Höre Israel zu! - Predigt zu Mk 12, 28-34 von Anne-Kathrin Kruse
Auf wackligen Beinen
Auf wackligen Beinen stehen wir vor Gott
an diesem Israelsonntag 2025.
Nein – der Name dieses Sonntags
hat ursprünglich nichts mit dem Staat Israel zu tun.
Und doch können wir kaum absehen
von der Katastrophe seit dem 7. Oktober 2023
in Israel, auf der Westbank und dann im Gazastreifen.
Die Bilder von den Opfern der Hamas in Israel sind unerträglich.
Und das Leiden hört nicht auf.
Die Bilder der Steinwüsten zerstörter Häuser in Gaza,
gehen tief ins Herz und lassen keine Ruhe.
Und das Leiden hört nicht auf.
Es gibt keine Gewissheiten.
Alles wankt.
Der Frieden in der Welt wankt.
Das Miteinander der Menschen wankt.
Die eigenen Beine bringen uns aus dem Gleichgewicht.
Auch die, die meinen, sie könnten aus sicherer Entfernung
über „die Guten“ und „die Bösen“ urteilen,
haben keinen festen Grund unter den Füßen.
Wir sehnen uns nach Frieden.
Und wissen nicht, wie er kommen kann.
Blick in den Abgrund
Um das Gottesvolk der Jüdinnen und Juden geht es heute.
Darum, dass wir uns an die tiefen jüdischen Wurzeln
unseres christlichen Glaubens erinnern.
Judentum und Christentum – fast wie Schwestern –
so nahe sind sich die beiden.
Unser christlicher Glaube an den einen Gott Israels,
an den Juden Jesus,
die Bibel, von Juden verfasst, das Alte wie das Neue Testament,
unser Gottesdienst –
all das verdanken wir dem Judentum.
Zugleich geht ein tiefer Riss durch unsere gemeinsame Geschichte.
Wer immer wieder über Steine stolpert –
kleine Messingschilder im Gehweg zum Gedenken –
mit Namen und der Bemerkung „ermordet“,
wer einmal das Wasser des Schwedt-Sees in Ravensbrück
in der Sonne blinken sieht,
in den die SS-Mannschaften die Asche gekippt haben,
der schaut in den Abgrund christlicher Judenfeindschaft.
Dem schwanken wahrscheinlich nicht nur die Beine.
Da werden die Knie weich, das Gleichgewicht versagt
angesichts dieses monströsen Verbrechens,
das letztlich nicht zu begreifen ist.
Und es hört nicht auf.
Jüdinnen und Juden heute sind in Deutschland nicht sicher
vor Anfeindungen und Bedrohungen.
Auch wenn sie Deutsche sind und niemals in Israel gelebt haben,
auch wenn sie gar aus Protest Israel verlassen haben,
werden sie höchstpersönlich für das Handeln der israelischen Regierung
verantwortlich gemacht.
Jeder Israelsonntag hat es mit diesem Abgrund zu tun.
Auf einem Bein
Trotzdem gehören Christen und Juden zusammen.
Aber wie?
Und es trat zu ihm einer von den Schriftgelehrten.
Er hatte gehört, wie sie miteinander diskutierten,
und hatte bemerkt, dass Jesus Fragen gut beantwortete.
Er fragte ihn: „Welches ist das wichtigste Gebot von allen?“
Jesus antwortete ihm: „Das wichtigste Gebot ist: Höre, Israel!
Der EWIGE, unser Gott, ist der Herr allein;
so liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen und Verstand,
mit jedem Atemzug, mit aller Kraft,
und du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.
Kein anderes Gebot ist größer als diese zwei.“
Dies ist kein christlich-jüdisches Gespräch.
Hier sprechen zwei jüdische Gelehrte miteinander,
die sich in ihrer Heiligen Schrift, der Tora, bestens auskennen.
Ähnlich der Geschichte,
als jemand zum großen Gelehrten Hillel kommt
und ihn bittet, ihn die ganze Tora zu lehren,
während er auf einem Bein steht.
„Worauf kommt es an im Leben?
Kannst du all die Geschichten und Gebote
in einem Satz zusammenfassen?
Bitte sag’s mir, kurz und bündig, so knapp,
solange ich auf einem Bein stehen kann!“
Hillels geduldige Antwort: „Was dir verhasst ist,
das tue auch deinem Nächsten nicht.
Das ist die ganze Tora, alles andere ist Auslegung.
Geh und lerne!“
Auch der Gesprächspartner Jesu kommt gleich zur Sache.
„Was ist das höchste, das wichtigste Gebot?“
Eine echte Frage, keine Fangfrage,
kein Versuch, Jesus irgendwie auf’s Glatteis zu führen.
Was antwortet Jesus?
Er zitiert aus der Tora: Höre, Israel!
Das erste Wort des wichtigsten Gebotes heißt nicht Glaube!
Auch nicht Lern erstmal was!
Es beginnt mit dem Hören.
Es heißt Höre, Israel! -
und ist das Herzstück des jüdischen Glaubens.
Hier schlägt das Herz Israels – auch das Herz Gottes.
Als wenn man einem Liebespaar zuhört,
wie es miteinander spricht, vielmehr flüstert.
Und das unbestimmte Gefühl kommt auf,
dass es ungehörig ist, diesen intimen Augenblick zu stören.
Wie magst Du, Jesus, diese Sätze gesprochen haben…?
Laut deklamierend –
oder eher flüsternd mit den Händen vor den Augen…?
Auf zwei Beinen
Der EWIGE, unser Gott, ist der Herr allein.
Ganz Ohr sein für die eine Stimme Adonajs, Gottes,
die aus der Sklaverei ruft,
die das Glück der Gebote lehrt,
den Glanz der Schöpfung besingt,
die das Herz fröhlich macht und die Traurigen tröstet.
So liebe den Herrn, deinen Gott, von ganzem Herzen und Verstand,
mit jedem Atemzug, mit aller Kraft…
Wer Adonajs Stimme hört, bekommt Herzklopfen.
Sehnt sich nach dem Geliebten, einzig und allein,
seinen Willen zu tun und zu verstehen.
Spürt: ich bin gemeint!
Sie redet mich an, diese Stimme, segnet mich.
Mich und mein ganzes Volk!
Wer von ihr beseelt ist,
freut sich über alles Gute im Leben,
schüttet auch sein Herz aus,
weint sich aus mit seiner Angst und Schuld
mit all den ungereimten Sehnsüchten, muss nichts zurückhalten…
Diese Stimme der Liebe gibt
dem ganzen jüdisch religiösen Leben seinen Rhythmus.
Im Sitzen oder Gehen, Schlafen oder Aufstehen,
zum Morgengebet und am Abend, in jedem Gottesdienst.
Sie hat ihre Merkzeichen beim Gebet
in einem kleinen Kästchen auf der Stirn,
in den Gebetsriemen am Arm gegenüber dem Herzen
und an den Türen jüdischer Häuser und Wohnungen.
Die große Liebe zu Gott macht nicht blind.
Sie öffnet die Augen für den Sinn des Lebens
Kinder lernen im Höre, Israel!
zum ersten Mal auf diese Stimme zu hören.
Es ist das letzte Gebet der Sterbenden.
Und am Grab ruft man es ihnen ein letztes Mal nach.
Mit dem Höre Israel! auf den Lippen starben jüdische Märtyrer
für ihren Glauben.
Um unter Gottes höchstem Gebot durchs Leben zu gehen,
kommt es nicht auf Schnelligkeit und Kürze an.
Ein Bein reicht nicht.
