Zeit für Genügsamkeit – Predigt zu 1. Korinther 7,29-32 von Jens Junginger

Die Zeit drängt - morgens meistens. Die Zeit drängt. Weil der Kunde wartet, der Auftrag raus muss. Die Zeit drängt, ab zum nächsten Patienten. Die Zeit drängt. Und irgendwann geht einem die Puste aus.

Liebe Gemeinde,

auf Dauer tut das niemand gut. Andererseits: der Permafrostboden taut früher als erwartet. Hetze, Rassismus und Nationalismus, Demokratie Zweifel werden immer unbeschwerter hinausposaunt. Die Zeit der Fülle war gestern, das wissen wir. In der Kirche erleben wir‘s. Die Zeit drängt – Entscheidungen müssen gefällt werden, Handeln ist angesagt. Wie gehen wir um - mit diesem Zwiespalt, mit dieser Spannung?

In der Jesusbewegung, in der Urchristenheit, bei Paulus stoßen wir auf ein ähnliches Dilemma:

Paulus war damals unentwegt unterwegs und hoch engagiert, verhandelnd, schreibend, predigend, diskutierend und immer wieder selbst sehr bedrängt und manchmal auch am Ende. Das Herrschaftsgebaren des Imperium Romanum war bestimmend. Für die Masse der normalen und einfachen Leute, für christlich gesinnte war es eine Zeit der Bedrängnis, voll Härte, Gewalt, voll täglicher Existenzsorgen und Unrecht.1

Der reale Hunger und Durst waren groß. Die Sehnsucht nach einem Ende dieser Zeit war da, mal mehr, mal weniger. Auch in den Christengemeinden. Bei manchen aber hatte die Zeit Gottes schon etwas begonnen. Da wo bereits galt: hier ist weder Mann noch Frau, weder Sklave noch Freier ist (vgl. Gal 3,28) und: Einer des andern Last trägt. (vgl. Gal 6,2) Wir sorgen uns umeinander. (vgl. 1. Kor 12,25f)

Paulus war Protagonist einer unumstößlichen Glaubensgewissheit, dass die Leiden der jetzigen Zeit nicht ins Gewicht fallen, wenn wir an die Herrlichkeit denken, die Gott bald sichtbar macht und an der er uns teilhaben lassen wird. (Rö 8,18) .Zugleich war er beseelt von einer bisweilen ungeduldig, rastlos, eifernden Sehnsucht, die das Ende des von so vielen real erlebten Unheils herbeihoffte.

In Paulus begegnen uns diesen beiden widersprüchliche Haltungen. Im Grunde leben wir alle als Christenmenschen in dieser Spannung, und damit in einem Dilemma.

Im 7ten Kapitel seines Briefes an die Freundesschar in der quirlig, elenden Hafenmetropole Korinth zeigt Paulus, dass er um die Lage der Leute dort weiß, um ihr ge- und bedrückt sein, wie um ihre erwartungsvolle Sehnsucht. Ich lese den Text nach der Genfer Neuen Übersetzung (GNÜ) 7,29-32:

Eins ist sicher, Geschwister: Es geht immer schneller dem Ende zu. Deshalb darf es in der Zeit, die uns noch bleibt, beim Verheirateten nicht die Ehe sein, die sein Leben bestimmt; beim Traurigen darf es nicht die Traurigkeit sein und beim Fröhlichen nicht die Freude. Wer etwas kauft, soll damit so umgehen, als würde es ihm nicht gehören, und wer von den Dingen dieser Welt Gebrauch macht, darf sich nicht von ihnen gefangen nehmen lassen. Denn die Welt in ihrer jetzigen Gestalt ist dem Untergang geweiht.  Ich möchte, dass ihr frei seid von ´unnötigen` Sorge

