Mit dem Unberechenbaren rechnen! Predigt über Apg 2, 1-21 von Uwe Habenicht
2,1-21

In der Predigt wird der Predigttext, der ja zugleich Evangelium des Sonntags ist, nicht nochmals gelesen. Wer mag, könnte einige Passagen aus Apg 2 in die Predigt noch einfügen.

 

Wir trafen uns zufällig im Bus. Lange hatten wir uns nicht gesehen und die Freude über das zufällige Wiedersehen war groß. Ich hatte ihn immer gemocht, obwohl wir gar nicht so viel miteinander zu tun gehabt hatten. Ein paar kurze Worte hatten wir in der Regel gewechselt mehr nicht. Doch waren diese Momente immer schön und irgendwie auch intensiv gewesen. Nun stand er vor mir und strahlte. Ich schaute ihn an und wusste, irgendetwas ist anders als sonst. Wie geht es dir, fragte ich ihn? Sein Strahlen wurde noch heller, intensive und schien seinen ganzen Körper zu erfassen, der sich noch ein wenig mehr aufrichtete. Ich habe mich verliebt, sagte er schließlich. Ich schaute ihn an. Nun konnte ich auch nicht anders und musste lächeln und strahlen wie er. Wirklich? fragte ich und er antwortete so überzeugt wie prompt: Ja, wirklich.

Da standen wir nun beide eingezwängt im Bus, strahlten und lächelten um die Wette. 

Ich schaute ihn wieder an und überlegte, wie alt er sein mochte. Vielleicht kurz über die 80. Wir sehen uns, sagte er noch kurz, als er ausstieg. 

 

Liebe Gemeinde,

womit dürfen wir rechnen?

Das ist eine Frage, die wir stellen, wenn wir etwas in Auftrag geben und mit Handwerkern verhandeln? Mit welchen Kosten dürfen oder ehrlicher gesagt: müssen wir rechnen? Wenn wir nach dem fragen, womit wir rechnen dürfen, geht es um all die Lebensbereiche, die berechenbar und kalkulierbar sind: Aufträge, Verträge, Anschaffungen, Reparaturen, Abrechnungen, Kalkulationen und so weiter und so weiter. 

Womit dürfen wir rechnen beschreibt aber auch die Alltagslogik, mit der wir uns sonst durchs Leben bewegen. In der Regel wissen wir, womit wir zu rechnen haben, wenn wir mit Arbeitskolleginnen und Nachbarn, mit Freundinnen und Bekannten zu tun haben. Wenn Sie heute morgen hier in den Gottesdienst gekommen sind, dann rechnen Sie damit, dass die Pfarrerin eine anständige Predigt hält und der Organist gut vorbereitet an der Orgel sitzt. Das Berechenbare ist das Wahrscheinliche, Erwartbare und Übliche. Und meist bewegen wir uns darin sicher, gut, überraschungsfrei.

Und dann liebe Gemeinde gibt es das pfingstliche Rauschen dessen, womit niemand gerechnet hat. Am wenigsten wir selbst. Dann werden wir erfasst und mitgerissen und können es kaum glauben, dass es so etwas gibt. Der 80jährige Witwer verliebt sich in seine 83jährige Nachbarin, die seit 40 Jahren neben ihm wohnt. Pfingstliches Rauschen. Da entstehen wie aus dem Nichts auf einmal auf überraschende und eigentlich undenkbare Art und Weise neue Sichtweisen Da werden auf einmal neue Verbindungen geknüpft, von denen wir nie gedacht hätten, dass sie möglich sind. Da sind wir auf einmal im intensiven Gespräch mit dem Nachbarn, der uns jahrelang kaum gegrüßt hat.

Dass sich etwas wenden kann, das wir längst aufgeben haben. Dass eine abgestorbene und ausgetrocknete Beziehung zu neuem Leben erwacht; dass die Sprachlosigkeit zwischen Arbeitskolleginnen auf einmal endet. Worte und Gesten wieder voller Lebendigkeit und Zuwendung nur so hin und her fliegen. Das, liebe Gemeinde, feiern wir an Pfingsten.

Es ist dieses Rauschen, das uns mitreißt, ohne dass wir wissen, wie uns geschieht, ohne dass wir auch nur den Hauch einer Chance hätten, uns dagegen zu wehren.

 

Die Pfingstgeschichte, die wir vorhin in der Lesung gehört haben, ist ein Versuch, diese Erfahrung des Ergriffenwerdens in Bilder zu fassen. Der Evangelist Lukas ist der einzige, der diesen Versuch unternimmt. Irgendwie bin ich ihm dankbar, dass er wenigstens versucht hat, zusammen zu bringen, war gar nicht zusammen passt: Brausen vom Himmel und gewaltiger Sturm bei geschlossenen Fenstern und Türen, Feuer wie Feuerzungen. Wie sollten sich solche inneren Vorgänge und Erfahrungen des Ergriffenwerdens auch in Bilder und Worte fassen lassen? Und dennoch hilft uns der hilflose Versuch des Lukas, das Unbeschreibliche zu beschreiben, dabei, unsere eigenen Erfahrungen solchen Ergriffenseins in Worte zu fassen. Auch wenn alle Worte so ungenügend und unpassend mögen. Wir können gar nicht anders, als unseren Erfahrungen in immer neuen Anläufen nachzugehen und immer wieder nach neuen Worten und Beschreibungen zu suchen.

 

Wir feiern Pfingsten und erwarten nicht, dass, genauso wie damals, Dasselbe hier und heute geschieht. Ich erwarte von Euch heute nicht, dass ihr plötzlich aufspringt, auf die Straße rennt und allen von Eurem Glauben in Eurer Muttersprache erzählt.

