Der Vater und der Sohn und die Worte, die raus müssen - Predigt zu 5. Mose 6,4-9 von Wolfgang Petrak

Der Vater und der Sohn und die Worte, die raus müssen - Predigt zu 5. Mose 6,4-9 von Wolfgang Petrak
6,4-9

Der Vater und der Sohn und die Worte, die raus müssen

Liebe Gemeinde ,

was müssen wir sagen? Und wann? Und wie? Und was müssen wir dann tun? So fragen wir uns. Und so hatte sich Menachim gefragt.

Es war fast Abend geworden. Menachim hatte sich auf seinen Stein gesetzt, der am Rande seines Weingartens stand. So pflegte er es immer zu tun, wenn der Rücken schmerzte. Menachim hatte gelernt, dieses Signal zu deuten.  So wie er es auch eigentlich verstand, anderes, was außerhalb seiner Gedanken vor sich ging, zu verstehen, um dann seinen weiten Gedanken Worte geben zu können. Da drüben, lag Ehud im Gras. Heute war er endlich mal mit dabei gewesen. Es hatte Menachim einige Überwindung gekostet, Ehud zu überzeugen, dass er ihn heute bei der Arbeit auf dem Felde brauchen würde. Aber dann war er mitgekommen, hatte sich auch den ganzen Tag über verständig bei der Arbeit angestellt, doch nun, da die Sonne sich neigte, hatte Ehud die Arme unter seinem Kopf verschränkt und sah den gen Abend ziehenden Wolken nach.

Unweit von ihm, im weiten Schatten der Zeder, graste der Esel. Ach, Menachim konnte gar nicht zählen, wie oft sie den schmalen Weg vom Dorf hinauf und abends vor Einbruch der Dunkelheit zurück stetig-gemächlichen Schrittes gegangen waren; und so manches Mal, wenn sein müder Körper von der Arbeit auf dem Feld sich schmerzvoll gekrümmt hatte, hatte er sich oben auf die Last gesetzt und war von dem Tier geduldig getragen worden. Natürlich: zuweilen hatten sie dabei die Wand des Hohlweges berührt, auch so, dass sein Fuß sich zwischen Fell und Fels einzuklemmen drohte, doch eigentlich war es, wie jenes Sprichwort sagt, immer gut gegangen. Dieses Tier: es einfach da, verlässlich und klug, ja natürlich auch eigensinnig. aber zuverlässig. Soll es doch noch etwas fressen und sich stärken. Soll Ehud seinen Gedanken und Träumen doch einfach nachgehen, den ziehenden Wolken nachsehen, liegt in ihnen doch jene Wahrheit, die nur in der Stille für sich aufgeschlossen werden kann. Der Höchste gepriesen sei sein Name: gewiss, er mag dort thronen, bis in Ewigkeit.

