Der Neuanfang, alles neu ? - Predigt zu 1. Mose 8,18-22 von Julia Neuschwander

Gott hatte sich alles so schön vorgestellt mit dieser Welt und den Menschen und die Ewige hat dann alles so schön geschaffen mit viel Liebe und viel Mühe und mit dem göttlichen Atem in allem. Doch es kam anders.

Das erste Buch Mose beginnt ganz am Anfang. Es geht los mit paradiesischen Zuständen, vom Menschen, ganz und gar eins ist mit der Natur um sich herum, im Einklang, Gleichklang, ja, Wohlklang mit Gott. Es erzählt und geht vom Menschen aus, der Mensch im unbewussten, kindlich-intuitiven Einklang mit sich selbst, ganz im Hier und Jetzt, im ganz und gar Einssein-Gleichsein mit der Natur, mit Gott, mit dem eigenen Körper, so beschreibt es das erste Buch der Bibel.

Das erste Buch der Bibel. Im Hebräischen ist es überschrieben mit dem Titel „Bereschit“, das heisst Anfang. Immer wieder um Anfänge, um Neuanfänge, um Wieder-Aufbrechen, Weiterziehen, neu Anfangen geht es in diesem ersten Buch der Bibel. Der erste Mensch, Adam, Erdling, von Adamah, der Erde genommen, dann aus dem ersten Menschen zwei erste Menschen, zwei verschiedene Menschen, ein Mann und eine Frau Eva, Urmutter der Menschheit. Und es beginnt wieder etwas Neues. Die ersten Menschen sind nicht nur Körper und Natur, sind nicht nur Fühlen und Sich-Nähren, Sein und Träumen, sondern sie denken auch in der Zukunft. Und sie beginnen, immer mehr selbständiger zu denken. Sie können planen, sie können selbständig handeln, sie sind nicht mehr bereit, sich Verboten weiter unhinterfragt zu beugen. Adam und Eva, die ersten Menschen, sind keine geborenen Untertanenmenschen, keine, die einfach nicken, die keine eigene Phantasie haben und auf Gott warten, sondern solche, die selbständig denken können, die Denken und Fühlen zugleich können, die mutige eigene Gedanken haben, die nicht nur Gottes Gedanken nachdenken. Es sind Menschen, die auf einmal auch über eine Vergangenheit nachdenken, über einen Ursprung, über eine Herkunft und über eine Zukunft.

Gott hatte sich alles so schön vorgestellt mit der Welt und den Menschen, die Ewige hatte alles schön geschaffen, liebevoll und mit viel Mühe, der göttliche Atem belebte die Erde.

Doch dann beginnt die Ent-Täuschung. Das Paradies ist vorbei. Die Einheit von Gott und Mensch im Einklang, im Gleichklang mit Natur und Welt ist Vergangenheit. Die Menschen denken und entscheiden selbst. Sie lernen und probieren Wege. Sie gehen Irrwege und kehren zum Ursprung zurück. Sie lernen dazu und probieren es wieder neu. „Anfänge“ so heisst das erste Buch der Bibel.

Wie enttäuscht war da eigentlich Gott, der mit dem Namen „Ich-bin-da“, die mit dem Namen „Schechina“, „der Lebendige“, „die Ewige“? Wie sehr schmerzte es? Vielleicht gar nicht so sehr, denke ich mir, vielleicht war Gott sogar stolz auf seine Menschen, die so selbständig und kreativ sind – in den schönen Dingen, aber leider auch ebenso umtriebig und konsequent in den gewaltsamen, schlimmen, dummen, ungerechten und selbst und andere schädigenden Dingen.

Die große Flut, die dann kam, ist seit Jahrtausenden sprichwörtlich in vielen Sprachen. Meistens ist es ein Götterstreit, der sie auslöst. Im uralten akkadischen Gilgamesch-Epos bei Utnapischtim oder in der griechischen Sage bei Deukalion und Pyrrha. Grund der großen Flut ist, dass die Menschen so laut sind – im Gilgamesch-Epos - oder weil sie so grausam sind,  voller Gewalttätigkeit und nur Streit und Zank und die Kriege im Kopf haben – in der griechischen Sage. Oder – wie in der Bibel - weil des Menschen Herz Planen und Denken kann – weil und weil der Mensch seine Fähigkeit daraufhin von frühster Jugend an nutzt, um Böses im Sinn zu haben. Der biblische Gott ist dabei allerdings nicht in mehrere Gottheiten gespalten wie die akkadischen oder griechischen Götter, viel schlimmer: Gott trägt diesen Riss in sich selbst. Den Riss zwischen Vernichten-Wollen und Retten, zwischen dem Zorn über das Böse auf Erden und den Wunsch, die Menschen und die eigene Verbindung zu den Menschen zu bewahren, der Riss zwischen der Wut über diese irre gegangenen Menschen in ihrer Selbständigkeit, in ihrer Freiheit, dem Wunsch zu Zerstören, den Menschen auszutilgen vom Angesicht der Erde, der Adamah, von der er kommt – und nach der er heisst – und zwischen dem dringenden Wunsch, dem Bedürfnis, an ihm fest zu halten. Ihn unbedingt doch zu behalten, diesen Menschen, diese Männer, diese Frauen, diese Menschenkinder verschiedensten Alters und diese Menschenbabies.

Warum verschont Gott eigentlich in unserem Text die Menschheit? Warum löscht er sie eigentlich dann doch nicht von der Erde aus, wenn sie so laut sind, wenn sie so böse sind, wenn ihr Herz so wirklich böse ist von Jugend auf, wie der Ewige, der Gott mit dem Namen „Ich-Bin-Da“ längst resigniert erkennen musste? Warum liebt die Ewige die Menschenkinder, die kleinen Babies, die Menschenkinder, die sich schon als Kleinkinder mit Wonne die Schippe im Sandkasten über den weichen Schädel hauen würden wenn nicht irgendjemand ihnen sanft das Werkzeug aus der Hand nimmt? Ihnen liebevoll erklärt, dass das böse ist, den anderen kleinen Wicht verletzen und hauen?

Ja, warum liebt der Lebendige so sehr die Menschenkinder? Warum hält ER-SIE an ihnen fest? Warum gerade der Mensch? Warum soll der Mensch Bestand haben? Warum gerade er, der so gerne die Böden vergiftet, die ihn ernähren? Warum gerade sie, die achtlos das Wasser verschmutzt, das sie reinigt und erfreut? Warum reichen ihr, der göttlichen Schechina, eigentlich nicht die kleinen Igelkinder mit den blanken Äuglein und den weichen Stacheln? Die Kaninchenjungen, so weich und süß? Die winzig kleinen Fischkinder, einige von ihnen ebenfalls lebend geboren, die durchsichtig und vital im Meereswasser schwimmen? Warum nicht die lauthals piepsenden Vogeljungen im Nest, die bald schon ihre erste Flugversuche machen? Die, die ihre eigenen Instinkte leben und das tun, was Generationen von Igeln und Fischen und Kaninchen immer schon getan haben? Warum müssen es gerade weiterhin Menschenkinder sein?

So rührend für uns Menschen unsere eigenen Kinder, die neu Geborenen, jedes so klein und lebendig, so individuell, so besonders. Die Wimpern, die kleine Nase, die Füße, alles solche Wunder. So klug und lebendig die Vierjährigen, die Sechsjährigen, so lernbegierig, so offen, so experimentell beim Bauen von kleinen Flüssen und Strömen im Garten. So witzig und trocken die 14jährigen mit ihrer Ehrlichkeit, ihrem Witz, ihrem einfach nur Chillen-Können…. die 18jährigen, die 20jährigen, jede Zeit hat ihre Besonderheit und ihre Liebenswürdigkeit, jede, die 30, 40,50, 60, 70jährigen, die 80jährigen, die 90jährigen mit ihrer Echtheit, ihrer Würde, ihrem Verrücktsein, ihrem Ganz-Anders-Sein als die jetzige Zeit. 

