„Suchet, so werdet Ihr finden“ - Predigt zu Lukas 2,41-52 von Henning Kiene

„Suchet, so werdet Ihr finden“

I. Wissen Sie…, wer ich bin?

Die Fenster sind mit schwarzen Vorhängen verhängt. Die neue Flüchtlingsunterkunft ist bezogen. Von außen gibt es keinen Einblick. Kinderfahrräder stehen vor der Tür, einige Spielsachen liegen bereit, ein Sandkasten scheint auf Kinder zu warten. Menschen habe ich hier bisher nicht gesehen. Doch: Kurz vor Weihnachten bewegt sich einer der schwarzen Vorhänge. Ein Kinderarm hebt sich, kaum erkennbar, von dem dunklen Stoff ab, schiebt den Vorhang bei Seite. Ein kurzer Blick, flüchtig zwei helle Kinderaugen, ein Moment, sofort vorbei. Jemand stoppt, „hoffentlich fühlen die sich bei uns wohl“, höre ich eine Stimme. Und ich frage mich: Sind Eltern und Kinder zusammengeblieben oder wurden sie auf der Flucht voneinander getrennt? Der Gedanke, dass es irgendwo Eltern geben könnte, die nach genau diesem Kind suchen, bleibt hängen.

Auf einer Europakarte sind die Flüchtlingsströme eingezeichnet, die sich ab Januar 1945 durch Europa quälten. Dicke Pfeile zeichnen die Bewegungen der Trecks nach. Diese Erinnerung wird im Januar dieses Jahres 70 Jahre alt. Ich habe noch die Plakate vor Augen, die vor vierzig Jahren noch an den öffentlichen Plakatwänden hingen. Man sieht Frauen und Männer: „Wissen Sie…, wer ich bin? wie ich heiße? woher ich komme?“ Ein Foto von ihnen und eine knappe Geschichte wird erzählt. Der DRK-Suchdienst betreut Kinder und Eltern, die während und nach dem Ende des sogenannten Dritten Reiches getrennt – oftmals auf der Flucht – auseinander gerissen worden waren. Mehr als hunderttausend Kinder und Eltern galt es wieder zusammenzubringen, wie wertvolle weit verstreute Puzzleteile, die zusammengefügt werden sollen. Mittags lief der Kindersuchdienst im Radio: Die Namen der Kinder waren häufig unbekannt, gesprochen wurde darum von einem Leberfleck, einer Narbe, einem alten Spielzeug. Wer es hörte und seine eigenen Eltern in der Nähe hatte, war für einen Moment überaus glücklich.

Die Geschichte, die von einem verlorenen Kind handelt, ereignet sich tagtäglich. Unzählige Eltern sind auf der Suche. Heute wird die Zahl der Flüchtlinge weltweit mit über 51 Millionen Menschen angegeben.[1] In meinen Jahren als Gemeindepastor habe ich am Ende eines Beerdigungsgesprächs manchmal gehört: „Noch eins – Sie sollten es wissen – da war noch ein Kind, unsere Schwester, die ist bei der Flucht…, Sie wissen schon. Wenigstens im Gebet sollten wir an die denken. Wir haben in unserer Familie nie über sie gesprochen.“

II. Genau da nicht: Zwischen Nutella und Playmobil

Der Schaden kann bei Eltern und Kindern nicht größer sein. Es gibt Verluste, die verschmerzt kein Mensch. Wer die drei Tage Maria und Joseph nach Jerusalem folgt, sich mit ihnen auf die Suche begibt, spürt: Das hier ist eine Suche, die hat eine neue Qualität. Hier ist es anders, als in diesem bekannten Schreckmoment, wenn ein Kind in einem gut gesicherten Supermarkt aus dem Blick verschwindet und zwischen Nutella und Playmobilfiguren wieder auftaucht und die Kinderaugen einen überrascht anstrahlen: „Guck mal, das habe ich gefunden!“ und eine Plastikfee mit Zauberstab wird dir in die Hand gedrückt. Es gibt eine Suche, die einen selber grundsätzlich verändert und die Suchenden auf den höchsten Level der Aufmerksamkeit heben. Da wird alles, der ganze Körper, zur Suche. Da ist dieses Wissen, „wie auch immer das hier ausgehen mag, du wirst ein anderer Mensch sein.“ Von dieser Art intensiver Suche handelt das heutige Evangelium. Das anfängliche Bangen, wo denn dieses Kind bloß geblieben ist, führt zu der intensivsten Suche, zu der Menschen fähig sind, um dann der Erkenntnis, wer dieses Kind eigentlich ist und wer es noch sein wird, einzumünden. Hier suchen zwei und wissen zugleich, wenn sie ihn wirklich finden sollten, dann wird er nicht mehr in der Weise ihr Kind sein, wie er zuvor ihr Kind gewesen ist. Es wäre nicht voreilig, heute Maria schon unter Jesu Kreuz zu sehen, die Symbolzahl der drei Tage legt diese Perspektive nah.

