„Hilf dir selbst?“ – Predigt zu Lukas 23,33-49 von Tom Mindemann

Lk 23,33-49

Und als sie kamen an die Stätte, die da heißt Schädelstätte, kreuzigten sie ihn dort und die Übeltäter mit ihm, einen zur Rechten und einen zur Linken. Jesus aber sprach: Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun! Und sie verteilten seine Kleider und warfen das Los darum. Und das Volk stand da und sah zu. Aber die Oberen spotteten und sprachen: Er hat andern geholfen; er helfe sich selber, ist er der Christus, der Auserwählte Gottes. Es verspotteten ihn auch die Soldaten, traten herzu und brachten ihm Essig und sprachen: Bist du der Juden König, so hilf dir selber! Es war aber über ihm auch eine Aufschrift: Dies ist der Juden König. Aber einer der Übeltäter, die am Kreuz hingen, lästerte ihn und sprach: Bist du nicht der Christus? Hilf dir selbst und uns! Da antwortete der andere, wies ihn zurecht und sprach: Fürchtest du nicht einmal Gott, der du doch in gleicher Verdammnis bist? Wir sind es zwar mit Recht, denn wir empfangen, was unsre Taten verdienen; dieser aber hat nichts Unrechtes getan. Und er sprach: Jesus, gedenke an mich, wenn du in dein Reich kommst! Und Jesus sprach zu ihm: Wahrlich, ich sage dir: Heute wirst du mit mir im Paradies sein. Und es war schon um die sechste Stunde, und es kam eine Finsternis über das ganze Land bis zur neunten Stunde, und die Sonne verlor ihren Schein, und der Vorhang des Tempels riss mitten entzwei. Und Jesus rief laut: Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände! Und als er das gesagt hatte, verschied er. Als aber der Hauptmann sah, was da geschah, pries er Gott und sprach: Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen! Und als alles Volk, das dabei war und zuschaute, sah, was da geschah, schlugen sie sich an ihre Brust und kehrten wieder um. Es standen aber alle seine Bekannten von ferne, auch die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren, und sahen das alles.

 

Jesus – eine Trauerrede

Liebe Gemeinde,
an diesem Freitag ist Jesus von Nazareth im Alter von etwa 30 Jahren durch den Tod aus unserer Mitte genommen worden.
Mit ihm verloren wir einen Bruder und Freund, einen Lehrer, ein Idol. An ihm konnte man ablesen, wie es ginge: Mensch zu sein und Ebenbild Gottes.

Schon immer im Leben hat sich Jesus zuallererst für die anderen und ihr Heil interessiert und engagiert. Der Ehrentitel „Heiland, Christus“ ist ihm gewissermaßen schon in die Wiege gelegt worden.
Gerne erinnern wir uns alle Jahre wieder an die wundersamen Umstände seiner Geburt. Damals waren es Hirten, die als erstes davon erfuhren. „Dieses Kind muss jemand ganz Besonderes sein.“
Schon früh fühlte er sich in besonderer Weise Gott verbunden, den er liebevoll „Vater“ nannte.

Seine Jugend verbrachte Jesus größtenteils in Nazareth, bevor er in Kapernaum und verschiedenen anderen Städten Galiläas lebte und wirkte. Zuletzt hatte er eine Reise durch Samarien bis nach Jerusalem unternommen. Inzwischen durch seine Reden und seine Heilungen zu einer Berühmtheit geworden, bereitete man ihm in Jerusalem einen großartigen Empfang. Schaulustige säumten die Straßen und begrüßten ihn, winkend mit Palmwedeln, und rufend: „Hosianna! Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herren!“

Unvergessen bleibt sein Gebet, in dem er Gott für uns alle als „Unser Vater“ anspricht.
Unvergessen auch seine Worte über Brot und Wein als „Mein Leib, mein Blut“, die bis heute mit seiner Nähe verbunden sind und über die sich bis heute dennoch die Geister scheiden.