„in der Zeit, die uns noch bleibt, darf es beim Verheirateten nicht die Ehe sein, die sein Leben bestimmt“ Ein Satz, der für manche Ohren heraussticht und erst mal irritiert. Paulus spricht aber in diesem Zusammenhang noch von mehr: Vom Weinen, sich freuen, kaufen und die Welt gebrauchen. Er spricht ganz konkret die realen Sorgen, Themen, Fragen und Zwänge der Leute an, wie Jesus, wenn er in der Bergpredigt von der Sorge ums tägliche Brot, ums Trinken, und ums Kleiden spricht. (vgl. Matth 6,25)

Wie bekommt man die Dinge geregelt? Wie geht man emotional, seelisch und gedanklich mit diesen mehrfach bedrängenden Fragen um? Wie bleibt man seinem Selbstverständnis, seiner Überzeugung und seiner Haltung als Christenmensch treu, auch in ethischer Hinsicht. Bedrängt einerseits und zugleich überzeugt, dass eine neue Zeit nahe ist.

Eine Frage, die sich (nicht nur damals) stellte, wenn man davon umgeben war, was die antiken städtischen Shoppingmeilen so boten: Wohin man kommt, so beschreibt es ein römischer Autor, … da stehen Walker, Tuchsticker, Goldschmiede und Wollarbeiter, Händler mit Goldbordüren für Tunikas, Rot-, Violett- und Nussbaumfärber… Büstenhalter- und Korsettmacher und Gürtelmacher. Es scheint, als ob du es einfach mitnehmen kannst, als sei alles schon bezahlt. 2

In der Zeit, die noch bleibt, sah der unentwegte Apostel für sich selbst keine Zeit und keine Kraft für eine feste persönliche Bindung. Andere in seinem Team allerdings schon. In Korinth und anderen Orten konnten wiederum viele aus existentiellen Gründen gerade noch für ihr eigenes Überleben sorgen, jedoch nicht auch noch für eine Partnerin.

Paulus bewegte angesichts der spannungsvollen Dilemma-Situation offenkundig die Frage: Wovon lasse ich mich in meiner Haltung bestimmen, beherrschen, manipulieren? Woran binden wir uns? Woran orientieren wir uns? Was ist uns – Christenmenschen, als Kirche - wirklich wichtig? Wovon wollen und sollen wir als Christenmenschen frei sein, im Vertrauen auf Gottes neue Zeit und in die Gemeinschaft untereinander?

Wovon lassen wir uns leiten?

Die Diagnose hatte dem Mit-Fünfziger den Boden unter den Füßen weggezogen. Der chirurgische Eingriff war zwar eine Chance aber keine Garantie, dass dann alle Gefahren für immer gebannt wären. Dabei war er doch gerade in eine gute und aussichtsreiche Phase seines Schaffens und Wirkens gekommen. Die Diagnose setzte ihn seelisch und gedanklich schachmatt. Die Sorge um das Wohl der Familie hatte ihn ebenso im Griff. Wer ihn kannte, machte sich Sorgen, mit ihm und um ihn. Weißt du was, sagte er dann eines Tages: Ich weiß nicht wirklich wieviel Zeit ich tatsächlich noch haben werde. Das kann mir auch keiner sagen. Aber ich bin nicht bereit mich von dieser Ungewissheit und der Angst und den Sorgen gefangen nehmen und meine Motivation und Schaffenslust nehmen zu lassen. Soweit ich es kann möchte mich davon frei machen. Denn, sind wir doch ehrlich: Früher oder später beißen wir alle ins Gras.

Es ist eine Kunst, eine solche Haltung einzunehmen, einnehmen zu können. Mit einer bedrängenden Ungewissheit so umzugehen, dass sie einen nicht permanent beherrscht und lähmt. Sondern: Sehen, gestalten was möglich ist. Mehr noch: Schöpferische Schaffenskraft zur Entfaltung bringen, die auch die Mitwelt beglückt, aller Bedrängnis zum Trotz. Die Rahmenbedingungen gebrauchen, unbefangen, - in aller Freiheit und entspannten Gelassenheit – im Gottvertrauen.

Eine solche trotzig hoffnungsfrohe Lebenshaltung einnehmen zu können, erinnert daran, wie Gott, wie die Kraft Gottes in uns und durch uns zur Entfaltung kommen kann.

