„Wie lieblich ist der Maien“ - Predigt zu EG 501 von Rudolf Rengstorf

„Wie lieblich ist der Maien“ - Predigt zu EG 501 von Rudolf Rengstorf

Liebe Gemeinde!

Dieser Sonntag heißt Kantate – Singt! Er heißt nicht: Predigt über das Singen.  Deshalb soll das Singen in die Predigt einziehen, sie durchdringen und bestimmen. Das geht am besten, wenn wir uns dazu ein Lied holen, uns mit dem Dichter bekannt machen und uns dann Strophe für Strophe von seinem Singen mitnehmen lassen. Dafür bietet sich heute besonders das Lied an, das es mit seiner Freude am Mai bis ins Gesangbuch gebracht hat: Wir finden es unter der Nummer 501 „Wie lieblich ost der Maien“. Das bitte ich Sie jetzt aufzuschlagen.

 

Martin Behm hat dieses Lied vor mehr als 400 Jahren gedichtet. Er war Lehrer und später auch Pfarrer in seiner Heimatstadt Laubau in der Oberlausitz. Er lebte in einer Welt, in der sich keiner von uns zurechtfinden würde: kein Strom, kein Gas, kein fliessend Wasser, nicht eine Maschine, keine Einkaufsmärkte. Alles musste von Hand gemacht werden. Und umgekehrt: Wäre Martin Behm in unsere Zeit versetzt worden: wäre er mindestens genauso aufgeschmissen: Autos und Flugzeuge würden ihm panischen Schrecken einjagen. Hilflos stände er in unseren Häusern vor all den technischen Geräten. Telefon, Radio, Fernseher, Computer, Smartphones und Tablets brächten ihn vollends durcheinander. Eine unüberbrückbare Kluft scheint das zu sein, die zwischen damals und heute liegt.

 

Sein Lied aber überspringt mühelos die Jahrhunderte mit all ihren Umwälzungen und geht auch uns unmittelbar zu Herzen. Zum einen wegen der Melodie. Ursprünglich

war sie ein Frühlingstanz, hat den ganzen Menschen in Bewegung gebracht. Die Orgel lässt das bitte mal anklingen…Das fährt einem direkt in die Beine. Doch auch, wenn wir sitzen bleiben, weil sich das im Gottesdienst nun mal so gehört, dann bringt schon das Mitsummen und gar das Mitsingen noch den ganzen Oberkörper in Schwingung.

Und zum andern überspringt auch der Text des Liedes mühelos die Kluft zwischen damals und heute:

 

                    Wie lieblich ist der Maien aus lauter Gottesgüt,

                    des sich die Menschen freuen, weil alles grünt und blüht..

                    Die Tier sieht man jetzt springen mit Lust und grüner Weid,

                    die Vöglein hört man singen, die loben Gott mit Freud.

 

 

Denn Martin Behm singt, was ganz ohne unser Zutun jedes Jahr von neuem die Lieblichkeit des Maien ins Leben bringt. Nach den dunklen, kalten und grauen Wintermonaten sind wir besonders empfänglich für das Grünen und Blühen. Auf jedem Fleckchen Erde, ja selbst aus Mauer- und Pflasterritzen dringt es hervor.

Auf den Weiden sind wieder Kühe und Pferde zu sehen. Und dazu noch die Vögel! Ihre Stimmen dringen schon bei Sonnenaufgang ins Schlafzimmer, wirken aber ganz anders als etwa der Verkehrslärm. Dessen Monotonie geht auf die Nerven. Das Vogelgezwitscher aber weckt die Freude am Leben und die Lust auf den neuen Tag:

"Die loben Gott mit Freud".- heißt es hier.  Jaja, ich weiß: Wissenschaftlicher Betrachtung hält das nicht stand. Da sind die Vogelstimmen nichts als Signale - notwendig im Kampf ums Überleben. Wie alles in der Natur - für sich betrachtet - auf eine objektive Ursache zurückgeht, die mit unseren Empfindungen und Deutungen nichts zu tun hat. Doch alle wissenschaftliche Betrachtung ist immer sekundär, kommt erst im Nachhinein, wenn wir auf Abstand gegangen sind. die Vogelstimmen oder was auch immer zum Gegenstand unserer objektiven Untersuchung machen, die jeder andere nachvollziehen können muss. Zunächst und primär aber stehen wir unserer Umgebung nicht als etwas Fremdem, Objektivem gegenüber. Ursprünglich sind wir in unsere Umwelt einbezogen als Teil ein und derselben Schöpfung. Und dabei erleben wir, dass die Schöpfung uns anspricht, uns etwas zu sagen hat. Sie ist Ansprache Gottes an uns, geschaffen durch sein Wort, also Gestalt gewordenes Wort und deshalb durch und durch Kommunikation seiner Güte. Wer sich dafür öffnet, hört ganz von selbst da draußen einen großen Lobgesang. Wir singen Strophe 1.

 

 

                    Herr, dir sei Lob und Ehre für solche Gaben dein.

                    Die Blüt zur Frucht vermehre, lass sie ersprießlich sein.

                   Es steht in deinen Händen, dein Macht und Güt ist groß

                   Drum wollst du von uns wenden Mehltau, Frost, Reif und Schloß.

