Singen befreit! - Predigt zu Apostelgeschichte 16, 23-34 von Jasper Burmester

Singen befreit! - Predigt zu Apostelgeschichte 16, 23-34 von Jasper Burmester

Die Gnade unseres Herrn Jesus Christus und die Liebe Gottes und die Gemeinschaft des heiligen Geistes sei mit uns allen ! Amen

Liebe Gemeinde !

Der Name des heutigen Sonntags hat einen fröhlichen Klang: Kantate, singet ! Und gesungen haben wir und singen werden wir noch weiter in diesem Gottesdienst, singen zu unserer Freude und zu Gottes Lob. Ein Lobgesang bildet auch den Mittelpunkt einer Geschichte, die dem Apostel Paulus und seinem Freund und Gefährten Silas einmal widerfahren ist, und die eigentlich eher betrüblich anfängt. Paulus und Silas hielten sich in der Stadt Philippi auf, es war das erste Mal, dass sie von Kleinasien herüber nach Europa gekommen waren. Da trafen sie eine stadtbekannte Sklavin, die einem reichen Bürger geghörte. Sie wurde, so heißt es, von einem unguten Geist geplagt, der sie als Wahrsagerin reden ließ. Damit verdiente ihr Besitzer viel Geld. Paulus und Silas gelang es, diese Frau von dem sie quälenden Geist zu befreien. Darüber aber waren die Bürger so erbost, dass sie mit Hilfe der römischen Stadtherren Paulus und Silas zuerst auf offener Straße demütigten, ihnen die Kleider herunterrissen und sie schlugen und sie dann ins Stadtgefängnis sperrten, in die dunkelste Zelle, in ein finsteres Kellerloch, dazu wurden ihre Füße noch in einen Holzblock verschlossen. Nun geschah, was Lukas in der Apostelgeschichte so schildert: Um Mitternacht beteten Paulus und Silas und stimmten Gott einen Lobgesang an, die übrigen Gefangenen aber hörten ihnen zu. Da geschah plötzlich ein gewaltiges Erdbeben, so dass die Grundmauern des Gefängnisses erschüttert wurden. Sogleich aber öffneten sich alle Türen, und von allen fielen die Fesseln ab. Da schreckte der Gefängniswärter aus dem Schlaf hoch, und als er die Türen des Gefängnisses offen stehen sah, zog er sein Schwert und wollte sich töten, da er der Meinung war, die Gefangenen seien entflohen. Paulus aber rief mit lauter Stimme: "Tue dir kein Leid an, wir sind ja alle hier!" Da rief er nach Fackeln, sprang hinein und fiel zitternd vor Paulus und Silas nieder. Dann führte er sie hinaus und sagte zu ihnen: "Ihr Herren, was muss ich tun, um gerettet zu werden ?" Sie aber sprachen: "Glaube an den Herrn Jesus, so wirst du und dein Haus selig werden." Und sie sagten ihm das Wort Gottes samt allen in seinem Hause. Und noch zur gleichen nächtlichen Stunde nahm er sie zu sich und wusch ihnen die Striemen ab und gleich darauf ließ er sich mit seinem ganzen Hause taufen. Dann führte er sie in sein Haus hinauf und setzte ihnen ein Mahl vor und jubelte mit seinem ganzen Hause darüber, dass er zum Glauben an Gott gekommen war. Soweit der Bericht aus der Apostelgeschichte.

Liebe Gemeinde,

innerlich oder auch deutlich hörbar seiner Freude in einem schönen Augenblick Ausdruck zu verleihen, zu singen, zu jubeln, zu jauchzen, zu lachen in den Momenten, in denen es uns gut geht und Lebensfreude uns erfüllt, das können wir uns vorstellen, das ist uns vertraut, auch wenn solche Momente vielleicht selten sind in unserem Leben. Ebenso umgekehrt: In Augenblicken großer Angst, Not, Wut oder Trauer steht uns ein breites Instrumentarium lauter oder leiser Klage zur Verfügung. Aber diese Situation ist dann doch ungewöhnlich: Im Gefängnis, in Finsternis und Schrecken und unter der Folter des Fußblocks ausgerechnet Lobgesänge anzustimmen - täten wir, täte ich das auch, nächtens, in so einem Loch? Das widerspricht doch unseren Erfahrungen und auch unserem Gefühl, was "richtig" ist. Aber: In diesem Widerspruch von Gefangenschaft und Lobgesängen befinden allerdings auch wir uns. Bevor wir über diesen Widerspruch weiter nachdenken, singen wir. „Du verwandelst meine Trauer in Freude, du verwandelst meine Ängste in Mut.“ (Kanon 2-Stimmig)

Auch wenn wir uns dessen nicht immerzu bewusst sind: wir befinden uns im Widerspruch zwischen Realtität und Lobgesang aufgrund unseres Glaubens. Es ist ja dieses geradezu die Grundsituation jedes Christen: Leben im Widerspruch. Es geht um den Widerspruch zwischen dem, was wir vom Glauben her erhoffen und - sozusagen im Voraus, auf diese Hoffnung hin - besingen und wofür wir Gott loben und preisen, und dem, was unsere Wirklichkeit ist, was wir in unserer Gegenwart vorfinden und wo wir oft genug Grund zur Klage haben. Beides gehört zusammen, und wir dürfen nicht versuchen, es voneinander zu trennen, auch wenn es schwerfällt, ein solches Leben im Widerspruch auszuhalten.

