Predigt zu Hebräer 10, 19-25 von Monika Waldeck

Predigt zu Hebräer 10, 19-25 von Monika Waldeck

19 Brüder und Schwestern!
Durch das Blut, das Jesus vergossen hat, haben wir freien Zugang zum Heiligtum.
20 Diesen Zugang hat er eröffnet,
indem er uns einen Weg durch den Vorhang frei gemacht hat.
Es ist ein neuer Weg für unser Leben,
derselbe den Jesus als Mensch gegangen ist.
21 Und wir haben einen Priester von einzigartiger Bedeutung,
der über das Haus Gottes gestellt ist.
22 Wir wollen also vor Gott treten
mit wahrhaftigem Herzen und voller Glaubensgewissheit.
Denn unsere Herzen sind besprengt worden
zur Reinigung von dem,
was unser Gewissen belastet hat.
Und unser Leib wurde in reinem Wasser gebadet.
23 Wir wollen an dem Bekenntnis zur unerschütterlichen Hoffnung festhalten.
Denn Gott ist treu, auf dessen Versprechen sie beruht.
24 Und wir wollen uns umeinander kümmern
und uns gegenseitig zur Liebe und zu guten Taten anspornen.
25 Deshalb sollen wir unsere Gemeindeversammlungen nicht verlassen,
wie es manchen zur Gewohnheit geworden ist.
Vielmehr sollen wir uns gegenseitig Mut machen.
Und das umso mehr, als ihr doch seht, dass der Tag schon anbricht.(1)



Einen Rabbi fragten seine Schüler: Meister, wo wohnt Gott?
Was sagt ihr? fragte der Rabbi zurück.
Und sie sagten: Wohnt Gott nicht überall? Ist nicht die ganze Welt seiner Herrlichkeit voll?
Der Meister schüttelte den Kopf:
Gott wohnt, sprach er, wo man ihn einlässt. (2)

Wo wohnt Gott?
Bis zum 1. Jahrhundert, bevor der Tempel in Jerusalem durch die Römer zerstört wurde, war allen Gläubigen klar, dass Gott dort wohnt.
Dort im Allerheiligsten, dem innersten Raum des Tempels, der durch einen riesigen kostbaren Vorhang von den anderen Räumen getrennt war.
Nur einmal im Jahr durfte der Hohepriester nach ausgiebigen Reinigungsritualen den Vorhang beiseiteschieben und sich der Wohnung Gottes nähern.
Ein normaler Mensch würde die furchtbare, machtvolle Größe und Heiligkeit Gottes nicht aushalten.

Diese Bilder sind es, die der Verfasser des Hebräerbriefes im Kopf hat, als er die Worte unseres Textes schreibt.
Mit ihnen möchte er den Christen in seiner Zeit, die ihren Glauben in Frage stellen, Mut machen:

„Brüder und Schwestern!“ ruft er eindringlich.
„Durch das Blut, das Jesus vergossen hat, haben wir freien Zugang zum Heiligtum. Diesen Zugang hat er eröffnet, indem er uns einen Weg durch den Vorhang frei gemacht hat.
Es ist ein neuer Weg für unser Leben, derselbe, den Jesus als Mensch gegangen ist…“


Seit Gott seinen Sohn in die Welt geschickt hat, ist der Zugang zu Gott frei, für jeden und jede von uns.
Es braucht keine jährlichen Reinigungsrituale mehr, keinen besonderen Priester, der zwischen Gott und Mensch vermitteln muss.
Denn Jesus selbst lässt uns mitten in das Allerheiligste gelangen, ohne Bedingungen.
Weil Gott Mensch geworden ist, ist der Weg ist frei.

„Gott wohnt, wo man ihn einlässt.“

Wir feiern heute den 1. Advent.
Vier Wochen sind uns geschenkt, uns auf die Ankunft Gottes in der Welt vorzubereiten.
Und bis dahin jeden Tag eine Tür, die geöffnet werden kann.

Wie kommen Sie, wie komme ich in Kontakt zu ihm, wie können wir ihn einlassen in unser Leben?

Eine Frau erzählt mir von ihren Erfahrungen:
„Ich rede mit Gott. Eigentlich schon immer. Unkompliziert, direkt und ohne Scheu.
Ich denke gar nicht daran, dass es Gott ist, der alles geschaffen hat, der alles Leben in seiner Hand hält, der allmächtig ist.
Ich müsste mir doch ganz klein und unwichtig vorkommen.
Tue ich aber nicht, ich spreche einfach mit ihm wie mit einem Menschen.
Besonders oft nachts, so zwischen 2 und 3 Uhr.
Da ist es manchmal vorbei mit dem Schlaf. Dann rede ich mit Gott und ich bin sicher, er hört mir zu.
Und er antwortet mir oft.
Manchmal klären sich Dinge, mit denen ich mich schon tagelang herumschlage.
Ich erzähle ihm auch von den Menschen, um die ich mich sorge, meine Familie und andere, die mir in meinem Beruf begegnen oder von denen ich höre.
Nachts denke ich intensiver an sie als tagsüber und ich erzähle es Gott.
Ebenso wie das, wofür ich dankbar bin.
Dass mein Mann wieder gesund aus dem Krankenhaus entlassen wurde, z.B.
Ich weiß, dass er, Gott, da seine Hand im Spiel hatte.
In der Krisenzeit vorher hatte ich so viele Zweifel, besonders an Gott.
Auch das kann ich ihm sagen.
Ich fühle mich in solchen Gesprächen nahe bei ihm, sie helfen mir.“

„Gott wohnt, wo man ihn einlässt.“
Dieses Gespräch wirkt auf mich wie ein Gebet.
Vielleicht erinnert es Sie an eigene Begegnungen mit Gott.
Unter anderen Umständen, zu anderen Zeiten und an anderen Orten.
Möglicherweise haben Sie auch die Erfahrung gemacht, dass es gut tut, in einer Lebenskrise mit ihm zu sprechen, ihn zu bitten, zu ihm zu beten.
Vielleicht haben Sie erlebt, dass es geholfen hat, sich mit seinem Schicksal in die Hände Gottes zu geben.

