Predigt zu 2. Korinther 12, 1-10 von Bernd Vogel

(LESUNG) Gerühmt muss werden; wenn es auch nichts nützt, so will ich doch kommen auf die Erscheinungen und Offenbarungen des Herrn.
Ich kenne einen Menschen in Christus; vor vierzehn Jahren – ist er im Leib gewesen? Ich weiß es nicht; oder ist er außer dem Leib gewesen? Ich weiß es auch nicht; Gott weiß es –, da wurde derselbe entrückt bis in den dritten Himmel.
Und ich kenne denselben Menschen – ob er im Leib oder außer dem Leib gewesen ist, weiß ich nicht; Gott weiß es –, der wurde entrückt in das Paradies und hörte unaussprechliche Worte, die kein Mensch sagen kann.
Für denselben will ich mich rühmen; für mich selbst aber will ich mich nicht rühmen, außer meiner Schwachheit.
Und wenn ich mich rühmen wollte, wäre ich nicht töricht; denn ich würde die Wahrheit sagen. Ich enthalte mich aber dessen, damit nicht jemand mich höher achte, als er an mir sieht oder von mir hört.
Und damit ich mich wegen der hohen Offenbarungen nicht überhebe, ist mir gegeben ein Pfahl ins Fleisch, nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich nicht überhebe.
Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche.
Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft (ist in den Schwachen mächtig) kommt in deiner Schwachheit zum Ziel.
Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, damit die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark.
I. Warum? und Wozu? (Harold S. Kushner) – ist das die Frage?
Nicht „warum?“, sondern „wozu?“ Nicht warum bin ich krank geworden? Warum ist mir der oder die gestorben? Warum ist mir Schmerz, ist mir Leid, ist mir Böses widerfahren? - Wozu könnte mir dieses Erleiden, jener Schmerz und dieser Verlust am Ende gut sein? Das sei die einzig sinnvolle, weil Leben befördernde Frage. In der „Warum?“ - Frage stecken zu bleiben, sei der Tod der Seele. Zur „Wozu?“ – Frage hin zu gelangen dagegen, sei der Beginn des Über – Lebens und des neuen Lebens.
So sagt es Harold S. Kushner (Wenn guten Menschen Böses widerfährt), ein jüdischer Gelehrter, ein Rabbi, nach dem frühen Tod seines Sohnes.
Sagt er zu viel? Wie viele Menschen sterben, ohne die „Warum?“ oder auch die „Wozu?“ – Frage überhaupt gestellt zu haben? Wie viele leiden ohne irgendeine psychologische, philosophische oder theologische Antwort?
Ist es nicht des Menschen würdiger, die offenbare Sinnlosigkeit manchen Leides und Todes auszuhalten? Ist es nicht sogar Gott mehr geehrt im „Fluch“ manches „Gottlosen“ als im „Halleluja“ manches „Frommen“ (Bonhoeffer)?
Der biblische Hiob erfährt weder eine logische Antwort auf die „Warum?“ – Frage, noch auf die „Wozu?“ - Frage. Das Höchste, was Hiob am eigenen Leib erfährt, ist, dass Gott sich von ihm zur Rede stellen lässt und dass Gott ihm damit in gewisser Weise Recht gibt. Gott bestätigt ihm das Recht auf Zweifel an Gott und das Recht zur Klage und Anklage gegen Gott. „Warum?“ und „wozu?“ wird nicht beantwortet.
Dafür gibt es bei Hiob ein fast übermenschliches Festhalten an Gott und – damit - an sich selbst. Für Hiob sind das zwei Seiten einer Medaille: Ehrfurcht vor dem Schöpfer des Universums und das Bestehen auf der eigenen Würde. Es gehört zusammen. Damit, mit dieser tiefen Einsicht in das Geheimnis des menschlichen Lebens gibt sich Hiob am Ende zufrieden. Das neue Leben, das Hiob geschenkt wird, ist wie ein Nachwort zur eigentlichen Geschichte: Hiob bekommt eine neue Familie und Gut und Geld. Wesentlich aber ist: Hiob hat die Gewissheit, er werde Gott „sehen“ (Hiob 19,26). Das hat ihm sein Leben neu wertvoll gemacht. Darin hat er seine verlorene menschliche Würde in Vollendung wieder gefunden. Hiob wird Gott „sehen“. Hiob ist nicht gestorben, sondern neu zum Leben gekommen. Das ist einer der Gipfel der hebräischen Bibel, die wir traditionell „Altes Testament“ zu nennen uns gewöhnt haben.