Drei Tage war Jona in dem großen Fisch gefangen, bevor er wieder an Land ausgespien wurde. Drei Tage lag Jesus im Grabe, dann erst fanden die Frauen den Toten bei den Lebenden. Es wirkt so, als deute der Evangelist schon im zweiten Kapitel das ganze Leben Jesu aus. Hier geht nicht nur ein Kind verloren, auch geht es nicht nur um diese Suche, hier wird eine Perspektive eröffnet und das Leben Jesu wird sichtbar.

III. „Bitte kümmern Sie sich um dieses Kind, danke schön“

Das Evangelium schickt die, die diese sogenannten Kindheitsgeschichten Jesu lesen und hören, in die Tiefe des Lebens Jesu hinein. Die Katastrophe, dieses unvorstellbare Leid, das einem Menschen wiederfahren kann und zu Boden gehen lässt ist, wird erkennbar. Das Lukasevangelium macht es einem leicht, sich selber in diesen Eltern wiederzufinden: Die Selbstvorwürfe, die innere Qual einer tagelangen Suche, das Gefühl, das eigene Kind nicht mehr schützen zu können und selber so unendlich schutzlos zu werden, dieses Wissen, dass jedes Kind ein Teil von einem selber ist und doch zugleich seinen Eltern nicht gehört…

Hier geht es um eine höchst intensive Suche, an deren Ende alles neu sortiert ist. Dieser erste Moment im Tempel zeigt, wie fremd sie sich in den drei Tagen der Suche geworden sind. Hier beginnt etwas ganz Anderes.

Ich war im Kino, habe den Film „Paddington bear“ gesehen. Das ist ein schöner, auf den ersten Blick harmloser Kinderfilm mit wunderbaren Effekten. Ein kleiner Bär flieht, nachdem ein Erdbeben seine Familie vernichtet hat, nach London. Er sitzt einsam, mit seinem roten Hut auf dem Kopf, in Paddington Station, einem der Londoner Bahnhöfe, auf der Bank: Der Bär trägt ein Schild um den Hals: „Please look after this Bear, thank you“ – „Bitte kümmern Sie sich um diesen Bären, danke schön“. Eine Familie nimmt ihn – widerwillig – mit, nennt ihn den Namenlosen nach dem Bahnhof, an dem sie ihn gefunden haben, „Paddington Bär“. Und während Bär und Gastfamilie diverse „Aneinander-Gewöhnungs-Hindernisse“ überwinden müssen, wird durch dieses braune Packpapierschild, das er um den Hals trägt, deutlich: Diese Geschichte erzählt zugleich eine ganz andere Geschichte.

Der Bär steht für eins der jüdischen Kinder, die in großer Zahl, ab 1930 in London Zuflucht fanden. Diese Kinder trugen solche Zettel um den Hals, Namen, Eltern, Herkunft und eine Bitte: „Nehmt mich auf.“ In ihrer Hand hielten viele Kinder einen solchen Koffer, in dem reiste das Wertvollste dieses Kindes mit. Tausende jüdische Kinder fanden Zuflucht, mühsam oft, innerlich zerrissen, verletzt, voller Traumata, aber immerhin sie überlebten und kamen nicht in die Lager und wurden nicht vergast. Und dann nach dem Krieg fanden die wenigen überlebenden Eltern mit den geretteten Kindern wieder zusammen. Aber: Aus dem „Georg“ war ein „George“, aus dem Schüler ein Student geworden. Und Selma, die Hals über Kopf aus dem feinen Berlin flüchten musste, war eine rotwangige Bauerntochter geworden. Das Deutsche –nicht nur die Sprache – war vergessen. Diese erzwungene Flucht der Kinder, die Zeit der Trennung und nun das wieder Zusammenfinden, veränderte alles, was sonst zwischen Eltern und Kindern gilt.[2] Und so erzählt diese ebenso schöne wie auch harmlose Geschichte von Paddington Bär auch die Geschichte vom schweren Verlust und von dem Wiederfinden, von der ebenso schmerzvollen, wie auch unumkehrbaren Veränderung. Hinter der symbolischen Zahl der drei Tage verbergen sich das Erwachsenwerden und eine Form der Eigenständigkeit, die vor allem der Glaube kennt. Er macht einerseits fremd, weil er sich in vielerlei Hinsicht von allem, was bisher war, unterscheidet, er ist andererseits vertraut, weil er Gott sucht und ihn in Momenten und an Orten entdeckt, an denen niemand mit ihm rechnet.  

