Der neue Nachbar - Predigt zu Johannes 1, 14 von Anne-Kathrin Kruse

Der neue Nachbar - Predigt zu Johannes 1, 14 von Anne-Kathrin Kruse

(die kursiv gedruckten Überschriften werden nicht gelesen)

I. Ein neuer Nachbar

Die Wohnung nebenan stand lange leer. Keine Ahnung, warum. Jetzt ist jemand eingezogen, heißt es. Wir sind uns noch nicht begegnet. Aber freundlich scheint er zu sein. Hat vor jeder Wohnungstür im Haus ein Fladenbrot,  wie es der türkische Laden bei der Moschee um die Ecke hat,  und eine kleine Flasche Wein gestellt. Etwas ungewöhnlich,  wo die meisten Muslime doch gar keinen Wein trinken… Aber man hört so manches im Treppenhaus: Jude soll er nämlich sein, und auch noch aus Israel… Na, hoffentlich gibt das keinen Ärger im Haus. Juden hatten wir hier noch nie.

II. Gott zieht um.

Weit spannt er das Dach seines Zeltes – weltweit. Mit seinem Wort ist er gegenwärtig, schafft Himmel und Erde – und Leben. Zuerst und für immer wohnt er bei seinem Volk. Im Wüstenzelt, später im Tempel in Jerusalem. Aber seine Gegenwart beschränkt sich nicht darauf, überall ist er zu finden,  in der Wüste, auf Bergen, in Krankenhäusern und Gefängnissen, am Bahnhof, in Flüchtlingslagern wie in der Unterkunft für Wohnungslose. In Gottes Geschichte ist das nicht neu –  dass er sich der Welt zuwendet und in ihr wohnt. Durch die Propheten redet er mit seinem Volk Israel, rettet und befreit mit seinem Wort, zieht es durch Wasserfluten, zeigt ihm den Weg durch Wüstenzeiten, mahnt und tröstet. Gott macht sich klein  und begegnet seinem Volk auf Augenhöhe. Umsorgt es, isst und trinkt mit ihm. Schenkt ihm seine Gebote, damit Jüdinnen und Juden  in Gerechtigkeit und Frieden leben können. Der Mensch lebt schließlich nicht vom Brot allein, sondern von allem, was Gott über die Lippen kommt. Dtn 8, 3

III. Gott wohnt unter uns…

Gestern Abend klingelt es. Eigentlich haben wir es uns gerade  am Christbaum gemütlich gemacht. Die Geschenke sind ausgepackt. Die Begeisterung der Kinder weicht einer stillen Freude. Sie sind vollauf damit beschäftigt, alles auszuprobieren. Der Glühwein dampft in den Gläsern,  die Weihnachtsbrötle haben wir aus ihrem Versteck geholt und endlich zum Naschen freigegeben. Jetzt steht er im Flur  und druckst in gebrochenem Deutsch etwas herum. Nicht stören will er. Neu sei er hier und noch fremd. Ein bisschen Heimweh habe er. Und übrigens heiße er Jehoshua. Jehoshua - so einen Namen hatten wir noch nie gehört.

IV. Gottes Wort wird Fleisch und wohnt unter uns.

Gottes Wort bekommt Hand und Fuß, Einer aus Fleisch und Blut kommt und wohnt über, neben, unter uns. Mittendrin. Was wohl an seiner Türklingel steht? Jesus Christus – eben Vor- und Nachname? Nicht wirklich! Das Christkind ist nicht eines von uns. Das Christkind ist ein Judenkind. Von einer jüdischen Mutter  geboren, wie jeder jüdische Junge nach 8 Tagen beschnitten, mit 13 wurde er Bar Mizwa  und damit vor Gott für seine Taten selbstverantwortlich. Leidenschaftlich streitet er für die Tora, Gottes heilige Gebote, an denen kein Jota verändert werden darf. Und – selbstverständlich - spricht er hebräisch. Ja, Gott spricht hebräisch. Gottes Wort muss für uns übersetzt werden. Es ist nicht immer leicht zu verstehen. Jehoshua, auf Deutsch: Gott rettet. Und: Christus – kein Nachname. Ein Ehrentitel, aus dem Hebräischen übersetzt:  der Messias, der kommt, von Gott gesandt am Ende aller Tage, um Israel zu retten und das Reich Gottes auszurufen in aller Welt. Das Heil kommt von den Juden, wie es später im Johannesevangelium heißt.  Joh 4, 22b Gott ist zuerst in seinem jüdischen Volk zur Welt gekommen. Auch in der Weihnacht kommt er in diesem jüdischen Volk zur Welt. Und zwar weniger in einem Stall, als in einer Höhle im jüdäischen Gebirge nahe Bethlehem, damals in der früheren Provinz Judäa, heute im palästinensischen Autonomiegebiet.