II. Monica Lierhaus: Die Krankheit hat mich verändert ...
Monica Lierhaus moderierte die ARD – „Sportschau“. Im Januar 2009 wurde ihr ein Hirnaneurysma operativ entfernt. Wegen auftretender Komplikationen wurde sie in ein künstliches Koma versetzt, das am Ende vier Monate dauerte. Seit März 2011 ist sie Botschafterin der Fernsehlotterie „Ein Platz an der Sonne“. Unter der Rubrik „Ich habe einen Traum“ schreibt sie Anfang Februar 2012 im Magazin der Zeitschrift „Die Zeit“:
„Kürzlich stand ich in einem Traum wieder im Sportschau-Studio und moderierte die Bundesliga [...] Das war ein wunderschöner Traum! [...] Natürlich träume ich davon, gesund zu werden. Vor allem mein Rücken schmerzt noch häufig. Schmerzfreiheit wäre wunderbar. Doch der Traum, der über allem steht, ist die Rückkehr in die Normalität. Seit fast drei Jahren bin ich damit beschäftigt, alles wieder neu zu lernen. Einfache Dinge wie mit Messer und Gabel essen oder Knöpfe schließen fallen mir noch furchtbar schwer.. Das ist anstrengend, oft deprimierend. Ich war immer schon ein ungeduldiger Mensch [...]. Es gibt Momente, in denen ich alles hinwerfen möchte, jeden Tag. [...] Ich träume davon, für mich zu sein, zu lesen, spazieren zu gehen, zu schreiben. Früher, vor der Operation, war ich ein sehr unabhängiger Mensch. Jetzt bin ich noch sehr abhängig, von Freunden, der Familie, Ärzten und Pflegern. Sicher, es wird Stück für Stück besser, ich erarbeite mir langsam meine Eigenständigkeit zurück, aber eben in sehr kleinen Schritten. Ich träume nicht davon, wieder die Gleiche zu werden, die ich früher war. Ich weiß, dass das unmöglich ist. Aber ich wünsche es mir auch nicht. Die Krankheit hat mich verändert, es ist in Ordnung, eine andere zu sein. Früher war ich zum Beispiel nicht nur sehr ungeduldig, sondern auch sehr ungnädig, mit mir selbst, aber auch mit anderen. Heute bin ich viel milder und gnädiger. Monica Lierhaus.“
III. Paulus: Lass dir an meiner Gnade genügen; in deiner Schwachheit komme ich mit dir (und durch dich) zum Ziel
300 Jahre nach Hiob, 2000 Jahre vor Monica Lierhaus stellt sich Paulus seinem Leiden. Vielleicht war es Epilepsie; denn Paulus fühlt sich zu Zeiten wie verprügelt von unsichtbaren Fäusten. Er schreibt in einem Brief an die christliche Gemeinde in Korinth / Griechenland:
[...] (Mir ist) ein Pfahl ins Fleisch (gegeben), nämlich des Satans Engel, der mich mit Fäusten schlagen soll, damit ich mich wegen der hohen Offenbarungennicht überhebe. Seinetwegen habe ich dreimal zum Herrn gefleht, dass er von mir weiche.
Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft (ist in den Schwachen mächtig) kommt in deiner Schwachheit zum Ziel.
Paulus betet zu Gott, dass er ihm seine Krankheit nehmen soll. Paulus erwartet eine persönliche Antwort von einem Gott, den er sich durchaus wie eine Person vorstellt. Er nennt ihn den „HERRN“. Er meint damit den einen Gott, den Israel nicht bei seinem Namen nennt, in Verbindung mit dem Jesus Christus, für den er seit Jahren brennt, für den er die halbe Welt bereist, um von seiner „Gnade“ mitzuteilen an alle, die es hören wollen.
Der Apostel betet mehrfach um Heilung ... und kommt keine Heilung. Stattdessen kommt dieses Wort: Lass dir an meiner Gnade genügen ...
IV. Symposion
Rabbi Harold Kushner, der biblische Hiob im „Alten“, Apostel Paulus im „Neuen“ Testament, TV – Moderatorin Monica Lierhaus ... verschiedene Antworten des Menschen auf Krankheit, Schmerz und Schicksalsschläge. Es gibt keine unfehlbaren Rezepte, wie umzugehen sei mit des Menschen großer Schwäche und Aufgabe, das Leid nicht nur körperlich zu spüren, die Einschränkungen zu erleiden, Schmerz und Trauer, sondern dies alles auch zu verstehen und mit Körper, Seele und Geist möglichst sinnvoll zu über – leben, zu integrieren in ein Leben nach dem Unfall, nach der Attacke, nach der Katastrophe.