Doch die Arbeit der Erde verlangt anderes. Wie hart sie ist, verrät die Sprache des Körpers nur zu beredt.  Die Reben zurückschneiden, daneben den Acker vom Unkraut reinigen, denn sie kennen keine Grenzen, diese Disteln und bitteren Kräuter, deren Name er nicht kannte im Gegensatz zu Abigail, seiner Frau, die für alles einen Namen hatte und oft genug über die Unwissenheit der Männer hell zu lachen pflegte. Menachim musste in Gedanken dabei selbst lächeln, denn es gibt einen, den Abigail von ihren spitzigen Wortpfeilen verschont, und das ist Ehud, ihr Sohn. Zum elften Mal hatten sie das Erntefest mit ihm gefeiert: ach ja, er hatte sich gemacht, der Junge, der zusehends zum Mann heranwuchs. Und wenn Menachim mal  eher im Scherz vom kleinen, feinen Herrchen sprach, zum Beispiel beim Essen, wenn Ehud das einfache Brot zurückwies und stattdessen nur den Honig erbat, nein: verlangte, um dann nochmals beim Fleisch zuzugreifen, dann pflegte Abigail nicht Ehud, sondern ihn, ihren alten Menachim schmallippig anzusehen, wobei sich immer ihre Augenbrauen sich zu seinem dunklen Strich zusammen zogen. Während Ehud dann durchaus wissend fein zu lächeln pflegte. Also doch ein feines Herrchen. Doch Menachim war immer klug genug, sich in solchen Fällen weitere Bemerkungen zu versagen, selbst wenn sie auf der Zunge gelegen hatten; selbst dann, wenn es so schien, als ob Mutter und Sohn die ihre Köpfe zusammenstecken würden. Nicht, dass sie über ihn lachen würden. Wohl aber wussten sie offensichtlich, irgendwelche Geheimnisse miteinander zu teilen. Menachim ließ es dabei und fragte nicht nach. Auch nicht, ob sie mit ihm schon mal darüber gesprochen hatte, wie es mit der Liebe zu gehen pflegt. Er für seinen Teil hatte sich immer zurück gehalten. Will es der eigenen Entwicklung überlassen. Nur nicht zerreden. Gewiss hat Ehud  alles, was die Mutter ihm an Wissen, an Begriffen, an Kniffen gezeigt hatte, aufgenommen, als ob es ein Leichtes ist. Er war ja auch wie selbstverständlich immer in der Nähe des Vaters geblieben, war ihm von klein auf zur Hand gegangen, hatte ihm das Werkzeug gereicht, wenn es etwas zu sägen, zu nageln, zu verleimen und verzapfen gab, hatte früh gelernt, umsichtig zu halten, mal hier ein Brett, dort einen Balken, der in der Stallwand zu verarbeiten war. Oder dort das Seil, dass, um die Spitze der Zeder geschlungen, dem zu fällenden Baum die notwendige Richtung geben sollte: Ehud ist verständig - nun gut, seine Stimme ist noch hoch und kindlich, doch Menachim ist sich sicher, dass sie bald brüchig werden wird. Wie der Jungen an den Reben steht, mit federnden Beinen, mit sich herausbildenden Muskeln, braungebrannt das Gesicht: ja, er wird früh ein Mann sein, ein richtiges Herr. Und das Mädchen, das er sich wählen wird, wird sich glücklich  schätzen dürfen… Heute Abend, so denkt Menachim unvermittelt, müsste er es eigentlich ihm endlich sagen, gewissermaßen von Mann zu Mann, wie sehr er …

Was müssen wir sagen? Und wann? Und wie? Und was müssen wir dann tun?

 Ach was, es ist jetzt Zeit, die Arbeit und den Gedankenflug zu beenden, die Abfälle sind zu bündeln und dem Esel aufzuladen, und dann könnten wir das Essen zu genießen, das Abigail uns beiden bereitet haben wird, und dann wird Zeit sein.

„Ehud, wir hören auf. Binde das Gestrüpp zusammen, lade  es dem Esel auf, vergiss nicht, ihn zuvor vom Baum loszubinden, damit er etwas Frisches grasen kann, denn auch er hat gearbeitet. Und dann geht es los. Ich glaube, es gibt…“. Lächelnd sieht Menachim, wie der Junge schier in Windeseile die Reisigzweige gebündelt hat, wie er sich eilt, um fertig zu werden. Der Vater vermeint das Knurren des Magens seines Sohnes zu hören, weiß er doch zu genau, wie die Worte: „Ich glaube, es gibt“ seine Gedanken in Richtung gebackene Weizenfladen, die in Öl getunkt waren, beflügeln; dazu frischen Käse und die Feigen vom alten Baum im Garten, o ja: so viel haben sie doch. Obwohl: es scheint ja im Leben immer Grenzen zu geben. Allein wenn man bedenkt, wie die Nachbarn leben, wie die tafeln können. Sind ja auch Herren. Wie sie arbeiten lassen können. Da braucht keiner seinen Sohn einzuspannen.

„Ehud! Was machst du da mit dem Esel“?

