Predigt zu Apostelgeschichte 16,9-15 von Wolfgang v. Wartenberg

Der Apostel Paulus gehörte zu den ersten, die in frühchristlicher Zeit im Bereich der heutigen Türkei die christliche Botschaft weitergaben. Als er in Troas weilte, gar nicht weit weg von dem Ort, an dem Heinrich Schliemann das alte Troja entdeckte, sah er eine Erscheinung bei Nacht. Dies wird in der Apostelgeschichte erzählt.

9 Und Paulus sah eine Erscheinung bei Nacht: Ein Mann aus Mazedonien stand da und bat ihn: Komm herüber nach Mazedonien und hilf uns! 10 Als er aber die Erscheinung gesehen hatte, da suchten wir sogleich nach Mazedonien zu reisen, gewiss, dass uns Gott dahin berufen hatte, ihnen das Evangelium zu predigen.
11 Da fuhren wir von Troas ab und kamen geradewegs nach Samothrake, am nächsten Tag nach Neapolis 12 und von da nach Philippi, das ist eine Stadt des ersten Bezirks von Mazedonien, eine römische Kolonie. Wir blieben aber einige Tage in dieser Stadt. 13 Am Sabbattag gingen wir hinaus vor die Stadt an den Fluss, wo wir dachten, dass man zu beten pflegte, und wir setzten uns und redeten mit den Frauen, die dort zusammenkamen.
14 Und eine gottesfürchtige Frau mit Namen Lydia, eine Purpurhändlerin aus der Stadt Thyatira, hörte zu; der tat der Herr das Herz auf, sodass sie darauf Acht hatte, was von Paulus geredet wurde. 15 Als sie aber mit ihrem Hause getauft war, bat sie uns und sprach: Wenn ihr anerkennt, dass ich an den Herrn glaube, so kommt in mein Haus und bleibt da. Und sie nötigte uns.


Liebe Gemeinde,
was ist geschehen? Wie und warum hat Lydia zu ihrem Glauben finden können?  Lukas, der diese Begegnung in der Apostelgeschichte festgehalten hat, schweigt. Er analysiert nicht. Der Bericht des Lukas ist kurz und bündig. Da wird keine lange Geschichte erzählt, sondern nur das Ergebnis – wir haben es gehört:
Die gottesfürchtige Lydia ließ sich taufen und ihr ganzes Haus dazu.
 
Dabei war diese Taufe ein bemerkenswertes, ein historisches Ereignis. Die Purpurhändlerin Lydia war die erste Frau, ja, darüber hinaus, der erste Mensch überhaupt auf dem europäischen Festland, der sich zu Jesus Christus bekannte. Das Haus der Lydia wurde zur Geburtsstätte der christlichen Gemeinde in Europa.
 
Lydia wird „gottesfürchtig“ genannt. Das Wort hatte damals eine besondere Bedeutung: Sie war keine geborene Jüdin, aber sie hatte sich der jüdischen Gemeinde in Philippi angeschlossen. Damit wird sie als eine Frau beschrieben, die für religiöse Fragen offen und am jüdischen Glauben interessiert war. Sie war, so dürfen wir annehmen, auf der Suche nach dem, was wirklichen Halt versprach.
 
„Der Lydia tat der Herr das Herz auf, sodass sie darauf Acht hatte, was von Paulus geredet wurde.“ Vielleicht tut Gott auch unsere Herzen auf, sodass wir Acht haben auf das, was uns wirklichen Halt geben kann.

Liebe Gemeinde, was gibt uns Halt - inneren, seelischen Halt?  Die Antwort: Halt gibt uns die gute Botschaft Jesu, dass Gott uns liebt. Davon hat Jesus noch und noch mit vielen Worte und durch sein Leben erzählt. Jesus öffnete unsere Augen für seine Vision eines guten Lebens, ein wahres, gerechtes, menschliches Leben voller Güte und Barmherzigkeit. Er warb dafür, in Gott nicht den Richter und den allmächtigen Herrscher zu sehen, sondern den himmlischen Vater, der die Armen liebt, den Gefangenen Freiheit schenken, den Blinden das Licht geben und die Misshandelten erlösen will. Und er erzählte davon, dass Gott uns Gnade und Liebe erweisen will.
 
