Zumutung mit offenem Ausgang – Predigt zu 1. Mose 4,1-16 von Christian Bogislav Burandt

Zumutung mit offenem Ausgang – Predigt zu 1. Mose 4,1-16 von Christian Bogislav Burandt

Liebe Gemeinde,

Geschichten erzählen ist menschlich. Von Anfang an haben sich die Menschen Geschichten erzählt; nicht nur nette und entspannende wie die vom jungen Mann, der sich in die schöne Prinzessin verliebt, sondern auch tiefsinnige und abgründige. Der jüdische Philosoph Martin Buber [im Vorwort zu „Die Erzählungen der Chassidim“] meint: "Das erzählende Wort ist mehr als Rede; es führt das, was geschehen ist, faktisch in die kommenden Geschlechter hinüber, ja das Erzählte ist selber Geschehen."1

Um so eine Geschichte geht es. Am Anfang steht die Geburt eines Kindes. Und die Mutter ruft begeistert: „Ich habe einen Mann gewonnen mit Hilfe des HERRN.“ Das verspricht eine gute Geschichte zu werden. Die Mutter ist fromm, sie ist Gott dankbar für die Geburt des Sohnes, und der verspricht ein richtiger Mann zu werden. Vielleicht gar ein Held? - Und dann hat die Mutter auch noch das Glück einen zweiten Sohn zur Welt zu bringen. Über ihn sagt sie allerdings nicht. Vielleicht war er sehr schmächtig, eher ein Hänfling. Sein Name „Abel“ könnte dafür sprechen, denn der bedeutet übersetzt „Hauch, Dunst, Nichts“.2

Von Abel werden im Folgenden keine Worte überliefert, er geht mit seinem Bruder aufs Feld und wird von Kain getötet. Nein, es ist keine gute Geschichte sondern eine erschütternde. Gott schaltet sich ein und verhängt über Kain einen Fluch und eine Strafe. Und er machte ein Zeichen an Kain, dass ihn niemand erschlüge, der ihn fände.

Die Geschichte von Kain und Abel, liebe Gemeinde, ist eine Zumutung. Eine Zumutung für ein schlicht positives Menschenbild, eine Zumutung für unser Selbstbewusstsein als gute Menschen und eine Zumutung für die Meinung, die Menschen würden immer besser und vollkommener; auch in Hinsicht auf ihr Verhalten. Immerhin verübt die Bluttat ja ausgerechnet der erste von Menschen gezeugte Mensch. Und dann ist im Laufe der Geschichte nur noch von dem Täter die Rede und von seinem Richter; nämlich von Gott. Als Hörer der Geschichte können wir im Zuge des Erzählens da nur neben Kain landen, wir sind schließlich nicht Gott der Schöpfer des Himmels und der Erde. Aber irgendwie in der Nähe von Kain zu landen, das ist doch nun wirklich eine Zumutung!

Immerhin sind wir nicht die ersten, die das so sehen. Es gibt eine kaum zu übersehene Literatur zu unserer Geschichte. Zahlreich sind die Versuche, mit der Zumutung der Geschichte von Kain und Abel zurechtzukommen. Da gibt es etwa Vorschläge von einem Historiker, einem Evolutionsbiologen und einem Kulturphilosophen.

Der Historiker sagt, Kain sei nur Opfer übler Nachrede. Die Israeliten hätten diese Geschichte erzählt, um sich das Verhalten ihrer südlichen Nachbarn zu erklären, der Keniter. Die seien als Nomaden ruhelos im Süden umhergezogen, was ja durch die wüstenähnlichen Verhältnisse auch gar nicht anders möglich gewesen sei. Die Israeliten hätten sich das als Auswirkung eines göttlichen Fluches vorgestellt und Nachbarn könne man ja oft sowieso nicht leiden.

Die Klarheit unseres Kreuzes und die Eindeutigkeit unseres Evangeliums, liebe Gemeinde, sie lassen mich auf Abstand von dem Vorschlag des Historikers gehen. Das ist doch ein durchsichtiger Versuch, auf billige Weise Abstand von der Geschichte zu bekommen und so ihrer Zumutung auszuweichen. Kein Vertun. Die Geschichte von Kain und Abel folgt unmittelbar auf die Paradiesgeschichte und gehört zur Urgeschichte der Menschheit – nicht zur Entstehungsgeschichte des Volkes Israel. Mit schlichten Mitteln der historischen Kritik ist der Geschichte nicht beizukommen!

Der Evolutionsbiologe sagt, die Geschichte von Kain und Abel sei im Zusammenhang der Entwicklung der Menschheitsgeschichte zu betrachten. Der Homo Sapiens hätte eben andere Varianten menschlichen Lebens überflügelt, an den Rand gedrängt oder ausgerottet. „Wir alle sind mit weit größerer Wahrscheinlichkeit Söhne und Töchter von Mördern als von Opfern. Wir sind eher Nachkommen Kains als Abels.“3 Auch die Schriftstellerin Christ Wolf meint, es sei schwer die Hypothese „zu widerlegen, daß der Mensch selbst, durch Kampf gegen seinesgleichen, durch Ausrottung unterlegener Gruppen, das wichtigste Werkzeug der Selektion war...“4

Ob diese Hypothese den neuesten Forschungen entspricht, weiß ich nicht; immerhin ist der Neandertaler in unserem biologischen Erbgut nachweisbar. Aber Tatsache ist doch: Eine Gewalttat im Nachhinein zu feiern, die Brutalität des Tatsächlichen zu preisen, das wäre Verrat an dem, der uns vom barmherzigen Samariter erzählt! Christlich wäre eine solche Flucht in die Biologie nicht!