V. Und wir sahen seine Herrlichkeit…

Eigentlich wollten wir ja an diesem denkwürdigen Weihnachtsabend  lieber unter uns bleiben. Aber nun ist er schon mal da, dieser fremde Jehoshua. Neugierig hat er uns gemacht. Erzählt, wo er herkommt. Worauf er hofft. Was er als seine Lebensaufgabe sieht: Wie Gottes Wort die Menschen jenseits des jüdischen Volkes ansprechen. Die suchen, die andere längst abgeschrieben haben. Oder die sich selbst abgeschrieben haben.

An Grenzen gehen. Verbinden, was getrennt ist. Worte sagen, die lebendig machen.  Dafür sorgen, dass die Welt in einem neuen Licht erstrahlt. Auch die Kinder werden mittlerweile neugierig auf diesen Fremden, klettern uns auf den Schoß, schauen ihn mit großen Augen an  und hängen förmlich an seinen Lippen. Wir wohnen Wort an Wort. Sag mir  dein liebstes  Freund  meines heißt Du.1 Wort Gottes spricht an, knüpft Kontakt, schafft Beziehung, bewegt, macht lebendig.  Leuchtet und strahlt.  Gott bleibt nicht nebulös. Gibt sich im Wort zu erkennen. 

VI. In meines Vaters Hause gibt es viele Wohnungen.

Was mir aber nicht aus dem Sinn geht, waren Sätze wie diese: In meines Vaters Hause gibt es viele Wohnungen. Die Wohnung für sein jüdisches Volkes, aber auch Wohnungen für die anderen, nichtjüdischen  Völker. Sie sollen nicht verloren gehen. Auch sie sollen einen Platz bei Gott haben. Keine Wohnungsnot, kein Mangel. Es gibt genug Platz für alle.Und: Ich bin die Tür. Joh 10, 9 Die Tür zu Gottes Wohnung, die uns offen steht. Durch ihn führt der Weg zu Gott… Oder doch umgekehrt?  Durch ihn kommt Gottes lebendiges und befreiendes Wort zu uns! Und wir sehen seine Herrlichkeit voller Gnade und Wahrheit. Gott zieht um und wohnt unter uns wie bei seinem Volk. In seinem Hause gibt es viele Wohnungen. Weihnachten – ein Kapitel in den Liebesgeschichten Gottes  mit dem Volk  Israel, mit uns Nichtjuden, mit seiner ganzen Schöpfung.Für uns das Entscheidende.

VII. Unser Herz brannte Lk 24, 32

Spät wurde es gestern Abend – in dieser Heiligen Nacht. Keine Schein-Idylle im Stall samt Ochs und Esel. Auch keine Hirten. Vielleicht ein paar Engel… Dafür stießen im Laufe des Abends noch ein paar Nachbarn dazu, von unserem fröhlichen Lachen angelockt. Brachten die Fladenbrote und den Wein mit. Und er dankte, brach das Brot und gab es uns. Dankte für den Wein, gab ihn uns. Das tut zu meinem Gedächtnis… Und unser Herz brannte.

Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns,

und wir sahen seine Herrlichkeit,

eine Herrlichkeit als des eingeborenen Sohnes vom Vater,

voller Gnade und Wahrheit.

 

Amen.

 

1 I Rose Ausländer, in: Evangelisches Gesangbuch. Ausgabe für die Evangelische Landeskirche in Württemberg, Stuttgart 1996, S. 819

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