Predigt zu Römer 13,8-14 von Stefan Henrich

Predigt zu Römer 13,8-14 von Stefan Henrich

8 Seid niemandem etwas schuldig, außer dass ihr euch untereinander liebt; denn wer den andern liebt, der hat das Gesetz erfüllt. 9 Denn was da gesagt ist: »Du sollst nicht ehebrechen; du sollst nicht töten; du sollst nicht stehlen; du sollst nicht begehren«, und was da sonst an Geboten ist, das wird in diesem Wort zusammengefasst: »Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.«

10 Die Liebe tut dem Nächsten nichts Böses. So ist nun die Liebe des Gesetzes Erfüllung. 11 Und das tut, weil ihr die Zeit erkennt, nämlich dass die Stunde da ist, aufzustehen vom Schlaf, denn unser Heil ist jetzt näher als zu der Zeit, da wir gläubig wurden. 12 Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So lasst uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts. 13 Lasst uns ehrbar leben wie am Tage, nicht in Fressen und Saufen, nicht in Unzucht und Ausschweifung, nicht in Hader und Eifersucht; 14 sondern zieht an den Herrn Jesus Christus und sorgt für den Leib nicht so, dass ihr den Begierden verfallt.

Liebe Gemeinde,

als ich die Worte des Paulus vor Tagen im kleinen Kreis vorlas und sagte, dass das nun der Predigttext für den ersten Adventssonntag sei, da war erst einmal verblüfftes Schweigen im Raum.

Die Worte klangen gewaltig nach in der Stille, vor allem die vom Fressen und Saufen, die von der Unzucht und der Eifersucht. Der gegenläufige Appell „Zieht an den Herrn Jesus Christus, dass ihr nicht den Begierden verfallt“ und die Worte von der Liebe hatten es schwer dagegen anzukommen. Nach der Verblüffung dann eine erste Reaktion, eine aus der Runde sagte: „Ist Paulus ein Spaßverderber oder hätte er heute vielleicht was zur Terrorangst auf Weihnachtsmärkten gesagt?“

Was als Kern dieser Äußerung auch rüberkam, war im nachfolgenden Gespräch dann das: Paulus vermag in seinen Worten die Wirklichkeit der Welt ungeheuer scharf zu treffen und gleichzeitig stellt er diese Welt in das Licht einer besseren Möglichkeit. „Nein“, sagte eine, „Paulus schürt keine Angst, Paulus entfacht Liebe. Er weiß aber auch um die Fallstricke derselben und deshalb redet er nicht vordergründigem Spaß das Wort sondern wirbt für tiefe Freude.“ Paulus spricht die Menschen dabei direkt an, er erinnert sie an ihre Verantwortung für ein wohlgefälliges Leben und weitet dabei den Blick über die eigene Verantwortung hinaus zum Grund unseres Heils. Das hat er in Jesus Christus gefunden, daran lässt er uns teilhaben. Überaus konkret und anschaulich geht Paulus dabei vor. Ich werde gleich versuchen mich seinen Worten zu nähern.

Zuvor aber dies: Wir feiern heute den ersten Advent, ein neues Kirchenjahr hat begonnen. Das Dunkel der Zeit wird durchbrochen vom Licht der ersten Kerze am Adventskranz. Draußen sind Märkte und Gassen vielfach erleuchtet von Tannenbaumgirlanden, Schwibbögen und blinkenden Weihnachtsmannmützen. Die Sehnsucht nach Licht und unbeschwerter Freude ist groß, Schnupfennasen wittern Zimtsterndüfte. Wir in den Kirchen lassen es ruhig angehen, im Zeittakt der vier Adventssonntage mit ihren je eigenen Texten und Liedern bereiten wir uns vor. Langsam, stetig sich steigernd dringt die Nacht vor, die Erwartung kommt wartend, Gott kommt nicht laut zur Welt sondern leise. Für dieses neue Kirchenjahr sind uns Texte aus den Briefen des Neuen Testamentes als Predigtaufgabe gestellt. Da ist manch harte Nuss dabei, die zu knacken sich überaus lohnt, weil unter der harten Schale auch des intellektuellen Zugangs sich nahrhafte Frucht für das ganze Leben verbirgt. Also, auch wenn zuweilen schon das Zuhören schwieriger ist als bei den vertrauten Jesusgeschichten aus den Evangelien des letzten Predigtjahres, lohnt sich die Mühe und wenn ich wirklich nichts verstehe, darf ich auch aufstöhnen und sagen, dass das so ist.

