Predigt zu 2. Korinther 1, 18-22 von Heiko Naß

18 Gott ist mein Zeuge, dass unser Wort an euch nicht Ja und Nein zugleich ist.
  19 Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist, durch mich und Silvanus und Timotheus, der war nicht Ja und Nein, sondern es war Ja in ihm.
  20 Denn auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zum Lobe.
  21 Gott ist's aber, der uns fest macht samt euch in Christus und uns gesalbt
  22 und versiegelt und in unsre Herzen als Unterpfand den Geist gegeben hat.
Liebe Gemeinde,
vor einiger Zeit, unterwegs in der S Bahn von Hamburg Dammtor nach Altona auf der letzten Sitzreihe des Abteils. Ab Sternschanze setzt sich ein junges Mädchen mir gegenüber. Vielleicht nicht einmal von vierzehn Jahren,  zerbrechlich ihr Äußeres, blasse Haut, ein wenig mitgenommen, vielleicht sogar ein bisschen angekokst, war sie dennoch aufgeräumt und fragte nach kurzem Mustern direkt: was machst du? Meine Reisebegleiterin, schneller als ich in der Antwort, sagte: Der ist ein Pastor! Diese Nachricht brachte einen Augenblick lang Schweigen, man merkte das Nachdenken bei dem jungen Mädchen, bis sie wieder fragte: Hast du dann auch eine Bibel dabei? – Ja, habe ich.
Das reichte ihr, das Gespräch verstummte wieder. Die Aussage, er hat eine Bibel bei sich, schien dem jungen Mädchen genug als Ausweis dafür, was dieser Mensch ihr gegenüber macht und tut. Die Botschaft trägt den Botschafter, die Bibel legitimiert den Verkündiger. Einfältig mögen das manche spöttisch nennen. Ich selbst bin dankbar für diese zufällige Begegnung. Sie gibt unverhofft einen Hinweis, dass es wohl bei den Botschaftern wesentlich ist, was sie denn mit sich tragen, worauf sie sich in ihrem Handeln und Reden gründen.
Als der Apostel Paulus seinen Brief an die Gemeinde in Korinth schrieb, aus dem wir am Anfang der Predigt einen kurzen Abschnitt vorgelesen haben, setzt er darauf, dass auch seine Briefadressaten bereit sind, sich auf einen ähnlichen Gedankenschluss zu verstehen. Der Apostel muss ein Missverständnis klären. Er hatte vor einiger Zeit sein Kommen zum Besuch in der Gemeinde angekündigt, dann aber seine Pläne geändert oder ändern müssen. Und nun steht er in der Gemeinde in der Kritik. Stimmen werden laut, dass er sein Wort nicht halte. Noch andere Stimmen sagen, dass, wenn man ihm nicht vertrauen kann,  man eigentlich auch nicht seiner Botschaft vertrauen kann. Kurz gesagt: Paulus ist in Erklärungsnot. Er fühlt sich angegriffen. Seine Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel. Er weiß auch, dass langes Erklären, warum es jetzt mit seinem Kommen nicht ging, ihm nichts nützt. Und deswegen sucht er eine andere Antwort. Er spricht nicht über sich, sondern über den, der ihm die Glaubwürdigkeit zum Reden gibt, verweist auf Jesus Christus, der ihn zum Predigen gesandt hat. Er schreibt:
Denn der Sohn Gottes, Jesus Christus, der unter euch durch uns gepredigt worden ist, durch mich und Silvanus und Timotheus, der war nicht Ja und Nein, sondern es war Ja in ihm.
Auf alle Gottesverheißungen ist in ihm das Ja; darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zum Lobe. 
Paulus setzt alles daran, gegenüber seinen Briefadressaten gewinnend zu schreiben. Er redet, positiv, wie man heute sagen würde. Er macht das aber nicht so, dass er sich dabei verbiegen muss und den Menschen in der Gemeinde in Korinth Komplimente ausspricht, wo Komplimente nicht angebracht waren.  Er erinnert vielmehr an etwas einmal erfahrenes Gemeinsames,  etwas, wo er und die Gemeinde miteinander verbunden waren, wo sie eins waren, mit einer Stimme, ohne Dissonanz. Darum redet er vom gemeinsamen Lob. Das Lob Gottes als Antwort auf die erfahrene gute Botschaft in Jesus Christus, von dem er schreibt: Es war Ja in ihm.