Wer außer Jesus selbst hätte vorhersehen können, dass sich das Schicksal so schnell wenden würde?
Wer außer Jesus selbst hätte, hätte das Schicksal wenden können, dass doch so vorhersehbar war?
Zuletzt ging alles ganz schnell. Jesus brachte mit einer fragwürdigen Aktion im Tempel die Oberen in Politik und Religion gegen sich auf. Er wurde in einer nächtlichen Polizeiaktion verhaftet. Und in dem kurzen Prozess, den man ihm machte, schwand sein Rückhalt im Volk so schnell, wie er vorher groß gewesen ist.

Jesus wurde hingerichtet als Verbrecher unter Verbrechern. Die letzten Stunden müssen ein Martyrium gewesen sein. Die bei ihm waren, zumindest aus der Ferne, berichten von Hohn und Spott und körperlichen Qualen.
Nichts Tröstendes gibt es da noch über ihn zu sagen.
Es starb nicht schnell, nicht schmerzlos. Er ist nicht „eingeschlafen“, wie man sagt. Nicht in den Armen seiner Mutter. Nicht zu Hause. Nicht alt und lebenssatt. Nicht in Frieden.

Tröstend aber, was er sagte: Noch am Kreuz hat er für seine Peiniger gebetet, dass Gott ihnen vergeben möge.
Auch angesichts des Todes hat er einem seiner Mitverurteilten den Blick auf das Paradies geöffnet.
Gegen fünfzehn Uhr ist Jesus verstorben, mit den Worten aus dem alten Abendgebet von Psalm 31, Vers sechs auf den Lippen: Ich befehle meinen Geist in deine Hände.

Er wird uns immer in Erinnerung bleiben, mehr noch als mit den Worten des Hauptmanns auf Golgatha: Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen.(Lk 23,47)

 

Hilf dir selbst!

Trauerreden greifen zu kurz, wenn sie nur von Trauer reden, wenn ihnen die Perspektive fehlt.
Was bleibt vom Leben, wenn Sterben als Scheitern gilt und der Tod als Ende?

Dann bleibt nur:
Hilf dir selbst.
Steig herab vom Kreuz.
Steh auf vom Boden.
Nimm dein Leben in die Hand.
Sei deines Glückes Schmied.
Zeig Fleiß in der Schule und Opferbereitschaft bei der Arbeitssuche.
Quäl dich beim Sport für deine Gesundheit und dein Wohlbefinden.
Manage deine Zeit, um alle Erwartungen erfüllen zu können in Beruf und Familie.
Und mach eine gute Figur dabei.
Übe dich in Gelassenheit, wenn doch einmal die Kräfte schwinden.
Trag es mit Fassung und Würde, und fall dabei keinem zur Last.

Hilf dir selbst!
Das ist das Credo der Starken.
Das ist der Spott von oben, gegenüber denen die nicht stark sind.
Dreimal haben sie Jesus so verspottet, der am Kreuz hing, und dem nicht mehr zu helfen war.

Hilf dir selbst!
Das ist aber vielleicht auch der verzweifelte Ruf derer, die auf Wunder bauen, weil sie glauben, dann richtig glauben zu können.
Vielleicht hätte Judas gerne so gerufen, damit Jesus im Garten Gethsemane den Soldaten endlich zeigen würde, wer hier der Herr ist.
Vielleicht hätte Petrus so gerufen, wenn er sich getraut hätte, als der Hahn krähte.
Vielleicht formten auch die Bekannten Jesu und die Frauen, die ihm aus Galiläa nachgefolgt waren bis Golgatha, lautlos mit ihren Lippen: „Hilf dir selbst“, in der Hoffnung, dass sie keiner bemerkte.

 

Was wäre wenn?

Angenommen, Jesus hätte sich selbst gerettet.
Angenommen, er hätte die Fesseln zerrissen – bei Lukas steht nichts von Nägeln.
Angenommen, er wäre vom Kreuz gestiegen.
Nicht in Finsternis, sondern mit Blitz und Donner beispielsweise, und großem Ungewitter.
Und er hätte sie besiegt, die ihm ans Leben wollten oder auch einfach nur ratlos und hilflos und heillos zurückgelassen.

Was wäre denn dann? Was wäre denn dann gewonnen?
Dann würde doch, wer an ihn glaubt, glauben, er könne sich selbst retten, wenn er nur fest genug glaubte, wenn er nur fest genug an den Fesseln zerrte, wenn er nur fest genug am Kreuz rüttelte.

Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? (Mt 16,26)
Wenn Jesus vom Kreuz gestiegen wäre, dann hätte er uns mit dem Kreuz zurückgelassen.
Hilf dir selbst?

 

Jesus – mit

Der Engel sprach: Fürchtet euch nicht! Ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird. (Lk 2,10)
Den Heiland, Christus, den Herrn in der Stadt Davids.
Und er machte in die Windeln.
Johannes taufte mit Wasser. Aber der nach ihm kam, war stärker als er und er schien es nicht wert, IHM die Schuhe zu tragen. ER würde mit dem Heiligen Geist und mit Feuer taufen. Und doch sagte er zu Johannes: „Lass es jetzt geschehen“.
Jesus sagte: Das ist mein Leib. Das ist mein Blut. Nehmt hin und esst. Und er tauchte selber seinen Bissen mit ihnen in die Schüssel.
Er hing am Kreuz und starb seit Stunden und betete die alten Worte: Ich befehle meinen Geist in deine Hände. (Lk 23,46)

 

Gestorben für

Hilf dir selbst?
Die Oberen und die anderen Spötter begriffen nicht: Für Jesus ging es nicht darum, sich selbst zu retten.
Auch für alle anderen war es schwer, das zu sehen, das anzusehen, das einzusehen.
Und doch: Ist es für die Soldaten nicht sogar ein Geschenk des Himmels gewesen, gerade den Richtigen, weil den Falschen, hingerichtet zu haben? Wer sonst hätte für sie gebetet? Vergib Ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. (Lk 23,34)

Kann nicht auch der Tod den Blick auf das Leben eröffnen? Und Gott im Sterben erkennbar werden?
Der römische Hauptmann pries Gott. Er erkannte Gottes Willen in Jesu Worten und Taten, in seinem Handeln und seiner Haltung, in seinem Leben und Sterben: Fürwahr, dieser Mensch ist ein Gerechter gewesen! (Lk 23,47)

Kann nicht sogar ein „zu Spät“ für Gott zur richtigen Zeit kommen?
Die, die riefen: „Kreuzige, kreuzige ihn!“, kamen mit, um das Spektakel zu sehen. Und sie wurden gewahr, was geschah und verstummten, als andere spotteten. Sie schlugen sich an ihre Brust, als er starb. Gott, sei uns
ündern gnädig.
Jesu Tod hat ihnen den Weg zur Umkehr frei gemacht.

 

Gestorben und…

Jesus ist gestorben.
Niemand kann sich selber retten.
Jeder Mensch – jede Frau und jeder Mann und auch ich –ist auf Hilfe und Rettung und Heil angewiesen. Das ist die Botschaft von Karfreitag.
Niemand muss sich selber retten.
Jeder Mensch – jede Frau und jeder Mann – und auch ich.
Denn es kommt Hilfe und Rettung und Heil. Das ist die Botschaft Übermorgen.
Und so greifen Trauerreden vielleicht doch nicht zu kurz.
Erzählungen von Trost im Leben und im Sterben.
Erzählungen, die Tod und Auferstehung nicht in einem Atemzug nennen. Weil nun mal die Welt den Atem anhält, wenn einer stirbt.
Erzählungen die aber den Blick wagen, durch Risse im Vorhang, durch Wolkendecken und ins Paradies.
Die offen bleiben dafür, dass der Himmel sich öffnet und eine Stimme spricht.

So sehr hat Gott die Welt geliebt.
Gott rettet uns nicht vorbei an Leben und Tod.
Er liebt uns. Und weder Tod noch Leben, weder Engel noch Mächte noch Gewalten, weder Gegenwärtiges noch Zukünftiges, weder Hohes noch Tiefes noch eine andere Kreatur kann uns scheiden. (Röm 8,38f)
Das ist unser Trost.
Amen.