Erschrocken starrt Menachim in Richtung  Zeder. Wie abgemacht, hatte Ehud den Esel losgebunden, nicht aber, um ihn noch mal neu am Wiesenrand grasen zu lassen, sondern um ihn in den Weinberg zu treiben, wohl um dort ihm das Reisig aufzuladen und so die mühsame Zuwegung sich zu ersparen. Hell, nein schrill und scharf hört Menachim Ehuds Stimme, dieses „Wirst du wohl! Mach jetzt hin! Ich zeig dir, wer hier der Herr ist und wer hier das Sagen hat“! Dazu prügelt der Junge das Tier mit einer Gerte, aus der er sich doch in der Mittagspause einen Bogen hat fertigen wollen, es aber nicht geschafft hatte, weil es Zeit gewesen war, mit der Arbeit fortzufahren. „Hier“, schreit das Kind, „nimm das. Und das. Und das“. Und haut mit dem Stecken dem Tier auf den Rücken, nach dem die vorgehenden Schläge an die Fersen nur das zornige Auskeilen des Esels bewirkt hatten. Behände ist der Junge vor den Esel gesprungen, um jetzt zum Schlage auf den Kopf des Tieres auszuholen, genau zwischen die Augen. Schrecklich gellen die Schreie des Tieres, so wie es Menachim noch nie gehört hatte; unbeholfen seine Versuche, durch einen Sprung auszuweichen: der Junge ist einfach zu schnell, er beherrscht im Voraus jede Bewegung des Tieres, die letztlich ein nur unzureichendes Ausweichen vor der jähen Pein bedeuten könnte.

„Hier, nimm das. Und das. Und das dafür, weil du nicht hören kannst“.

„Ehud“!

 Menachim ist aufgesprungen und läuft los, ohne auf den stechenden Schmerz seines Rückens zu achten; die Anhöhe hinauf, auf den prügelnden Knaben und das gequälte Tier zu. Und wenn es den Rücken zerreißt, der Schmerz seines Herzens ist größer. Er achtet nicht auf sein Stolpern, sondern beschleunigt trotzdem seine Schritte und den Lauf seiner Gedanken. Wo sind die Worte, die jetzt raus müssen?

„Ehud“. Menachim weiß, dass er so nie mit seinem Sohn geredet hat. vielleicht, weil er sich nie getraut hat. Aber jetzt muss es sein. Und was? Und wie?

„Ehud, du sollst den Herrn, deinen Gott, lieb haben“.  Gehört das hierher? Es ist doch alles, was Menachim gelernt hat. „Du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von allem Vermögen“.

Das ist alles.

Ehud lässt den Stock fallen und sieht zu seinem Vater auf.

Ja, das ist wirklich alles, denn es geht unter die Haut, prägt sich ein bis ins Herz.

„Komm, wir können gehen“.

Perikope
22.06.2014
6,4-9

KONFI-IMPULS zu 5. Mose 6,4-9 von Cornelius Kuttler

KONFI-IMPULS zu 5. Mose 6,4-9 von Cornelius Kuttler
6,4-9

Der Bibeltext – was Konfis bewegt

Der Predigttext am 1. So. n. Trin. lässt Themen anklingen, die den Brückenschlag zur Konfirmandenarbeit und zu lebensweltlichen Themen von Jugendlichen ermöglichen. Vor allem die Frage nach der Kommunikation der Glaubenstradition ist m. E. hier von Bedeutung. Ist doch in der Konfirmandenarbeit die Diskussion über die Kommunikation des Glaubens hinsichtlich Memorierstoff und Katechismuslernen bleibend aktuell. Dass Auswendiglernen – das Einschärfen der Worte, wie es der Predigttext pointiert formuliert – von Konfirmandinnen und Konfirmanden oft als notwendiges Übel empfunden wird, ist kein Geheimnis.

Der Predigttext fragt danach, was für unser Leben von so hoher Bedeutung ist, dass wir es uns merken wollen.

