Predigt zu Klagelieder 3, 22-26.31-32 von Karl Hardecker
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Predigt zu Klagelieder 3, 22-26.31-32 von Karl Hardecker

Liebe Gemeinde,
wer in der dritten Stunde aufwacht und wach liegt bei Nacht, ist arm dran. Das Herz schlägt wild, die Kräfte sind erlahmt. Und dann die Welt, die uns in dieser dritten Stunde unendlich schwer erscheint.
Wir spüren förmlich ihr Gewicht und sehen vor uns Berge voller Aufgaben, vor denen wir stehen wie verängstigte Prüflinge.
Wir hören in die Nacht hinein und ziehen alles auf uns, was diese Last noch größer macht. Das eigene Scheitern nehmen wir vorweg. In der dritten Stunde fehlt uns die Kraft, um uns einen glücklichen Ausgang vorzustellen.
Ja, wir sind kurz vor dem Aus. Wir wollten gerne glauben, dass die Güte des Herrn es schafft, dass wir nicht gar aus sind, aber in der dritten Stunde schaffen wir das nicht.
Die Perspektive fehlt und die Zeit wird lang und so sehnen wir uns nach dem Morgen und hoffen, dass dann unsere Kraftlosigkeit ein Ende hat. Und wenn der Morgen dann schließlich anbricht und wir aufstehen, spüren wir noch die müden Glieder und tun uns für eine Weile noch schwer. Aber dann, - nach den ersten Bewegungen, nach der ersten Tasse Tee und nach zwei, drei Bissen Brot spüren wir, wie eine neue Kraft sich regt in uns und wir stehen auf vom Tisch und gehen an die Arbeit und, was noch vor Stunden als Berg erschien, wird mit jedem Schritt und jedem Plan, mit jeder Begegnung und mit jedem Telefonat leichter und kleiner. Wie sind wir da froh, dass wir wieder ins Tun zurückgefunden haben, in die Kraft der Aktivität und so planen wir und fühlen uns stärker und verscheuchen die Nacht mit ihren Gespenstern. Und wir planen das erste und wir planen das zweite und wir freuen uns daran. Und mit jeder Aktivität schwindet der Zweifel an uns und wir werden zuversichtlich, dass wir bald ein ganz anderes Bild abgeben für andere. Denn die werden beeindruckt sein von dem, was wir können. Die werden uns eine ganz andere Rückmeldung geben als wir sie bei Nacht noch von uns selbst hatten.
Und wenn sie kommt, geht es uns gut, wenn sie ausbleibt, tun wir noch mehr, wir strengen uns an, wir geben unser Äußerstes, um uns endlich einmal stark zu sehen, - von anderen so gespiegelt wie wir gerne sein wollten, - aktiv und fest entschlossen.
Und wenn das dann nicht klappt, sind wir ratlos und vielleicht auch enttäuscht.
Was soll unsere Religion, wenn sie uns nicht zu dem verhilft, was wir brauchen, nämlich neue Kraft und Anerkennung von anderen? Schließlich hoffen wir doch, dass unsere Traurigkeit ein Ende hat und die Welt wieder leichter wird.
Das hofften die Juden, als sie sich in der babylonischen Gefangenschaft wieder fanden, als sie trauerten über den Untergang Judas und die Zerstörung des Tempels. Wenn sie die Umzüge der babylonischen Götter ansahen, ihre Größe und ihre Pracht, die Begeisterung der Menschen auf den Straßen, wenn ein Gott vorbei geführt wurde, geschmückt in farbiger Pracht, -
wurde da nicht die Welt leichter, weil alle sich freuten an diesem Gott, der die Menschen vereinte und in Stimmung versetzte? Diese ganze Euphorie dort in Babylon versetzte die Juden in noch größere Traurigkeit. Sie besaßen keinen Tempel mehr. Und für sie stellte sich die bange Frage: Hatten sie mit dem Tempel womöglich auch ihren Gott verloren?
In der babylonischen Gefangenschaft durchlebten die Juden eine Nacht, die nicht enden wollte, die dritte Stunde, die sich endlos dehnte. 
Gibt es diese dritte Stunde einer Gesellschaft, wo das Gefühl sich verbreitet: Wir sind fast am Ende. Unsere Lasten sind einfach zu groß?
In dieser dritten Stunde fühlen sich derzeit die überschuldeten Länder, in denen die Verantwortlichen die Lasten nach unten weiter reichen und Menschen sich auf der Straße wieder finden, um mit ihrer Arbeitslosigkeit die Staatsfinanzen zu sanieren. In der dritten Stunde der Nacht finden sich viele Menschen in Syrien wieder, die sich ohnmächtig fühlen gegenüber einem Staatsapparat, der alle, die Freiheit fordern, erschießen lässt.
Unsere Nacht hier zu Lande sollte wohl leichter sein, weil Kriege und Folter und Hungertod weit weg von uns sind, aber wie wir umgehen mit unserer Schwäche und was wir machen mit unseren ungelösten Fragen, das bleibt. Darf ein Mann eingestehen, dass er schwach ist und wie reagiert ein Unternehmen, wenn sich herausstellt, dass ein führender Mitarbeiter Millionen verspekulierte? Wie und wo kann geredet werden über menschliche Not, über Trennungsängste oder Missverständnisse? Wo können wir reden über die dritte Stunde unserer Beziehungen, unserer Arbeit und unserer Pläne?
Die exilierten Juden antworten mit einem Bekenntnis: Der Herr ist mein Teil; darum will ich auf ihn hoffen.
Es gibt diese neue Kraft, die von Gott kommt. Sie macht es uns möglich Widerstände zu überwinden. Diese Kraft Gottes macht es uns möglich zusammen zu leben in Frieden. Wir können den Schwachen helfen und sie schützen in ihrer Not. Die Güte des Herrn ist` s, dass wir nicht gar aus sind.
Wir überleben. Wir überleben unsere Verfolger. Wir überleben, auch wenn sie uns verfolgen und töten. Wir überleben mit diesem Gott, dessen Kraft mächtig ist in den Schwachen. Wir überleben mit diesem Gott, der uns ruft und lebendig erhält. Wir überleben mit diesem Gott, der den Morgen schenkt.
Die Gerechten aber müssen die Nacht durchstehen und die Nacht erleiden.
In dieser Nacht fingen sie nichts, heißt es im Evangelium. Aber am anderen Morgen steht Jesus am anderen Ufer, der Auferstandene, der für die Treue Gottes steht und dafür, dass die Güte des Herrn es ist, dass wir noch nicht gar aus sind, dass uns all unsere Schwächen und Frustrationen nicht gänzlich zerstören und wir noch einen Streifen am Horizont sehen können, - die Güte des Herrn, den Auferstandenen am anderen Ufer.
Der Herr ist mein Teil, spricht meine Seele. Der Auferstandene gibt mir Anteil an seiner Kraft. Wenn er dich ruft, stehst du auf, atmest durch, gehst einen Schritt in die Welt hinein oder zwei, fasst neuen Mut, schüttelst Hände, nickst einem anderen freundlich zu und die Welt wird dir, - leichter. Amen