Hält Gott in seiner Menschenfreundlichkeit deshalb an uns Menschen fest? Die Erfahrung zeigt aber, dass es mit uns Menschen immer wieder so kommen wird: Gewalt, Krieg, Hass…

Die Bibel erzählt mehrfach davon, wie Gott die Geduld verliert, das Volk, das er geschaffen hat, ausmerzen will von der Erde, und sich dann doch wieder eines anderen besinnt. Wie es eine der Hauptversuchungen für Gott ist, das alte Volk aufzugeben und selbst ein Neues zu erwecken. Auch Jesus wird in der Wüste vom Teufel gefragt, ob er ihm nicht aus Steinen ein Volk erwecken will wie in der griechischen Sage. Gott hält an seinem Volk fest, Jesus bleibt standhaft. Weil die, die da sind, für Gott einzigartig, unersetzbar sind, so wie sie sind. Weil Gott sie liebt so wie sie sind. Das ist für uns Menschen selbst schwer zu verstehen. Das ist manchmal auch gar nicht zu verstehen: Ein Mensch, ein Strafgefangener im Ausgang lockt eine Justizbedienstete beim 50. Ausgang in eine Falle, missbraucht sie und begeht anschließend Selbstmord.

„Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf.“ Sagt der Philosoph Hobbes als Naturrechtler. „Der Mensch ist gut von Geburt an.“ Sagt ein anderer Aufklärer, Rousseau. Vielleicht ist es das Schwierigste zu erkennen, dass der Mensch genau Beides ist, alle Möglichkeiten hat. Es hängt von so vielen Faktoren ab, wie er oder sie sich entscheidet zu leben und zu handeln. Ob jemand schon den kleinen Menschenkindern die Schippe aus der Hand nimmt, wenn sie sie als Waffe benutzen wollen. Welche Kultur sich ausbreiten kann und darf….

Was ist der Mensch? Wir haben hier keine bleibende Stadt. Ursprünglich waren wir wandernde Steppenvölker auf anderen Kontinenten, die von Wasserstelle zu Wasserstelle wanderten. Wir wohnten in Berghöhlen und hatten nachts den Weitblick über die ganze Fläche, die Geräusch der Tiere und die Stille irgendwann. Wir Menschen in Europa können immer noch lange ohne Essen auskommen, wenn es sein muss. Wir können schnell wieder lernen, lange zu laufen, wenn wir nur zu trinken haben. Und wenn wir dann etwas finden, dann kann unser Magen fast alles verdauen. Wenige Tage im Freien und die alten Instinkte kommen zurück. Die Instinkte, der Orientierungssinn, der Sinn für die Sterne, der Mutterinstinkt, die Fluchtreflexe, der Herdentrieb, die gegenseitige Fellpflege. Teile der Natur, der Verbundenheit mit der Erde.

Das erste Buch der Bibel heisst „Bereschit“, Neuanfänge und Aufbruch.

Ein enttäuschter, ein desillusionierter Gott ist in diesem ersten Buch der Bibel verblüffenderweise kein Gott der Zerstörung mehr. Dieser Gott hat sich verändert. Dieser Gott trägt ernüchtert den Riss in sich selbst und sieht den Tatsachen ins Auge. So also der Mensch! So also die Welt! Keine neue Flut mehr, sondern Beständigkeit im Wandel im ersten Buch Mose. Hell und Dunkel, Tag und Nacht, immer wieder neu. Amen.

 

Gebet:

Den Riss in Dir, Gott, aushalten. 

Die Welt, wie sie wirklich ist.

Gott, wie er/sie (wer denn eigentlich?) wirklich ist.

Den Menschen, wie er/wie sie wirklich ist.

Mich, wie ich wirklich bin.

Dich, wie Du wirklich bist.

 

Den Riss in Dir, Gott, aushalten,

den Riss zwischen Freiheit und Willkür,

zwischen Liebe und Zerstörung, den Riss zwischen dem Wunsch nach Strafe, dem „Ein-für-Alle-Mal-Austilgen-Wollen“, und dem Erdulden, dem Ertragen, dem „Leben-lassen“ und „Am-Leben-Lassen“.

Den Riss zwischen Lassen und Stoppen,

zwischen Für-Immer-Wegschließen und Resozialisieren,

zwischen Hoffnung und Aufgabe.

Zwischen Tag und Nacht,

Dunkel und Licht.

 

Den Riss in uns aushalten, Gott. 

Die Welt, wie sie wirklich ist.

Mich, wie ich wirklich bin.

Dich, wie Du wirklich bist.

Den Riss aushalten, Gott.

Amen.

Lieder: EG 432 und EG 395