„Wir gehen und wir wandern...“- Predigt zu Lukas 2,41-52 von Christoph Maier

„Wir gehen und wir wandern...“- Predigt zu Lukas 2,41-52 von Christoph Maier

„Wir gehen und wir wandern...“

Pilgerschaft

„Wir gehn dahin und wandern von einem Jahr zum andern,
wir leben und gedeihen vom alten bis zum neuen.“ (EG 58,2)

Wieder ist ein Jahr vergangen. Kaum hat man sich an die 2014 im Datum einigermaßen gewöhnt, schon muss man sich wieder umstellen. Wir schreiben jetzt das Jahr 2015 nach Christus. Pilger sind wir nicht nur von einem Jahr zum anderen. Das Leben eines Christenmenschen lässt sich auch 2.015 Jahre nach Christi Geburt als Pilgerweg beschreiben. Wir Pilgern auf den Spuren der Mütter und Väter unseres Glaubens. Auf diesem Weg zu entdecken, wo wir hingehören, zu entdecken, wo wir dem Geheimnis Gottes begegnen können, wo Frieden, wo Freude, wo Ruhe und Geborgenheit wartet, dafür lohnt es sich immer wieder aufzubrechen, Neues zu wagen und die Mühen des Weges in Kauf zu nehmen.

Liebe Gemeinde,
unser Predigttext erzählt von solch einem Pilgerweg besser gesagt von dem Rückweg. Maria und Josef sind mit Freunden und Bekannten wie in jedem Jahr beim Passafest in Jerusalem gewesen. Gut gelaunt und voller Eindrücke machte sich der Tross aus Nazareth wieder auf den Heimweg. Erst am Abend, als man sich zur Zwischenübernachtung niederlassen wollte und der Knabe nicht auftauchen wollte, werden die Eltern unruhig. Wie gut, dass der Evangelist Lukas uns als Leser schon wissen lässt, was den Eltern erst in banger Ahnung allmählich dämmert: „als die Tage vorüber waren und sie wieder nach Hause gingen, blieb der Knabe Jesus in Jerusalem und seine Eltern wussten's nicht.“ (Lk 2,43) Gut möglich, dass die Pilgerreise, die ja eigentlich schon zu Ende war, gerade jetzt erst beginnt!

Lukas leitet mit der Geschichte vom 12 jährigen Jesus im Tempel das Ende der Kindheitserzählungen Jesu ein und kommt damit zum Beginn des Erzählstoffes, wie ihn schon Markus als das „Evangelium von Jesus Christus, dem Sohn Gottes“ (Mk1,1) erzählt. Eine Pilgerreise, eine Weggeschichte, das ist das besondere Kennzeichen des Lukasevangeliums. Lukas nimmt uns als Leser mit auf dem Weg Jesu nach Jerusalem zu jenem einzigartigen Passafest, das Jesus dort mit seinen Jüngern gefeiert hat. Lukas gestaltet seinen Evangelienstoff als Weggeschichte als Pilgerrreise und dann als alles zuende schien, als die Jünger sich nach dem Passafest wieder auf den Heimweg machen, da geht die Pilgerreise eigentlich erst los. Zum Beispiel für die Zwei, die sich auf dem Weg nach Emmaus befanden und deren Herz brannte, als ihnen der Fremde in ihrer Traurigkeit ein wenig Gesellschaft leistete. Da geht die Geschichte noch einmal los, noch einmal beginnt die Reise und Lukas beginnt den zweiten Band seines Doppelwerkes. Wieder startet er in Jerusalem und wieder ist der Weg, die Reise ein zentrales Gestaltungselement. Die Apostelgeschichte des Lukas erzählt als Teil 2 des Evangeliums von den Missionsreisen der Apostel. Von Menschen auf dem Pilgerweg wie sie die Geschichte Gottes zu den Menschen tragen hinaus in alle Welt, auch zu uns.
Pilgerwege auf denen wir den Gott suchen, den wir doch scheinbar schon so gut kennen. Pilgerwege auf denen wir Gott begegnen möchten, der uns doch immer wieder entschlüpft und verlohren geht. Mal als 12 jähriger Knabe in Jerusalem, mal als gekreuzigter Gott auf Golgatha, mal als erstartes Feuer in der Geschichte der Kirche. Pilger, Gottsucher, Nachfolge...

