Trennende.

Aber eben: So wie der Prophet damals seine Hörer und Leser, insbesondere die ‚Eliten‘ des Volkes, zu einer realitätsgerechten Haltung gerade in Dingen der Steuerpolitik und der Schuldknechtschaft anleitet, so muss auch heute so etwas wie ein aufrüttelnder Realitätsschock in das Selbstbild der Völker eingehen und es verändern. Gerechtigkeit. Viele Araber werden sich diesen ‚Felsen‘ buchstäblich erarbeiten müssen: Die Juden sind da. Israel existiert, und es gibt keinen Frieden, solange wir dies verleugnen, verdrängen… Und umgekehrt: Der Staat Israel, einzige, wenn auch ‚unvollständige‘, Demokratie in einer autoritären oder diktatorischen Umwelt, sollte seinem eigenen Anspruch gemäß es ‚einräumen‘: Bürgerrechte, Besitzrechte, das Recht auf politische Teilhabe, all dies gilt auch für die Palästinenser im Lande. Die verwickelte Gewaltgeschichte beider Völker braucht ein Ende, sie braucht sozusagen diesen Satz: ‚So ist es‘.

                                       VII

Viele waren empört, andere gaben zu bedenken: Die Entscheidung der amerikanischen Administration, einen alten Kongressbeschluss (1995) umzusetzen und Jerusalem als Hauptstadt Israels anzuerkennen, könnte ein solches ‚So ist es‘ enthalten, provozierend, verstörend, öffnend ,weiterführend‘[5]. Wurde ein Tor zum Frieden oder zu neuer Gewalt aufgestoßen?

Räumt die Steine weg‘, ruft der Prophet. Die Älteren erinnern sich, wie schwer es auch für uns Deutsche war, in einer verfahrenen Situation, sozusagen im ‚Schwefel-Licht‘ des ‚Unheilswindes‘, der alles verunklart, irgendwo ein Loch, einen Ausgang zu finden, durch den ein klarer Himmel sieht. Der Kniefall Willy Brandts in Polen 1970 war wohl solch eine den Himmel und die Herzen öffnende Geste, eine Bitte um Verzeihung, die eine schmerzliche, aufwühlende Trauer- und Versöhnungsarbeit initiierte. Anerkennung der unumkehrbaren Realitäten, die eine Unheilsgeschichte hervorgebracht hat.

Ähnliches meint auch Ali Qleibo: ‚Die Palästinenser müssten zugeben, einem …unrealistischen Traum nachgehangen zu haben‘. Das tut weh. Und man bewundert Qleibos Mut, wenn er seine Landsleute mahnt, ihre Kräfte nicht im Krieg gegen Israel zu verbrauchen, sondern für ihre Bürgerrechte in Israel zu kämpfen, für die Anerkennung ihrer Geschichte und ihrer Kultur, für ihre Häuser und Grundstücke in Jerusalem. Wie viele steinharte Hassmails, wie viel ‚heiligen Zorn‘ wird er wohl ertragen müssen?

                                        VIII

Lasst dem Herrn keine Ruhe, bis er Jerusalem wieder aufrichte‘, bis die Stadt ihrem (einem ihrer) Namen entspricht: ‚Schauung des Friedens‘(Philo). Israelis und Palästinenser brauchen unser Zuhören, ein ‚Weinen‘ in der Nachfolge Jesu (Lk 19,41), indem wir mit den Wächtern Gott in den Ohren liegen und Fürbitte für beide Völker halten. ‘O Jerusalem‘. Möge doch Er sich erbitten lassen!

Nach dem Chamsin, nach dem ‚Idiotenwind‘, kommt der Frühlingsregen. Sehnsüchtig erwartet von allen. Er ‚feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen zu säen und Brot zu essen‘ (Jes 55,10). Der Regen klärt die Luft und ab und an wird die ‚Stadtfrau Zion‘ im Glanz der Gottesgerechtigkeit leuchten, wenn ein jeder sein Brot isst und seinen Wein ‚guten Mutes‘ (Koh 9,7) trinkt. Dann ist die Stadt ‚ein Zeichen auch für die Völker‘.

Gott ist klar. Er erfüllt nicht ‚alle unsere Wünsche‘, wie D. Bonhoeffer schrieb, ‚aber alle seine Verheißungen, das heißt. er bleibt der Herr …‘

 

 

[1] W. Büscher , Ein Frühling in Jerusalem, 2014 , S.11   

[2] W. Büscher , Ein Frühling in Jerusalem, 2014 , S.11   

[3] s. H. Kippenberg , Die vorderasiatischen Erlösungsreligionen, 1991, S.131ff

[4] SZ vom 13.12.2017 (‚Sie wollen nur das Land‘ . Interview mit Ali Qleibo) 

[5] z.B. der Historiker M. Wolffsohn :‘Jerusalem - auch eine Chance‘  (Juedische-Allgemeine.de  /14.12.2017).