Wenn Jugendliche gezwungenermaßen sich etwas merken müssen, seien es Englischvokabeln, mathematische Formeln oder Katechismustexte, so mag das Gelernte im besten Fall im Kopf, aber noch lange nicht im Herzen bewahrt werden. Damit Dinge einen Platz im Herzen finden, muss ihre unmittelbare Lebensrelevanz spürbar sein. Es ist immer wieder erstaunlich, was und wieviel Jugendliche sich merken und im Herzen bewahren können – von der aktuellen Bundesligasituation über verinnerlichte Spielabläufe beim „Zocken“ mit ihren Smartphones bis hin zu individuellen Hobbys und Interessen.

Der rote Faden der Predigt zu 5. Mose 6,4-9 könnte im Blick auf die Konfirmandinnen und Konfirmanden in der Frage liegen: „Was ist so wichtig am Glauben an Gott, dass ich es mir für mein Leben merken möchte?“

Konsequenzen für die Predigt

1)      Wer vor Gott kniet, kann vor Menschen aufrecht stehen

Die programmatische Eröffnung des Predigttextes proklamiert den Herrschaftsanspruch Gottes. Für mich ist sehr erstaunlich, welche Bedeutung diesem Anspruch Gottes an unser Leben von Konfirmandinnen und Konfirmanden beigemessen wird. Ich beobachte dies oft im Themenfeld des Dekalogs. Bei der Beschäftigung mit den 10 Geboten erstellen die Jugendlichen spielerisch ein Ranking der Gebote. Wie zu erwarten, rangiert das 5. Gebot oft auf den ersten Plätzen, frappierend für mich ist aber die Beobachtung, dass für viele Jugendliche auch das erste Gebot hohe Relevanz besitzt. Daran könnte die Predigt anknüpfen und den befreienden Impuls des göttlichen Herrschaftsanspruchs ausdeuten: Wer sich in der Beziehung zu Gott verortet weiß, kann menschlichen Herrschaftsansprüchen gelassen und aufrecht entgegen treten.

2)      Nur die Liebe zählt

Die Frage nach der Liebe ist ein Themenfeld, das für Jugendliche ohne Zweifel von hoher Bedeutung ist. Verliebtsein und die Beziehung der Geschlechter spielen eine große Rolle. Demgegenüber werden Jugendliche wahrscheinlich der Beziehung zu Gott den Begriff „Liebe“ weniger zuordnen. Hier könnte die Predigt die für die Gottesbeziehung auf den ersten Blick ungewöhnliche Beziehungskategorie der Liebe aufgreifen und ihre Implikationen skizzieren.

Anregungen für den KU

Zum Thema „Liebe“ könnten die Jugendlichen auf Herzen aus Papier/Pappe schreiben, was Liebe für sie bedeutet. Eine Präsentation und ein sich anschließendes Gespräch nehmen diese Impulse auf. In einem zweiten Durchgang notieren die Jugendlichen ebenfalls wieder auf Herzen, welche Begriffe für sie die Gottesbeziehung beschreiben.

Diese Entdeckungen werden mit dem Bibeltext ins Verhältnis gesetzt.

Das Lied „Ja“ der Band Silbermond könnte dazu hilfreiche Anknüpfungspunkte bieten (Album „Himmel auf“).

 

Perikope
22.06.2014
6,4-9

Zeichen, die uns helfen zu leben - Predigt zu 5. Mose 6, 4-9 von Søren Schwesig,

Zeichen, die uns helfen zu leben - Predigt zu 5. Mose 6, 4-9 von Søren Schwesig,
6,4-9

Zeichen, die uns helfen zu leben

Liebe Gemeinde,

im Judentum gibt es die Sitte, am Rahmen der Eingangstür eine Kapsel zu befestigen. In dieser Kapsel, Mesusa ge­nannt, steckt eine kleine Per­gament­rolle mit dem jüdischen Glaubens­bekenntnis geschrieben steht. Es wird nach seinen Anfangsworten Schma Jis­rael genannt, zu Deutsch: Höre Israel. Verlässt oder betritt ein Jude das Haus, küsst er die Kap­sel als Zeichen der Ehrerbietung gegenüber diesem Glaubensbe­kenntnis.

