Morgens und abends zu lesen - Predigt zu Philipper 2, 1-4 von Claudia Trauthig

I.

Morgens und abends zu lesen

mit dieser einladenden Selbstaufforderung hat der Dichter Bert Brecht

eines seiner schönsten Gedichte überschrieben.

In diesem kleinen Poem geht es um die große Gewissheit,

geliebt zu sein - und gebraucht zu werden:

Morgens und abends zu lesen.

 

Liebe Gemeinde,

diese Überschrift kam mir in den Sinn,

als ich den Predigttext für den heutigen Sonntag meditierte.

Wie wäre es,

was würde das mit mir, aus uns machen,

wenn wir ihn am Morgen wie am Abend lesen würden?

Auch in diesem Predigttext geht es darum, dass wir geliebt sind und gebraucht werden.

Dass eine neue, unvergleichlich wertvolle, Einheit entstanden ist, durch die Liebe.

Hören wir gemeinsam den kurzen Abschnitt aus dem 2. Kapitel des Philipperbriefes:

1 Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe,

ist Gemeinschaft des Geistes,

ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit,

2 so macht meine Freude dadurch vollkommen,

dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid.

3 Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen,

sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst,

4 und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.

 

II.

Diese Worte stammen von keinem Dichter, sondern aus der Feder des Apostels Paulus.

Bei mir persönlich kommen sie wie verheißungsvolles Morgenlicht an,

das den Schlaf aus den Augen küsst und Lust macht aufs Leben.

Wunderschöne Worte sind in diesen vier Versen versammelt,

wie Perlen an einer Kette aneinandergereiht.

Und sollten wir, Sie und ich, jetzt unser liebstes auswählen,

dann wäre das eine schwere Wahl:

Christus

Trost

Liebe

Gemeinschaft

Barmherzigkeit

Herzlich

Einmütig

Einträchtig

Demut

Dem anderen dienen…

Und - nicht zu vergessen:

FREUDE!

Geht es Ihnen auch so mit diesem Predigttext?

Was denkt Ihr Konfirmanden und Konfirmandinnen?

Vor zwei Wochen seid Ihr hier im Gottesdienst begrüßt worden, habt Eure Bibeln bekommen.

Heute feiert Ihr zum ersten Mal Abendmahl als Konfis.

Als ich in Eurem Alter war,

da haben wir zu solchen christlichen Sprüchen manchmal grinsend gesagt:

Friede, Freude, Eierkuchen.

Eierkuchen ist nichts Handfestes (wie ein Burger zum Beispiel).

Irgendwie war uns das zu „fromm“,

nicht griffig genug - und wir hatten den berechtigten Verdacht der Jugend, dass viele schöne Worte noch lange nichts schön machen,

beispielsweise allen Menschen Brot, Wasser, Sicherheit geben…

Mag sein, wir hatten auch Scheu davor, dass die Worte aus der Bibel unsere Seele doch berühren…

und wir nicht mehr ganz so lässig (ihr würdet cool sagen) in der Gruppe rüberkommen…?

Paulus will nicht lässig sein oder „cool“ wirken.

Aber er teilt mit vielen Jungen und auch nicht wenigen Alten absolut die Erwartung, dass christlichen Worten Taten folgen.

Genau darum geht es ihm hier.

Ziel seines gesamten Briefes sind: Frieden und Freude, erfahrbar, greifbar, gelebt.

Und wie kaum ein anderer weiß Paulus, dass Frieden und Freude mit innerer wie äußerer Arbeit verbunden sind.

Wie kaum ein anderer weiß Paulus, dass es Verzicht bedeutet, Freiheiten einschränkt,

ja sogar das Überleben gefährden kann,

wenn man den Frieden Christi, der der ganzen Schöpfung gilt, in diese Welt trägt.

Wenn man die Freude, die zum neuen Leben in Christus gehört, mit allen teilen will.

Machen wir uns klar:

Als Paulus diese Sätze schreibt,

sitzt er im Gefängnis, wahrscheinlich in der Hafenstadt Ephesus.

Es ist vermutlich Winter, 54/55 nach Christus.

Paulus weiß nicht, wie sein Prozess ausgehen wird, ein Todesurteil ist möglich.

Paulus weiß erst recht nicht, dass aus der als winzige Minderheit lebenden Christengemeinschaft, einst eine Weltreligion, die größte, wird.

Doch Paulus weiß, dass es nur einen Weg zum Leben, zur vollkommenen Freude geben kann:

Den Weg Christi.

1 Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit,

2 so macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid.

3 Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst,

4 und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.

 

Für Paulus und die Christenmenschen seiner Zeit ist das etwas ganz Handfestes – wenn auch kein Burger.

Es ist:

Brot und Wein und Wasser und Fisch und eine Decke für die Nacht, eine Salbe gegen die Wunde, eine Umarmung gegen den Kummer und ein Lächeln gegen die Angst, der Friedensgruß für jeden Nächsten. Es ist: Da Sein und Zuhören und alle Grenzen überwinden. Es ist Einander Vertrauen und Vergeben… Es ist: Liebe.

Seht, wie sie sich lieben!

hat der römische Philosoph Celsus schon bald nach Christi Tod über uns Christenmenschen gespottet.

Seht, wie sie sich lieben.

 

III.

