I
‚Unterpfand des Geistes‘: Der Ring, den ich trage … Das Wasser , das mir die Stirn kühlt… das Gebet , das für mich gesprochen wird … die Hand , die mich hält … die Augen , die mich ansehen … Geistes-Kraft : Menschen können lieben, denken , gestalten , loslassen – Gott arbeitet an uns und mit uns gegen die Macht des Todes. ‚Und wie das Mädchen so da stand , Mütze ,Leibchen und Röcklein abgegeben und gar nichts mehr hatte, fielen auf einmal die Sterne vom Himmel‘.*
II
Wenn in unserer Nachbarschaft einer zu Grabe getragen wurde , sagten die zurück gebliebenen Alten : ‚Er hat es geschafft‘. Wenn ich heute in einem Trauerzug mitgehe , höre ich manchmal den Satz : ‚Er hat es hinter sich‘. Als neulich die Nachricht vom Tode Siegfried Lenz‘ durch die Medien ging , schrieb sein Schriftstellerkollege Martin Walser : ‚Da denke ich natürlich : Warum er und nicht ich? Eine Spur von Neid. Da das Sterben das Schwerste ist, diese Empfindung : Er hat’s geschafft‘ **.
III
Von den letzten Dingen . Paulus , liebe Gemeinde, schreibt darüber beneidenswert gewiß . Er vertraut darauf : Uns alle erwartet nach dem Abbruch unseres ‚irdischen Hauses‘ ein von Gott erbautes ‚Haus …, das ewig ist im Himmel‘. Dieser Leib ist vergänglich und wird abgerissen und zerfallen. Umso freudiger dürfen Christen in der Kraft des Geistes einen ‚verklärten‘, unvergänglichen Leib erhoffen und dieser Hoffnung entspringt die Sehnsucht ‚ endlich ‚daheim zu sein bei dem Herrn‘. Dann wird vollendet werden, was einst begonnen wurde und alles Vorläufige, Beschwerliche und Schmerzliche wird vom Leben verschlungen sein. Mögen manche Zeitgenossen sich nach Ruhe und Frieden im ‚Nichts‘ sehnen. Für den Apostel ist das Ende Beginn eines Neuen . Leben bei Gott. Vollendung.
IV
‚So weit , so … bekannt‘ , mag mancher jetzt denken : ‘Das ist die Lehre von den letzten Dingen‘. Und dann doch fragen : Ist zwischen Hier und Dort , Irdischem und Himmlischen nicht noch an jene Zäsur zu erinnern , die wir Sterben nennen? ‚Das Schwerste‘ – der Tod, der bittere Tod . Wissen und Sehnsucht sind das eine, fromme Hoffnungen auch. Aber zuvor sollten wir jenes X bedenken , jenen Augenblick , da wir wie das Sterntaler-Kind im ‚dunklen Wald‘ stehen, ‚gar nichts anhaben‘ werden und nackt sind. Paulus selbst drückt das etwas rätselhaft oder unklar aus , als sei dieser Einwand wie ein Einspruch oder Zwischengedanke , der plötzlich seinen Gedankengang auf-stört : Sehnend lassen wir sozusagen die Todesschwelle hinter uns liegen , wollen ‚überkleidet‘ werden , ohne zuvor ‚entkleidet‘ zu sein - aber so verständlich diese Aussparung oder dieser Sprung sind , die Wirklichkeit des Menschen ist anders. Man kann fromm oder unfromm zu den Sternen reisen und sich -wie vielleicht manche in der Gemeinde in Korinth – bereits im neuen , im Auferstehungs-Leben wähnen. Aber in der Nachfolge Jesu , des Gekreuzigten und am Kreuz Schreienden, kommt man um die Härte des ‚Zur-Erde-Müssens‘ nicht herum.