Vor ihrem Gebet binden Juden sich Gebetsriemen um den linken Arm und auf die Stirn. Auch diese enthalten eine Kapsel mit dem Schma Jisrael.

Dieses jüdische Glaubensbekenntnis ist das Herzstück jüdischen Glau­bens. Das Schma Jisrael bringt man schon Kindern bei und flüstert es Neugeborenen ins Ohr als erstes Wort, das sie von der neuen Welt hören. Das Schma Jisrael sind oft die letzten Worte, die Sterbende sprechen, oder die man ih­nen hinterher ruft. Mit dem Schma Jisrael beginnen Juden ihren Tag und beenden ihn. Mit dem Schma Jisrael auf den Lippen starben jüdische Märtyrer durch die Jahr­hunderte hindurch.

Dieses Schma Jisrael ist unser heutiges Predigtwort. Verse aus dem 6. Kapitel des 5. Buch Moses:

4 Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein. 5 Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft. 6 Und diese Worte, die ich dir heute ge­biete, sollst du zu Herzen nehmen 7 und sollst sie deinen Kindern ein­schärfen und davon reden, wenn du in deinem Hause sitzt oder unter­wegs bist, wenn du dich nieder­legst oder aufstehst. 8 Und du sollst sie binden zum Zeichen auf deine Hand, und sie sollen dir ein Merkzeichen zwischen deinen Augen sein, 9 und du sollst sie schreiben auf die Pfos­ten deines Hauses und an die Tore.

Dieses Glaubensbekenntnis redet davon, dass Gott einzigartig ist. Worin aber liegt seine Einzigartigkeit?

Gott ist zunächst einmal einzigartig, weil er der einzige ist. Es gibt kei­nen anderen Gott! Israel lernte in seiner Geschichte in einem langen und schmerzhaften Prozess, keine fremden Götter zu verehren. Immer wieder ermahnten die Propheten das Volk, sich allein auf den einen Gott zu verlassen. Gott ist einzigartig, weil er der einzige ist. Damit Israel das niemals vergesse, sagt das Glaubensbekenntnis: Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein.

Einzigartig ist aber auch, wie Gott mit uns Menschen umgeht. Einzigartig ist, dass er mir nicht nur das das Leben gegeben hat, sondern dass er auch mitgeht in meinem Leben. Einzigartig ist, dass er mir in den Festzeiten meines Lebens nahe ist und in den Krisenzeiten zur Seite steht. Einzigartig ist, dass ich dann, wenn mein Lebensboot in Stürme gerät und zu kentern droht, bei ihm Halt finde und Geborgenheit. Damit wir das niemals vergessen, ist auch uns gesagt: Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein.

Dass Gott mitgeht, hat Israel in seiner Geschichte immer wieder erlebt: Als er sie mit starker Hand aus Ägypten führte. Als er sie am Sinai zu seinem Volk erwählte und ihnen ver­sprach, nicht von ihnen zu weichen. Und als er sie ins Gelobte Land führte, auf dass sie dort neue Heimat finden.

Und wenn, nachdem Juden fast 2000 Jahre als Flüchtlinge in allen Ländern verstreut lebten - wenn in wenigen Jahren die Menschen in Israel das 70-ste Jahr der Staatsgründung – so Gott will - werden feiern können: Ist dieses Jubiläum nicht Zeichen dafür, dass Gottes Versprechen noch immer besteht und er noch immer zu seinem Volk hält? Möge Israel und sei­nen Nachbarn Friede beschert sein.

Dass Gott mitgeht, hat auch die Christenheit in der Geschichte immer wieder erlebt:

Ein Pfingstfest ist mir besonders in Erinnerung. Wir feierten in Südfrankreich den Pfingstgottesdienst mit der dortigen evangelischen Gemeinde - Nachfahren der Hugenotten. Im Frankreich des 17. und 18. Jahrhunderts waren die Hugenotten wegen ihres Glaubens auf unbeschreibliche Weise verfolgt wor­den. Aber sie blieben standhaft und hielten daran fest, dass Gott auch in der Not bei ihnen ist und ihnen zur Seite steht. Dass wir, evangelische Christen aus verschiedenen Nationen, Jahrhunderte später miteinander Pfingsten feiern konnten, verdankt sich der Glaubenstreue dieser Hugenotten.

