Predigt zu Sexagesimae, 27. Februar 2011 über Markus 4, 26-29 von Bert Hitzegrad

 

  Ich staune. Während ich bei Minusgraden nun Ende Februar meine Mütze noch
  tiefer ins Gesicht ziehe und ohne Handschuhe das Haus immer noch nicht verlasse,
  da schieben sich, ganz zart und vorsichtig, die ersten Frühlingsboten durch den
  Schnee. Ich dachte die Natur sei in der Winterpause. Ich dachte, während der Frost
  noch den Boden undurchlässig macht, passiert auch nichts unter der Oberfläche.
  Ich dachte, während ich auf die langersehnte Wärme der Frühlingssonne warte, ist
  auch in der Erde Ruhezeit, Wartezeit ...
   
  Doch weit gefehlt. Ich schaue genau hin und entdecke neben den zarten
  Blütenglocken der Schneeglöckchen auch schon die ersten grünen Spitzen der
  Osterglocken! Und daneben, die kleinen grünen Spitzen? Hatten wir dort nicht
  Tulpen gepflanzt? Ich staune - und frage mich, woher die Natur in der Kälte und
  unter der weißen Schneedecke ihre Kraft bekommt.
   
  Ich staune. Ich staune über Angelika, die uns am Abend eingeladen hat. Vor einigen
  Jahren hat sie den Konfirmandenunterricht als Mutter begleitet. Dann kam ein
  Schicksalsschlag nach dem anderen: Erst die Trennung von ihrem Mann, dann der
  Krebs, dann blieben die Unterhaltszahlungen aus. Wie oft brach sie in Tränen aus,
  wenn wir uns trafen. Und dann machte sie eine Ausbildung, nennt sich jetzt
  „zertifizierte Tagesmutter” und ist für die ihr anvertrauten Kinder voll da. Heute
  Abend redet sie auch über ihre Kindheit, den Vater, der sie geschlagen hat, die
  Mutter, die sie nie allein hinausließ. Da steckt noch ganz viel Wut in ihr drin und die
  Tränen sind auch gleich wieder da. Aber sie sagt: „Meinen Kindern soll es gut
  gehen! Meine Kinder sollen meine Liebe spüren.” Und ich staune, ich staune und
  frage mich, woher Angelika diese Kraft bekommen hat.
  Da passiert etwas im Verborgenen und unser oberflächlicher Blick nimmt es gar
  nicht war. Da entsteht neues Leben, wo wir meinen, es müsste alles wie gelähmt
  und am Ende sein. Da bekommen Menschen neue Kraft, um ihr Leben in die Hand
  zu nehmen. Aber wie, woher? Eins wissen wir - wir stehen nur staunend davor, weil
  wir zu dem Wunder des Lebens nichts beigetragen haben.
   
  Jesus spricht in einem Gleichnis von diesem Wunder, er spricht von dieser
  innewohnenden Kraft in der Natur und macht sie zu einem Bild für das, was wir nicht
  in Händen haben und was nur Gott uns schenken kann - die Kraft seiner
  Gegenwart:
  Der Predigttext für den heutigen Sonntag - Markus 4,26-29
  Vom Wachsen der Saat
  Und Jesus sprach: Mit dem Reich Gottes ist es so, wie wenn ein Mensch Samen
  aufs Land wirft und schläft und aufsteht, Nacht und Tag; und der Same geht auf und
  wächst - er weiß nicht, wie. Denn von selbst bringt die Erde Frucht, zuerst den Halm,
  danach die Ähre, danach den vollen Weizen in der Ähre. Wenn sie aber die Frucht
  gebracht hat, so schickt er alsbald die Sichel hin; denn die Ernte ist da.
   