Ein Lob Gottes, das die Wirklichkeit ausklammert, die Opfer eines ungezügelten Kapitalismus zum Beispiel, ein für die Leiden dieser Zeit blindes Gotteslob also lobt nicht Gott, sondern unter Ausblendung der Wirklichkeit die Zufälligkeit des eigenen Gutgehens und ist damit egoistisch, lieblos und gottlos. Und umgekehrt: Die Klage ohne die Absicht, ohne die  Hoffnung auf Veränderung, Klage ohne Glauben also, bewirkt nichts als das Abgleiten in Depression und Gejammer; oder wie es in einem alten Choral heißt: "Wir machen unser Kreuz und Leid nur größer durch die Traurigkeit".

So sind wir eigentlich immer mitten drin im Spannungsfeld von Gefängnis und Lobgesang, von Klage und Hoffnungslied. Dass dieses Spannungsfeld in der Geschichte von Paulus und Silas im Gefängnis zu Philippi so deutlich wird, macht ihren bleibenden Wert aus, selbst wenn sich ihre Befreiung historisch nicht so zugetragen haben sollte und nur eine fromme Legende ist. Der Lobgesang, den sie anstimmen, erklingt zur Ehre Gottes und ebenso zur Ermutigung der Mitgefangenen, die wunderbare Befreiung der beiden hat eben nicht nur ihre persönliche Freiheit zum Ergebnis, sondern mindestens genauso die Befreiung ihres Wärters, der ja auch als Gefängnisaufseher eigentlich ein Gefangener ist, ein Gefangener des Systems, dem er dient.

Ihn hat das Geschehen weit mehr erschüttert als es das Erdbeben mit den Gefängnismauern vermochte: Seine Rolle im System der gewalttätigen Unterdrückung und des scheinheiligen Geschäftemachens wird ihm in dem Moment deutlich, wo Paulus und Silas sich völlig unerwartet verhalten, also nicht abhauen, wie es eigentlich von Gefangenen zu erwarten wäre, sondern die um seinetwillen da bleiben: Menschen, die ihre Freiheit nicht auf Kosten anderer durchsetzen.

Diese Erschütterung seines gewohnten Welt- und Menschenbildes führt den Gefängnisaufseher zu der Frage, wie denn er gerettet, wie denn er befreit werden könne, befreit zu der inneren Freiheit, die Paulus und Silas so offensichtlich zu eigen ist. Die Antwort, die er von den Aposteln erhält, ist der kürzest mögliche Taufunterricht: Glaube an den Herrn Jesus, dann wirst du und dein Haus selig werden. Daran schließt sich an: Eine biblische Unterweisung im Hause des Aufsehers und die Taufe der ganzen Familie.

Auch der Anfang und das Ende der Geschichte von Paulus und Silas bilden wieder diese Spannung ab: Am Anfang stehen Schläge und Demütigungen, am Ende ein fröhliches Mahl zusammen mit der Familie des aus seiner Rolle befreiten Aufsehers. Aus einem Vertreter eines Gewaltsystems wird ein Glaubensbruder. Das ist für diesen Menschen und sein Umfeld ein großer Schritt, aber nicht mehr als ein Anfang: Seine Bewährungsprobe kommt ja erst noch: Diese Umkehr wird ihre Wirkung noch zu beweisen haben, denn auch ein christlich gewordener Folterer bleibt ein Folterer, wenn er denn seinen Glauben nur als Privatsache ansieht.

Und: Wie wird seine bisherige Obrigkeit, die römische Justiz, darauf reagiert haben, als sie bemerkte, daß einer ihrer treuen Diener "ausgestiegen" war ?

So gradlinig und mit einem glücklichen Ende wie hier von Lukas erzählt, geht es selten zu. Und nicht immer ist die Geschichte der Befreiungen so rasant wie hier. Manche "Beben" wirken erst sehr viel später. Wenn auf den Lobgesang und das Gebet der Apostel hin in Philippi die Erde und die Grundmauern des Gefängnisses erschüttert wurden, dann wirkte sich diese Befreiung für die unmittelbar Betroffenen sofort aus. Wie viele Erschütterungen aber müssen beispielsweise noch geschehen, bis sich Israelis und Palästinenser als Nachbarn akzeptieren können, oder wie viele Spezies müssen noch aussterben bis endlich konsequente Schritte zur Erhaltung der Schöpfung unternommen werden? Was muss noch geschehen an immer deutlicheren Folgen des Klimawandels, bis endlich die ökonomisch und ökologisch nötigen Verringerungen unseres CO2 Ausstoßes kommen?

Es gibt noch sehr viel Notwendigkeit für solche befreienden Beben in dieser Welt. Es gibt auch noch viel zu viele, deren Gesang durch Kerkermauern gedämpft wird. So können wir in den Lobgesang der Apostel nur einstimmen, wenn wir zugleich mit dem Lobe Gottes ebenso lauten Protest erheben gegen jede Kerkermauer, gegen gefesselte, geschlagene Menschen, gegen gestohlene Freiheit und gebeugtes Recht, gegen gebrochenen Frieden, gegen die Vernichtung unserer ökologischen Lebensgrundlagen.  Beides gehört zusammen: Wer nicht für die Juden schreit, darf auch nicht gregorianisch singen, lehrte Dietrich Bonhoeffer 1936 die jungen Vikare, die er unterrichtete. Das gilt heute - im Blick auf die Konflikte dieser Welt und ihre Opfer- nicht weniger als damals. Aus dieser Spannung kommen wir Christen nicht heraus. In sie geraten wir hinein, sobald wir uns auf Gott einlassen. In dieser Spannung bleiben wir bis zum jüngsten Tag: Zwischen Klage und Lobgesang, zwischen Not und Befreiung. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen