Predigt zu Apostelgeschichte 16,9-15 von Elisabeth Tobaben

9. In der Nacht hatte Paulus eine Erscheinung. Ein Mann aus Mazedonien stand vor ihm und bat: „Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns!“
10. Gleich nachdem Paulus die Erscheinung gehabt hatte, suchten wir nach einer Möglichkeit, nach Mazedonien zu gelangen. Denn wir waren sicher: Gott hatte uns dazu berufen, den Menschen dort die Gute Nachricht zu verkündigen.
11. Von Troas aus setzten wir auf dem kürzesten Weg nach Samothrake über. Einen Tag später erreichten wir Neapolis.
12. Von dort gingen wir nach Philippi. Das ist eine bedeutende Stadt in diesem Bezirk Mazedoniens und römische Kolonie. In dieser Stadt blieben wir einige Zeit.
13. Am Schabbat gingen wir durch das Stadttor hinaus an den Fluss. Wir nahemn an, dass dort eine jüdische Gebetsstätte sei.
Wir setzten uns und sprachen zu den Frauen, die an diesem Ort zusammengekommen waren.
14. Unter den Zuhörerinnen war auch eine Frau namens Lydia. Sie handelte mit Purpurstoffen und kam aus der Stadt Thyatira.
Lydia glaubte an den Gott Israels. Der Herr öffnete ihr das Herz, sodass sie die Worte des Paulus gerne aufnahm.
15. Sie ließ sich taufen zusammen mit allen, die in ihrem Hause lebten. Danach bat sie: „Wenn ihr überzeugt seid, dass ich wirklich an den Herrn glaube, dann kommt in mein Haus. Ihr könnt bei mir wohnen!“ Und sie drängte uns förmlich dazu. (Basis-Bibel)

Liebe Gemeinde!

Das hört sich an wie ein Reisebericht, was wir da gerade gehört haben.
Ich habe den Eindruck, ein Atlas wäre ganz praktisch gewesen heute, um besser zu verstehen, in welche Gegend uns denn diese Erzählung aus der Apostelgeschichte entführt!
Vielleicht ist es Ihnen beim Zuhören aber auch so ähnlich ergangen wie mir, und Sie haben über all die geographischen Angaben erstmal mehr oder weniger weggehört.
Das ist das ja oft so, wenn irgendwo so viele Namen von Städten oder Landschaften vorkommen, gerade wenn sie einem eher fremd sind: sie rauschen an einem vorbei.
Wenn plötzlich etwas Vertrautes  dazwischen auftaucht, ist das was anderes, und man sagt vielleicht: „Oh ja, das kenn ich, da war ich auch schon mal!“
Und mit einemmal hat man ein Bild vor Augen;  man weiß, wie es da aussieht und kann sich viel besser vorstellen, was erzählt wird.
Erstmal ein Reisebericht also.
Die Geschichte ist aber zugleich auch eine Bekehrungsgeschichte.
Die Geschichte von Lydia, der Purpurhändlerin, die mit ihrem ganzen Haus, mit ihrer Familie, ihren Mitarbeiterinnen und Angestellten getauft wird und sich zu Christus bekennt, wie jemand anfängt zu glauben:
Verbunden mit der Frage: Wie kommt es denn eigentlich dazu?
Und hier - bei Lydia- gibt es eine ganz klare und eindeutige Antwort:
Der Herr öffnete ihr das Herz, dass sie aufmerksam den Worten des Paulus lauschte.“  (V.14)
Gott selbst ist in Aktion, von ihm kommt der entscheidende Anstoß, sowohl bei Lydia - als auch bei Paulus!
Denn auch Paulus hat seinen Weg ja keineswegs von vornherein klar und eindeutig erkannt!
Er ist auf der Suche und probiert herauszufinden, wo er als nächstes das Evangelium verkünden soll.
Der entscheidende Punkt auf den es ankommt, im Reisebericht wie in der Bekehrungsgeschichte ist: Gott greift ein, er lenkt die Wege von Paulus und seinem Missionstrupp und er öffnet Lydia das Herz.
Und bei uns?
Oder anders gefragt: Was können wir denn aus dieser Geschichte gewinnen für unseren Glauben und unsere Gemeinde?
Dazu zunächst noch einmal zum Reisebericht zurück: ich denke, der Verfasser hat mit Bedacht so viele Einzelheiten zur Reiseroute zusammengetragen.
Wie gesagt: es sind ungeheuer viele Namen von Landschaften und Städten, die Paulus und seine Mitarbeiter durchstreifen, vor unserer Geschichte wird schon davon berichtet:
Aus der Provinz Asien geht es über Phrygien nach Galatien, d.h. sie laufen also einmal längs  durch die heutige Türkei.
Dann den weiten Weg zurück und  vorbei an Mysien nach Bythinien;
Sie wollen gehen nach Nordosten, um dort ihre Arbeit fortzusetzen und fragen sich, ob sie dort Erfolg haben mit dem Evangelium.
Aber überall fühlen sie sich an der Verkündigung gehindert,
„...der Geist Jesu erlaubte es ihnen nicht...“, heißt es in V. 7.
Und so ziehen sie schließlich immer an der Küste entlang bis hinunter nach Troas.
Und da stehen sie und sind ratlos sind und wissen nicht, wie es weitergehen soll!
Denn nun liegt vor ihnen nur noch das offene Meer, und auf die Idee, dass sie ja auch in ein Schiff steigen könnten und hinüberfahren nach Griechenland, dieser Gedanke liegt ihnen offenbar so fern, dass sie darauf überhaupt gar nicht kommen!
Da drüben ist Europa, ein anderer Kontinent.
Da ist nicht mehr ihre Welt.
Nicht, dass es dorthin keine Kontakte gegeben hätte!
Im Gegenteil, es wird eifrig Handel getrieben zwischen den asiatischen und den europäischen Städten am Mittelmeer.
Und auch Lydia, die Purpurhändlerin, stammte - wie wir hören-  ursprünglich aus Asien, aus Thyatira und sie lebt und arbeitet jetzt in Philippi, in Griechenland, in Europa.