Liebe Gemeinde, vor diesem Hintergrund hat es sein Recht, von einer Liebesgeschichte zu reden, wenn wir von Gott und Mensch reden. Ich nehme diese Geschichte zum Anlass, von einer anderen Liebesgeschichte zu erzählen, und erläutere am Schluss der Geschichte, warum ich sie erzähle.
Eine ältere Frau, schon lange verheiratet, erzählte mir einmal, wie sie ihren Mann kennen gelernt hatte. Sie war noch Schülerin, und sie ging in die Schule, die seiner Schule benachbart war. Irgendwann hat ihr Mann, damals noch ein Schüler, ein Auge auf sie geworfen. Er brachte ihr täglich vor dem Unterricht oder in der großen Pause einen Apfel mit aus dem häuslichen Garten. Das war damals noch etwas Besonderes! Sie nahm den Apfel nach anfänglichem Widerstreben. Der Schüler entsprach so gar nicht ihren Vorstellungen. Sie stammte schließlich aus gutbürgerlichen Verhältnissen und er kam vom Land und war etwas altbacken gekleidet.
Aber, wie die Dinge sich so entwickeln: Mit der Zeit konnte sie sich seinem Einfluss nicht entziehen. Irgendwann überzeugte er sie, sie kamen sich näher, schließlich haben sie geheiratet. Und vier Kindern das Leben geschenkt.
Nicht wahr, liebe Gemeinde, eine schöne Liebesgeschichte! Vermutlich könnten einige von Ihnen eine ebenso schöne Geschichte erzählen.

Liebe Gemeinde, es geht mir in der Geschichte um Folgendes: Bei Lydia genügte, wenn wir dem Bericht des Lukas folgen, ein Tag, um sich dem christlichen Glauben zu öffnen. Viele Menschen aber brauchen eine längere Zeit, manchmal ein Leben lang, um in den christlichen Glauben hineinzufinden. Es entwickelt sich dann wie bei jenem Liebespaar: Langsam von Tag zu Tag bildet sich ein immer stärker werdendes Interesse, eine wachsende Zuneigung und schließlich ein tief gehendes Zutrauen zu Gott.

Liebe Gemeinde, unsere je eigene Liebesgeschichte mit Gott - gibt es die? Vermutlich hat sie ja schon längst begonnen in unserem Leben. Vielleicht steht sie noch aus – oder wir haben noch nicht genug Acht gehabt auf die Zeichen, die auf eine solche Liebesgeschichte hindeuten.

Ich denke, es sind ganz elementare Erlebnisse, die unsere Gewissheit stärken können, dass Gott auf uns achtet, zu uns Ja sagt und uns mit Liebe begleitet:
Gute, positive, von Liebe und Respekt bestimmte Erlebnisse mit der Mutter, dem Vater, den Geschwistern stützen uns weit über unsere Kindheit hinaus.
Bei manchen ist es die Erinnerung an die guten Erlebnisse in einer Jugendgruppe, bei anderen das Mitsingen in einem Kirchenchor, bei wieder anderen der Besuch einer eindrucksvollen Kirche oder die Erinnerung an einen bewegenden Gottesdienst, die etwas davon in uns aufleuchten lassen, wie gut es Gott mit uns meint.
Wenn wir es genau nehmen: Jedes Stück Brot, jeder Schluck Wasser und an jedem Abend das Dach über unserem Kopf erinnern uns dankbar daran, wie wenig selbstverständlich es ist, dass wir leben und behütet sind.
Liebe Gemeinde, diese guten, wunderbaren Erlebnisse können die Gewissheit stärken, dass Gott uns trägt und wir ihm wichtig sind.

Aber wir können die Augen und die Ohren nicht davor verschließen, dass sich uns die Güte Gottes nicht immer so eindeutig erschließt. Mancher erfasst den gütigen Gott erst nach langen Kämpfen. Manchem bleibt sie wohl auch ein Leben lang verschlossen. 

Ich denke an einen Patienten, den ich im Krankenhaus besuchen durfte. Er hatte einen schweren Verkehrsunfall überlebt. Er erzählte mir, wie es zu dem Unfall kam: Er war im Gottesdienst gewesen und mit seinem Auto auf dem Weg nach Hause. Da sah er ein anderes Auto mit Motorschaden am Straßenrand stehen. Als ein bewusst lebender Christ hielt er an, um seine Hilfe anzubieten. Er stellte sich zwischen beide Autos, um in den Motorraum des liegengebliebenen Autos zu blicken. In diesem Moment fuhr ein anderes Auto ungebremst auf die beiden Autos auf. Der Mann flog durch die Luft. Er war am Kopf und am ganzen Körper schwer verletzt. Zwei Wochen schwebte er zwischen Leben und Tod. Seitdem war einige Zeit vergangen. Er hatte mehrere Operationen hinter sich und noch mehrere vor sich.
Gegen Ende des Krankenbesuches verabschiedete ich mich mit dem Segenswunsch „Behüt` Sie Gott.“ Als ich behutsam hinzufüge, ich würde verstehen, wenn er nach diesem Schicksal an der  guten Führung Gottes zweifle, rief er aus: „Ganz im Gegenteil. Mir ist heute unerklärlich, wie ich habe überleben können. Gott will mir zeigen, dass ich noch viel mehr als bisher auf ihn vertrauen kann.“
Liebe Gemeinde, ich habe viel gelernt von diesem Patienten. Zum Beispiel dieses, dass wir auch im Unglück vertrauensvoll an Gott festhalten können.

