Schritte mit Gott - Predigt zu Jesaja 35, 3-10 von Dr. Sven Keppler

I. Liebe Gemeinde, was ist eigentlich aus dem Gelähmten geworden? Jesus sagt zu ihm: „Nimm dein Bett und geh.“ Und so geht er aus der Geschichte. Wir erfahren nicht, wie es mit ihm weitergeht. Nur ganz selten wird im Neuen Testament erzählt, was aus denen geworden ist, die Jesus geheilt hat. Welche Folgen ihre Begegnung mit Jesus auf Dauer gehabt hat.

Man könnte denken, es gehe nur um den Augenblick der Heilung. Diesen einmaligen Moment, in dem sich alles verändert. Wenn ein Mensch an Leib und Seele zurecht gebracht wird. Ist das, was danach geschieht, nicht mehr so wichtig? Ist es vielleicht normaler, als man es sich gewünscht hätte? Uneindeutiger? Fragwürdiger als der große Moment der Bekehrung?

Behalten wir diese Beobachtung im Hinterkopf, wenn wir auf den heutigen Predigttext hören. Er steht beim Propheten Jesaja im 35. Kapitel (V. 3-10).

 

II. Jesaja weiß von vier Schritten, die Gott mit seinen Menschen gehen will. Was Jesaja seinen Zeitgenossen verheißt, gilt heute noch genauso. Diese vier Schritte können nicht immer geradewegs hintereinander gegangen werden. Es gibt immer wieder ein lebendiges Vor- und Zurück. Aber wer sein Leben mit Gott führt, wird immer wieder vor einem dieser Schritte stehen.

Es beginnt mit Gottes Ankunft: Seht, da ist euer Gott, er kommt. Dann die Erneuerung: Wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Danach der Weg: Es wird dort eine Bahn sein, die der heilige Weg heißen wird. Und schließlich das Ziel: Die Erlösten des Herrn werden nach Zion kommen.

Ich möchte mit Ihnen Schritt für Schritt diesen Weg abschreiten. Versuchen wir zu spüren, wo Gott solche Schritte mit uns gegangen ist. Mit Ihnen. Mit mir. Und wo wir uns nach dem nächsten Schritt sehnen.

 

Der Anfang ist Gottes Ankunft. Der Advent. Damit beginnt jede Geschichte mit Gott, und deshalb gehört unser Text in die Adventszeit. Gott kommt. Seht, da ist euer Gott. Immer wieder ist das der Anfang. Aber wie ist das, wenn Gott uns nahekommt?

Liebe Gemeinde, ich glaube, es beginnt in meinem Inneren. Ich spüre, dass Gott mir sehr wichtig wird. Die Gedanken, die mir ansonsten im Kopf herumgehen, treten in den Hintergrund. Mein Denken und mein Fühlen kreist um diesen Gott, und ich trete in ein Zwiegespräch mit ihm. Wie dieses Gebet aussieht, kann ganz verschieden sein. In der Stille. Mit Worten. Oder auch so, dass ich etwas ganz Bestimmtes tun will.

In unserem Text beginnt Gottes Kommen mit einer Ermutigung: „Seid getrost, fürchtet euch nicht!“ Auch aus anderen Geschichten kennen wir das: Als der Engel zu Maria kommt, um Gottes Kommen in ihren Leib anzukündigen. Oder als die Engel den Hirten sagen, dass Gott als kleiner Mensch in die Krippe gekommen ist. Immer wieder dieses „Fürchtet euch nicht“.

Furcht ist menschlich, wenn Gott nahe kommt. Auch bei der Verheißung Jesajas verwundert es nicht. Denn es heißt dort: Gott kommt zur Rache. Daran lässt sich nichts beschönigen: Im Hebräischen steht das Wort naqam, und das heißt nichts anderes als Rache.

Mit anderen Worten: Wenn Gott zu einem Menschen kommt, dann kommt Klarheit in sein Leben. Es zeigt sich, was Gott gemäß ist und was Gott widerspricht, was verkehrt ist. Was im Leben des Menschen eigentlich keinen Raum haben soll. Wenn es heißt, Gott kommt zur Rache, dann meint das: Er wird beseitigen, was ihm zuwider ist.

Das löst natürlich Angst aus. Muss ich mich nicht fragen, ob nicht auch ich ihm zuwider bin? In Gottes Gegenwart kann doch nur das Heilige bestehen – und wenn ich mich selbst betrachte, finde ich wenig davon.

Ich lebe in ganz privatem Wohlstand, während um mich herum die Armut wächst. Als Christ müsste ich dafür sorgen, dass Menschen durch die frohe Botschaft erreicht werden. Stattdessen halte ich mich schüchtern zurück und warte, ob vielleicht jemand von selbst etwas wissen möchte.

Aber gerade auf diese Gedanken zielt das „Fürchtet euch nicht!“ Hierin liegt die Zusage: Wenn Gott kommt, dann wird das zu Ihrem Besten sein. Die Unterscheidungen, die dann aufbrechen werden, die werden Ihnen gut tun. Weil sich Gottes Nein nicht gegen Sie als Menschen richtet, sondern gegen das, was Ihr Leben belastet.

 

III. Durch die Begegnung ermöglicht Gott den nächsten Schritt: Gott will unser Leben erneuern. Unser Text bietet lauter Bilder der Erneuerung: Blinde werden sehen, Taube hören. Lahme werden springen wie der Hirsch. Und die Zunge eines Stummen wird frohlocken. Wenn Jesus Menschen geheilt hat, dann kam es zu genau diesen Momenten.