Der Kulturphilosoph blickt nach vorne: „Kain ist der erste moderne Mensch. Er lehnt sich gegen die willkürliche Verteilung von Lebenschancen auf.“5 Er weist voraus auf das Freiheitsbewusstsein der französischen Revolution. Und er ist ja in der Folgezeit durch seine Rebellion auch konstruktiv geworden! Kain wurde, wie anschließend im 1. Buch Mose erzählt wird, zum Städtebauer. Er wurde zum Ahnherr der Schmiede und der Musiker, somit mit seiner Lebensleistung unverzichtbar für uns heute! 

In die Richtung geht auch der Schriftsteller Herrmann Hesse, wenn er meint dass Kain aufgefasst werden könne, „als ein ins Gegenteil entstellter Prometheus, als ein für seinen Vorwitz und seine Kühnheit durch Ächtung bestrafter Vertreter des Geistes und der Freiheit“6.

Tja. Auch das mag ja sein. Aber wegweisende Leistungen machen vorherige Verbrechen nicht ungeschehen! Im Falle von Kain und Abel, das müssen wir doch in aller Härte festhalten, in diesem Fall handelt es sich um glatten Mord und nicht um fahrlässige Tötung oder gar Totschlag im Affekt! Ganz fürsorglich hatte Gott vorher zu Kain geredet: Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie. Und was macht Kain? Er nimmt seinen Bruder Abel mit raus aufs Feld. Das ist vorsätzlicher Mord!

Die Verteidiger von Kain beklagen zwar das Unrecht, dass Gott sein Opfer nicht gnädig angesehen habe wie das von Abel. Eine Dichterin etwa legt Kain folgende Verse in den Mund: „Sieh wie meines Bruders Gärten blühen, und der meine liegt wie toter Stein. Soll ich wieder ohne Ernte sein nach des langen Jahres harten Mühen?“7 Aber mit Verlaub: Das ist dichterische Phantasie. Im biblischen Text ist von der Erstgeburt des Kain und dem Jubel seiner Mutter Eva über ihn deutlich die Rede, wohingegen über Abel geschwiegen wird!

Ich bin zwar kein Jurist, fürchte aber, dass die irdische Justiz gegenüber Kain die Höchststrafe verhängen würde. Denn es sind weit und breit keine mildernden Umstände zu entdecken. Selbst die Klage des Kain gegenüber Gott Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte bezeugt Angst vor der Strafe und nicht Reue über die Bluttat, die er begangen hat! Und in wie vielen Ländern dieser Erde würde das leider die Todesstrafe bedeuten!

Gottseidank verhält Gott sich nicht so. Er handelt nicht nach den Maßstäben der menschlichen Justiz. Und so bekommt die Geschichte von Kain und Abel zwar kein gutes Ende, aber doch zumindest einen offenen Ausgang: Kain bekommt von Gott trotz der Bestrafung noch eine Chance. Und wie wir weiter aus dem 1. Buch Mose erfahren hat Kain ja auch tatsächlich diese Chance genutzt.

Und wir? Ich schlage vor: Wir weichen der Zumutung dieser Geschichte nicht aus. Wir nehmen sie als Ursage ernst. Und das heißt: Die Sünde, wie die Bibel sie beschreibt, ist lebensgefährlich! Und sie hat nach uns Verlangen wie ein hungriges Raubtier. Neid und Begehren sind in höchstem Maße bedrohlich für das menschliche Zusammenleben. Und wie wir im reichen Deutschland auf Kosten anderer Länder und auf Kosten anderen Lebens leben, das ist keine Bagatelle! Mord verjährt nicht, auch nicht der von Deutschen verübte Völkermord an den Juden. „Unsere Verantwortung endet nie“, sagte im Blick darauf zurecht gerade ein deutscher Politiker [Heiko Maas].

Kain ist unsere Herkunft und eine bleibende gefährliche Möglichkeit, erzählt die Geschichte. Aber Kain muss nicht unsere Zukunft sein! Denn wir glauben an einen Gott, der Sünde und Schuld vergibt! Das Kainszeichen für uns Christen ist das Kreuz. Denn Jesus Christus hat den Fluch, hat Sünde und Schuld von uns auf sich genommen! Das Kreuz ist für uns das Zeichen der Erlösung. Und das schenkt uns Kraft, es immer wieder neu mit der Liebe zu Gott und zum Nächsten zu versuchen, ohne die Geschichte von Kain und Abel zu vergessen.

„Kindern erzählt man Geschichten zum Einschlafen - Erwachsenen, damit sie aufwachen.“8

Und der Friede Gottes, der höher ist als all unsre Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus unserem Herrn.

AMEN

 

2 I Rudolf Smend, Altes Testament christlich gepredigt, Göttingen 2000, S.14.

3 I Gerd Theißen, Die offene Tür. Biblische Variationen zu Predigttexten, München 1990, S.13; Gerd Theißen verdanke ich die Grundidee der vorliegenden Predigt.

4 I Herbert Vincon, Spuren des Wortes. Biblische Stoffe in der Literatur. Materialien für Predigt, Religionsunterricht und Erwachsenenbildung, Bd. 3 Altes Testament, Stuttgart 1990, S.207/208.

5 I s. Theißen a.a.O. S.14.

6 I s. Vincon, a.a.O. S.195.

7 I s. Ingeborg von Gustedts Gedicht ‚Kain’ bei Vincon, a.a.O. S.202.