Predigt über 1. Mose 12, 1-4a von Titus Reinmuth

(Zur Einführung neuer Ehrenamtlicher in der Trauerbegleitung beim Hospizdienst „Regenbogen“ in Wassenberg)
Abram macht sich auf einen Weg, den er noch nicht kennt. Er soll in ein neues Land ziehen. Er geht nicht allein, sondern mit seiner ganzen Familie, mit allem, was er hat, auch mit all seinen Leuten, die für ihn arbeiten. Er bricht auf, aber – wie gesagt – er kennt den Weg nicht. Er braucht jemanden, der ihn und alle, die bei ihm sind, führt.
Wie ist das, wenn man sich auf einen neuen Weg macht, etwas hinter sich lässt, aufbricht? Wann sagen wir: Da will ich hin, das will ich schaffen, dafür lohnt es sich, loszugehen? Manche haben einen Jugendtraum oder sonst irgendein Lebensziel und sagen: Das will ich erreichen! Wovon würden Sie erzählen? Von einer neuen Herausforderung im Beruf? Von Veränderungen in der Familie? Vom Umbau im eigenen Haus?
  Menschen, die sich im Hospizdienst engagieren, haben eine hohe Motivation. Sie sagen: „Ich will, dass etwas anders wird. Dafür will ich etwas tun.“ Einer meint: „Ich habe so viel bekommen, ich möchte der Gesellschaft etwas zurückgeben.“ Viele werden die Erfahrung machen: Ziele im Leben wandeln sich. Manche Frauen in der zweiten Lebenshälfte fragen noch einmal neu: Wofür will ich mich jetzt einsetzen?
Ich staune immer wieder, wie sich Menschen beim Hospizdienst „Regenbogen“ auf den Weg machen. Das ist ja kein leichter Weg. Da braucht es schon ein bisschen Mut. Wie wird das sein, einen Menschen zu begleiten, zuzuhören, zu verstehen, Trauerwege mitzugehen, Schritte der Trauerbewältigung anzubahnen, zu fördern? Kann ich das? Wie geht das wohl mit diesem einen Menschen, den ich jetzt begleite? Manchmal hat man das Gefühl: Heute ging richtig etwas voran. Ein andermal ist es wie ein „auf der Stelle treten“, manchmal gibt’s Umwege oder eine Sackgasse und man muss doch noch mal etwas Neues ausprobieren.
In einem Familiengottesdienst haben wir das so genannte „Moorspiel“ gespielt. Das zeigt, wie das ist mit neuen, unbekannten Wegen. Auf dem Bogen war mit Kreide eine Fläche aufgezeichnet mit lauter Quadraten. Wie ein Schachbrett. Die Kinder mussten über diese Fläche gehen – von einem Ende zum andern, Schritt für Schritt. Der Clou: Nicht jedes Quadrat war sicher. Die einen waren festes Land, die anderen Wasser. Natürlich nur im Spiel. Allein die Spielleiterin hatte einen Plan und wusste, welcher Weg sicher war, wie man trockenen Fußes ans Ziel kam. Die Kinder begannen einzeln nacheinander. Immer wenn ein Kind den Fuß auf ein sicheres Quadrat setzte, war es ein Schritt weiter. Hatte es ein unsicheres erwischt, musste der Weg abgebrochen werden und der nächste war dran. Dann hieß es wieder: Ausprobieren. „Nasse Füße“ kriegen. Weiterkommen. Nach und nach stellte sich so heraus, welcher Weg sicher war. Die Gruppe durfte dem Kind zurufen und helfen, das sich gerade auf den Weg gemacht hatte. Irgendwann war das Rätsel gelöst und alle konnten auf dem richtigen Weg zum Ziel kommen.
So ähnlich ist das, wenn wir Menschen uns auf einen neuen Weg machen, den wir noch nicht kennen. Man muss es ausprobieren. Manchmal muss man abbrechen und neu anfangen. Mit der Zeit wächst die Erfahrung. Was schon einmal gut ging, wird auch ein zweites Mal gelingen. Manche Wege bewähren sich. Und dann muss man sich wieder vorwagen auf unsicheres Terrain.
In den Geschichten der Bibel werden immer wieder Menschen auf einen neuen Weg gerufen.
  Zum Beispiel die ersten Jünger von Jesus, die Fischer am See. Petrus gibt sein Leben als Fischer auf und folgt Jesus. Oft regt sich erst Widerspruch. Nicht jeder will losgehen, nur weil Gott ruft. Mose etwa führt an, er könne doch gar nicht gut reden. Der Prophet Jeremia protestiert und sagt, er sei doch noch zu jung. Aber Gott braucht diese Menschen. Er braucht sie für das, was er vorhat.