  Gott segne dieses sein Wort an uns und lass es auch durch uns zu einem Segen
  werden.
  Das klingt nach unendlicher Gelassenheit, viel Ruhe und viel Gottvertrauen. Es
  klingt auch nach Erfolg, nach Wachstum, nach vollen Ähren und guter Ernte. Zu
  schön, um wahr zu sein?
  Moderne Landwirtschaft sieht anders aus. Da scheint es vorbei zu sein mit der Ruhe
  und der Gelassenheit. Der Schlaf nachts ist unruhig, weil die Preise an der Börse
  nicht nur steigen, sondern auch fallen. Und das Aufstehen am Morgen ist vor aller
  Zeit, um das Pensum in dem mittelständischen Unternehmen noch zu schaffen. Das
  Saatgut wird per Maschine auf das Land geworfen, das hochgezüchtete Saatgut
  bedarf ständiger Beobachtung, die Schädlingsbekämpfung muss zu einem genauen
  Zeitpunkt erfolgen. Lange Trockenperioden werden durch künstliche Beregnung
  aufgefangen. Und wenn die Ernte da ist, dann bleibt immer noch die unsichere
  Frage, ob denn die Mühe auch belohnt wird und die Preise für die Produkte gerecht
  sind ...
  Aber auch moderne Arbeit am Reich Gottes sieht ja anders aus. Ruhe und
  Gelassenheit sehe ich da kaum. Wer nichts macht, fällt hinten runter, wer die Hände
  in den Schoß legt und auf Wachstum hofft, der wird erleben, dass Kirche auf dem
  „Markt der religiösen Möglichkeiten” nicht besteht.
  Wir wollen etwas machen. Wir wollen etwas bewegen. Eine neue Aktion planen, wie
  Menschen von Gottes Wort angesprochen werden können. Ein „Jahr der Taufe
  2011” wird hoffentlich neuen Samen auf das entchristlichte Land streuen.
  Missionarische Bildungsangebote, „Erwachsen glauben” können den
  Wachstumsprozess voran bringen und die Ernte und die Quoten und die
  Kirchengliederzahlen wieder ins rechte Lot bringen.
  Wir wollen etwas machen - und wir müssen etwas machen. Keine Frage.
  Aber der Zwang, immer mehr schaffen zu müssen, immer innovativer und
  erfolgreicher zu sein, ist ein ungeheurer Druck. Wie viele hat dieser Druck schon
  innerlich ausbrennen lassen? Und ist die Ernte größer geworden, ist das Reich
  Gottes durch diese Opfer gewachsen? Wir hören von dem Bauern im Gleichnis,
  dass er den heilsamen Rhythmus von Ruhe und Arbeit, von Schlafen und Aufstehen
  kennt. Und er rennt nicht auf den Acker, um die Weizenhalme noch ein bisschen
  herauszuziehen. Er weiß, das braucht Zeit. Seine Erfahrung sagt ihm: Da liegt viel
  Kraft in dem Samen selbst. Und schließlich vertraut er: Der Erfolg ist nicht meine
  Leistung, sondern Gottes Verdienst.
  Welche Folgen die hochindustrialisierte Landwirtschaft hat, das nehmen wir dann
  wahr, wenn die Skandale hochkochen. Zu Beginn des Jahres mussten wir alle
  wieder ein Fremdwort lernen: „Dioxin” - und mussten doch erfahren, dass es uns gar
  nicht so fremd ist, sondern zum „täglichen Brot” dazugehört. Seitdem wird hier und
  da wieder genauer hingeguckt. Der SPIEGEL z.B. hat in deutsche
  Hähnchenmastställe geschaut und festgestellt, dass es dort „Im Akkord zur
  Schlachtreife” geht. Hähnchenfleisch ist beliebt, die Zuwachsraten beim „weißen
  Fleisch” sind enorm - und die Mästereien kommen kaum nach, denn es dauert
  immer noch 33 Tage, in denen sich ein Broiler auf 1,6 Kilo anfrisst. Tag und Nacht,
  das Sättigungsgefühl ist ausgelöscht, das Muskelfleisch wächst schneller als die
   
