Predigt zu Philipper 4,10-13(14-20) mit Psalm 73,28 von Gerlinde Feine

Predigt zu Philipper 4,10-13(14-20) mit Psalm 73,28 von Gerlinde Feine
4,10-20

Vorbemerkung: Die Predigt ist (zu) lang und hat (zu) viele Beispiele, aus denen passend zur jeweiligen Gemeindesituation eine Auswahl getroffen werden muß. Am besten, man findet eigene Konkretionen.

„Gott nahe zu sein ist mein Glück.“ Dieser Vers aus dem 73. Psalm wird uns als Losung durch das neue Jahr begleiten. Mir ist er in der Übersetzung der Lutherbibel geläufiger: „Das ist meine Freude, dass ich mich zu Gott halte.“ So endet ein Psalm, der viel erzählt von menschlichen Erfahrungen, von Niederlagen und Konflikten, vom Scheitern und vom Selbstzweifel, und dann doch wieder bei Gott landet: „Dennoch bleibe ich stets an dir“ (V. 23 LB), heißt es am Ende und „Neben dir erfreut mich nichts auf der Erde“ (V.26 EÜ). Was immer in einem Menschenleben passiert, ob einer reich oder berühmt und mächtig geworden ist oder ob alles anders kommt als man es sich gewünscht hat – am Ende gelten andere Maßstäbe: „Ja, gut ist Gott für … alle, die reinen Herzens sind.“ (V.1 – eigene Übersetzung). Gut ist er zu denen, die ihm vertrauen, auch wenn es scheint, als ob die anderen, die Gottlosen, mehr vom Leben hätten, erfolgreicher und glücklicher wirken. Am Ende stimmt es dann doch: „Gott nahe zu sein ist mein Glück.“

Der Apostel Paulus hat diese Worte gut gekannt. Ein wenig scheint es, als habe er sich an sie erinnert, als er seinen Freundinnen und Freunden in der Gemeinde von Philippi schrieb, um ihnen für ihre Unterstützung zu danken. Ich lese uns den Predigttext aus Phil 4, 10-20: ….

(Verlesen des Predigttextes)

Was hätte aus ihm nicht werden können, diesem Saulus aus Tarsus? Aus einer angesehenen jüdischen Familie, aber mit römischem Bürgerrecht, hochintelligent, gebildet, finanziell gesichert durch eine solide Berufsausbildung, erfolgreicher Absolvent der Tempeluniversität in Jerusalem, Meisterschüler des großen Rabban Gamliel II., Chefankläger von religiösen Abweichlern im Auftrag des Priesterkollegiums – und dann der Karriereknick, von jetzt auf gleich, ohne Vorwarnung, ohne Not. Eine Erscheinung soll er gehabt haben, sagt man. Ein Unfall auf dem Weg nach Damaskus; er sei vom Pferd gefallen – und hat alles hingeworfen: Auftrag, Karriere, die glänzenden Aussichten. Sogar seinen Namen geändert hat er, als er ausgestiegen ist aus seinem seitherigen Leben. Nennt sich jetzt Paulus. Zieht durch die Welt, sucht Anhänger, gründet Gemeinden. Wovon er lebt?!? Gelegenheitsjobs. Immer mal wieder Aufträge in seinem alten Beruf. Spenden. Lebensmittelpakete, die ihm seine Freunde ins Gefängnis schicken. Denn eingesperrt wird er immer wieder. Manchmal für Jahre. Da muss er froh und dankbar sein, dass er Besuch bekommt, manchmal von weit her. Sie bringen ihm, was er zum Leben braucht, dazu Tinte und Pergament zum Schreiben. Und er hat nichts, womit er sich bedanken könnte. Also schreibt er – wunderbare Briefe, das muß man ihm lassen, voll mit großen Gedanken und tiefen Weisheiten. Er ist eben immer noch ein kluger Kopf. Was hätte nicht alles aus ihm werden können?

Was hätte nicht aus ihm werden können, diesem mutigen jungen Schweizer, der sich furchtlos auf die steilsten Pisten wagte? Viele sahen in ihm schon den nächsten Olympiasieger; es war „sein“ Winter, für den er alles gegeben hatte. Dann kam das Rennen in Val d’Isere: Er war wieder blendend unterwegs; Bestzeit an allen Kontrollstellen. Bis es ihm den Ski verschlug und er mit über 100 km/h in die Fangzäune raste. Dort, wo er aufschlug, lag ein Stein, den die Sicherheitsleute übersehen hatten. Seitdem ist Silvano Beltrametti querschnittsgelähmt. Mit viel Gottvertrauen und Humor hat er sich zurück ins Leben gekämpft, alles neu gelernt vom Rollstuhl aus, sogar das Skifahren. Heute organisiert er Rennen für die anderen, für die, die jetzt die Medaillen gewinnen. Mit ihnen wollte er sich seit seiner Kindheit messen. Nun werden andere berühmt.