Er hat unterschieden: Zwischen dem Menschen, der Hilfe braucht, und dem, was ihn belastet. Das heißt nicht, dass wir unsere Probleme einfach abspalten sollen. Wenn ich ein schlechtes Auge habe, dann gehört es zu mir. Wenn mein Knie kaputt ist, dann leidet ein Teil von mir. Und wenn Schatten auf meiner Seele liegen, dann bin ich meine Trauer.

Aber ich bin mehr als das. Das zeigt mir Gott, wenn er mir nahe kommt. Ich bin mehr als die Summe meiner Krankheiten. Ich bin der Mensch, dem Gott nahe sein will. Den Gott liebt. Und mit dem er noch etwas vorhat. Dieser Mensch werde ich auch dann sein, wenn Gott mir eine Last genommen hat. Wenn der Schatten von meiner Seele gewichen ist. Vielleicht spüre ich mich dann wieder auf eine ganz neue Weise.

Liebe Gemeinde, für mich ist das schönste Bild für diese Erneuerung, dass da, wo es dürre war, neue Quellen sprudeln sollen. Das ist der Neuanfang: Wo ich mich dürre gefühlt habe, sprudelt es. Mein Kopf war matt, leer, kein frischer Gedanke. Meine Seele war müde, niedergeschlagen, mutlos. Mein Herz tat mir weh oder raste ohne Ruhe.

Aber wenn Gott mir nahe kommt und mich erneuert, dann sprudeln meine Gedanken und Gefühle wie neu belebt. Das sind die Heilungsgeschichten, die mitten aus dem Leben kommen. Die sich jeden Tag neu ereignen können. Vielleicht merken wir erst an diesen Folgen, dass Gott uns nahe war. Auch wenn wir sein Kommen gar nicht gespürt haben.

 

IV. An diesem Punkt meldet sich jedoch eine Frage. Die Frage, die ich zu Beginn der Predigt gestellt hatte: Wie geht es eigentlich weiter? Wenn es so einen Moment der Erneuerung in einem Leben gegeben hat – war das eine vereinzelte Insel? Ein Augenblick, an den man sich später dankbar erinnert. Der aber auch wieder verblasst, weil die alten Probleme wieder Oberhand gewinnen? Oder verändert sich etwas auf Dauer, wenn Gott mir nahe gekommen ist? Auch wenn die Heilungsgeschichten von Jesus meistens davon schweigen.

 

Unser Predigttext bleibt jedenfalls nicht bei der einmaligen Erneuerung stehen. Er spricht nicht nur davon, dass die Lahmen springen werden wie Hirsche. Sondern auch, dass es einen Weg für sie geben wird. Den heiligen Weg. Er ist ein Bild für das, was vor einem Menschen liegt, nachdem er von Gott zurechtgebracht und gestärkt worden ist.

Dieses Bild ist jedoch missverständlich. Jesaja schreibt, dass auf diesem Weg kein Unreiner und kein Idiot sein wird, kein Löwe und kein reißendes Tier. Soll das heißen, dass ein sorgloser Weg zu erwarten ist? Wenn Gott einen Menschen erneuert hat, dann bettet er ihn auf Rosen und lässt die Trauben in seinen Mund wachsen?

So ist dieses Bild nicht gemeint. Natürlich nicht. Der Weg, von dem Jesaja spricht, führt mitten durch die Wüste. Damals meinte er den Weg, der von der Gefangenschaft in Babylon, also vom heutigen Irak direkt nach Jerusalem führen sollte. Der Weg führte mitten durch die syrische Wüste.

Wer von Gott gestärkt und erfrischt worden ist, der hat also sehr wohl noch steinige Wege vor sich. Aber er muss diese Wege nicht alleine gehen. Er darf sie gehen mit den anderen Menschen, denen Gott nahe gekommen ist. Das ist gemeint, wenn es heißt: Es ist ein Weg für die Erlösten.

Und das ist auch eine Antwort auf die Frage, wie es nach den Heilungsgeschichten von Jesus weitergegangen ist. Wenn mir Gott nahe kommt, dann bin ich nicht der Einzige, dem das geschieht. Sondern er zeigt sich vielen, auf je eigene Weise. Dem einen in einer Notsituation. Der anderen im Alltag. Der einen, die lange darum gebetet hatte, und dem anderen, der gar nichts von Gott wissen wollte.

Diese Menschen bilden zusammen die Gemeinde, die große Kirche Jesu Christi. Wir sind gemeinsam auf dem Weg. Er führt durch die Wüsten des Lebens. Er mag viele Verästelungen haben. Aber es ist ein Weg, den Gott uns schenkt.

 

V. Und er hat ein Ziel. Das ist der letzte Punkt. Wir als Gemeinde empfinden dieses gemeinsame Ziel nicht unbedingt. Und als einzelne Personen erst recht nicht. Ganz individuelle Ziele hat jeder Mensch vor Augen. Aber letztlich führt der Weg zu einem Ziel, das uns alle verbindet.

Jesaja nennt es Zion. Also den Tempelberg in Jerusalem. Christen nennen es das Neue Jerusalem. Der große Neuanfang am Ende unseres Lebens. Die vollendete Gemeinschaft mit Gott. Amen.