Predigt zu Römer 16,25-27 von Martin M. Penzoldt

Ein Geheimnis Gottes lädt zu weltweitem Fest

25 Dem aber, der euch stärken kann gemäß meinem Evangelium und der Predigt von Jesus Christus, durch die das Geheimnis offenbart ist, das seit ewigen Zeiten verschwiegen war, 26 nun aber offenbart und kundgemacht ist durch die Schriften der Propheten nach dem Befehl des ewigen Gottes, den Gehorsam des Glaubens aufzurichten unter allen Heiden: 27 dem Gott, der allein weise ist, sei Ehre durch Jesus Christus in Ewigkeit! Amen. (Luther 84)

Liebe Gemeinde, es ist ein Gott! Und es ist einer: Ein Gott über aller Welt. Ein Gott in allen Zeiten. Ein Gott für alle Menschen. Ihn zu loben und zu ihm zu beten, sind wir zusammengekommen. Ihn zu ehren, sind wird da: im Gottesdienst, im Alltag, bei der Arbeit und in Augenblicken der Ruhe, im Reden und im Handeln, in unserem ganzen Leben. Das ist Sinn und Aufgabe des Menschen: Ihm, der über allem ist und in allem, Ihm allein die Ehre zu geben; Ihn in allem das letzte Wort sein zu lassen.

Es gibt viel im Himmel und auf Erden wovon wir wissen und worüber wir reden könnten. Viel, zu dem wir Anmerkungen und Meinungen hätten, die sich bei uns angesammelt haben im Laufe unseres Lebens. Über all dem Gespräch und Gerede aber erhebt sich das Lied von Gott, das Lob zu seiner Ehre. Erhebt es sich wirklich?

Auch in der Kirche, die allein ihm dienen sollte, ist es nicht einfach an dieser entscheidenden Ausrichtung auf Gott festzuhalten. So vieles an Wichtigkeiten und Getue schieben sich ständig vor. Wie häufig wird Gott instrumentalisiert für die eigenen Ideen und Zwecke, wie oft wird Gottes Name herbeizitiert, um andere Belange zu rechtfertigen. Um Gottes willen! Und wem wollen dabei nicht alles gerecht werden?

„Die Kirche befriedigt nicht Erwartungen, sondern feiert Geheimnisse.“ So pointiert äußerte sich der frühere Mailänder Erzbischofs Kardinal Martini. Weise Worte. Diese Erinnerung gilt auch unseren Gottesdiensten. Sprechen wir nicht allzu oft von ihnen als „Angebot“ statt als „Feier“? Steht nicht oft in Ankündigungen „Gottesdienst für“ anstatt „mit“? Betrachten wir die „Mitfeiernden“ nicht viel zu oft als „Gottesdienst-Teilnehmer“ oder gar “-Besucher“? Wie kommen wir wieder aus dieser falschen Sichtweise heraus? Dem Römerbrief des Paulus sind noch letzte Worte angefügt. Wir haben sie gehört. Sie weisen in die richtige Richtung: der Gottesdienst ist ein Fest, in ihm ist alles zum Lobe Gottes gestimmt, alles zu seiner Herrlichkeit, allein ihm zu Ehren.

In dieser Ausrichtung liegt etwas überschwängliches, den ganzen Menschen mit Herz und Sinne und Verstand umfassendes und ihn in Bewegung setzendes. Die Belehrungen, Argumentationen und Ermahnungen des Römerbriefs liegen – Gott sei Dank! - hinter uns. Jetzt löst sich der Mensch aus diesen Bahnen und erhebt seine Seele und seine Stimme, um Gott zu preisen. Nur vor Gott senken wir unseren Kopf. Nur in ihm sehen wir unsere letzte Bestimmung. Frei von allem was uns sonst fesselt treten wir vor Gott, bitten um Vergebung unserer Sünden und Erlösung aus Angst und falschen Prägungen. Frei von Herkunft, Geschlecht oder Schicksal bitten wir für uns und allen uns Anbefohlenen um seinen väterlichen, seinen mütterlichen, letztlich aber um seinen über alles hinausgehenden göttlichen Segen.