Es braucht beide Beine:
Untrennbar verbunden mit dem Höre, Israel!
ist die Liebe zu den Menschen.
Auch keine Erfindung Jesu.
Sie stammt ebenfalls aus der Tora,
die Gott seinem Volk geschenkt hat.
Offenbar kann es sein Glück nicht für sich behalten,
muss es weitergeben an Andere.
Liebe deinen Nächsten – wie dich selbst.
Oder wie es wörtlich heißt: denn er ist wie du –
Gottes Geschöpf mit der gleichen Würde.
Mit dem gleichen Anspruch auf ein Leben in Frieden und Sicherheit.
Nicht die großen Gefühle sind gefragt.
Nächstenliebe – das sind ganz unspektakuläre Liebeserweise:
wie beim barmherzigen Samariter der Blick für die Not,
der er nicht ausweichen kann.
Das Notwendige tun, die Wunden behandeln,
Notfallseelsorge bis zur nächsten Herberge,
den „Pflegesatz“ begleichen.
Handgriffe, die überall da gefragt sind,
wo Menschen ausgeliefert sind:
das Naheliegende tun für die,
die mir buchstäblich vor die Füße gelegt sind.
Mit festen Knien
Zwei jüdische Gelehrte erinnern sich gegenseitig
an das Herzstück ihres Glaubens.
Da herrscht ein ganz tiefes Einverständnis, das fraglos ist.
Jesus, der die Nähe des Gottesreiches ansagt
und an die Grundlagen des jüdischen Glaubens erinnert,
bescheinigt dem anderen Schriftgelehrten:
Du bist nicht fern vom Reich Gottes!
Mehr geht nicht!
Und was ist mit uns Christen?
Das wichtigste Gebot Höre, Israel! meint ja eben Israel und nicht uns.
Für uns Christen heißt das zuerst Höre Israel zu!
In Jüdinnen und Juden das Angesicht Gottes entdecken –
sie sind genauso wie ich ein Ebenbild Gottes.
Du kannst nicht den Gott Israels, den Vater Jesu Christi, lieben,
und seinem Volk die Treue Gottes absprechen,
es missionieren wollen oder verfolgen.
Sich an die Seite der jüdischen Opfer zu stellen,
bedeutet aber nicht, die palästinensischen Opfer zu verhöhnen.
Gott zu hören, heißt:
beide Seiten hören und zu ihrem Recht kommen lassen,
das Lagerdenken aufgeben
und sich an die Seite aller Opfer stellen,
nicht Recht haben müssen,
Widersprüche zulassen,
denn Gegensätzliches kann beides wahr sein.
Doppelt solidarisch sein,
den Mut haben zuzugeben,
Vieles im Nahen Osten nicht zu wissen und zu verstehen.
Es reicht auch, sich von dem Leid berühren zu lassen,
ohne gleich eine Meinung zu haben.
Der Versuchung widerstehen,
sich durch Kritik an der israelischen Politik
von deutscher historischer Schuld zu entlasten.
All das ist anstrengend und kostet auch etwas.
Aber es trägt zum Frieden bei –
wenigstens in der Debatte hier in Deutschland.
Noch immer stehen wir mit wackligen Beinen vor Gott.
Aber es gibt eine wunderbare Verheißung für Jüdinnen und Juden –
und durch Jesus Christus auch für uns:
Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!
Sagt den verzagten Herzen: Seid getrost, fürchtet euch nicht!
Seht, da ist euer Gott!
Der Weg zum Frieden ist weit.
Aber Du, Gott, gehst an unserer Seite
und stützt uns.
Amen.
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Leider liegt der Israelsonntag in den meisten Bundesländern in den Ferien. Dennoch birgt er die Chance, über das schwierige christlich-jüdische Verhältnis nachzudenken. Umso dringlicher ist das Nachdenken allerdings angesichts des wachsenden Antisemitismus auch und gerade unter Kirchenmitgliedern in Zeiten des Nahostkrieges geworden.
Dazu bietet sich an, möglichst lokale Gedenkstättenarbeit einzubringen.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Der Metapher „auf wackligen Füßen“ von Ann-Kathrin Hasselmann, Liturgievorschlag zum Israelsonntag 2025, Verlange Frieden für Israel, in: Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. (Hg.), Verlangt nach Frieden für Jerusalem, www.asf-ev.de/veroeffentlichungen (Abruf am 26.7.2025) 16-21, verdanke ich meine Predigtidee. Sie hat mich auch in der Vorbereitung die Knie weich werden lassen.
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Angesichts der belastenden, in Teilen pauschalisierenden und spaltenden Form der Debatte zum Nahost-Konflikt sind mir das Zuhören, Nach- Fragen, das Eingeständnis, zu wenig zu wissen, v.a. aber die aktive Empathie wichtig geworden. Für das christlich-jüdische Verhältnis insgesamt gilt, sich nicht auf der Seite „der Guten“ zu wähnen, vielmehr immer neu das respektvolle Fragen, Differenzieren, lebenslange Lernen einzuüben.
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Ganz wichtig waren die Hinweise auf Insider-Wissen, das ich zu selbstverständlich vorausgesetzt habe und das es zu erläutern lohnt. Ganz herzlichen Dank an meine Coach für den wertvollen fremden Blick!
Link zur Online-Bibel
24.08.2025 - 10. Sonntag nach Trinitatis / Israelsonntag
"Er dämpfet Sturm und Wellen und was mir bringet Weh" (EG 351,2) - Predigt zu Mk 4,35-41 von Luise Stribrny de Estrada
Liebe Schwestern und liebe Brüder!
Es ist Nacht auf dem See Genezareth: Die Jünger sitzen in ihrem Boot. Wind ist aufgekommen, der sich schnell zum Sturm entwickelt hat. Er reißt an Segel und Masten und füllt mit seinem Geheul die Nacht. Er peitscht die Wellen hoch, so dass sie sich in immer neuen Anläufen auf das Boot werfen - wie eine Meute hungriger Löwen, die seine Insassen verschlingen wollen. Nachdem die Jünger, erfahrene Seeleute, alles versucht haben, was in ihrer Macht steht, müssen sie erkennen, dass ihr Tun sinnlos ist: Das Schiff füllt sich immer mehr mit Wasser. Todesangst schüttelt sie. Sie haben die Hoffnung auf Rettung aus diesen brodelnden Wassern fast aufgegeben.
Da erinnert sich einer von ihnen daran, dass sie ihren Meister völlig aus den Augen verloren haben. Er hat ihnen auch nicht geholfen, das Segel einzuholen oder das Schiff auszuschöpfen. Der Jünger schaut sich um und entdeckt Jesus auf dem Achterschiff, friedlich auf ein Kissen gebettet - und schlafend. Zorn steigt in ihm auf: Das kann doch nicht wahr sein, dass er in all diesem tobenden Chaos dort liegt, wie ein Kind im Schoss seiner Mutter und friedlich schläft! Und Angst hat er auch keine, während sie vor Furcht vergehen. Wenn er schon von der Seefahrt keine Ahnung hat, sollte er wenigstens mit ihnen zusammen hier auf der Bank sitzen und ihnen Mut zusprechen oder beten. Stattdessen liegt er dort in aller Herrgottsruhe und schläft! Er hat sie völlig vergessen, sie, seine besten Freunde und Gefährten! Der Jünger wechselt empörte Blicke mit seinen Kameraden, dann stehen zwei von ihnen auf und schütteln Jesus wach. Sie fragen aufgebracht: „Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen?“ Sie merken selbst kaum, dass sie meinen: „Hilf uns doch, kümmere dich um uns! Sorge dafür, dass wir nicht sterben müssen.“ Denn er ist jetzt wirklich ihre letzte Hoffnung, nachdem alles andere umsonst gewesen ist. Vielleicht vermag er anderes als sie...