Heute legt der Text eine verwirrend schöne Spur ins neue christliche Jahr hinein. Grundsätzlich, fast wie mit einem guten Neujahrsvorsatz hebt Paulus an mit dem Aufruf zur Liebe als des Gesetzes Erfüllung, er legt guten Grund ehe er konkretisierend im offensichtlichen Alltag der Gemeinde landet. Ich fange mit dem letzten an, zäume das Pferd vom Schwanz her auf:

Laßt uns ehrbar leben, sorgt für den Leib, haltet an euch beim Fressen und Saufen (er sagt wirklich Fressen und Saufen...), dazu dann: Enthaltet euch der Unzucht und Ausschweifung, hadert nicht und seid nicht eifersüchtig.

Paulus scheint mit diesen drastischen Worten für ein Fitness- und Wellnessprogramm zu werben, das Körper und Seele gleichermaßen  im Blick behält. Das verblüffende ist, dass Paulus zu seiner Zeit offensichtlich wirklich nächtliche Exzesse vor Augen hat, die keinem gut tun. Man könnte fast meinen, Paulus sei auf einer heutigen Weihnachtsfeier gewesen, die völlig aus den Fugen geriet. Erst fettes Essen und dann zuviel süßer Punsch, was dann passierte, weiß keiner mehr so genau, nur der Ärger zuhaus und die Kopfschmerzen sind real.

Paulus gibt angesichts solcher oder ähnlicher Auswüchse gute Tipps:  Mach alles so, dass es das aufdeckende Licht des Tages vertragen kann, und mit einem uns eher fremden Bild fährt er dann fort: „Zieh an den Herrn Jesus Christus.“ Paulus meint damit doch, dass wir allezeit Jesu Geist in unserem Leben Raum geben, damit wir in seiner Nachfolge das Heilvolle vom Unheilvollen unterscheiden lernen und uns nach dem Heilvollen ausrichten. Das Urdatum eines jeden Christenlebens blitzt auf: die Taufe und dass da früher die Erwachsenen in dunkler Nacht reingekrochen sind in tiefe Wasserbecken, nachdem sie die Grundbegriffe des Glaubens durchbuchstabiert hatten. Und dann tauchten sie aus dem Wasser wie neugeboren auf, legten weiße Gewänder an, zeigten nach außen hin, ich bin Christ, Lichtgestalt, weil geliebt. Die Werke der Finsternis will ich nicht tun, das Dunkle soll keine Macht an mir haben. Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. Während hier noch Dunkelheit und Nachtschatten sind, leuchten dort schon Licht und Herrlichkeit. Die Sonne geht auf, raus geht es ins Leben des anbrechenden Tages, jeden Morgen neu darfst du Lebenskräfte schöpfen, wenn du aufstehst vom Schlaf.

Liebe Gemeinde, Paulus schlägt einen weiteren Bogen, er stellt in all seinen Gedanken und Konkretionen die Liebe als das Maß einer menschenfreundlichen Christenheit vor Augen. Die Liebe tut dem Nächsten nichts Bösen, wer in der Liebe lebt, hat die Gebote erfüllt, wer aus der Liebe heraus handelt, macht nichts falsch. Schöne Worte und gute Handlungsanweisungen sind das und doch erleben und erleiden so viele dann doch, dass sie an der Liebe scheitern. Blitzschnell schieben sich Egoismen und Aggressionen darein, blitzschnell erleben wir, was Paulus wortwörtlich benennt, dass Streit etwa oder  Eifersucht auf die Liebe eindreschen und sie kaputt machen. Seid niemanden etwas schuldig, außer, dass ihr euch untereinander liebt. So einfach gesagt, so schwer erfüllt; Liebe, ein einfaches Wort und eine schön-schwierige Tat.

Zum Schluss: Der Dichter Kurt Marti hat die Schwierigkeit des „ Niemandem etwas schuldig zu sein, außer dass ihr euch untereinander liebt“ umgedreht in einem kleinen meisterhaften Gedicht, indem er einen weiten Horizont jenseits des je eigenen Versagens öffnet  Kurt Marti sagt, fragt und dichtet:

Manchen bin ich einiges,
einigen bin ich vieles schuldig geblieben.
Und die Zeit läuft davon.

 
Wessen Liebe kann das noch gut machen?
Die meine nicht.
Nein, die meine nicht.

Und der Friede Gottes, der höher ist denn alle Vernunft, bewahre unsere Herze und Sinne in Christus Jesus. Amen

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