V
‚Er hat es geschafft‘ , schreibt der Schriftsteller über den Tod seines Kollegen und dann : ‚Warum er und nicht ich. Eine Spur von Neid. Da das Sterben das Schwerste ist‘. Neid - vielleicht darf man das so verstehen : Vorbei sind die Schmerzen und Ängste , das Ausgeliefertsein und die Abhängigkeiten eines Sterbe-Weges . Vorbei die bange Frage : Wie wird man mit mir umgehen? Wie über mich sprechen? Vor allem aber : Wo ist Gott , da mir ‚am allerbängsten wird um das Herze sein‘ (eg 85.9) ? ‚Entkleidet-werden‘ : Stück für Stück hat das Ich sein Leibchen und Röcklein und schließlich sein ‚letztes Hemd‘ abgegeben und mit der Kleidung seine Selbstbestimmung , seinen Willen , vielleicht auch das Bewußtsein . Nacktheit. Mag alles Menschenmögliche getan worden sein , die Pflegenden fürsorglich gesorgt , die Ärzte mit palliativmedizinischen Mitteln die Schmerzen gelindert haben - , daß ein Sterbender los-läßt und damit dem eigenen Nicht-(Mehr-)Sein ‚zustimmt‘, das ist jene abgründige Zäsur , die so manchem schon im Leben zusetzt und ängstigt . Paulus selbst nennt den Tod entsprechend den ‚letzten‘ , den stärksten ‚Feind‘*** - er trifft den Menschen ‚mit aller Wucht‘****.
VI
‚ Unterpfand des Geistes‘ : Der Ring an meiner Hand, die Augen des anderen , das Foto auf dem Nachttisch … das Wasser , das mich reinigt … Es gehört , liebe Gemeinde, zum Kreuzes-Realismus der apostolischen Lehre , daß sie die ganze Schwere des Weges zum Sterben zuläßt und umso mehr darauf besteht : Eben dieses Entkleidetwerden ist uns von Gott auferlegt – ja, in ihm begegnen wir Gott, unserem Schöpfer, dem Vater Jesu Christi. Im Letzten ist sozusagen der ‚Aller-Letzte‘, der Bürge meines Daseins, gegenwärtig , sein Schutz , seine Umarmung , seine Lebendigkeit, und all die Dinge, die diesen Weg erleichtern und begleiten sind gleichsam liebevolle Verleiblichungen - Augen, Hände ,Wasser, Wein und Brot - jenes Gottes-Geistes , der uns als ‚Unterpfand‘ gegeben wurde. Dieser Geist ist es , der uns die Kraft der Liebe, der Vernunft , der Kreativität auch in den letzten Dingen schenkt. Dieser Geist ist es , der Gottes Schaffen mit unserem Tun verbindet , und der uns im Angesicht des größten Feindes nicht zu Zynikern werden , sondern die kleinsten Zeichen der Verbundenheit ,gleichsam die Lebens-Reste , achten läßt .
VII
Auch das Umgekehrte ist ja menschenmöglich : Der Tod macht alle gleich , alles gleichgültig , alles häßlich und zum Müllhaufen und Krankenhäuser und Heime zu geist-losen, lieblosen, vernunftlosen oder gar bösen Entsorgungsstellen mit den entsprechenden abgebrühten oder notorisch überforderten Experten. Ja, wir sind in der ‚Fremde‘ , aber unser Fleisch , dieser Körper, angeschlossen an Schläuche , mit Sonden versorgt , mit einer Atemmaske bedeckt ,trägt ‚in Gott‘ schon die Lebendigkeit des neuen Leibes. Geist-lich baut Gott an diesem Wesen , das irdisch zu Ende geht und doch allezeit ein ‚Tempel des lebendigen Gottes‘ (2.Kor.6,16) bleibt. Wo immer einer unsere Schutzlosigkeit ausnützt, wo immer wir beschämt und beleidigt unterzugehen drohen , wo immer man uns die ‚Dinge des Lebens‘ , die ‚letzten Dinge‘ nimmt, da vergeht man sich an diesem Geist und seinen Zeichen und Trägern .
VII
Vollendung. Leben bei Gott. ‚Und wie es so dastand und gar nichts mehr hatte , fielen auf einmal die Sterne vom Himmel …‘ Was der Märchenerzähler unter der Überschrift ‚Es war einmal‘ für das Kind im ‚im dunklen Wald‘ ‚er-schaut‘ und was der Märchenhörer so gern annimmt, der Prediger kann in der Kraft des Geistes euch zusagen : Gott ‚wird es schaffen‘ , er wird sein Versprechen , er wird das Unterpfand einlösen ,wir werden schauen und solange mögen wir jenen Glauben erbitten , der –‚ob wir daheim sind oder in der Fremde‘ – ihm ‚wohlgefällt‘.
*Kinder-und Hausmärchen Gesammelt durch die Brüder Grimm, o.J., S. 508
** SZ vom 8.10.14
*** 1.Kor. 15,26
**** s. Chr. Gestrich , Die Seele des Menschen und die Hoffnung des Christen. Evangelische Eschatologie vor der Erneuerung. 2009, S. 206