Ich bringe mich mit ins Spiel. Was tue ich, wenn mich die Stürme des Lebens schütteln? Wenn alles über mich hereinbricht und ich die Orientierung verloren habe? Dann versuche ich, ruhig zu werden, um wieder die Oberhand zu gewinnen. Ich bemühe mich, Ordnung in das Chaos zu bringen. Manchmal gelingt das, manchmal nicht. Mir helfen dann Gespräche mit Menschen, die mir vertraut sind oder auch mit Außenstehenden, die mehr Abstand haben. Wenn ich in Worte fasse, was mich bedrängt, trägt das dazu bei, das Bedrohliche zu zähmen. Ich bin ihm nicht mehr hilflos ausgeliefert.
Zurück zu Jesus und den Jüngern in ihrem Fischerboot: Nachdem seine Freunde ihn geweckt haben, ist Jesus sofort wach und erfasst die Situation, in der sie sich befinden. Er hat die unausgesprochene Bitte der Jünger verstanden und weiß, dass er handeln muss. Er steht auf und fährt den Sturm und das Meer an: „Schweig! Verstumme!“ Er gebietet über die Naturgewalten, als pfeife er eine Meute Hunde zurück, die sich auf ein Opfer stürzen will. Sofort hören sie auf ihn und gehorchen - innerhalb von Minuten legt sich der Wind, und es entsteht eine große Stille. Die Jünger empfinden sie umso deutlicher, weil noch kurz vorher ein lautes Pfeifen, Zischen und Knattern um sie gewesen war.
Jetzt ist es ganz ruhig. Nichts ist mehr zu hören. Sie können wieder Atem schöpfen. Sie sehen sich um. Jeder einzelne begreift: Ich lebe noch. Ich bin gerettet. Ich bin nicht untergegangen in der tobenden See. Das hat Jesus getan. (Augenblick der Stille)
In diese Stille hinein fallen die Worte Jesu: „Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?“ Es klingt vorwurfsvoll und etwas verärgert. Sie haben doch schon einiges mit ihm erlebt: dass er die Schwiegermutter des Petrus gesund gemacht hat und einen Aussätzigen geheilt hat, vor dem alle aus Angst vor Ansteckung geflohen waren. Sie müssten doch eigentlich begreifen, dass er eine besondere Beziehung zu Gott hat, der ihm die Macht gibt, Dinge zu tun, die alle Vorstellung überschreiten.
„Habt ihr noch keinen Glauben?“ Die Freunde wissen nicht, was sie antworten sollen, und trauen sich nach dem, was sie gerade erlebt haben, nicht, irgendetwas zu sagen. Was meint er mit „Glauben“? Woran? Hätten sie denn ahnen können, dass er imstande ist, das Meer zu zähmen, nur durch zwei kurze Befehle? Das kann doch kein Mensch! Und sie fragen sich verstohlen untereinander, halb flüsternd, voller Furcht: „Wer ist der, dass ihm Wind und Meer gehorsam sind?“ Sie können sich noch nicht vorstellen, dass er mehr ist als jeder Mensch. Sie begreifen noch nicht, dass ihr Meister dasselbe tun kann wie Gott. Erst viel später, nach seinem Tod, werden sie erkennen und glauben, dass er der Sohn Gottes ist.
Uns geht es anders als den Jüngern. Wir wissen, wer Jesus ist, und dass seine besondere Kraft von Gott herkommt. Gott hat ihn geschickt, um uns Menschen zu retten, das glauben wir. Wir leben nach dem Geschehen zu Ostern, das den Jüngern erst die Augen öffnete. Aber heißt das, dass wir in extremen Situationen mit dem Glauben keine Probleme haben? Würde die Frage: „Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben?“ an uns einfach abprallen - oder träfe sie uns auch?
Trauen wir Jesus in Momenten, in denen wir verzweifelt sind, zu, dass er uns daraus befreien kann? Nicht alle von uns werden darauf sofort mit „ja“ antworten. Und wir haben recht damit, nicht allzu gewiss ja zu sagen, denn jeder von uns hat auch schon erlebt, dass Gott uns oder einen Menschen, der uns lieb ist, aus einer existentiellen Bedrohung nicht gerettet hat. Da ist der Bruder an Krebs gestorben, obwohl wir um seine Heilung gebetet haben. Da musste der Mutter das Bein amputiert werden, obwohl wir Gott für sie gebeten hatten. Der Krieg wurde erklärt und geführt, obwohl wir Friedensgottesdienste und Mahnwachen organisiert hatten. Die Ehe ist zerbrochen, obwohl wir Gott so sehr gebeten hatten, sie zu erhalten. Gott greift nur selten selbst ein, um Menschen aus der Not zu befreien. Und wir haben -anders als die Jünger- Jesus nicht greifbar nahe, so dass wir ihn nur wachzurütteln brauchten. Wir erleben Gott oft als weit entfernt, als schwer oder gar nicht erreichbar.
Trotzdem glaube ich, dass Gott will, dass Leiden, Not und Unrecht aufhören. Er will, dass Katastrophen abgewendet oder Zerstörtes wiedergutgemacht wird. Gott will, dass Gerechtigkeit schließlich belohnt wird, dass aber auch Frevel vergolten wird und Lüge schweigt. Er möchte, dass die Dinge an ihren rechten Ort gestellt werden und etwas Vollendetes entsteht. Am Ende wird Gott alles zurechtrücken, so dass die Tränen getrocknet werden und Liebe und Gerechtigkeit regieren – aber zu einer Zeit, die nur er kennt.
Lasst uns in der Zeit, in der wir leben, uns gegenseitig im Glauben stärken, dass sich all das eines Tages verwirklichen wird. Dazu gehört auch, sich Geschichten zu erzählen, wie Gott Menschen geholfen hat, oft durch unsere Unterstützung. Geschichten wie diese:
Eine Ärztin erzählt: „Als junge Ärztin wurde ich eines Abends an das Bett eines Patienten gerufen. Er war gerade ins Krankenhaus eingeliefert worden, er hatte Herzprobleme und es stand sehr schlecht um ihn. Er war nicht bei Bewusstsein. Der ältere Kollege, der ihn untersucht hatte, war der Meinung, dass er die Nacht nicht überleben würde. Ich nahm mir vor, während meines Nachtdienstes regelmäßig nach ihm zu schauen. Fast jede Stunde ging ich zu ihm und redete beruhigend mit ihm. Ich streichelte seine Hand. Einmal sang ich ihm sogar etwas vor. Als es Morgen wurde, lebte er noch! Ich war erleichtert, aber noch war er nicht über den Berg. Er wurde auf eine andere Station verlegt, und ich ging in den Urlaub. Ich hörte nichts mehr von meinem Patienten.
Jahre später lernte ich bei der Visite einen neuen Patienten kennen. Er war wegen einer Hüftoperation zu uns gekommen. Am Ende der Visite sagte er zu mir: ‚Ich habe das Gefühl, dass ich sie kenne. Ihre Stimme ist mir so vertraut. Wenn ich sie höre, habe ich ein ganz warmes Gefühl.‘ Ich konnte mir das nicht erklären, aber es ließ mir keine Ruhe. Ich nahm mir seine Krankenakte vor und las darin. Darin fand ich einen Bericht über einen Krankenhausaufenthalt vor vielen Jahren. Und mir wurde klar: Es war derselbe Patient, den ich stündlich besucht und für den ich gesungen hatte. Er hatte überlebt - und tief in seinem Unterbewussten hatte sich die Erinnerung an jene Nacht und meine Stimme gehalten, die ihn herausgesungen hatte aus seiner Todesnot.“
Ein Wunder.