IV. „Bitte kümmern Sie sich um dieses Kind, danke schön“

Es ist auch heute so, wie es schon in der ganzen bisherigen Weihnachtszeit seit Heiligabend war: Seit Tagen hören wir die vertrauten Geschichten, die ihre wohlbekannten Bilderbögen vor uns aufspannen, sehen Maria, Joseph, Krippe, Hirten, Hannah, den alten Simeon, den Propheten, der entzückt das Kind auf dem Arm hält. Diese Geschichten helfen uns mit ihren Bildwelten durch diese Tage hindurch, sie begleiten viele von uns auch bei der Suche nach dem, was Jesus Christus uns heute bedeutet, womit er uns berührt. In welcher Kammer meines Herzens, in welchem Winkel meiner Gedankenwelt, berührt und verändert er mich? Ich bin auf der Suche, suche nach Sinn und Ziel des Lebens, nach Halt und Orientierung auch in Tagen der Suche. Da pocht jemand an die Tür: Es ist kein Raum in der Herberge, zunächst. Wo sollte man Gott denn suchen, wenn kein Raum vorgesehen ist? Ein Stallgebäude wird zur Geburtsstation. Das  bleibt doch verblüffend: Ich suche in den weiten Fernen, Gott aber legt sich in einen Stall. Da ist ein Ort für dieses Kind, eine Futterkrippe dient als einigermaßen passables Notbett. Hier endet die Suche der drei Weisen aus dem Morgenland und meine Suche auch. Die Suche führt in die Ferne, aber das Ziel liegt in der Nähe. Die Suche nach einem Sinn im Leben führt oftmals genau an die Orte, an denen niemand suchen würde. Gott lässt sich entdecken, wo Gott nicht erwartbar ist. Heute führt die Spur vom Stall in Bethlehem zum Tempel nach Jerusalem.

Wer, wie Joseph oder Maria, auf die Suche geht, ahnt, wo und wie es wirklich zu suchen gilt, spürt die Mühe und die Anstrengung. An den Orten, die sich nicht aufdrängen, in den Momenten, in denen niemand wirklich mit Gott rechnet, wird man oft zuerst fündig. Am Ziel der Suche steht die Überraschung und weder die, die suchen, noch die, die gefunden wurden, sind noch dieselben geblieben, die Tage zuvor aufbrachen.

Diese dreitägige Suche von Maria und Joseph leuchtet die Suche aus, auf der sich viele Menschen befinden. Es gibt Tage, an denen verändert sich alles, da geraten die Grundfesten des Lebens ins Wanken und am Ende ist alles anders und neu. Da wird das Leben auf den Kopf gestellt und landet genau so auf beiden Füßen. Da ist dieses Gefühl, das viele suchende Eltern kennen, diese innere Unruhe, das nicht Schlafenkönnen, dieser furchtbare Gedanke an den möglichen, auch schlimmen Ausgang, den alles genommen haben könnte. Und da ist dieser weihnachtliche Bilderbogen, der zeigt: Dann, wenn kein Raum mehr vorhanden ist, schafft Gott sich ein Quartier, dann, wenn das Kind verloren zu sein scheint, treffen wir es heute im Tempel oder in unserem Lebensstall wieder. Wenn Jesus Christus einem dann verloren geht, zeigt er sich an anderer Stelle neu. Solche Suche kennt keine eigene Gesetzmäßigkeit, sie wühlt auf und führt – so in den Evangelien der Weihnachtszeit – an neue, unerwartbare Orte.

Niemand würde, wenn es diesen Kinderarm am Fenster der Unterkunft sähe, sagen: Hier ist kein Platz für diesen Menschen. Niemand würde an die Flucht vor 70 Jahren erinnern wollen, wäre da nicht die Suche nach Heimat zu einem Ziel gelangt. Kein Mensch wollte Weihnachten feiern, wüssten wir nicht, dass es hier so ist, wie in dem Film über den Paddington Bär: Unter der Oberfläche der leicht zu erzählenden Geschichte von Weihnachten, wird immer auch noch eine andere Geschichte mit erzählt: Von der Suche nach Gott, von den drei Tagen, die die Seele aufwühlen und die Welt verändern. Und von einem Finden wird berichtet: Da ist mit der Suche die Neuentdeckung Gottes eröffnet. Stall, Tempel, Kirche, Wohnzimmer, Bahnhof und die lange Schlange im Supermarkt… Die Phantasie reicht nicht, sich den Ort, an dem er sich finden lässt, zu denken. 


[2] hier: Ursula Krechel, Landgericht. Roman, Wien 2012