Paulus  braucht eine göttliche Weisung zum Sprung übers Meer!
Eine Erleuchtung! Er hat eine nächtliche Vision, einen Traum.
Und im Traum erscheint ihm ein Mazedonier, der ihn bittet: „Komm herüber und hilf uns!“
Damit ist die Sache klar, sofort   brechen sie auf, anscheinen noch mitten in der Nacht, völlig sicher, dass Gott sie dazu berufen hat.
Alles ist wieder offen.
Die Grenzen, die eben noch so dicht waren, spielen offenbar keine Rolle mehr.
Grenzen.
Jetzt im Februar ist bei uns auf der Insel auch immer die Zeit der Jahresplanungen.
Und dazu solch ein Predigt-Text, das ist schon spannend!
Auch wir haben in unserer Gemeinde längst Gottesdienste und Veranstaltungen in einen großen Übersichtskalender eingetragen und geguckt:  Was steht schon fest, z.B. wann kommt welcher Kurpastor/in, Freizeithelferin, wie passt alles zusammen, wann feiern wir das 50-jährige Jubiläum unserer Inselkirche?  Was fehlt vielleicht noch.
Und passiert es denn schon manchmal, dass der Satz fällt: „Nee, um die Zeit? das geht gar nicht, da kommt sowieso keiner!“
Es könnte ja sein, dass wir auch viel zu sehr auf Grenzen starren, von denen wir denken, dass sie da wären, wo wir sie sehen.
Haben wir damit womöglich gar nicht im Blick, dass Gott vielleicht etwas ganz anderes bewirken will bei uns?
Es kann ja sein, dass es auch bei uns irgendwo Menschen gibt, die wir gar nicht anzusprechen wagen, weil wir denken: Das hat ja sowieso keinen Zweck?
Übrigens: was ist, wenn z.B. die  plötzlich die Norderneyer  oder Borkumer im Traum erschienen und zu uns sagen: „Kommt herüber und helft uns?“
Und ich habe mich auch nochmal kritisch gefragt, wie  das denn  mit den Zahlen ist.
Wenn eine Veranstaltung kein Massenauflauf zu werden verspricht, halten wir uns ja gern sehr bedeckt.
„Das lohnt sich doch gar nicht“, sagt sich dann leicht mal.
„Lohnte“ sich denn Paulus‘ Einsatz in Philippi?
Immerhin ist das Ergebnis doch eigentlich relativ kümmerlich, wenn man‘s nüchtern betrachtet!
Ein einziges Haus, eine Familie, eine Betriebsbelegschaft wird getauft.
Eine Riesenmenge dürfte das nicht gerade gewesen sein, und ob sie eigentlich alle wirkliche selbst angefangen hatten zu glauben, darüber erfahren wir gar nichts.
Nur von Lydia selbst wird die Bekehrung berichtet.
Und sie zieht alle andern nach sich, gründet eine Hausgemeinde und sorgt für die Taufe aller.
Eine Frau also, die mehr wissen will, eine einzige, die fragt, zuhört, der Gott das Herz auftut.
Und das ist ausgerechnet auch noch eine Ausländerin!
Das Spannende ist: sie kommt genau aus der  Gegend, in der auch  Paulus und seine Leute gerade waren, und wo sie so erfolglos waren mit seiner Predigt, nicht verkündigen durften!
Es kann ja sein, dass Lydia auch erst in der Fremde ihr religiöse Interesse entdeckt hat.
Als „Gottesfürchtige“   beschreibt die Apostelgeschichte sie.
Das ist ein feststehender Begriff für Leute aus dem engsten Umkreis der jüdischen Gemeinde, keine Voll-mitglieder sozusagen, aber sehr interessiert und gebildet.
Oft Leute, die sich darauf vorbereiteten, der Gemeinde richtig beizutreten.
Und so trifft Paulus‘ Predigt eigentlich schon auf offene Türen bei ihr.
Das gibt es ja oft, dass Menschen fern von zu Hause viel offener sind für die Frage nach dem Glauben!
Dazu muss man nun  nicht gleich im Ausland leben und arbeiten, vielleicht merken Sie es auch an sich selbst, wenn Sie z.B. im Urlaub oder sind oder in den Ferien - wenn Sie da in eine fremde Kirche kommen, braucht es manchmal nur einen kleinen Anstoß - ein Bild, Musik, ein Wort oder einfach der Eindruck des Raumes - und Ihnen geht das Herz auf...

So passen sie denn gut zusammen, der Reisebericht und die Bekehrungsgeschichte!
Das Ermutigende an beiden Geschichten ist, finde ich, dass sie hier ja nicht zu Ende sind.
Mit Lydia fängt es erst an, dass das Evangelium sich in Europa ausbreitet.
Das offene Herz - es führt für Lydia dazu, dass sie auch ihr Haus öffnet!
Die kleine Hausgemeinschaft in Philippi wird so etwas wie eine Keimzelle des neuen Glaubens.
Ich glaube, dass es auch heute in unserer Kirche nicht in erster Linie um ausgeklügelte Sparmaßnahmen und auch nicht ausgefeilte Missionsstrategien mit irgendwelchen Leuchtfeuern gehen sollte.
Sondern was wir brauchen, das sind vielmehr einzelne Menschen –so wie Lydia-, denen das Herz aufgegangen ist, die mit beiden Beinen im Leben stehen und da von ihrem Glauben erzählen, von dem, was sie trägt und hält.
Lydia zwingt Paulus und seine Leute förmlich dazu, ihre Gäste zu sein.
„Wenn ihr kommt,“ sagt sie, „dann erkennt ihr damit an, dass ich jetzt richtig dazugehöre, dass ich fest an den Herrn glaube!“
Manchmal, denke ich, brauchen wir Menschen das, dass uns ein anderer sagt: ich sehe deinen Glauben, ich erkenne ihn an - gerade in Momenten des Zweifels, oder der Unsicherheit ganz am Anfang; wenn man sich selbst (noch) gar nicht so sicher ist, ob denn der eigene Glaube wirklich (schon) so tragfähig  ist, wie man selber möchte oder sich erträumt.
Deswegen feiern wir mit unseren Konfirmanden einen festlichen Gottesdienst zum Abschluss des Unterrichtes.
Die Geschichte von Lydia und Paulus kann uns Mut machen, unterwegs zu bleiben:
innerlich, und manchmal vielleicht auch buchstäblich:
- offen dafür, unsere inneren Weisungen und Traum-Bilder zu verstehen und
- und im Vertrauen darauf, dass wir herausfinden werden,  wohin Gottes Geist uns lenkt. Amen.