In dieser Ausrichtung liegt aber auch eine gewisse Striktheit. Eine letzte Klarheit darüber was uns nicht gefangen halten soll. Eine Verabschiedung von allem Undeutlichen und allen Verstellungen. Es muss eindeutig sein in uns was die letzte bestimmende Wirklichkeit unseres Lebens ist. Der Lobpreis spricht hier von dem Gehorsam im Glauben. Von Paulus her wissen wir, dass der Glaube durch das Wort, durch das Hören auf Gottes Wort kommt. Nur so kommen wir heute noch mit dem Wort „Gehorsam“ zurecht. Und wir wissen auch spätestens seit der Reformation, dass der Mensch dem Hören nichts hinzuzusetzen hat. Aber auch Luther hat verschiedentlich betont, dass eben dieses Wort Gottes so Gehör finden soll, dass man es für sich gelten lassen muss!

Ich sehe vor mir das Bild einer Frau, die mit einem schweren Rucksack an der Straße steht und schließlich doch von einem Kleinlaster mitgenommen wird. Nach einer Weile sieht der Fahrer durch das Rückfenster zur Frau auf der Ladefläche. Sie kann nun endlich sitzen, aber immer noch trägt sie auf ihrem Rücken den schweren Rucksack. Bei allem Gnadenzuspruch und spätem Freiheitspathos der reformatorischen Kirchen sind wir zwar getragen, aber nicht erlöst, zwar voller Vertrauen, aber nicht entschieden. Ein letztes klares Wissen vom Ursprung unserer Stellung im Kosmos soll uns am Schluss der langen Pauluslektüre befreien. Der Rucksack, den wir nicht ablegen wollen steht für den Kampf um unsere Identität und um den letzten Sinn unseres Daseins. Durch Gott sollen wir gestärkt werden auch in der Tiefe unseres Herzens Gottes Zuspruch gelten zu lassen, uns im wirklichen Leben auf ihn zu verlassen und darin unseren Sinn zu finden.

Der Glaube ist nicht beliebig, nicht biegsam und nicht fügsam, kein Mittel zu Erreichung andere Zwecke, kein Vehikel zur Selbstdarstellung. Und er gilt allein dem einen, dem einigen Gott, dem Gott Israels, seiner Barmherzigkeit, seinem Ethos und seinen Propheten bis hin zu dem einen, Jesus, dem Sohn des einen Gottes. Kirchenvater Origenes, der Diamantene, hat - sachlich zu recht - die Epiphanie Jesu in die Beglaubigungen dieses Lobpreises eingefügt (V 26). Denn in Christus erschließt sich endgültig der Willens Gottes, sein „Plan“ wie es hier heißt. Unser aller geliebter Kirchenvater Augustinus hat dagegen – wenn auch ohne allzu große Zustimmung – diesen Gedanken dahin gewendet, dass dieser Glaube letztlich nicht etwas völlig Neues sein könne, sondern, da er ja von Gott her angelegt ist, bereits, wenn auch nicht dem Namen, so doch der Sache nach, die „wahre Religion“ der Alten gewesen sein muss. „Denn vom Anbeginn des Menschengeschlechts an fehlte sie <die wahre Religion> nicht, bis Christus selbst im Fleisch erschien. Erst seitdem fing man an, die längst vorhandene wahre Religion christlich zu nennen.“ Eine ehrenwerte Spekulation, in der Tat. 

Tatsächlich geht es in dem Geheimnis, von dem unser Lobpreis spricht, aber um etwas anderes als den Glauben an den ewigen und weisen Gott. Es geht um seine Geltung. Es geht darum, dass es für alle Welt nur diesen, einen Gott gibt und der Glaube an ihn universellen Charakter hat. Und das ist dann doch etwas Neues, etwas Unerhörtes. Es erscheint am Ende zwingend, zu folgern und damit das letztes Mysterium, das Geheimnis, aufzutun und zu sagen: Es ist nur ein Gott Gott aller Menschen, der Juden wie der Heiden. Und dieses letzte Geheimnis ist gewissermaßen ein liegengebliebenes Geschenk unter dem Tannenbaum unserer Weihnacht und will zwischen Neujahr und Epiphanias geöffnet, entschlüsselt und kundgetan werden allen Menschen seines Wohlgefallens.