  Knochen. Und am Ende können sich die schlachtreifen Tiere kaum mehr auf den
  Beinen halten.
  Das klingt nicht nach unendlicher Gelassenheit, nach Ruhe und nach Gottvertrauen.
  Das klingt nach Marktinteressen, nach Billigstprodukten und Riesengewinnen.
  Ist das die Konsequenz, wenn wir das Wachsen selbst in die Hand nehmen? Der
  nächste Skandal und der Kollaps bei den Lebensmitteln sind vorprogrammiert!
  Also doch alles sich selbst überlassen - nach der Weisheit Baloos, dem Bären aus
  dem „Dschungelbuch” leben? „Probier's mal mit Gemütlichkeit, mit Ruhe und
  Gemütlichkeit jagst du den Alltag und die Sorgen weg ...”
  Aber lassen uns die Zustände in modernen Mastbetrieben in Ruhe? Gehört nicht
  jedes Wesen, jedes Geschöpf zum Reich Gottes? Wollen wir nicht etwas verändern
  in dieser Welt und damit dem Reich Gottes Tor und Tür öffnen? Für den Frieden
  kämpfen, die Gerechtigkeit einfordern, die Schöpfung bewahren und nicht
  ausbeuten? Können wir noch zur Ruhe kommen angesichts des unendlichen Leids
  auf dieser Welt?
  Und genau da höre ich gern hinein in die Naivität und Einfältigkeit des Gleichnisses.
  Es ist doch so entlastend, dass das Glück dieser Erde nicht von uns abhängt.
  Nichts, was wir tun - und auch nichts, was wir nicht tun - kann das Reich Gottes
  beschleunigen oder ausbremsen. Es hängt nicht von uns ab, nicht von unseren
  Leistungen, von unseren Erfolgen oder dem Wunsch, es hier und jetzt, heute und
  sofort zum Greifen nahe zu haben. Aber auch all unsere verzweifelten Versuchen,
  halbherzigen Rettungsaktionen, stümperhaften Predigten - all das kann das Reich
  Gottes nicht verhindern, sondern die innewohnende Kraft lässt es wie ein
  Schneeglöckchen in der Kälte des Februars wachsen.
  Es ist da - auch ohne unser Zutun. Und doch sollen wir mitwirken. Das ist die große
  Herausforderung - nicht nur an die Landwirt, die säen und warten, sondern auch an
  uns Christen des 21. Jahrhunderts, die wir die Verheißung haben, dass „Gottes
  Reich mitten unter uns ist”, zugleich aber weiterhin „in alle Welt gehen, zu Jüngern
  alle Völker machen” und so am Reich Gottes mit bauen, bis „er kommen wird, zu
  richten die Lebenden und die Toten.”
  Was macht uns reich im Reich Gottes? Es ist wohl diese Geduld des Bauern, der
  sät und weiß, dass gute Frucht nicht von heute auf morgen wächst, dass der
  Geschmack von sonnengereiften Tomaten ein anderer ist als die Turbofrucht aus
  dem Gewächshaus. Geduld, die uns auch geduldig macht gegenüber denen, die in
  dieser modernen Welt allem nicht so schnell hinterherkommen. Das Vertrauen auf
  Gott schenkt uns diese Geduld. Seine unendliche Geduld mit uns Menschen ist
  Vorbild und Kraftquelle. Auch für die Hoffnung, die wir haben, dass das Lebens trotz
  allen Unsinns doch Sinn macht, dass wir getragen werden in diesem Leben und
  auch dann, wenn scheinbar alle Hoffnung und alles Leben dahin ist. Da passiert
  etwas im Verborgenen. Und wir wissen wenig davon. Aber wir dürfen auf Gott
  vertrauen - und dann auch staunen.
  Ich möchte, dass auch Renate wieder staunen kann. Über die Schneeglöckchen im
  Vorgarten. Und über das Leben, das wieder gut und sinnvoll sein kann. Sie hat vor
  wenigen Wochen ihren Mann verloren, ganz plötzlich, mitten im Leben. Nun ist sie
  allein mit ihrem Sohn. Im Augenblick kann sie noch nicht daran denken, dass es ein
  Leben nach dem Tod auch für sie - nun ohne Ehemann und Vater ihres Kindes -
  geben kann. Ich habe ihr eine Tüte mit Samenkörnern geschenkt - Sonnenblumen.
  Ich hoffe, dass sie sie einsät, diese unscheinbaren grauen Körner. Und dass sie
  ihnen Zeit zum Wachsen und Reifen lässt - so wie ihre Trauer Zeit braucht, um
  Hoffnung wieder neu keimen und reifen zu lassen. Und ich hoffe, dass sie dann
  Staunen wird, dass trotz der Kälte des Todes und trotz des harten Bodens der
  schweren Erinnerungen, die Samenkörner aufgehen. Und nach einer langen Zeit
  der Geduld und des Wartens wird sich die junge, zarte Sonnenblume dem Licht des
  Himmels entgegenstrecken.
  Gut gemeinte Worte, tröstende Gesten mögen Renate helfen. Aber die
  Sonnenblume sagt etwas von der Kraft, die Gott uns schenkt. Sie spricht von der
  Hoffnung, die wieder wächst. Und sie macht das Vertrauen sichtbar, dass Gott aus
  Kleinem Großes, aus Trauer Freude, aus Chaos Frieden und aus Tod Leben
  machen kann.
  Ich staune über die Schneeglöckchen, Sonnenblumen und Veränderungen, die
  möglich sind. Sie zeigen mir, dass Gottes Reich mitten unter uns ist.
  Amen.
  Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen
  und Sinne in Jesus Christus zum ewigen Leben. Amen

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