Geschichten wie diese können viele von uns erzählen und damit anderen Mut machen. Welche ist ihre?
Amen.
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Ich denke an Menschen, die erlebt haben, dass Gott nicht eingegriffen hat, um ihnen zu helfen. Bei den Beispielen, die ich aufführe, z.B. dass Gott die Ehe nicht gerettet hat oder ein Verwandter an Krebs gestorben ist, stehen mir bestimmte Menschen aus der Gemeinde vor Augen. Sie fragen sich: Warum passiert mir das? Warum lässt Gott das zu? Wir kann ich damit leben, ohne meinen Glauben zu verlieren?
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Mir hat gefallen, wie bildlich im griechischen Urtext der Sturm und die Wellen beschrieben werden, wie Jesus dann nur zwei kurze Befehle gibt und eine große Stille eintritt. Ich habe bei dieser Geschichte die illustrierte Kinderbibel von Kees de Kort vor Augen.
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Mich wird die Suche nach, aber auch die Offenheit für die Wunder des Alltags weiter begleiten. Ich glaube, dass Viele sich nach Wundern sehnen, ich auch, danach, dass unsere Welt durchlässig wird für Gott und sich der Himmel öffnet. Oft geschieht das anders, als wir denken.
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Ich fand die Idee der Coach gut, einen Abschnitt in die Nacherzählung der biblischen Geschichte einzubauen, in dem ich davon erzähle, was ich in den Stürmen des Lebens tue.
Link zur Online-Bibel
09.02.2025 - 4. Sonntag vor der Passionszeit
Von verborgener Liebe - Predigt zu Mk 12,1-12 von Andreas Schwarz
1Jesus fing an, zu ihnen in Gleichnissen zu reden: Ein Mensch pflanzte einen Weinberg und zog einen Zaun darum und grub eine Kelter und baute einen Turm und verpachtete ihn an Weingärtner und ging außer Landes. 2Und er sandte, als die Zeit kam, einen Knecht zu den Weingärtnern, damit er von den Weingärtnern seinen Anteil an den Früchten des Weinbergs nähme. 3Da nahmen sie ihn, schlugen ihn und schickten ihn mit leeren Händen fort. 4Abermals sandte er zu ihnen einen andern Knecht; dem schlugen sie auf den Kopf und schmähten ihn. 5Und er sandte einen andern, den töteten sie; und viele andere: die einen schlugen sie, die andern töteten sie. 6Da hatte er noch einen, den geliebten Sohn; den sandte er als Letzten zu ihnen und sagte sich: Sie werden sich vor meinem Sohn scheuen. 7Sie aber, die Weingärtner, sprachen untereinander: Dies ist der Erbe; kommt, lasst uns ihn töten, so wird das Erbe unser sein! 8Und sie nahmen ihn und töteten ihn und warfen ihn hinaus vor den Weinberg. 9Was wird nun der Herr des Weinbergs tun? Er wird kommen und die Weingärtner umbringen und den Weinberg andern geben. 10Habt ihr denn nicht dieses Schriftwort gelesen: »Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, der ist zum Eckstein geworden. 11Vom Herrn ist das geschehen und ist ein Wunder vor unsern Augen«? 12Und sie trachteten danach, ihn zu ergreifen, und fürchteten sich doch vor dem Volk; denn sie verstanden, dass er auf sie hin dies Gleichnis gesagt hatte. Und sie ließen ihn und gingen davon.
In meiner Studentenbude hatte ich zeitweise ein Poster hängen. Darauf war mit einer Ansicht von oben ein Landschaftsbild zu sehen. Wald vor allem, aber auch ein schmaler Pfad. Alles war in einem dunklen Grün. Dichte Bäume überall, Sträucher, ein Bach. Dazu stand in Englisch ein Spruch: Love knows hidden paths – Liebe kennt verborgene Pfade.
Ich gebe zu, das war ganz schön kitschig, diese Kombination von Wort und Bild. Das Gefühl sollte angesprochen wird und irgendwie hat es bei mir gewirkt. Ich habe mir das ins Zimmer gehängt. Es sah gut aus und klang angenehm. Und wahr scheint es mir auch zu sein. Mit der Liebe ist das so eine Sache, die ist nicht immer gleich zu sehen oder zu spüren. Oft ist sie gut verborgen. Ich entdecke sie nicht gleich. Anderes liegt darüber, verdeckt sie.
Hass, Gewalt und Totschlag sprechen lauter und deutlicher. Sie schreien mich sozusagen an, brüllen ihre blutrünstigen Bilder, sodass ich gar nicht mehr erkenne, dass es Liebe gibt. Leise und verborgen. Markus erzählt in seinem Evangelium dieses Gleichnis. In der Lutherbibel trägt es die Überschrift: Von den bösen Weingärtnern. Damit ist die Spur gelegt, das Böse zu hören und zu sehen, weil dort geschlagen, gefoltert und getötet wird.
Ich frage mich: Wo ist da Liebe? Ist da noch Raum für die Liebe?
Eine unangenehme Spannung liegt in diesem Evangelium. Jesus erzählt das Gleichnis der religiösen Elite, Hohepriestern Schriftgelehrten und Ältesten. Sie könnten hören, dass Jesus von ihnen erzählt, dass sie sie Weingärtner sind. Ihnen wird der Weinberg genommen, der Zugang zum Reich Gottes. Aber spannend ist es auch, weil es um Jesus geht. Kritische Fragen hatten sie ihm gestellt. Was machst du da, Verkäufer und Käufer aus dem Tempel zu jagen, Tische der Geldwechsler und Stände der Taubenhändler umzustoßen? Wer hat dir das erlaubt? Was für ein Mandat hast du dafür?
Mehr Vorwürfe und Anklagen als Fragen sind es, die die Hohepriester und Schriftgelehrten an Jesus richten. Da ist kein Interesse an Antworten zu spüren, sondern Menschen suchen Indizien für einen Prozess. Die Atmosphäre ist mehr als spannend, sie ist aufgeladen. Da lodert der Wunsch, diesen Jesus loszuwerden, als würden sie denken: ‚Der stiftet Unruhe, der bedroht die gewohnten Abläufe, der verwirrt die Leute, der stellt unsere Autorität in Frage.‘
Liebe kennt verborgene Wege. Leicht zu erkennen sind sie nicht. Wege, die zwischen Jesus und der religiösen Führung im Volk eine Verbindung herstellen, gibt es offenbar nicht.
Ich will euch eine Geschichte erzählen. Eine Geschichte von Liebe und Vertrauen. Ein Mensch liebt seinen Weinberg, er liebt die Natur, die Arbeit an der frischen Luft. Das ist mühsam, es kostet Zeit und Kraft und Schweiß. Von Anfang an. Den Weinberg anpflanzen; gute Setzlinge haben, die richtige Lage sehen, guten Boden finden. Dabei immer zu wissen, es dauert. Und es gibt keine Sicherheit. Ich kann nur tun, was mir möglich ist. Also schütze ich meinen Weinberg vor Tieren und ungebetenen Gästen und ziehe einen Zaun darum. Ich grabe eine Kelter für die Reben später und baue einen Turm. Damit man Gefahren frühzeitig sehen und rechtzeitig dagegen vorgehen kann. Es gibt viel zu bedenken und viel zu tun. Aber es hat eine Aussicht. Wenn das Wetter mitspielt, die Sonne scheint, Regen fällt, dann kann ich bald ernten. Und aus der Ernte wird dann ein Fest. Dann wird mit Wein und gutem Essen gefeiert. Ich liebe meinen Weinberg. Und ich vertraue meinen Weingärtnern. Die kennen mich ja, die haben es gut bei mir. Sie haben Arbeit und Lohn, können wohnen und Geld verdienen. Ich vertraue ihnen meinen Weinberg an. Am Ende werden wir uns alle freuen, gemeinsam. Ich liebe meinen Weinberg, ich vertraue meinen Weingärtnern, dass sie diese Liebe spüren und mit ihrer Zuverlässigkeit und Treue darauf antworten. Wie sollte das auch anders sein? Liebe mit Liebe zu beantworten.
Aber das Unerwartete, das Unfassbare geschieht. Die Weingärtner beantworten meine Liebe und mein Vertrauen mit Gewalt. Den Knecht, den ich zu ihnen schicke, um die Ernte abzuholen, schlagen sie und schicken ihn mit leeren Händen zurück. Rebellion gegen meine Liebe und mein Vertrauen ist das. Offener Widerstand. Fast so etwas wie eine Kriegserklärung. Oder eine Provokation? Wie soll ich damit umgehen?
Das werde ich tun: Ich schicke wieder einen Knecht. Und wieder wird der Opfer von offener Gewalt.
Und jetzt? Ich schicke noch einen Knecht. Der wird sogar getötet.
Und jetzt? Ich höre nicht auf, ich schicke immer wieder Knechte. Manche werden geschlagen, manche getötet.
Siehst du, liebe Gemeinde, die verborgene Liebe des Besitzers? Wie er sich um seine Weingärtner müht? Wie er um ihre Liebe kämpft, sie nicht aufgibt. Und sind die Opfer noch so groß? Hört er denn nie auf zu werben, zu lieben? Wo ist denn seine Grenze?
Er überschreitet sie. Er geht den letzten und schwersten Schritt. Er schickt keinen Knecht mehr, er schickt seinen Sohn. Mehr Liebe geht nicht. Wie viel Überwindung, wie viel Schmerz kostet das? Ich kann es nur ahnen, nicht verstehen.
Liebe kennt verborgene Pfade. Sie geht schwere Wege. Sie riskiert, missverstanden oder ausgenutzt zu werden. Sie nimmt in Kauf, diese Liebe mit dem Leben zu bezahlen. Sie opfert sich und kommt womöglich nicht einmal zum Ziel. Aber sie gibt nicht auf. Um keinen Preis.
Und es geschieht, was sich abgezeichnet hatte: Die Weingärtner wittern ihre Chance, wenn sie den Erben beseitigen. Sie töten ihn und werfen seine Leiche vor den Zaun.
Meine Geschichte hat ein grausames Ende gefunden. Die Liebe ist nicht zum Ziel gekommen. Die Gewalt hatte das letzte Wort. Der Tod hat gesiegt. Ganz offenkundig. Kann die Geschichte weitergehen? Sind Liebe und Vertrauen gescheitert?
Das Evangelium ist trotz alledem nicht zu Ende. Im Gegenteil. Jetzt kommen wir in diese Geschichte hinein; wir als Zuhörer und Leser sind jetzt gefragt. Wir sind dabei in dieser Geschichte. Mit unserem Leben und unserem Glauben. Das haben die Menschen, zu denen Jesus redet, damals auch gespürt.
Hier geht es um mehr als um eine unterhaltsame Geschichte. Es geht um Liebe und Vertrauen. Und auch um Enttäuschung. Aber es geht auch um Zukunft. Die Liebe zum Weinberg ist ungebrochen. Der Besitzer gibt nicht auf. Die Arbeit geht weiter, die Mühe auch, die Abhängigkeit von Sonne, Wind und Regen. Aber die Aussicht auf Ernte bleibt lebendig, die Hoffnung auf große und fröhliche Feste. Dankbar und in Gemeinschaft.
Bloß: Mit wem? Der Herr des Weinbergs bringt die Weingärtner um und vertraut ihn anderen an. Die Spannung rückt aus dem Gleichnis heraus in die Menschen, die Jesus zuhören. Sie spüren: Es geht ja um uns! Die Frage nach Leben und Tod, nach Scheitern und Zukunft betrifft jede und jeden, die Empfänger des Gleichnisses sind. Zuerst die Hörer damals, jetzt aber alle, die dieses Gleichnis lesen oder hören.
Was machst du da? Wer hat dir das erlaubt? Was für ein Mandat hast du? Die kritischen Fragen, die Jesus auf die Anklagebank setzen sollen, sind plötzlich umgedreht. Leben oder Tod, Scheitern oder Zukunft hängen an ihm, liegen in seinen Händen. Er ist Gottes letzter und größter Liebesbeweis. Mehr geht nicht. Alles ist getan für die Zukunft. Und wenn alles getan ist, dann wird gefeiert. Ein großes Fest mit Wein und gutem Essen. Der Besitzer lädt ein zu dankbarer und fröhlicher Gemeinschaft. Was für eine Aussicht!
Ja, es ist richtig. Gewalt spielt eine große Rolle im Gleichnis. Knechte werden geschlagen, gefoltert und getötet. Der Sohn, der Erbe, wird umgebracht – der Herr des Weinbergs ist tief getroffen und enttäuscht. Er kündigt den Tod der Weingärtner an. Aber das ist nicht das Ende. Am Ende steht ein Wunder vor unseren Augen. Dass die Liebe des Herrn nicht umzubringen ist. Sie gibt nicht auf, auch jetzt nicht, mit dem Tod Sohnes nicht, so erst Recht nicht. Im Gegenteil.
Ich will dem Wunder vor unseren Augen mehr glauben, als den Bildern, die uns immer und immer wieder Gewalt zeigen. Als würden Hass und Tod den Sieg über das Leben behalten. Ich will der Liebe des Herrn mehr vertrauen, als menschlichen Kämpfen um ein Erbe an Land und Macht und Ansehen. Ich will mich auf das neue Haus freuen, das Gott mit dem Grundstein Jesus Christus baut. Ich will mich auf die verborgenen Pfade der Liebe einlassen, die nicht immer gleich zu sehen sind, die übertönt werden von den Rufen nach Gewalt und Tod. Ich höre Jesu Gleichnis als eine Einladung, die verborgenen Pfade der Liebe zu sehen und zu gehen. Sie verbinden den Herrn des Weinbergs mit uns. Sie führen bei allem Elend dieser Erde in die Zukunft. Das verleiht meinem Leben Hoffnung. Gerade dann, wenn ich gerade wenig von der Liebe spüre, wenn Kampf und Streit, wenn Hass und Gewalt die Oberhand zu gewinnen scheinen. Gott hört nicht auf, um dich und mich, um alle seine Menschen zu werben mit einer Liebe, die nicht aufhört.
Was für ein Wunder wäre das, das große und dankbare Erntefest mit gutem Wein zu feiern, mit dem Herrn des Weinbergs und seinem Sohn, mit den Jüngern, mit Pharisäern, Schriftgelehrten und Ältesten. Liebe kennt verborgene Pfade. Amen.
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Eine treue Gottesdienstgemeinde, die sich nach den Corona-Beschränkungen wieder zahlreicher zusammenfindet. Belastungen aus dieser Zeit werden zunehmend überwunden, dankbar ist die Gemeinde für spürbare frohe Botschaft, die nicht moralisch, ethisch, politisch, weltanschaulich fordert und befiehlt, sondern in allem Druck des Lebens Hoffnung und Zuversicht benötigt. Sie kann auch wieder etwas längere Predigten gut hören, wenn sie merkt, es geht um ihr Leben. Interessiert und erwartungsvoll lässt sie sich auch auf ungewohnte Entdeckungen am Bibeltext ein.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Was ich als Thema beschrieben habe, war mir selbst eine entlastende Entdeckung. Der Text legt Gewalt und Gericht nahe. Das wahrzunehmen, aber die verborgene Liebe zu entdecken und durchzuhalten, war mir eine große Motivation, an dieser Predigt zu arbeiten.
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Weiter begleiten wird mich, nicht das für wahr und richtig zu halten, was scheinbar auf der Hand liegt oder offenkundig gemeint ist. Der erste Blick auch auf einen Bibeltext oder eine bekannte Deutung muss nicht dem Geist des Evangeliums entsprechen. Manchmal braucht es viele Blicke und genaues Hinschauen und Einsortieren. Das möchte ich auch künftig versuchen.
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Manche Formulierungen waren zu kompliziert. Der Hinweis, Gedanken auseinander zu nehmen, sie vereinfacht neu zu formulieren, war mir sehr einleuchtend. Manche Aufzählungen waren verwirrend und störend, anderes zu formalistisch und zu wenig lebensnah. All das hat meine Coach liebevoll angemerkt und mir für meine Formulierungen zu mehr Klarheit und Verständlichkeit geholfen
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Zeitenwende - Predigt zu Mk 13,28-37 von Karoline Läger-Reinbold
Zeitenwende
Der Feigenbaum im Hof
Meist nimmt sie den Hintereingang zum Büro. Der Hof liegt versteckt, mit dem Fahrrad rollt sie direkt auf die Mülltonnen zu. Dort, zwischen Raucherecke und Fahrradschuppen steht diese Bank, auf der nie jemand sitzt. Oft steht dort Herr K. aus dem Erdgeschoss, nippt schweigend am Kaffee und grüßt nur zurück, niemals selbst.
Manchmal ist dies der Ort, an dem sie kurz anhält und die Regenhose überzieht, wenn es bei schlechtem Wetter nachhause geht. An allen anderen Tagen eilt sie vorbei: Das Summen des Öffners, das Klappern der Tür, diskret und neutral erfasst ein grauer Pieper ihre Arbeitszeit.
Es hat Tage, nein, Wochen gebraucht, bis sie ihn zum ersten Mal richtig gesehen hat, den riesigen Feigenbaum mit seinen großen Blättern und den kleinen grünen Früchten. Erst als Christiane aus dem ersten Stock im Herbst von Marmelade sprach, war ihre Neugier geweckt. In diesem Jahr hat sie zum ersten Mal selbst von den süßen Früchten geerntet. Ihr klebriger Saft war ein bisschen wie eine Mahnung: Vergiss uns nicht.
Inzwischen ist Winter. Die Tage sind dunkel und kurz. Im Büro ist es kalt, in den Wohnungen auch. Dicke Pullis und Decken, wenig Licht. So lang und so heiß war der Sommer in diesem Jahr. Jetzt, im November, rückt das alles in sehr weite Ferne.
Der Predigttext (Markus 13,28-37)
„An dem Feigenbaum aber lernt ein Gleichnis: Wenn seine Zweige saftig werden und Blätter treiben, so wisst ihr, dass der Sommer nahe ist. Ebenso auch, wenn ihr seht, dass dies geschieht, so wisst, dass er nahe vor der Tür ist. Wahrlich, ich sage euch: Dieses Geschlecht wird nicht vergehen, bis dies alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen; meine Worte aber werden nicht vergehen. Von jenem Tage aber oder der Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch der Sohn nicht, sondern allein der Vater. Seht euch vor, wachet! Denn ihr wisst nicht, wann die Zeit da ist. Es ist wie bei einem Menschen, der über Land zog und verließ sein Haus und gab seinen Knechten Vollmacht, einem jeden seine Arbeit, und gebot dem Türhüter, er sollte wachen: So wacht nun; denn ihr wisst nicht, wann der Herr des Hauses kommt, ob am Abend oder zu Mitternacht oder um den Hahnenschrei oder am Morgen, damit er euch nicht schlafend finde, wenn er plötzlich kommt. Was ich aber euch sage, das sage ich allen: Wachet!“
Vom Ende der Tage
Das Markusevangelium erzählt hier vom Ende der Tage. Gott ist der Schöpfer des Alls, und er ist der Herr unserer Zeit.
Der Gedanke an das Ende fällt uns nicht leicht. Niemand weiß, wann es so weit ist, und plötzlich ist der Zeitpunkt da. Jede und jeder, der im persönlichen Umfeld schon einmal mit dem Tod konfrontiert war, kennt solche Gedanken. Wir wissen nicht, wann die Zeit kommt. Meist scheint sie uns viel zu früh. Dann sind wir erschrocken, komplett überfordert.
Und so ist es gut, sich das immer wieder einmal ins Gedächtnis zu holen: Lebenszeit ist begrenzt. Die der anderen und die eigene auch. Die gemeinsame Zeit mit Familie, Partnerin oder Partner, die Zeit mit den Kindern, mit Freundinnen, Freunden: Sie wird nicht für immer sein. Wachet! Und genießt, solange es möglich ist.
Und das gilt auch für die Welt um uns herum. Vieles ist einfach immer da und wirkt unveränderlich. Mit der Zeit merke ich: An alten Häusern bröckelt die Fassade. Der liebste Baum wird einfach morsch. Aus dem Teich meiner Kindheit ist ein Tümpel geworden. Nichts ist von Dauer. Da verändert sich was. Was ich für gewiss hielt, gerät auf einmal ins Wanken.
Vergänglichkeit ist das Thema. Das Ende der Zeit und das Ende des Lebens. Der Gang auf den Friedhof gehört in diesen Tagen für Viele von uns dazu. Mit grünen Tannenzweigen, mit violetten, roten, weißen Lichtern auf dem Grab erinnern wir beides: Die Bitterkeit des Todes und die Hoffnung auf die Ewigkeit. Da ist das, was vorbei ist, und das, was noch kommt.
Ein Gefühl von Untergang
Wenige Tage nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine sprach Bundeskanzler Olaf Scholz zum ersten Mal von einer „Zeitenwende“. Das war Ende Februar. Seitdem spüren wir von Woche zu Woche mehr, was das für uns bedeutet: Da ist Krieg in Europa. Das belastet mich und macht Angst. Alles ist teurer geworden – wie warm kann ich heizen, damit die Rechnung noch bezahlbar bleibt? In den Nachrichten geht es um Armut und Hunger in den Ländern des Südens – und nun auch bei uns. Der Fortschritt, die Zukunft, die ich für sicher hielt, wird auf einmal in Frage gestellt. Und das geht so schnell – wie komme ich gedanklich da nur hinterher?
Raue Zeiten, ein „Epochenbruch". Manches, was ich in diesen Wochen höre, erinnert mich an Visionen der Endzeit, wie auch die Bibel sie kennt. Die Zerstörung des Heiligtums, der Weg ins Exil. Unheil, Tod und großes Leid sind den Menschen zur Zeit Jesu vertraut. Gleichzeitig reden sie von Gottes Güte und Treue. Was also bleibt? Was ist mein Anker im Tod und im Leben? Wo ist meine Rettung, wenn alles ins Wanken gerät?