Schon ziehen in der Dämmerung drei vermummte Männer durch die Wüste und folgen einem - den Menschen erst langsam aufgehenden - Sternenlicht. Es sind die drei Weisen, oder Heiligen oder Könige aus dem fernen Morgenland. Ihr Kommen von fernen Landen verweist auf die universelle Bedeutung der Geburt des Gottessohns. Und wie das auch beim am besten gehüteten Geheimnis ist, wenn es einmal gelüftet wurde, wollen alle schon etwas davon gewusst haben: die Väter und Gesetzgeber und Propheten des alten Bundes, die den Wahrheitsraum des Gottesereignisses bilden, genauso wie die ganze Antike in ihren besten Köpfen, die diesen Wahrheitsraum angenommen, aufgeschlossen und zu seiner universellen Geltung gebracht haben.

Manche, liebe Gemeinde, haben daraus geschlossen, dass dieser Paulus, der Diasporajude und Völkerapostel den großen Durchbruch zu einer Weltreligion gegen Petrus erzwungen und damit das Christentum „erfunden“ habe (V 25 „mein Evangelium“). Die Wertschätzung seiner Theologie ist nach Jahren der scheuen Zurückhaltung wieder gestiegen - vor allem bei theologisch und politisch versierten Philosophen. Andererseits handelt Gott bei der Verwirklichung seiner Geschichte fraglos durch bestimmte Menschen. Warum also nicht durch Paulus? Letztlich gilt aber nach Römer im 16. Kapitel: Dieses Geheimnis ist keine findige Erfindung, sondern von Ewigkeit bei Gott beschlossen und nur vor den Menschen verschwiegen geblieben.

Dass Gott nun aufrichtet den Gehorsam des Glaubens bei Juden und Heiden ist ein wohl hinzugesetzter Schlussakkord nach der langen Kette der Argumentation des Römerbriefs und die Summe der unbestreitbare Wirkung des Paulus und seiner Verkündigung, die eben nicht die seine ist, sondern Gottes eigenes Wort in der Geschichte der Menschheit und in der Geschichte unseres Lebens. Wollte man heute oder morgen mit Menschen guten Willens aller Religionen neben dem eigenen Gottesdienst zusätzlich ein Fest der Verständigung und Versöhnung feiern, dann wäre das ein gut gewählter Augenblick. Das - nunmehr gelüftete - Geheimnis soll Menschen im Loben und Danken und im Gebet zusammenführen. Denn nun zieht eine neue Gemeinschaft in die Welt ein, die zur Überraschung der ganzen antiken Welt die Völker für sich einnimmt, sie oft erst äußerlich aber dann auch im Herzen zusammenführt und das Lob des einen Gottes rund um den Erdball erschallen lässt, im Wort und im Tun des Gerechten, in Liebe, Geduld und Versöhnungsbereitschaft.

„Die Kirche befriedigt nicht Erwartungen, sondern feiert Geheimnisse.“ So hörten wir. Ein Geheimnis Gottes lädt zu weltweitem Fest. Also feiern wir Gottes Geheimnis: zweckfrei, sinnlich, ästhetisch und wohltuend. Gottes Wirken an der Welt und den Menschen bleibt ein Geheimnis trotz aller Einsicht in seine Pläne. In der Weihnachtszeit kann wie in kaum einer anderen Festzeit eindrücklich und mit allen Sinnen erfahren werden, was Feiern meint. In der Feier wird das Geheimnis der Liebe Gottes in Christus zu allen Menschen erfahrbar, aber das Geheimnis löst sich dadurch nicht auf. ER bleibt doch geheimnisvoll und wir entsprechen ihm mit unseren Festen. Amen.