Dass Gott mitgeht, haben wir selbst in unserem Leben immer wieder erlebt. Ihm zu danken für sein Nahesein in Zeiten des Glücks ist nicht schwer. Schwer wird es in Krisenzeiten. Da fragen wir dann, warum Gott uns diese Wege gehen lässt? Ob er es nicht ganz anders hätte machen können?

Ich denke an einen Jugendfreund. Der erste damals in unserem Viertel, der sich gegen seine Eltern durchgesetzt hatte und lange Haare trug. Der erste, der rauchte. Der erste, der sich mit Mädchen traf. Und der erste, der ein Rennrad besaß. Ich erinnere mich noch heute an den Abend, als mein Vater mir eröffnete, dass mein Freund mit seinem Rennrad einen Unfall hatte. Er würde überleben, aber querschnittgelähmt sein.

Monate lang war er in Krankenhäusern und Reha-Aufenthalten. Schließlich kam er zurück und lebte unter uns wie zuvor, nur jetzt im Rollstuhl. Er besuchte auch wieder die Jugendgruppe der Gemeinde. Eines Abends wurde er dort gefragt, wie er nach dem Schlimmen, was er erlebt hatte, noch an Gott glauben könne, warum er seinen Glauben nicht verloren hätte. „Ich habe ich in den vergangenen Monaten oft gefragt, warum Gott das zugelassen hat“, antwortete er. „Ich habe dar­auf keine Antwort bekommen. Aber eins weiß ich: Ich hätte diese Zeit niemals überstanden, wenn ich mir nicht sicher gewesen wäre, dass Gott bei mir ist!

Gott ist bei uns in den Fest- und den Krisenzeiten unseres Lebens – wenn wir uns seine Nähe auch manchmal anders wünschen. Aber er ist bei uns! Damit wir das niemals vergessen, ist auch uns gesagt: Höre, Israel, der HERR ist unser Gott, der HERR allein.

So ist also Gott und so handelt er an uns. Was soll nun unsere Antwort auf Gott und sein Tun an uns sein. Unsere Antwort soll Liebe sein: Und du sollst den HERRN, deinen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.

Nun kann man aber Liebe nicht befehlen. Das würde ihrem Wesen wi­dersprechen. Liebe geschieht freiwillig oder sie geschieht nicht. Wie ist das also mit der Aufforderung, Gott zu lieben?

Um Gott lieben zu können, muss ich zuvor etwas erkennen. Ich muss erkennen, wie Gott an mir gehandelt hat und noch handelt. Ich muss erkennen, dass er auf mich wartet, dass er schon lange ein Auge auf mich geworfen hat, dass ich ihm unsagbar viel wert bin. Wenn ich das erkannt habe, kann auch der zweite Schritt folgen: Dass ich mich ganz und gar auf Gott einlasse und von seinem Wort führen lasse – und so erfülle, was da gefordert ist: „Du sollst den Herrn, dei­nen Gott, lieb haben von ganzem Herzen, von ganzer Seele und mit all deiner Kraft.

Jesus hat diese Forderung ergänzt mit den Worten: Und du sollst dei­nen Nächsten lieben wie dich selbst." Mit dieser Zufügung bringt Jesus keine neue Lehre! Aber er wehrt ein Missver­ständnis ab, als könne einer sagen: Der Glaube an Gott ist mir wichtig! Aber muss ich deshalb auch meines Bruders Hüter sein? Jesus sagt: „Ja. Du kannst Gott nur lieben, wenn du auch deinen Nächsten liebst. Beides kannst du nicht trennen. Gottesliebe und Nächstenliebe gehören zusammen.“

Nun haben wir Menschen die Angewohnheit, dass wir schnell vergessen. Vor allem das Gute, weni­ger das Schlechte. Gutes vergessen wir schneller, an Schlechtes können wir uns noch Jahre später erinnern.