So auch Abram. Der ist schon 75. Er hat längst alles erreicht. Aber er lässt sich rufen und bricht tatsächlich auf. Weil Gott ein neues Land verspricht. Weil er ihn segnen will. Gott sagt: Ich will dich segnen – und du sollst ein Segen sein! Gott traut dem alten Abram viel zu. Er soll anderen Gutes sagen und Gutes tun. Er soll für andere ein Segen sein.
Also bricht er auf. Das ist seine Aufgabe. Was braucht es, um aufzubrechen? Mir fällt auf: In den biblischen Geschichten sind das alles keine Helden. Es sind ganz normale Menschen. Die meisten zögern, sie brauchen ein bisschen, bis sie verstehen, dass sie an einer bestimmten Stelle von Gott gebraucht werden. Aber dann fassen sie Vertrauen und sagen Ja. Ist die Entscheidung mal gefallen, lassen sie einiges zurück und setzen sich ganz für das neue Ziel ein. Auf dem Weg geht nicht immer alles glatt, es geht nicht nur geradeaus. Mose landet mit den Seinen nicht gleich im versprochenen Land, sondern in der Wüste. Es gibt heftige Klagen des Volkes. Jeremia wird nicht gehört. Der König lässt seine mühsam aufgeschriebenen Worte zerreißen und verbrennen. Jeremia muss von vorn beginnen. Abraham fliht wegen einer Hungersnot nach Ägypten. Es gibt mancherlei Streit und Trennungen in seiner Familie. Das ist wie beim „Moorspiel“: Mal geht’s voran, mal geht’s daneben. Aber wer auf Gott hört und sich auf einen Weg rufen lässt, darf erfahren, dass Gott mitgeht.
Bei uns heute geht das nicht so extrem. Nicht jeder gibt gleich seinen Beruf auf oder seine Heimat. Aber Menschen setzen sich für die Sache Gottes, für die Sache Jesu ein. Viele verzichten auf etwas, um mit anderen und für andere etwas zu erreichen. Davon können einige durchaus ein Lied singen. Partner oder die Familie und Freunde müssen schon mal hinten anstehen, weil eine Sache beim Hospizdienst Regenbogen jetzt wichtiger ist.
Sie werden heute gesegnet für Ihren Dienst und Sie sollen für andere ein Segen sein. Was genau ist das eigentlich: segnen? Im griechischen Original heißt das „eulogeo“, übersetzt: das gute Wort sagen. Das gute Wort auf jemanden legen. Und zwar im Namen Gottes. Dass wir uns Gutes wünschen und sagen, geschieht oft: Gute Reise, pass gut auf dich auf, alles Gute. Das im Namen Gottes zu tun, ist noch mal etwas anderes: Gott schütze dich, Gott behüte dich, Gott stärke dich auf deinem Weg. Dürfen das Menschen einfach so tun? Natürlich. Es gibt viele biblische Beispiele dafür. Jakob segnet auf dem Sterbebett alle seine Söhne, jeden auf eigene Weise. Elisabeth segnet die schwangere Maria und sogar ihr Kind.
Übrigens: Als Jesus sich endgültig von seinen Jüngerinnen und Jüngern verabschiedete, segnete er sie. 40 Tage nach Ostern, so wird berichtet, nahm Jesus endgültig Abschied. „Er führte seine Jünger hinaus bis an den Ort Betanien und hob die Hände auf und segnete sie. Und es geschah, als er sie segnete, schied er von ihnen und fuhr auf gen Himmel.“ So knapp wird das erzählt. Jesus hebt die Hände und segnet sie für ihren Weg. Eine starke Geste des Abschieds. Diesen Segen zu spüren, muss ein unglaublich starkes Gefühl gewesen sein. Jesus hebt die Hände auf. Die Hände lassen seine engsten Freunde spüren, Gott geht jetzt mit euch auf eurem Weg. Nirgends wird er euch allein lassen. Gott wird euch beschützen. Und Gott wird euch Kraft geben. Eure Wege sind gesegnet.
Denn das bedeutet Segen: Lebenskraft, die von Gott kommt. Die Geste zeigt es, und die Worte sagen es: Dein Leben wird wachsen, es wird gelingen, es wird heil. 
So stelle ich mir Ihren Dienst in der Trauerbegleitung vor: Sie sind gesegnet – und werden für andere zum Segen. Dadurch dass Sie zuhören, da sind, verstehen, ein gutes Wort sagen, mitgehen. Dazu jedenfalls brechen Sie heute auf. So ist das mit neuen Wegen, auf die wir Menschen uns einlassen: Mal geht’s voran, mal gibt es Umwege, manchmal landet man in einer Sackgasse und muss umkehren. Aber wenn die Aufgabe klar ist: Wohin geht es für mich? Wo braucht Gott mich? Dann wird es ein guter Weg und Menschen erfahren, dass auch Gott mitgeht. Manchmal trägt er sie und manchmal zeigt er Ihnen, wo es lang geht. So kann der Aufbruch gelingen.
Amen.