Was bleibt
Aller Vergänglichkeit, allen Veränderungen steht einer entgegen: Der Vater. Gott selbst. Jesus, sein Sohn, dessen Ruf wir im Gleichnis hören: Seht euch vor! Wachet! Beachtet die Zeichen der Zeit. Seid kluge Zeitgenossen, macht euch Gedanken über das Ende, über den Tod und das Leben. Habt keine Angst, aber behaltet im Blick, dass wir zerbrechlich und endlich sind. Wachet! Und passt aufeinander auf. Was immer geschieht und euer Leben durcheinander bringt: „Meine Worte werden nicht vergehen.“ Haltet euch fest daran, sie geben euch Sicherheit.
Worte für die Ewigkeit
Wie aber lauten diese Worte? Gemeinsam können wir sie sammeln: Vielleicht die großen zuerst: Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei. Zuversicht. Trost.
Und für den Hausgebrauch tun es vielleicht auch schon kleine Worte: Ich komm‘ vorbei, sagt die Freundin. Ein Gefühl von Verbundenheit. Ich hab‘ die Suppe gekocht, die du so gerne magst. Da ist der Gruß auf dem Handy, der sagt: Ich denke an dich. Da ist die Nachbarin, die im Vorbeigehen einen Apfel aus dem Garten schenkt. Ein Anruf am Abend: Wie war denn dein Tag?
Kleine Zeichen, die mich berühren. Kleine Schätze, die bleiben. Worte und Signale, die aufbauen, nicht zerstören. Ich bin in Gedanken bei dir. Ich zünde eine Kerze an. Ich trage das Gute im Gedächtnis, auch wenn es lange Zeit her ist. Anker und Haltepunkte: „Meine Worte werden nicht vergehen.“ Was auch immer geschieht: Es gibt Dinge, Symbole, die tragen uns durch. Bis zum Ende der Zeit und darüber hinaus.
An diesem letzten Sonntag im Kirchenjahr gedenken wir der Menschen, die verstorben sind. Wir vergessen sie nicht, wir bewahren sie in der Erinnerung. Wir legen sie in Gottes Hand, wir nennen ihre Namen im Gebet und stellen Lichter für sie auf.
Erinnerung im Marmeladenglas
Von der süßen, braunen Feigenmarmelade ist genau noch ein Glas da. Sie hütet es wie einen kleinen Schatz in ihrem Vorratsschrank. Vielleicht wird sie es bald mal öffnen. Wie konserviertes Sonnenlicht ist das, Erinnerung und Vorgeschmack zugleich. Ein bisschen Sommer in diesem Herbst.
Der Feigenbaum steht da, in seinem Eck im Hinterhof. Still sammelt er im Boden neue Kraft. Sie denkt an ihn, wenn sie jetzt wieder im Homeoffice sitzt. Himmel und Erde werden vergehen. Der Feigenbaum bleibt. Vielleicht trägt er im Sommer wieder seine süße, klebrige Frucht.
Dunkelheit, Abschied, Trauer und Sorge. Das alles nimmt sich heute seinen Raum. Jedoch, im Kerzenlicht glänzt auch viel Schönes. Kleine Schätze wie das Marmeladenglas. Worte und Bilder, Gerüche und Orte, die sie verbindet mit denen, die ihr fehlen. Und mit denen, die da sind und zu ihr gehören. Glaube und Hoffnung und Liebe.
Und schließlich ist da Gott. Der Ewige. Die Stimme, die sagt: Ich bin da. Ich selbst bin das Wort, das bleibt.
Und da ist Christus, der zu uns spricht: Ich bin die Auferstehung und das Leben. Ich bin bei euch alle Tage, heute, morgen und in Ewigkeit.
Amen.
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Das Gedenken der Verstorbenen („Totensonntag“) ist vielerorts ein eigener Kasus und daher nicht alleiniges Thema dieser Predigt. Individuelle Trauer und allgemeine Traurigkeit, die dunkle Stimmung des Novembers in diesem krisenhaften Jahr sind zu bedenken – um dann den Blick zu richten auf den und auf das, was diesem Dunkel gegenübersteht: Das Wort des lebendigen Gottes.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Die Erinnerung an den real existierenden Feigenbaum, aus dessen Früchten ich in diesem Jahr tatsächlich Marmelade kochen konnte. Die Erkenntnis, dass dies ein Bild dafür sein könnte, wie ich Erinnerung bewahren kann, um sie zur Wurzel meiner Hoffnungen zu machen: Erinnerung und Vorgeschmack zugleich.
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Der Ruf zur Wachsamkeit angesichts des nahenden Endes hat nichts Bedrohliches. Er ist Ausdruck von Klugheit und Weitsicht.
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Große theologische Einsichten und Begriffe in kleine, alltägliche, persönliche Erfahrungen zu „übersetzen“ – das ist eine lohnende Aufgabe und große Kunst. Dabei gilt jedes Mal: Weniger ist mehr.
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Getragen bist du - Predigt zu Mk 2,1-12 von Heinz Behrends
„Steh auf, Christian, du bist gesund“, sagt der Professor in der Kinderklinik. Und er steht auf. Mutter und Vater nehmen ihn fest in den Arm. Mit wankenden Knien, erleichtert verlassen seine Eltern mit ihm die Klinik. Erhofft haben sie es, aber nicht geglaubt. Eine schwere Last fällt von den Schultern der Familie. Zwei Jahre Behandlung hat er mit seinen 6 Jahren hinter sich. Leukämie. Mit blauen Flecken nach dem Fußballspiel in der Pampersliga hatte es angefangen. 2 Jahre Chemo, Erbrechen, Haarausfall. Bange Sorge um sein Leben. Erschöpft fallen sie nach der guten Nachricht abends ins Bett.
Doch der Vater bleibt lange wach. Die Erinnerung begleitet ihn durch die nächsten Tage. Wie er nach der Diagnose an Christians Bett sitzt und ihm alles durch den Kopf geht. Was haben wir getan, dass unser Sohn vom Tod bedroht ist?
Was hat er getan? Nichts. Was soll er auch mit seinen 5 Jahren getan haben, dass er solch eine Strafe verdient? Sind wir schuld? Bin ich es?
Er schaut zu den anderen Eltern auf der Station herüber. Die Mutter ist mit ihrem kleinen Sohn extra aus Griechenland angereist, weil sie von dem guten Ruf der Klinik gehört hat. Alles um jeden Preis für ihn tun. Ein Vater gibt seiner Tochter ein Gummibärchen. Sie sind alle von dem Gefühl bedrängt, ihren Kindern was schuldig geblieben zu sein. Nun wollen sie was gut machen. Wer könnte als Vater und Mutter das nicht nachvollziehen? Immer meint man, man habe etwas an den Kindern versäumt und hätte mehr tun können.
Wenn uns etwas Unbegreifliches überkommt, ist die erste Frage: Warum? Was habe ich getan? Womit hab‘ ich das verdient? Keine Sünde kann so groß sein, dass ich elend dahinsieche, dass es anderen besser ergeht als mir. Die Frage, ob wir gut genug sind, ob wir genügen, schlummert in uns. Die Frage nach der Gerechtigkeit, nach Liebe. Darum sind wir hellwach, wo schlimmes passiert und fragen: „Warum?“ „Soll das eine Strafe sein?“ Was könnte größere Strafe sein als der Verlust der Unversehrtheit, der Gesundheit?
Jesus lehnt diesen Zusammenhang entschieden ab. Die vier, die den Gelähmten zu ihm tragen, beschäftigen sich mit dieser Frage erst gar nicht. Für sie scheint es ziemlich einfach zu sein: Unser Freund ist krank, der soll wieder gesund werden. Sie packen an und tragen ihn dorthin, wo Jesus gerade predigt. Sie überwinden die Barriere der Menschenmenge, lassen ihn durchs Dach und legen ihm ihren Freund vor die Füße. Ihr fester Wille hat einen Weg gefunden. Doch was dann geschieht, verblüfft sie. Jesus sagt: „Mein Sohn, dir sind deine Sünden vergeben.“ Was soll denn das nun?