Wir feiern heute Pfingsten nicht als Kopie und Nachahmung von damals. Es gibt Bewegungen und Kirchen, die die damaligen Erfahrungen einfach wiederholen wollen und meinen, es würde ausreichen, das Gleiche nochmals zu erleben.

Nein, wir feiern Pfingsten nicht als Wiederholung von damals und schon gar nicht als fromme Erinnerung an frühere Zeiten, in denen alles besser war. 

 

Wir hören die Pfingstgeschichte vielmehr als ein Hinweis darauf, was Gott möglich ist. Damals und heute. Unser Alltagsbewusstsein, unsere Alltagslogik des Berechenbaren und Erwartbaren verschließt uns die Türen und Fenster, die zu Pfingsten aufgerissen und geöffnet werden, damit Bewegung und Energie ins Leblose kommt. Wir richten uns ein in unserem Leben und erwarten viel zu oft nichts mehr. Wir sehen den Lauf der Welt und die Logik der Mächtigen und wissen schon, wie es ausgehen wird. Doch die Beschreibungen des Lukas sagen: Wer weiß schon, welches Fenster und welche Tür sich Gottes schöpferischen Geist noch öffnen werden?

 

Sie sitzt vor mir und ist verzweifelt. Die Lage ist verfahren. Eine Stunde lang hat sie mir von dem erzählt, was alles bei ihr daheim schiefläuft. Sie nicht weiß, wie es weitergehen soll. Die Verzweiflung und die Müdigkeit sind ihr anzusehen. Und mir ehrlich gesagt auch. Weil auch ich nicht weiß, welchen Weg sie wählen könnte, schweige ich mit ihr. Und eine ganze Weile sitzen wir schweigend am Tisch und schauen auf die Steine, die sie symbolisch gelegt hat: Für ihren Mann, die Kinder, die Arbeit, die Müdigkeit, die Überforderung, die anderen in der Familie.

Ich frage mich gerade, was wir beide mit unserer Ratlosigkeit jetzt tun sollen, da kommt Bewegung in ihr Gesicht, der Ansatz eines Lächelns. Sie nimmt einen der Steine und sucht für ihn einen neuen Ort. So könnte ich es mir vorstellen, sagt sie leise.

 

Liebe Gemeinde, 

wir wären heute nicht hier,

wenn die Geschichte von Gottes schöpferischem Geist bloß eine alte längst vergangene Geschichte wäre. 

Und ? Bist du nicht hier, weil du die Tür und das Fenster für neue ergreifende, gemeinschafts- und beziehungsstiftende Erfahrungen offenlassen möchtest. Wir wissen ja nicht, wann und wie Gott in das Abgestorbene und Vertrocknete unseres Lebens hineinfahren will und was dann geschehen wird. Aber es nicht auszuschließen, dass Gottes Lebensenergie uns immer wieder ergreifen kann, dass Lebenslust und Lebensenergie uns raus ins Leben treibt, das wäre ja schon mal was: Dass wir immer wieder damit rechnen dürfen, dass Gottes Geist, dass das Brausen vom Himmel, dass das Feuer wie Zungen neue Lebendigkeit versprüht. 

Gegen die Griesgrämigkeit und Langeweile des Berechenbaren und derer, die immer alles schon gewusst haben, erzählen wir, wie die Jünger damals, von den überraschenden Erfahrungen des Geistes Gottes, der Leben neu entfacht und Lebendigkeit neu entzündet. Wer die alte Pfingstgeschichte kennt, findet neue Geschichten aus dem Alltag, in denen plötzlich etwas aufscheint von der Unberechenbarkeit des Geistes, der immer wieder neue Ritzen findet, um verhärtete und ängstliche Herzen und Seelen zu ermutigen, sich ins Leben zu stürzen. Damals war es Petrus, der auf der Straße seine erste große Predigt hielt. Vielleicht sind unsere Worte weniger vollmundig, weniger eindrucksvoll. Und doch zeugen sie alle von Gottes Geist, der die Sprachlosigkeit überwindet und Lust macht, neue elektrisierende Geschichten vom Leben zu erzählen. 

Und im besten Fall werden unsere Kirchen wieder zu Orten, an denen wir einander diese Geschichten erzählen können. Auch für unsere altgewordene und manchmal müde Kirche will ich nicht aufhören, mit dem Unberechenbaren zu rechnen.

Und vielleicht seid auch Ihr Komplizen des Unberechenbaren.

Schöne Pfingsten. Amen.

Vier Fragen zur Predigtvorbereitung an Uwe Habenicht

1.         Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?

Am Pfingstsonntag dürfen wir damit rechnen, dass außer der üblichen Kerngemeinde auch andere Interessierte den Gottesdienst besuchen. Für sie und auch für allen anderen wollen wir überraschend predigen und Neugier für das Geistwirken wecken.

2.         Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?

Die Predigt versucht die Pfingstgeschichte der Apostelgeschichte nicht normativ zu verstehen, sondern als Suchanweisung für überraschende Geisterfahrungen im eigenen Leben, im Hier und Jetzt.

3.         Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten? 

Es ist diese Freude, dem Überraschenden, also dem Rauschen des Geistes, viel mehr Raum zu geben.

4.         Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung? 

Das Predigtcoaching hat in sehr genauer Beobachtung stilistische Hörhürden entdeckt und dazu angeregt, diese zu beseitigen. Vielen Dank!

Perikope
24.05.2026
2,1-21