Ich möchte noch einen Schritt weiter gehen. Zu den guten Gottes Gaben in diesem Leben gehört auch das Wissen, dass wir nicht allein sind.
Gott hat uns nicht nur dieses unser Leben geschenkt, sondern auch die Menschen neben uns, die Kinder, die Geschwister, die Eltern, die Großeltern, die Freunde, die Menschen in der Gemeinde, in der Stadt und in der weltweiten Ökumene.
Wie können wir Gott dankbar sein für diese Menschen, mit denen wir leben! Diese Menschen sind es doch, denen wir verbunden sind, die unser Herz füllen, die in unseren Gedanken ständig gegenwärtig sind, mit denen wir weinen und lachen, mit denen wir bangen und hoffen, für die wir uns verantwortlich wissen. Liebe Gemeinde, diese Menschen tragen zu unserem Glück bei, ohne sie wären wir vermutlich einsam und unglücklich. Wir leben miteinander und füreinander. Wir brauchen uns gegenseitig für unseren inneren Seelenhaushalt. So schenken wir uns die Gewissheit, dass wir erwünscht und willkommen sind, dass wir gebraucht werden.

Das scheint alles so selbstverständlich zu sein. Aber es ist nicht selbstverständlich, zumal dann nicht, wenn es uns Mühe bereitet, für andere da zu sein.
Ich denke an die Mutter, die mir von ihrem behinderten Kind erzählte. Wie anstrengend die Zeit war, als sie und ihr Mann für das Kind gesorgt haben. Und trotzdem, so erzählte sie, sei diese Zeit im Rückblick die wertvollste Zeit ihres bisherigen Lebens gewesen.
Ich denke an den Mann, der seine kranke Frau pflegte. Er sei in dieser Zeit kaum zur Ruhe gekommen und dennoch, so sagte er, sei er von Herzen dankbar dafür, dass ihm das möglich war.
Ich denke an die alte Frau, die mir einmal klagte: „Ich kann für meine Kinder gar nichts mehr tun. Ich komme ja nicht mal aus dem Haus. Aber“, fügte sie dann zögernd hinzu, „ich kann noch für sie beten.“ Liebe Gemeinde, auch auf diese Art und Weise können wir füreinander da sein.
Ich denke an die vielen anderen, die Mädchen und Jungen, an die Frauen und Männer, die sich täglich auf den Weg machen zur Schule, zu den Kaufhäusern, zu den Büros, obschon sie es dort nicht leicht haben. Solch eine regelmäßige Arbeit, die Disziplin, die in  jeder Arbeitsstelle erwartet wird, der Leistungsdruck, die körperlichen und geistigen Mühen, manches Mal sogar große Gefahren sind sehr, sehr anstrengend. Wir kennen das doch alle. Dazu kommen möglicherweise noch schwelende Konflikte. Sie zehren an den Kräften. Sie können auf die Dauer krank machen.

Warum tun wir das? Natürlich: Weil wir Geld verdienen, für unseren Unterhalt sorgen müssen, weil wir uns verpflichtet fühlen, für unsere Angehörigen da zu sein. Gewiss, liebe Gemeinde, das alles auch. Aber in vielen Fällen habe ich den Eindruck, schwingt noch ein anderes Gefühl mit, ein Gefühl der Verantwortung, ja, sogar noch mehr: auch ein Gefühl der Liebe – nicht zu den Mühen ihrer Tätigkeit, sondern zu den Menschen, für die wir da sein können oder einmal da sein werden. Diese Liebe, liebe Gemeinde, ist sie nicht auch von Gott und ein Zeichen dafür, dass er uns nicht allein lässt?

Auf die Frage, warum wir das, was so viel Mühe bereitet, tun, würden viele der Zeitgenossen mit der Gegenfrage antworten: „Wer soll das denn sonst tun, wenn nicht ich, der ich die Großmutter, der Vater, die Mutter, der Sohn oder die Tochter bin? Oder auch: Wer denn sonst, der ich doch für diesen Beruf ausgebildet bin, mich auskenne und den Menschen wirklich helfen kann?“

An dieser Stelle möchte ich die vielen Menschen würdigen, die sich ehrenamtlich für andere engagieren. Derer gibt es inzwischen so viele, dass ich sie gar nicht aufzählen kann.
Ich denke, es ist nicht übertrieben zu sagen: Viele finden in diesen Aufgaben, in diesem Für- andere- da- sein ihr Glück. Sie erfassen instinktiv, dass ihr Leben dadurch einen tiefen Sinn erfährt.
Liebe Gemeinde, diese Fähigkeit, füreinander da zu sein, ist von Gott.

Die Liebesgeschichte von Gott und Mensch, die vermutlich Lydia dazu bewegt hat, sich taufen zu lassen, setzt sich fort in unserem Leben und hält an darüberhinaus.
Wir dürfen uns geborgen wissen in allen Zeiten.
Amen