Ja – Paulus will, dass man diese Liebe sehen kann und ermuntert unaufhörlich dazu.

Christus, so spürt er, gibt ihm die nötige Kraft.

Christus hat ihn zuerst geliebt, ihn und uns alle.

Als er diese Zeilen schreibt, hat er Besuch von einem christlichen Freund aus Philippi.

Dieser hat ihm Geschenke, Gaben des Trostes, mit ins Gefängnis gebracht.

Paulus freut sich, sehr, aber seine vollkommene Freude ist die Einheit in Christus, zu der er alle Schwestern und Brüder in Philippi ermutigen will.

Weil Christus sie eröffnet, ist diese Einheit längst da.

Im Heiligen Geist.

Doch weil wir Menschen sind,

auf dieser Erde weiterleben,

auch wenn wir das Reich Gottes bekennen und suchen,

ist diese Einheit, ist diese Freude unter uns noch nicht: vollkommen.

Und wie Paulus sind auch wir immer wieder:

selbstbezogen und rechthaberisch,

kleinlich und abweisend,

misstrauisch oder gar auf Krawall gebürstet.

 

Zwei Nachbarn fallen mir dazu ein.

Nennen wir sie mal:

Moritz und Philipp.

Vor langer Zeit haben sie sich zerstritten und könnten den Anlass gar nicht mehr benennen oder kämen schon darüber ins Streiten…

Es fing mit dem Garten an.

Nein, mit den Mülltonnen.

Eure Gäste, die unsere Einfahrt zugeparkt haben.

Nein, eure Kinder, die unsere nicht mitspielen lassen.

Aber, das ist noch lange kein Grund nicht zu grüßen!

Wieso, wir grüßen immer, ihr aber nicht.

Liebe Gemeinde,

wir blenden uns hier kurz aus und spüren:

da ist „Dampf im Kessel“.

Da haben sich zwei so richtig ineinander verknotet.

Da verhalten sich zwei schlicht kindisch und eben nicht wie Kinder des lebendigen Gottes, Brüder in Christus.

…in Demut achte einer den andern höher als sich selbst,

und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient?

 

Nun stellen Sie sich vor…

Diese zwei sind am Sonntag im Gottesdienst.

Philipp geht meistens, Moritz sieht er sonst nur an Weihnachten.

Doch Moritz‘ Schwiegermutter ist gestorben, und er begleitet seine Frau wegen der Abkündigung.

Ausgerechnet heute ist Abendmahl.

Ach, du Schreck, da geh ich nicht, denkt Moritz gleich.

Aber dann…, spricht ihn der Gottesdienst an und er denkt:

Wieso soll ich jetzt wegen Philipp nicht gehen?

Ziemlich ähnlich verläuft es auch bei diesem.

Doch dann passiert etwas, mit dem sie nicht rechnen konnten:

Wegen zwei Frauen im Rollstuhl, die unerwartet doch nach vorne kommen, weist der Pfarrer ausgerechnet Philipp in die einzige Lücke neben Moritz.

Gesenkten Hauptes stellen sie sich neben das andere Ehepaar.

Heute wird der Kelch von einem zum anderen weiter gereicht.

Nur zwischendurch nehmen Pfarrer und Kirchengemeinderätin ihn zu sich und die Messnerin reinigt und wechselt aus.

Hoffentlich passiert genau das, wenn ich dran bin, denkt Philipp.

Was mache ich, wenn der mir den Kelch reicht, grübelt Moritz.

Oder wird er sich womöglich verweigern?

Beiden klopft das Herz.

Kelch des Heils für dich

sagen alle.

Nun ist Philipp dran.

Und Moritz dreht sich langsam um.

Die beiden sehen sich an.

Philipp spricht und reicht und Moritz nickt und trinkt,

und dann fassen sie sich wahrhaftig kurz darauf an den Händen,

gehet hin im Frieden,

und dem Pfarrer fällt auf, dass die beiden Männer viel leichtfüßiger zurückgehen -

und wundert sich.

Vielleicht

schafft es Philipp hinterher sogar, mit seiner Frau Beileid auszusprechen. Vielleicht gelingt es Moritz zu sagen: Habt Ihr heute schon etwas vor? Sollen wir nicht einen Kaffee trinken oder das Spiel gemeinsam schauen?

1 Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit,

2 so macht meine Freude dadurch vollkommen, dass ihr eines Sinnes seid, gleiche Liebe habt, einmütig und einträchtig seid.

3 Tut nichts aus Eigennutz oder um eitler Ehre willen, sondern in Demut achte einer den andern höher als sich selbst,

4 und ein jeder sehe nicht auf das Seine, sondern auch auf das, was dem andern dient.

 

Liebe Gemeinde,

morgens und abends zu lesen und zur Stärkung das Abendmahl feiern,

das könnte es sein…

 

Papst Leo I, der Große, hat schon im 5. Jahrhundert verstanden:

Die Teilnahme am Leib und Blut Christi will nichts anderes

als dass wir uns in das verwandeln, was wir empfangen.

(werkstatt, 193)

 

Liebe

Gemeinschaft

Trost

Barmherzigkeit

Freude

…..

Oder was immer Ihr oder Dein Lieblingswort,

Deine heutige Sehnsucht ist.

Das Heilige Abendmahl will uns in das verwandeln, was wir empfangen.

Amen