Könnte auch uns das befähigen in aller spannungsvollen Zerrissenheit in Balance zu kommen? Genügsamer zu leben und dies als etwas Schönes zu erleben, als befreiende Leichtigkeit? Achtsamkeit zu wahren für das, was über das materiell Begehrenswerte hinaus reicht und über dieses unerträgliche „me first“.

Paulus wirbt seiner eigenen unermüdlichen Umtriebigkeit zum Trotz für eine genügsame Glaubensgelassenheit, die befreit nach dem Willen Gottes das Leben entspannter, genügsamer zu gestalten.

Die Zeit drängt. Wir leben in bedrängenden Zeiten. Jetzt noch in der Zeit der Fülle und der Zeit der Maßlosigkeit, des zu viel – auch in der Kirche -. In einer Zeit, in der sich gleichzeitig der Planet und viele Menschen in höchst prekärer Lage befinden.

Und wir erahnen oder wissen es: Wir sind mitten drin, in einer Zeit des Übergangs. In einer Zeit angespannter Ungewissheit, in der du meinst, dass du alles einfach haben kannst und in einer Zeit, in der an vielen Orten Menschen vermeintlich einfache, entsetzlich einfache und menschenverachtende Lösungen anstreben und bereits umsetzen.

Füllen wir diese Zeit, als Christen, als Kirche. Lassen wir das Klagen, Beklagen und Jammern, übers eigene weniger werden, über die zu vielen Räume, die wir jetzt haben. Lassen wir hier in einem solchen ergreifenden Raum wie diesem hier Grundtöne der Schöpfung und des Willen Gottes erklingen. Der Liedtext lautet:

Wir gehen mit den Dingen so um, als würden sie nicht uns gehören, wir machen von den Dingen dieser Welt Gebrauch, aber lassen uns nicht von ihnen gefangen nehmen. Wir trachten nach dem Reich Gottes und seiner Gerechtigkeit (vgl. Mt 6,34)

Hören wir in einem Raum wie diesem auf die Resonanz, die ein solches Lied hier in Sindelfingern hervorbringt. Und lassen es immer wieder erklingen, in und vor der Kirche, im Stifts Hof und im Markus Zentrum, im kulturell-, musikalischen, wie im sozialen, pädagogischen und diakonischen Engagement, in und für Menschen in dieser Stadt.

Geben wir der Resonanz Raum und Zeit und unsere Aufmerksamkeit.3

Für die Kirche – und alle, die darin Verantwortung tragen – drängt die Zeit, sich von der Zeit der Fülle zu verabschieden, sich nicht länger von unnötigen Sorgenlasten um Besitzstände und vom Verwalten des Schrumpfens gefangen nehmen zu lassen.4

Die Botschaft von der Genügsamkeit klingt im Fortissimo aus der neuen Welt Gottes zu uns herüber. Öffnen wir auch unsere eigenen Resonanzräume für diese Botschaft. Öffnen wir uns als Christengemeinde. Damit die Kirche eine neue Gestalt annehme. Damit sie ihre Relevanz für die Menschen in dieser Welt und in dieser Stadt verstärke. 5

Amen

1 I Vgl. zur Auslegung des gesamten Abschnittes: L. Schrottroff, Der erste Brief an die Korinther, Stuttgart 2013, S. 136-141.

2 I Plautus, Aulularia III 5 (505-535), deutsche Übersetzung Ludwig 1973, 133, zit. In L. Schottroff, S. 140.

3 I Vgl zum Ganzen: Jörg Göpfert; Es reicht. Von der Last und Leichtigkeit der Suffizienz, S.178-189 in: Brigitte Bertelmann, Klaus Heidel (Hrsg.): Leben im Anthropozän. Christliche Perspektiven für eine Kultur der Nachhaltigkeit. München, 2018

4 I Vgl. zum Gedankengang: Anette Kick in: AuB, Zeitschrift für die Evangelische Landeskirche in Württemberg, S.21

5 I Göpfert, S.188