„Wir gehn dahin und wandern von einem Jahr zum andern,
wir leben und gedeihen vom alten bis zum neuen.“ (EG 58,2)

Zum Tempel

Seit dem 4. Advent folgen wir nun in der Reihe der liturgisch vorgesehenen Predigttexte der Kindheitsgeschichte des Lukas. Neben den Schauplätzen überm Gebirge, als Maria durch den Dornwald ging und dem wohl berühmtesten Schauplatz der Kindheitsgeschichte Bethlehem gibt es genau einen weiteren zentralen Ort, an den wir in diesen ersten zwei Kapiteln immer wieder geführt werden: den Tempel in Jerusalem. Dreimal führt uns Lukas an diesen Ort.
Mit Zacharias, dem Vater Johannes des Täufers, gehen wir hinein. Die Gottesbegegnung hat ihn stumm gemacht, verstört, unfähig das Wort auszusprechen und doch gerade so fähig, Gott zu folgen und den zu zeugen, der zum Zeugen werden soll. Pilgerwege führen in die Sprachlosigkeit es muss erst noch geboren werden, was Zeugnis geben kann. Pilgerwege führen ins Schweigen.
Mit den beiden Alten Simeon und Hanna sind wir erneut im Tempel in Jerusalem. 40 Tage nach der Geburt bringen die Eltern den Knaben zum Tempel, um die vorgesehenen Opfergaben darzubringen. Jesus wird schon erwartet. Er wird ihnen gebracht, denen die ein ganzes Leben lang gewartet haben, auf diese Begegnung mit Gott. Die Gottesbegegnung hat sie froh gemacht und voller Frieden. Pilgerwege führen zur Freude und Ruhe, sie führen dazu, dass wir das eigene Leben loslassen und so – noch unterwegs – am Ziel sein können.
Und schließlich führt uns Lukas ein drittes und letztes Mal in der Kindheitsgeschichte nach Jerusalem an den Tempel. Nach 12 Jahren, „da fanden sie ihn im Tempel sitzen, mitten unter den Lehrern, wie er ihnen zuhörte und sie fragte. Und alle, die ihm zuhörten, verwunderten sich über seinen Verstand und seine Antworten. Und als sie ihn sahen, entsetzten sie sich. Und seine Mutter sprach zu ihm: Mein Sohn, warum hast du uns das getan? Siehe, dein Vater und ich haben dich mit Schmerzen gesucht.“
Pilgerwege führen ans Ziel, wenn man weiß, wo man hin will.
„Und er sprach zu ihnen: Warum habt ihr mich gesucht? Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem, was meines Vaters ist?“
Wo ist Jesus zu finden? Wie verstörend und erschreckend muss es sein zu merken, dass man den, den man bei sich auf dem Weg glaubte, unterwegs verloren hat. Nein, Verwandte und Freund haben ihn nicht für mich mitgenommen. Wo könnte er sein. Wo soll man dann anfangen zu suchen. Pilgerwege führen zur Umkehr, dorthin zurück, wo sich die Spur verloren hat, dorthin wo man ihn zuletzt gesehen hat.
Und da finden sie ihn – und finden ihn doch nicht. Nicht den als Kind geglaubten finden sie, sondern den, der den Glauben auf der Höhe der Zeit diskutiert, der den Gelehrten ein ebenbürtiger Gesprächspartner sein kann, dort finden sie den, den sie unterwegs verloren hatten und es noch nicht einmal merkten.
Das Leben eines Christenmenschen gleicht einem Pilgerweg, wo ist der sichere Tempel, der Ort, das Ziel, wo Gott wohnt, wo wir Gott begegnen können. Als Lukas sein Evangelium zu schreiben beginnt, ist der Tempel in Jerusalem schon zerstört, ist alle Sicherheit über Gottes Aufenthaltsort in der Welt mal wieder verlohen. Wo ist Gott zu finden, wohin führt der Weg den wir wandern, von einem Jahr zum andern?

„Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem,
was meines Vaters ist?“

In Maria, in der Krippe, in der Freude Elisabeths, im Frieden des Simeon, in mir?
„Wisst ihr nicht, dass ich sein muss in dem,
was meines Vaters ist?“

Dies ist keine Geschichte über einen pubertierenden Jungen, der der elterlichen Vormundschaft entwachsen will. Der endlich eigene Wege geht, unverstanden von den Eltern. Dies ist keine Geschichte, die den Rebellen Jesu, der später die Tische der Händler im Tempel wütend zur Seite schleudert, vorzeichnet. Jesus kehrt brav zurück ins Haus seiner Eltern „und war ihnen untertan.“
Lukas schreibt diese Geschichte aus der Perspektive der Eltern und er lässt uns als Leser ahnen, dass es auch unsere Suche sein kann, die Maria und Josef da beginnen.
Es ist vor allem wieder eine Geschichte Marias, die uns durch die Geburts- und Kindheitsgeschichte mit ihrer Empfänglichkeit für das Göttliche und ihre Empfindsamkeit für den Glauben zur treuen Begleiterin geworden war. In Maria spiegeln sich Emotion und Glaube, Hoffnung und Freude und Frieden.
Es ist eine Geschichte Marias, als Mutter des Glaubens geht sie den Pilgerweg voran und behält auch diesesmal „alle diese Worte in ihrem Herzen.“
Amen