Da Wort Ja strahlt eine ganze eigene Kraft aus. Seine einzige Korrelation ist nicht die Verneigung, das Nein, sondern das Du. Das Wort Ja strahlt die Kraft des Herzens aus. Gerade diese Kraft des Herzens hat die Fähigkeit, verborgene Auswirkungen zu sehen: das Einverständnis von zwei Liebenden, die Zuwendung Gottes in der Anfechtung, die Überwindung zur Versöhnung in der Feindschaft, den Horizont der Hoffnung im Schweigen der Vergeblichkeit. Hinter allen Grenzen des Daseins, jenseits des großen Schweigens des Todes,  hinter der Zerbrechlichkeit des Lebens wird eine lebendige Stimme hörbar wird, ein hörbares, ansprechbares Du.  Von Gottes Ja leben wir. Dieses Ja war in dem ersten Wort der Schöpfung, als Gott sprach: es werde, und es wird auch im letzten gesprochenen Schöpferwort sein, das lautet: wen da dürstet, der nehme vom Wasser des Lebens umsonst.
In diesem großen Bogen, der sich spannt, wird Gott durch seine Verheißungen erfahrbar. Seine Verheißung war mit Abraham, als er ihn zum Aufbruch wies in ein offenes Land und ihm das Wort mitgab: du sollst ein Segen sein. Es ist der Gott, der in seinem Namen selbst die Verheißung seiner Gegenwart mit sich führt, und sich so an das Volk Israel versprach, als er sagte:  ich werde mit dir sein. Seine Verheißung geschah, als die Propheten in seinem Namen die soziale Kluft zwischen Arm und Reich kritisierten. Kraft seiner Verheißung handelte Jesus von Nazareth, der für die Müheseligen und Beladenen Erquickung versprach.
Wenn in Jesus Christus alle Verheißungen Gottes Ja sind, dann ist in seine Geschichte auch unsere Geschichte eingeschrieben, unsere Geschichte, die unser Werden und Vergehen, unser Leben und Sterben umfasst.
Ich mag ein Wort von Jörg Zink, das mich seit mehr als drei Jahrzehnten begleitet, tröstet und freut. Zum Ausgang eines langen Buches über das Leben und seinen Sinn steht sein Bekenntnis als Resümee:
Jahrmillionen waren, ehe ich war,
  Jahrmillionen werden nach mir sein,
  Irgendwo in ihrer Mitte sind ein paar Stunden,
  in denen für mich Tag ist auf dieser Erde.
  Und für diese Spanne Zeit,
  danke ich dir, Gott.
Am Ende der Dank. Dankbarkeit, Gott dem Schöpfer gegenüber, der uns in der unendlichen Vielfältigkeit seiner Welt einen Platz gegeben hat, zum Sein und zum Gestalten. Dankbarkeit, auch wenn er es keineswegs immer leicht meint mit uns. Der uns nicht nur Erfolg gibt in unserer Arbeit oder Glück, der uns auch Wegstrecken des Leidens auferlegt. Gott, der erfahren wird als Herr, über unser Leben, über unseren Tod. Am Ende Dank oder wie der Apostel schreibt, „darum sprechen wir auch durch ihn das Amen, Gott zum Lobe“.
Freilich: In dieser adventlichen Zeit sind wir empfindlicher für die offenen oder auch verborgenen Risse, die durch unser Leben gehen. Wir wissen eigentlich gut einzuschätzen, welche Bejahung, welche Aufmerksamkeiten, welches ausgesprochene Dankeswort wirklich von Zuneigung getragen ist. Wir spüren auch die Enttäuschung, wenn mancher Dank und Zuneigung, wo wir ihn ehrlich erwarteten, ausbleibt. Das Nachdenken unserer eigenen Bilanz der zurückliegenden Tage ist schon eine ganz eigene Anforderung und nimmt sich zu Recht seine Zeit.  Daneben überfordert es beinahe, die großen Ungerechtigkeit unser Gesellschaft und in der Weltgemeinschaft oberdrein wahrzunehmen. Der Riss, der wie es die jüngste OECD-Studie gezeigt hat, immer weiter zwischen arm und reich durch unsere Gesellschaft geht, die Unfähigkeit der internationalen Politik, sich auf ein verbindliches Abkommen zur Reduzierung der klimaschädlichen Abgase zu verständigen, macht die Tristheit groß und baut Barrikaden von Widerstände auf, die davon abhalten können,  auf die Worte von Gottes adventlichem Kommen zu hören.
