Leider ist mein Kämmerlein immer ein bisschen unordentlich. Predigt über Mt 6, 5-15 von Juliane Rumpel
6,1-15

… wenn ihr betet, sollt ihr nicht sein wie die Heuchler, die gern in den Synagogen und an den Straßenecken stehen und beten, damit sie von den Leuten gesehen werden. Wahrlich, ich sage euch: Sie haben ihren Lohn schon gehabt. Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten. Und wenn ihr betet, sollt ihr nicht viel plappern wie die Heiden; denn sie meinen, sie werden erhört, wenn sie viele Worte machen. Darum sollt ihr ihnen nicht gleichen. Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Darum sollt ihr so beten:

Unser Vater im Himmel! Dein Name werde geheiligt. Dein Reich komme.

Dein Wille geschehe wie im Himmel so auf Erden.

Unser tägliches Brot gib uns heute.

Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unsern Schuldigern.

Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen.

Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.

Denn wenn ihr den Menschen ihre Verfehlungen vergebt, so wird euch euer himmlischer Vater auch vergeben. Wenn ihr aber den Menschen nicht vergebt, so wird euch euer Vater eure Verfehlungen auch nicht vergeben.

 

„Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu.“

Leider ist mein Kämmerlein immer ein bisschen unordentlich. Manchmal wünsch ich mir, ich könnte mein Kämmerlein besser in Ordnung halten. Ich kenne Menschen, die schaffen das. Die haben für alles einen aufgeräumten Platz. Ich bewundere das. Wirklich.

Wenn es bei Ihnen so aussieht, behalten Sie es bei! Da gibt es nichts daran zu kritisieren.

 

Ich weiß auch, dass manche so ein aufgeräumtes Gebetsleben haben. Die Stille-Zeit hat bei ihnen ihren festen Platz. Sie hat einen ordentlichen Ablauf. Beten. Einen Text aus der Bibel lesen. Darüber nachdenken. Beten. So einfach ist das. Und doch so schwer.

 

Immer wieder hab ich probiert, es auch so zu machen: Da hab ich, als die Glocken um 18 Uhr läuteten, eine Kerze angezündet. Ich hab gebetet und an andere gedacht. Das war gut. Das tat auch gut.

Und trotzdem ist mir wieder Unordnung reingekommen. Ich hab die Zeit vergessen. Das Herz war zu voll mit andern Dingen … und dann war das Glockenläuten schon wieder rum, bevor ich die Kerze gefunden hatte.

 

„Wenn du aber betest, so geh in dein Kämmerlein und schließ die Tür zu und bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist.“

Ich krieg das nicht so gut hin mit dem Kämmerlein bei mir zuhause. Aber ich habe andere Orte gefunden, wo ich gut beten kann. Kämmerlein in meinem Alltag. Wenn ich auf dem Fahrrad sitze und in die Gemeinde fahre, dann bete ich: „Gott, gib mir einen klaren Kopf und ein offenes Herz für das, was mich erwartet.“ Und auf der Heimfahrt: „Gott, danke für die Begegnung mit Frau Soundso. Beschütze und stärke sie!“

 

Ein anderes Kämmerlein finde ich, wenn ich im Garten bin. Dann danke ich Gott für meine Füße, die mich tragen, und für alles, was wächst. Und ich bitte ihn, um Regen für die Natur. Und ich lobe ihn, für die Buntheit, die ich sehen darf. Und ich klage ihm auch, dass wir Menschenkinder oft so sorglos umgehen mit allem, was er geschaffen hat.

Und noch ein Alltags-Kämmerlein sind Spaziergänge: Wenn ich durch unsere Orte laufe, bitte ich Gott für die Menschen, die hinter den Fenstern sind. Und ich danke ihm für sichtbare und manchmal unsichtbare Gemeinschaft. Ich lobe ihn, für die menschliche Buntheit, die ich sehen darf und ich klage ihm auch all die Unmenschlichkeit, die hinter sich hinter Haustüren verbergen kann.

 

Und ich bin Jesus so dankbar für seine klare Ansage, dass wir nicht viele Worte machen brauchen.

„Denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.“

 

Nun könnten Menschen, die sich nicht jeden Tag mit dem Beten befassen - oder auch gerade diese - mich noch vielerlei fragen: Immer wieder beliebt, die Frage nach dem Erhören meines Gebetes. Ob Gott inzwischen taub sei oder vielleicht auch müde, ob der immer gleichen Gebete, die er hört, seitdem er uns schuf. So oder so ähnlich lauten mögliche Fragen, die zugleich Antworten sein wollen. Neulich sagte ich einem, der am Erhören seiner Gebete zweifelte, ein wenig spitzfindig: Wer weiß, wie es wäre, würden wir nicht beten?! Das ließ ihn lachen und er meinte, dass er das so noch nie gesehen hätte, das sei schon ein kleiner Trost.

 

Bei Konfis hör ich auch immer mal die Formulierung „Gott, ich wünsch mir, dass …“ und dann reden wir darüber, ob Gott so was ist wie der Weihnachtsmann. Und wir kommen zu dem Schluss, dass er natürlich kein Wünsche-Erfüller ist. Und dass es sicher nicht an Gott liegt, wenn es doch nur die 4 in Mathe wurde … Und auch, dass die Kriege im Nahen Osten und in der Ukraine und im Sudan noch immer nicht beendet sind, dass auch dies nicht an überhörten Gebeten liegt.