 

In der zweiten Strophe folgt auf das Lob die Bitte darum, dass der verheißungsvolle Anfang am Ende auch Früchte trägt. In Keimen und Blüten ist das vom Schöpfer zwar alles darauf angelegt- Aber es kann ja auch ganz anders kommen. Wie oft erleben wir, dass die schönsten Blüten zunichte gemacht werden durch Nachtfröste, durch Pilz oder anderen Schädlingsbefall oder durch Hagelschlag. Naturereignisse, denen man damals viel schutzloser ausgeliefert war als wir heute. Sie konnten dazu führen, dass man über Nacht vor dem Ruin stand. Von solchen Sorgen und Ängsten werden wir heute weniger heimgesucht, weil es für die Betroffenen Versicherungen und staatliche Hilfen gibt. Dafür wächst bei uns die Sorge darum, dass der von uns Menschen verursachte Klimawandel nicht mehr in den Griff zu bekommen ist. Weil die Verantwortlichen in Politik und Wirtschaft genauso wie wir Verbraucher zu kurzsichtig und egoistisch sind, um unsere Mitgeschöpfe vor weiterer Vernichtung zu bewahren und unseren Nachkommen eine lebenswerte Welt zu erhalten.  „: Drum wollst du, Gott, von uns wenden den Mehltau von  Gleichgültigkeit und Resignation, den Frost des Egoismus und die Schloßen, den Hagel von immer mehr CO2 und Plastik.

Wir singen Strophe 2

 

                    Herr, lass die Sonne blicken ins finstre Herze mein,

                    damit sichs möge schicken, fröhlich im Geist zu sein,

                    die größte Lust zu haben allein an deinem Wort,

                    das mich im Kreuz kann laben und weist des Himmels Pfort.

.

Ja, und wenn Gott unsere Bitte nicht erfüllt und das Unglück nicht abwendet? Wenns im Leben so ganz anders kommt, als wir uns das gewünscht und von Gott erbeten haben? Und warum? – Warum in aller Welt lässt Gott das zu? Ich habe darauf schon so viele Antworten gehört, sie auch selber zu geben versucht. Keine davon überzeugt wirklich und macht ruhig. Diese Frage bleibt offen. Und damit fällt ein unheilvoller Schatten auf unser Leben und verfinstert das Herz: „Herr, lass die Sonne blicken ins finstre Herze mein" -. Da kann es mitten im Jubel über die Schönheit da draußen im Herzen drinnen zappenduster sein. Da kann man sich monatelang auf Frühling, blauen Himmel, Sonne und Farben gefreut haben - und trotzdem bleibt es finster im Herzen, weil die Enttäuschung und dass Leiden an dem Gott, der nicht hilft, das Herz besetzt halten und nicht verdrängt werden können.

Schick, lieber Gott, die Sonne in mein Herz, "damit sich es möge schicken, fröhlich im Geist zu sein". Hier ist von einer Fröhlichkeit die Rede, die nicht von selber kommt und geht, sondern in die man sich schicken kann, wenn einem gar nicht nach Fröhlichkeit ist, in die Fröhlichkeit des Geistes. Sie entsteht, wenn wir uns im Dunkeln umsehen nach dem, was uns aufrichtet, Halt und Perspektive gibt. Sie freut sich, hat ihre Lust daran, dass Gott nicht aufhört zu reden, wenn seine Sprache in der Welt dunkel wird und unverständlich. Sein Wort an uns geht doch weiter in den Geschichten von dem Mann, der Leiden und Kreuz auf sich genommen hat, damit wir da nicht allein sind und gewiss sein können, dass die Pforte des Himmels uns offensteht. Denn als Gottes Kinder sind wir nicht nur von dieser Welt.

Wir singen Strophe 3

 

                    Mein Arbeit hilf vollbringen zu Lobe dem Namen dein,

                    und lass mir wohl gelingen, im Geist fruchtbar zu sein.

                    Die Blümlein lass aufgehen von Tugend mancherlei,

                    auf dass ich mög bestehen und nicht verwerflich sei .

 

In Strophe 4 werden zwei Bereiche zusammengebracht, die bei uns strikt getrennt werden: Arbeitswelt und Lob Gottes. Denn mit seiner Arbeit wird der Mensch ja selbst so etwas wie ein Schöpfer, und mit dem, was der Mensch alles kann und tut, scheint er Gott los zu werden. Aber: dass Arbeit gelingt, Leistung sich lohnt, Spaß macht, Anerkennung findet, dass durch Arbeit Selbstwertgefühl erzeugt wird, dass der Mensch die Welt durch Arbeit umgestalten und verändern kann - das ist doch alles andere als selbstverständlich. Das spricht doch nicht gegen, das spricht für Gott! Und darum kann ich ihm mit meiner täglichen Arbeit dienen, indem ich sie nach seinem Willen ausrichte. Das ist Gott ebenso wichtig wie der Gottesdienst in der Kirche.

Die Bitte um Fruchtbarkeit im Geist geht genau darum: dass ich bei aller Leistung, bei aller Arbeit nicht vergesse, sondern wahrnehme und erkennbar mache, wes Geistes Kind ich bin! Und dann, ja, findet sich da noch dieses alte Wort "Tugend". Klingt das nicht zu sehr nach abgestandener Moral. sauertöpfischer Vorbildlichkeit? Von wegen! Mit Blümlein, mit Blumen wird die Tugend in Verbindung gebracht. Gott möge uns Menschen sein und werden lassen, die sich nicht darin gefallen, dass ihnen alles stinkt, sondern die wie Blumen wirken, einen wohltuenden, die Lebensgeister weckenden Duft verbreiten und den Betrachtern ein erfreuliches Bild bieten. Das Amen singen wir mit Strophe 4.