Also doch Krankheit als Strafe für die Sünde, die erst geklärt werden muß?
Nehmen wir die Lähmung des jungen Mannes einmal sehr weit. Da ist ein Mensch, der ist besetzt von dem Gefühl, ich kann nichts, ich tauge nichts, ich bin nichts wert. Aus Angst wird er zu nichts fähig sein. Alles wird ihm misslingen, er wird sich scheu zurückziehen und das Leben nicht wagen. Auch Gott wird er nicht auf Augenhöhe begegnen können. Er ist völlig gelähmt.
Zu diesem sagt Jesus: „Was hat man dir getan?“
Jeder Mensch hat seine Geschichte und ist verwoben in die Geschichte seiner Väter und Mütter. Jeder hat seinen Grund für das, was er tut, sei es noch so schräg und dumm. Wir kriegen alle was mit. Nicht, was hast du getan, sondern, was hat man dir getan?
Und das ist ja wahr: Wenn man längere Zeit krank darnieder liegt, dann kommt die ganze Geschichte des Lebens oft hoch. Um heil zu werden, muss die Beziehung, die Vergangenheit geklärt werden. Die Sünde ist nicht Ursache meiner Krankheit, aber meine Geschichte muß geklärt werden, damit ich mehr als gesund werde. Alle Pläne und Gedanken wollen neu sortiert werden. Und Jesus spricht ihn an: „Mein Kind, dir sind deine Sünden vergeben“.
„Mein Kind“.
Er sagt zu einem erwachsenen Mann, der vielleicht so alt ist wie er selbst: „Mein Kind“.
„Mein Sohn“, übersetzt Luther. Jesus öffnet einen Raum zur Heilung. Du bist schutzbedürftig wie ein Kind. Und ich trage dich wie ein Kind. Du wirst geheilt sein und unbefangen, befreit wieder anfangen können wie ein Kind.
Der Meister der Sprache des Ersten Testaments und ihr genialer Übersetzer Martin Buber sagt, dass es das Wort, was bei uns Vergebung heißt, in der Bibel gar nicht gebe. Dort heißt es genau übersetzt: „tragen“. Ich, Christus, trage deine Sünde, deine Geschichte und bringe dich in Beziehung zu dir, dass du gesund und heil wirst.
Und dann sind da ja auch noch die vier. Denn als sie ihn heruntergelassen und Jesus vor die Füße gelegt haben, heißt es: „Als Jesus ihren Glauben sah.“ Nicht den Glauben des Gelähmten, sondern den Glauben der vier Freunde. Ist das nicht klasse! Es bedarf nicht des festen Glaubens des Kranken, sondern der Familie, der Freunde.
Es gibt keinen stellvertretenden Glauben, aber es gibt einen Glauben, der mir vorangeht, wenn ich selber nicht mehr kann. Was ist das viel wert, wenn der Arzt, die Schwestern, die Familie, die Freunde mich in der Krankheit umgeben und von diesem Glauben getragen sind. „Als er ihren Glauben sah.“
Wenn man einmal ernsthaft erkrankt, ist der Glaube erschüttert, da muß man sich ja mit vielen Reaktionen auseinandersetzen. Du liegst, er steht. Ohne es zu wollen, sieht er auf dich herab. Das kann demütigend sein. Menschen ziehen sich zurück, weil sie unsicher werden, wie sie mit mir umgehen sollen. Oder sie sagen: „Wenn du mich brauchst, rufe doch einfach mal an“. Oder sie rücken Dir auf den Pelz, sitzen ratlos am Bett, Du findest keine Ruhe. Oder sie haben große Erklärungen: „Du darfst nicht ‚Warum‘ fragen, sondern ‚Wozu‘?“ „Ach ja, weiß ich doch. Aber jetzt frage ich mich ‚Warum‘?“ Sie gehen mit Dir um als seist Du wieder ein Kind, tätscheln auf Deinen Händen rum. Ihr Bedauern raubt Dir die letzte Würde in einer Situation, in der Du um Dein Selbstbewusstsein kämpfst.
Nichts von all dem tun die vier Freunde, sie sind von einem großen Vertrauen getragen. Es ist zum Greifen nahe und Jesus sieht es sofort an ihrer Körperhaltung, in ihren Augen. Ich denke an Dich, ich bete für dich, ich besuche dich, ich lasse dir den Raum, den du brauchst, ich benutze deine Krankheit nicht, um meine Probleme und Ängste abzuarbeiten. Der Gelähmte hat sich in ihr Vertrauen legen lassen. Und sie haben ihn förmlich aufgehoben und nicht auf ihn herabgeschaut.
„Als er ihren Glauben sah, sprach er: Mein Sohn, steh auf, nimm dein Bett und gehe heim.“ Und er steht auf. Er nimmt seine Bahre und geht heim. Die Lähmung hat ihn verlassen. Was ihn getragen hat, kann er jetzt selber tragen. Seine Beziehungen sind klar. Du bist mein Kind, hat Christus ihm gesagt. Die Freunde sind bis zur Heilung und darüber hinaus an seiner Seite. Nun kann er wieder selbst gehen. Er ist gesund und geheilt.
Als Christians Familie die gute Nachricht erhalten hat, schreiben die Freunde aus der englischen Partnergemeinde: „Wir haben jeden Abend in unserem even song für Christian gebetet.“ Da verlässt die große Anspannung von zwei Jahren seinen Vater. Es ist der einzige Augenblick, in dem er seine Tränen nicht mehr aufhält und weint.
1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Ich bin Kurprediger auf der ostfriesischen Insel Langeoog. Der Gottesdienst um 11 Uhr wird von ca 120 Menschen besucht, Gäste, Touristen, vor allem Paare zwischen 50 und 75, dazu einige jüngere Eltern mit Kindern. Der Kirchraum wirkt dadurch gut gefüllt. Das Gefühl einer geleerten Kirche nach Corona bleibt ihnen erspart. Die Besucher*innen machen Urlaub, suchen Erholung. Sie haben Zeit, hören zu und sind offen für Fragen ihres Lebens.
2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Eigene Erfahrungen und langes Nachdenken über Beziehung von Krankheit und Schuld. Ich bin persönlich krebs-erkrankt gewesen und habe drei weitere Personen im engstem Familienkreis, deren Krebs-Erkrankung geheilt wurde. Dazu kommen Erfahrungen aus der Krankenhaus-Seelsorge. Gemeinsam mit der Ehefrau habe ich die letzten 6 Jahre 14tägig Gottesdienst in der Klinik-Kapelle gehalten.
3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Der Glaube der anderen trägt, wenn ich selbst nicht kann. Das Feld von Schuld und Krankheit bleibt ein weites. Einheit von Körper und Seele. Meine Fragen werden nicht beantwortet werden. Sie werden vermehrt auf mich zukommen. Ich bin 74. Und bereite mich vor. Auch durch Predigtarbeit wie dieser. „Warum“ zu fragen ist sinnlos, am Ende gilt nur das Vertrauen.
4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Das Coaching war ausgezeichnet, sehr detailliert, konkret. Ich konnte jeden Vorschlag übernehmen. Sie hat Überlängen gestrichen. Auf irritierenden Perspektivwechsel hingewiesen. Behutsame sprachliche Veränderungen vorgeschlagen. Auf die Wirkung der Ein-Wort-Sätze hingewiesen. Auf die Verwendung von „Jesus“ und „Christus“. Und gesagt, dass sie sich über die Predigt freut.