 

Aber warum dann Beten, wenn die Ohren Gottes verschlossen oder zu klein zu sein scheinen? So viel Gebet rund um den Globus und das 24/7… also rund um den Globus und rund um die Uhr. Schafft offensichtlich nicht mal der Allmächtige, obgleich „…denn euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet.“ Wäre noch ein Grund, das Beten einfach sein zu lassen.

 

Und dann fällt mir meine Großmutter ein, die sagte: „Ich bete und hoffe, dass Gott mich hört, mit meinem Dank und meinem Lob, mit meinen Klagen und meinen Bitten. Aber die erste, die mich hört, ist nicht Gott, sondern das bin ich selbst. Und mir wird das Herz leichter, wenn ich bete. Mein Herz wird leichter und meine Seele auch. Und ich selbst erinnere mich an so manches, was mich froh stimmte und auch an so manche Baustelle in meinem Leben. Und wenn ich mich erinnere, tu ich (auch) wieder was.“ 

 

Meine Oma. Sie war eine großartige Großmutter in vielerlei Hinsicht und: Sie war eine weise Frau. Jahrgang 1915. Sie hat in ihrem Leben viel erlebt und in der Welt in der sie aufwuchs nicht nur Frieden kennen gelernt. Sie hat erfahren, dass Menschen manchmal nicht mehr (aber auch nicht weniger tun) können, als beten. Dass Gebet aber oft genug auch dran erinnert, was ich tun kann, wozu mich Gott schuf und wo meine Gaben liegen. Das lehrte mich meine Oma. Und sie lernte mich auch meinen Glauben. Und mit diesen Glaubensaugen des Herzens lese ich den Text noch einmal anders:

 

„…euer Vater weiß, was ihr bedürft, bevor ihr ihn bittet. Bete zu deinem Vater, der im Verborgenen ist; und dein Vater, der in das Verborgene sieht, wird dir's vergelten.“

 

Daran glaube ich:

Gott sieht in das Verborgene. Er sieht all das, was meine Augen nicht sehen. Er sieht in die Kämmerlein, in denen wir Menschen manchmal viel Zeit verbringen. Er sieht in die Gärten, auf die Spazierwege, in die Häuser. Aufgeräumte Wohnzimmer, ungemachte Betten, liegengebliebenes Spielzeug… nichts davon bleibt Gott verborgen.

Er sieht unsere Herzenskämmerlein. Gott sieht die Falten in unseren Gesichtern, weiß, ob es Lachfalten sind oder Sorgenfalten.

Gott sieht in das Verborgene. Er findet unsere Liebe, die überdeckt ist von all dem, was sich immer wieder in uns ansammelt. Von der Staubschicht der Enttäuschungen. Gott sieht unsere Liebe, und er wird sie uns vergelten.

 

Gott weiß, was wir brauchen. Deshalb gibt er uns jeden Tag Kämmerlein, in denen wir beten können, mit wenigen Worten.

Und weil Gott weiß, dass wir manchmal nicht einmal die finden, hat er uns ein Gebet gegeben. Worte, einfach und klar.

Egal, wie es gerade bei Ihnen und in Ihnen aussieht, was da unaufgeräumt rumliegt. Wir werden diese Worte nachher gemeinsam beten. Und unser Vater, der ins Verborgene sieht, wird’s uns vergelten.      Amen.

Vier Fragen zur Predigtvorbereitung an Juliane Rumpel

1.         Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?

Beten als Kern unseres Glaubens. Aber wer praktiziert es schon noch? Die einen sind zu perfektionistisch, die andern zu beschäftigt und wieder andere glauben nicht daran, dass da wer ist, der die Gebete hört. Beten ist ein bisschen wie Abwaschen: Eine verloren gegangene Kulturtechnik, für die man sich Zeit nehmen muss. 

2.         Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?

… eine verloren gegangene Kulturtechnik: Beten geht überall. Kämmerlein hat man nicht nur daheim. Diese Erkenntnis, Kämmerlein im Alltag zu suchen, hat mich beflügelt und meine Oma taucht immer mal wieder in meinen homiletischen Überlegungen auf (obgleich es ihr furchtbar peinlich wäre, würde sie noch leben, da sie so bescheiden war). Wenn Menschen wieder mehr Mut zum Beten hätten, das wäre toll!

3.         Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten? 

… dass es Menschen gibt, die „ordentliche“ Kämmerlein und ein „ordentliches“ Gebetsleben haben. Und dass jene, die das nicht haben, deshalb nicht weniger intensiv beten. Gebetsleben und überhaupt Gebet kann soooo verschieden sein. Noch einmal: Mehr Mut zum Beten! Und diesen Mut zu stärken, vielleicht wird das in Zukunft eine Hauptaufgabe der Hauptamtlichen!

4.         Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung? 

Hinweise auf Schwerpunktsetzung, im Blick auf die Nicht-Erhörung von Gebeten. 

Perikope
10.05.2026
6,1-15