Sind wir noch durstig? – Predigt zu Jesaja 55,1-5 von Heiko Naß

Sind wir noch durstig? – Predigt zu Jesaja 55,1-5 von Heiko Naß

Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser! Und die ihr kein Geld habt, kommt her, kauft und esst! Kommt her und kauft ohne Geld und umsonst Wein und Milch! Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und euren sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? Hört doch auf mich, so werdet ihr Gutes essen und euch am Köstlichen laben. Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben! Ich will mit euch einen ewigen Bund schließen, euch die beständigen Gnaden Davids zu geben. Siehe, ich habe ihn den Völkern zum Zeugen bestellt, zum Fürsten für sie und zum Gebieter. Siehe, du wirst Völker rufen, die du nicht kennst, und Völker, die dich nicht kennen, werden zu dir laufen um des Herrn willen, deines Gottes, und des Heiligen Israels, der dich herrlich gemacht hat.

 

Liebe Gemeinde,

 

aus ferner prophetischer Vergangenheit bringen wenige Worte der Bibel etwas Unfassbares in unsere Gegenwart hinein: Es ist genug für alle da. Genug an frischem Wasser, genug an nahrhaftem Brot.

Wohlan alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser,“ steht in dieser prophetischen Rede. Keiner ist ausgeschlossen – alle sind angesprochen, alle sind gemeint.

Alle, die durstig sind? Wenn es rein um das Wasser geht, dann haben wir an Wasser immer noch genug in den Leitungen zu Hause, in den Mineralwasserkisten im Supermarkt. Schon lange aber wissen wir, dass Wasser nicht umsonst zu haben ist. Es muss aufbereitet werden, immer aufwendiger gereinigt werden, zumal weil durch Überdüngung Nitrate das Grundwasser weit über die Richtwerte versalzen.

Vergangenen Sommer merkten wir umso mehr, dass Wasser knapp werden könnte, die Grundwasserspeicher langsam sich zu leeren begannen. Da erlebten wir eine neue Sensibilität für das Wasser, Wasser als ein knappes Gut, dem wir mehr Sorge zukommen lassen müssen. Noch haben wir in unseren, klimagünstigen Regionen dieser Erde an Wasser genug.

Dennoch ist das Versprechen, dass ein Zugang zu sauberem trinkbarem Wasser für alle möglich ist, für alle Menschen dieser Erde, noch lange nicht eingelöst. Von den auf dieser Erde lebenden 7 Mrd. Menschen haben 850 Millionen weltweit immer noch keinen Zugang zu sauberem Trinkwasser, vom Abwasser ganz zu schweigen: jeder Dritte lebt ohne sanitäre Einrichtungen.

Bis 2030 sollen nach den UN Nachhaltigkeitszielen alle Menschen dieser Erde Zugang zu sauberem Wasser und zu sanitärer Versorgung erhalten. Bis dahin gibt es noch viel zu tun.

Die Folgen von Wassermangel ist eine der größten Fluchtursachen, warum Menschen ihre Heimat verlassen. Wenn der Regen infolge des Klimawandels immer häufiger ausbleibt und zu viel Wasser in wasserintensiver Landwirtschaft für den Export verbraucht wird, wenn Konflikte die Wasserversorgung verhindern, bekommen viele Menschen für ihre Ackerböden und ihr Vieh nicht mehr ausreichend Wasser. Tiere sterben, Ernten fallen dürftig aus und Hunger ist die Folge, dann machen sich die Menschen auf die Suche, nach anderen Orten, wo sie ihr Überleben sichern können.

In diesem Jahr habe ich auf einer Projektreise mit Brot für die Welt nach Indien dort ein eindrucksvolles Engagement von Menschen erlebt, die sich gegen Wassermangel, gegen Austrocknung und Verkarstung ihrer Böden gestemmt haben und der Verheißung von Wasser und Brot für alle wieder ein Stück nähergekommen sind.

Dort haben die Menschen erkannt, dass sie, um ihrer Armut entrinnen zu können, sich besonders um das Land zu kümmern haben, von dem sie leben. Das gelingt, in dem sie sorgsamer mit Land und Boden umzugehen gelernt haben. Bis vor 20 Jahren hatte der Boden infolge von Monokulturen in vielen Regionen des Berglandes seine Aufnahmekapazität für Wasser verloren. Wenn nun der Monsun einsetzte, wurde mit den reißenden Wassermassen die fruchtbare Humusschicht weggeschwemmt. Auch technisch veränderte Saat schafft es nicht mehr, auf die zunehmende Vertrocknung der Böden zu reagieren. Mit den Böden verarmten auch die Menschen. Viele verließen Haus und Grund, machten auf den Weg Stadt, wo die Lichter der Metropole die Verheißung eines besseren Lebens ausstrahlten. Doch die wenigsten fanden, was sie sich versprachen. Viele endeten in den Slums vor oder inmitten der Stadt, manche nahmen sich aus lauter Verzweiflung das Leben. Die von Brot für die Welt unterstützten Projekte haben neues Wissen in die Dörfer gebracht, wie langsam furchtbare Erde zurückgewonnen werden kann. Selbsthilfegruppen wurden gegründet, die Dorfgemeinschaft gewonnen, die Hänge zu terrassieren, in viele Stufen zu gestalten und jeweils an der Außenkante einen kleinen Wall anzubringen. So sammelt sich dort der Regen und der bis dort angeschwemmte Schlamm bis das Becken voll ist und das Wasser langsam in die nächste Terrassenstufe hinablaufen kann. Nach zwanzig Jahren ist aus dem unfruchtbaren Land wieder ein grünes Land geworden, mit frischem Wasser. Und die Menschen kehren zurück.