Damit ich nicht vergesse, mich von Gott führen zu lassen, gibt unser Predigtwort praktische Hilfen. Eine Kapsel im Türrahmen. Gebetsriemen um Arm und Stirn. Das Judentum praktiziert dies noch heute. Bei den Christen ist das schon früh verschwunden. Schade eigentlich! Manchmal denke ich, uns nüchternen Protestanten täten mehr äußerliche Zeichen und Gebräuche gut.

Aber wir haben andere Zeichen und Gebräuche, die uns helfen, uns von Gott führen zu lassen. Wir haben das Gebet. Das Gebet verbindet mich mit Gott. Ich brauche das Gebet, denn ich brauche das Ge­spräch mit Gott. Keine lebendige Be­ziehung zwischen Menschen kommt ohne das Gespräch aus. Kein Paar kann eine gute Ehe füh­ren, wenn man sich nicht dem ande­ren mitteilt und ihn teilhaben lässt an den eigenen Wünschen, Ängsten und Freuden. Genauso mit Gott. Das Gebet verbindet mich mit ihm. Es gibt mir die Gewissheit, dass ich nicht allein durch das Leben gehe, sondern dass er mich führt und stärkt.

Neben dem Gebet brauche ich die Stille. Den Rückzug aus Lärm und Alltagstrubel. Die Stille auf einer Parkbank, in einer Kirche oder den eigenen vier Wänden. Ich brauche die Stille, um zu mir selbst und dann auch zu Gott zu kommen. Die Stille hilft mir begreifen, dass ich nicht in der Zu­kunft oder Vergangenheit lebe, sondern in der Gegenwart. Hier, in der Gegenwart, will Gott mir begegnen.

Wichtig auch der Gottesdienst. Er ist der Ort, an dem ich mich versichere, dass da noch andere sind, die zu Gott gehören und die durch den Glauben zueinander gehören. Eine Gemein­schaft, eine Familie. Der Gottesdienst versichert mich, dass da noch andere sind, die wie ich versuchen ihr Christsein mit Ernst zu leben und die wie ich auch gelegentlich mit Pauken und Trompeten daran scheitern. Die dann aber auch Vergebung erfahren. Menschen, die mit mir beten und singen, einfach da sind. Die „Gemeinschaft der Heiligen“, an die ich, an die wir glauben.

Gebet, Stille, Gottesdienst. Um mich von Gott führen zu lassen, braucht es auch das Tun des Guten. Nicht damit Gott mich liebt, sondern weil er mich liebt.

Das Tun des Guten - das mag die Frau sein, die mit großer Treue regelmäßig eine Nach­barin besucht, die ans Bett gefesselt ist, und sie so wissen lässt: Du bist nicht allein!

Das mögen die unter uns sein, die sich um die Zukunft unserer Welt küm­mern, nicht wortreich, sondern durch Taten. Die sich für den Schutz der Schöpfung und den verantwortungsvollen Um­gang mit ihr einsetzen. Und die, die mit ihrem Gebet in der stillen Kammer für andere in der Gemeinde einste­hen und so zu Kraftspendern werden. Oder auch die Jugendlichen und junge Erwachsenen in unseren Gemein­den, die ihre Freizeit dafür opfern, dass Kinder und Ju­gendli­che in Gruppen geistige Begleitung erfahren und hinein­wachsen können in unsere Gemeinde.

Viele andere Zeichen und Gebräuche gibt es, die mir helfen, mich von Gott und seinem Wort führen zu lassen. Aber das Wichtigste ist, dass ich nicht vergesse, sondern immer wieder neu höre, dass da einer ist, der er auf mich wartet, dem ich unsagbar viel wert bin und der mich nicht vergisst. Weil das so ist, darum Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr allein.

Amen.

Perikope
22.06.2014
6,4-9