Das weidwunde Tier leidet wie der sterbende Mensch. Nach allem, was wir wissen, legen sich das Reh und der Wal, der Wurm und der Vogel zum Sterben hin. Sie fallen vom Himmel. Sie sinken zu Boden. Sie treiben an der Wasseroberfläche. Aber sie müssen nicht nach dem „Warum?“ fragen oder dem „Wozu?“
Der Mensch aber fragt. Er will Körper und Seele in Einklang bringen, will mit dem Geist in das Dunkel dringen. Menschen wollen ein Ganzes sehen, einen Zusammenhang, einen Sinn im Chaos des Lebens.
Vielleicht unterscheidet den glaubenden Menschen vom nicht glaubenden nur dies: Der Nicht – Glaubende kennt keine Adresse, wohin er seine Frage richten sollte. Da ist kein Gott, der hört, der vielleicht antwortet. Moralisch aber ist das eine nicht besser als das andere. Glaube ist nicht feiger als Unglaube und Unglaube nicht ehrlicher als Glaube. Beide stehen nackt und ohne letzte Gewissheiten vor dem Rätsel des menschlichen Lebens.
Und Gott? Gott ist uneindeutig genug, Glauben und Unglauben zulassen und aushalten zu müssen. Das menschliche Leiden ist nur so lange der „Fels des Atheismus“, der Boden für bewusste Gottlosigkeit, als Menschen das Gott nicht zutrauen: Dass Gott den Menschen schafft und will, erträgt und würdigt in seiner Freiheit, auch in der Freiheit, Gottes nicht zu bedürfen, Gott nicht als ‚letzte’ Adresse zu gebrauchen.
Monica Lierhaus schreibt nicht, ob sie nach Gott gefragt, ob sie gebetet hat wie Paulus, ob sie Gott anklagte, ja verfluchte wie Hiob oder auch wie Harold Kushner in seiner größten Not. Sie schreibt von ihren Träumen. Sie möchte ihre Unabhängigkeit, ihre Stärke zurück. Aber auch sie hat ähnlich wie Paulus ein inneres Wort vernommen, das sie über sich selbst hinaus hebt in ein neues Leben. Sie hat dieses Wort vernommen vielleicht ganz ohne, dass sie darin Gott identifiziert hätte. Sie hat an sich bemerkt und für wahr genommen: „Heute bin ich viel milder und gnädiger“. So akzeptiert sie ihren Lebensbruch und übersteigt ihn damit. Bei Paulus klingt dasselbe als eine Rede von Gott an ihn: „Lass dir an meiner Gnade genügen; denn in deiner (des Paulus) Schwachheit komme ich (Gott) zum Ziel.“
Paulus weiß sehr viel. Er scheint mehr zu wissen als Monica Lierhaus, als Harold Kushner und mehr auch als Hiob. Vielleicht weiß er auch zu viel?
Man kann es peinlich finden und etwas impertinent: Paulus macht aus seinem persönlichen Schicksal eine Botschaft für andere. Er benutzt sein Leiden für seine Botschaft. Benutzt er damit auch seinen Gott? Weiß er zu viel von Gottes Absichten und Missionsstrategie? Ist Gott so, wie Paulus ihn beschreibt?
Anders als Hiob findet Paulus einen theologischen Sinn in seiner Krankheit. Um ihn nicht in Hochmut abheben zu lassen (sich zu „rühmen“ vor den Menschen), um ihn an die Wirklichkeit seiner schwachen Person zu erinnern, um seine Gnade an diesem schwachen Menschen umso deutlicher zu erweisen musste Gott ihm seine Krankheit belassen. Und Gottbenutzt dafür Schläge eines teuflischen Engels. Hiob hätte sich das deutlich verbeten – im Namen eines gerechten Gottes!
Um das Evangelium von Jesus Christus, dem Gekreuzigten mit seiner Person zu bezeugen, um Jesus jedenfalls in der Schwäche und Ohnmacht ähnlich zu sein ... um seiner Botschaft willen musste er – so denkt Paulus – krank bleiben, dazu sein „Ja und Amen“ sagen. Und sagt es auch und zieht weiter auf seinem Weg.
Die meisten von uns müssen mit weniger Sinnfülle auskommen, um ihr Leben zu bestehen. Lasst uns einander helfen durch Zuhören und Respekt. Lasst uns einander Lebensgeschichten teilen. Lasst uns einander dahin gehend wahrnehmen, was wir zu erleiden hatten oder haben (Bonhoeffer). Und lasst uns mit einander freuen an jeder Antwort von einem von uns, die an der Würde des Menschen fest hält. Solches ist „Gnade“.  Darin kommt Gottes Kraft mit uns zum Ziel.
(Amen.)