Manchmal kann es dagegen sein, dass Gott weit weg scheint, es schwer oder unmöglich ist, ihm völlig zu vertrauen.
Wenn mir jemand unrecht tut und ich aus meiner Wut oder Verzweiflung nicht herauskomme.
Wenn ich selbst jemanden verletzt habe und mich deswegen schäme, ohne es mir eingestehen zu können.
Wenn ein äußeres Schicksal mich lähmt und die Kräfte raubt.
In solchen Zeiten scheint Gott manchmal grausam und ungerecht zu sein.
Und oft genug stellt sich die Frage, ob es Sinn macht, an ihn zu glauben, der so viel Elend in der Welt und in unserem persönlichen Leben zulässt.
Es gibt Viele, die diesen Schluss ziehen.

Sogar manche Hirnforscher meinen, dass Glaubenserfahrungen im vorderen Schläfenlappen entstehen und ihre Auswirkungen dort gemessen werden können, Gott also nur eine Art Sinnestäuschung sei.
Allerdings ist die Bedeutung des Glaubens für das Leben von Menschen selbst dort nicht zu finden.
Ein Religionswissenschaftler Michael Blume folgert deshalb: „Neurologen auf der Suche nach Gott sind wie Leute, die den Fernseher aufschrauben auf der Suche nach dem Nachrichtensprecher.“ (3)

Ich denke, es macht unser Menschsein aus, dass wir manchmal mit dem Gefühl der Abwesenheit Gottes leben müssen.
Dass wir ihn nicht immer einlassen in unser Leben.
Dass wir begrenzte Wesen sind, endlich in unserer Lebenszeit, begrenzt in unserem Wissen, vielen Gefahren ausgesetzt und oft genug mit uns selbst und den Menschen um uns überfordert.

„Gott wohnt, wo man ihn einlässt.“
Der Schreiber des Hebräerbriefes ermutigt in einer Situation, in der der Glaube zu schwinden droht, seine Gemeinde:

„Wir wollen an dem Bekenntnis zur unerschütterlichen Hoffnung festhalten.
Denn Gott ist treu, auf dessen Versprechen sie beruht.
Und wir wollen uns umeinander kümmern
und uns gegenseitig zur Liebe und zu guten Taten anspornen…“


Wir können etwas tun, um Gott bei uns einzulassen, schlägt der Schreiber des Hebräerbriefes vor.

Drei Dinge:
-an der Hoffnung festhalten;
-achtsam miteinander umgehen;
-uns zur Liebe und guten Taten anspornen.

Und hier löst sich die Frage, warum dieses Bibelwort am Anfang der Adventszeit steht.

Der Advent will unsere Hoffnung, unsere Lebenskraft stärken.
Gott selbst schenkt sie uns, denn sein Sohn wird Weihnachten als Mensch geboren.
Auch, wenn wir uns selbst manchmal kraftlos fühlen, Gott ist treu, er steht zu seinem Versprechen.

Aus dieser Hoffnung heraus können wir achtsam miteinander umgehen.
In letzter Zeit ist „Achtsamkeit“ ein Modewort in den Medien und der Psychologie geworden als Reaktion auf Sichtweise, die den Menschen immer mehr darauf reduziert, wie er ökonomisch von Nutzen sein kann.
Achtsamkeit meint, dass ich einen anderen Menschen in seiner eigenen Welt zu verstehen suche, ihn nicht meinen Vorstellungen und Wünschen unterordne. Der Glaube lehrt, unseren Mitmenschen respektvoll und wertschätzend zu begegnen, weil Gott uns liebt.

Aus dieser Haltung heraus sollen wir uns zu guten Taten anspornen, sagt der Hebräerbrief.
Advent ist die Zeit, in der gute Taten Hochkonjunktur haben. Im persönlichen Bereich, im karitativen und sozialen Engagement. In der Adventszeit erinnern wir uns an die Menschen, die größere Not leiden als wir. Und von ihnen gibt es viele, hier und weltweit.

Dazu ist es gut, nicht allein zu sein, das wussten die Christen schon immer. Wir brauchen einander, in der Familie, in der Gemeinde, in unserem Gemeinwesen.
Das stärkt den Mut, aus unserem Glauben an die verändernde Kraft des Christus zu handeln.

„Gott wohnt, wo man ihn einlässt.“
Ich wünsche Ihnen, dass Sie in der kommenden Adventszeit Ihre ganz persönlichen Türen finden, durch die Sie Gott bei sich einlassen mögen.
Amen.


Nach der Übersetzung der Basisbibel, Stuttgart 2010
Predigtstudien zur Perikopenreihe VI, 1.Halbband, Stuttgart 1995, S.14
http://www.pm-magazin.de/a/wohnt-gott-unserem-gehirn
(Zugriff vom 22.11.2013)

 

Information
Datum 01.12.2013
Perikopenreihe: 2013/2014 Perikope 6
Bibelbuch: Hebräer
Kapitel / Verse: 10,19-25
Wochenlied: 4 16
Wochenspruch: Sach 9,9