Wohlan, alle, die ihr durstig seid, kommt her zum Wasser!“ Dieses prophetische Wort der Bibel aus ferner Vorzeit spricht bis heute in unsere Gegenwart, dass die Verheißung, an den Grundlagen des Lebens teil zu haben, für alle Menschen gilt.

Wenn Jesus 500 Jahre danach in seiner Bergpredigt sich auf diese Worte bezieht, alle Menschen anspricht, die hungern und dürsten und die Worte ergänzt mit dem Zusatz „nach Gerechtigkeit“, dann vertieft er damit den Anspruch, dass sich aus dem Wissen, wovon das Leben erschüttert und bedroht wird, eine Verantwortung erwächst, an der Belastungen und der Not der anderen mitzutragen und sie davor zu schützen und zu bewahren. Jesus will, dass Menschen auf der Schattenseite des Lebens zur Anerkennung und ihr Mangel zur Wahrnehmung in die Öffentlichkeit gebracht werden.

Alle Menschen brauchen Wasser und Brot und alle haben ein Anrecht, daran teil zu haben. Doch da ist noch mehr:

„Warum zählt ihr Geld dar für das, was kein Brot ist, und euren sauren Verdienst für das, was nicht satt macht? … Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben!“

Liebe Gemeinde, wir erleben heutzutage, dass die Sprachlandschaft des Glaubens von immer weniger Menschen erkundet wird. Vielleicht liegt es daran, dass nicht nur die nur die Worte des Glaubens, sondern auch Erfahrungsräume, in denen sich solche Worte mit eigenem Erleben verbinden lassen, immer weiter zurückgedrängt werden. Unser spiritueller Weg durch den Tag gleicht doch oft einer verkarsteten Fläche. Da gibt es zu viel, was die Tage ausfüllt und beschäftigt: ein vollgefüllter Kalender, überquellende Nachrichten im Email Eingangsordner oder auf WhatsApp. Und daran schließt sich den Drang an, gleich darauf zu antworten. Aber macht das wirklich Sinn? Ruht in diesem Tun eine Erfüllung, die unsere Sehnsucht stillt? Liebe Gemeinde, sind wir durstig?

Vor kurzem habe ich einen Nachmittag in einer therapeutischen ambulanten Wohngruppe der Jugendhilfe verbracht. Die Kinder und Jugendlichen erzählten von ihrem Wochenende. Ein Junge erzählt, dass er am Sonnabend und am Sonntag, den Vormittag und den Nachmittag am Busbahnhof verbracht hat. Warum, frage ich ihn. Um Filme zu gucken, weil es dort freies WLAN gibt. Flucht vor einem unerträglichen Zuhause, Vereinzelung und eine Traurigkeit waren in diesen Worten zu spüren. Und gleichzeitig hielt mir diese Schilderung des Kindes ein Spiegel vor, wie auch wir uns immer wieder verlieren in unserem Alltag, an denen wir unsere Tage füllen und beschäftigen, und trotzdem merken, dass etwas unerfüllt bleibt.

Wer eine besondere Stimme hört, wendet sich ihr zu, folgt dem Ohr mit dem Blick, mit dem Körper und beginnt ihr nachzugehen. Nichts Anderes will dieses Wort bewirken: „Neigt eure Ohren her und kommt her zu mir! Höret, so werdet ihr leben!“

In manchen Momenten weht uns Gottes Wort an, dringt zu unserem Herzen, durch all das Nicht-Satt-Machende hindurch. In manchen Momenten gelingt uns, dass wir uns dem hingeben, was geschieht. In manchen Momenten öffnet sich unser Herz für den Gedanken, dass Gott mit uns fühlt. Es ist der Beginn des Hörens.

Es erinnert uns: Gott ruft – ruft wie einer, der weiß, wie es schwer ist, sich gegen die gehaltlosen Lebensfüllstoffe zu behaupten: gegen das Nicht – Brot und alles, was mehr Kraft fordert als es bringt. Doch er ruft, seine Einladung bleibt, sie ist da und um uns herum. Und sie scheint in Gesten, in Wahrnehmung, in Gerüchen durch unseren Alltag immer wieder durch.

Denn auch das geschah bei meinem Besuch in der therapeutischen Wohngruppe für Jugendliche: Bei Mittag saßen wir zusammen um den Tisch.  Aufmerksamkeit füreinander und für das Essen war spürbar. Berührt hat mich folgende Situation: Der Erzieher, der von seiner Erscheinung her über jeden Geist des Paternalismus erhaben ist, schnitt zum Nachtisch einen Apfel in Stücke, entkernte sie und teilte sie aus an alle. Und es nahmen alle davon. Eine vielleicht nur kleine Geste, die Gemeinschaft und Achtsamkeit stiftete. Aber mehr muss manchmal gar nicht geschehen, um Sinn und Geschmack für das Unendlich zu spüren.

Das prophetische Wort unseres Textes erinnert zuletzt an den Bund, den Gott mit dem Hause Davids geschlossen hat. Gott geht mit uns einen Bund ein.

Die Geschichte der Bibel redet immer wieder davon, dass Gott seinen Bund erneuert und uns daran erinnert und alle Menschen zu seinen Bundesgenossen ruft. Denn die Grundlagen dieses Bundes kommen allen zugut. Es ist der Zyklus von

Saat und Ernte

Frost und Hitze

Sommer und Winter

Tag und Nacht,

der nicht aufhören soll, solange die Erde besteht.

Gott will, dass dieser Bund bewahrt bleibt und dass Menschen diesen Bund bewahren. Dafür ist es nötig, dass wir als Menschheit gemeinsam diese uns anvertrauten Güter sorgsam behandeln, die Folgen unserer Lebensweise bedenken und uns Zeit und die Orte nehmen, von Gottes Sorge und von seinem Ruf ansprechen zu lassen.

Amen.