Dennoch sagt unser Bibeltext: alle Verheißungen sind in ihm das Ja.  Es ist kein Wort von ihnen weggefallen. Sie sind immer noch da. Sie sind da, auch wenn in unser Zeit vieles dagegen steht und uns davon abhalten mag, sich ihnen zu nähern. Es kommt dabei nicht in erster Linie auf die Boten an. Auch nicht in erster Linie auf die Kirche. Beide mögen sich mühen, so recht als möglich gute Träger des Wortes zu sein. Es wird nicht immer glücken. Sie bringen uns, wenn es gut geht, der Botschaft näher. Sie haben allerdings nicht die Möglichkeit, die Nähe dieser Botschaft fern zu rücken. Daran erinnert auch Paulus die Gemeinde in Korinth. Unabhängig von seinem Kommen, von seiner Gegenwart ist Gottes barmherzige Kraft doch lebendig da. Sie ist erfahrbar nahe in Barmherzigkeit, in Mitmenschlichkeit, in der Gemeinschaft, Gott zum Lobe.
Unter den vielen schönen Adventsliedern ist mir unter dem Horizont unseres Predigttextes ein Lied noch näher gekommen: Es kommt ein Schiff geladen, es trägt ein teure Last. Da malen Worte ein Bild, das aussehen könnte wie die Bilder der alten Niederländer wie die eines von Goyen, der Flusslandschaften oder einen Blick auf das Meer zu malen wusste, und darin eine Erwartung festhielt, als ob noch etwas kommen muss, was dieses Bild füllt. Es sieht alles nach dem Ankommen eines Schiffes aus.   So singt auch unser adventliches Lied: Gottes Verheißung ist unterwegs wie ein Schiff auf den Weltmeeren und in den großen Flüssen. Unterwegs, um nicht nur an uns vorbei zu fließen, sondern einen Ort zu finden, an dem die Verheißungen verankert werden können. „Der Anker haft’ auf Erden, da ist das Schiff an Land.“ Der Anker, das alte Symbol für den Glauben, er ist der Ort, an dem sich Gottes Wort und menschliche Sehnsucht verbinden, im Leben und Lob des Menschen die Verheißungen Boden und Antwort finden.
In dieser Zeit schmücken wir unsere Wohnung adventlich, richten Adventsfeiern aus und doch bleibt oft etwas offen, eine Antwort auf eine gespürte Sehnsucht, auf eine Leerstelle, etwas was fehlt – das eine Ja, das wir uns selbst nicht geben können.
Diese Botschaft ist da. Sie ist nicht fern von einem jeden von uns.  Sie ist erhörbar, erfahrbar. Doch:
Dafür brauchen wir Zeit. Gottes Wunder sind leise. Gottes großes Wunder, dass er als Mensch zu uns kommt, ist leise – so leise wie das zu Hause mit ungeübter Stimme gesungene Adventslied; so leise wie ein einziges brennendes Adventslicht; so leise wie wir selbst als bloße Menschen, die von allen Seiten reguliert und in diesen Wochen vom Weihnachtstrubel oft überfahren werden. Gottes großes Wunder, das Wunder seiner Menschwerdung, sagt und macht es zur Tatsache: Er braucht uns; wir zählen für ihn. Seine Botschaft kommt an, wo wir das Naheliegende in die Hand nehmen und wir zur Veränderung des Lebens beitragen dürfen.  Da ist der Ankerplatz auf Erden, da ist das Schiff an Land.
Die Welt, wie sie ist, ist noch lange nicht in Ordnung und es gibt noch viel zu tun, dass sie gerechter, friedlicher, überhaupt freundlicher wird. Manche sagen: man kann ja doch nichts machen. Das haben doch schon viele versucht. Darüber wird schon zu lange, zu viel geredet.
Das stimmt zum einen, aber es stimmt auch nicht. Es stimmt, dass so vieles dagegen spricht, was uns davon abhalten kann, selbst hinzuhören, was dort durch die Verkündigung der Botschaft Jesu in der Welt zu Sprache gebracht wird. Aber es stimmt nicht, dass diese Botschaft nicht auch heute noch auf dem Weg ist, auf diesem Schiff, das vor Anker gehen möchte hier und dort, heute oder morgen oder auf dem Weg durch diese adventliche Zeit: Es ist unsere Zeit, die wir einbringen können, es sind wir, die wir uns auf den Weg machen können, hin zu Gott, der unseres Lebens Leben ist.
Amen.