Was hätte aus ihr werden könnten, wenn…. – so denke ich jedes Jahr, wenn ich den Weihnachtsgruß meiner besten Freundin aus der Schulzeit lese. Sie war die Klügste von uns allen, immer Klassenbeste, sportlich, beliebt, bildhübsch noch dazu. Top-Abitur, Prädikatsexamen, toller Job gleich nach dem Studium. Dann lernte sie diesen Typen kennen, wurde schwanger, heiratete und steckte nun alle Energie in ihre Bilderbuchfamilie. Fuhr die Kinder zum Musikunterricht und zum Training, kümmerte sich um Haus und Garten, engagierte sich ehrenamtlich. „Ich bin glücklich und zufrieden so“, sagte sie beim letzten Klassentreffen, als wieder einmal alle berichteten, was sie beruflich erreicht hatten, aber es klang ein wenig trotzig. In diesem Jahr kam kein Weihnachtsgruß. Jemand erzählte mir, sie habe sich von ihrem Mann getrennt; er habe jetzt eine Jüngere. Sie selbst sei auf Jobsuche, längst unter ihrem Wert, finde den Anschluss nicht mehr. Ihre Ehrenämter hat sie aufgegeben. Sie meide den Kontakt zu denen, die sie an das erinnerten, was hätte werden können, wenn…

Was hätte aus ihnen werden können, Elena aus Spanien, Dimitri aus Griechenland, Mary aus Irland und Achmed aus Tunesien, wie stünden sie heute da ohne die Wirtschaftskrise, die Korruption, die Globalisierung, die Gewalt? Sie alle wünschen sich ein gesichertes Auskommen, eine gute Zukunft, eine Perspektive im eigenen Land und aus eigener Kraft. Sie alle wünschen sich, zuhause bei ihren Familien und ihren Freunden zu leben. Nun sind sie Teil der großen Völkerwanderung, die Arbeitskräfte quer durch Europa schickt, kämpfen um die Anerkennung ihrer Abschlüsse und um die schwierigen Begriffe einer neuen Sprache, denken, während sie Fremden im Pflegeheim die Betten aufschütteln, besorgt an die Alten daheim, schreiben im Internetcafé in Köln eMails voller Sehnsucht an die Kinder nach Hause, warten auf Lampedusa und Linosa auf gültige Papiere und die Weiterreise. Sieht so das Glück aus, das sie suchten? Warum wird so wenig dafür getan, dass sich etwas ändert? Wer sorgt dafür, dass alle das haben, was sie brauchen – und tun können, was sie vermögen?

Was hätte werden können im vergangenen Jahr, wenn wir unsere Vorsätze vom letzten Neujahr alle in die Tat umgesetzt hätten? Was ist uns vielleicht erspart geblieben? Was ist gut gegangen? – Und schließlich: Was könnte werden in diesem neuen Jahr, das gerade angefangen hat? Diese Fragen stellen wir uns, wenn wir den Wandkalender wechseln oder die Jahresrechnungen abheften, Glückwünsche fürs neue Jahr austauschen und uns noch einen Rückblick gönnen aufs alte.

Was wäre, wenn? Wären wir dann glücklicher, mehr als im Moment? So zu fragen ist meist deprimierend und im Grunde überflüssig. Es zählt, was ist. „Ich kann niedrig oder hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut, satt sein und hungern, Überfluss und Mangel leiden“, schreibt Paulus dazu, „ich habe gelernt, mir genügen zu lassen, wie’s mir auch geht.“ Ändern lässt sich daran sowieso nichts. Besser also, man arrangiert sich? Oder kommt es sowieso auf ganz andere Dinge an, auf geistlichen Reichtum, auf Ansehen und Autorität, auf Gemeinschaft und Frieden? Was zählt denn nun – die Maßstäbe des Erfolgs, die wir gelernt haben und an die uns andere, Erfolgreichere, immer wieder erinnern? Oder doch die großen Werte, die besonderen Gaben, das innere Glück?

Das ist nicht so leicht zu beantworten. Auch der Beter des 73. Psalms hadert damit und braucht lange, um seinen Neid auf das „Glück der Gottlosen“ in den Griff zu bekommen. Es kostet ihn viel Einsicht, um schließlich sagen zu können: „Ja, gut ist Gott für alle, die reinen Herzens sind. Gott nahe zu sein ist mein Glück.“ Gleichzeitig muss er sich beherrschen, um nicht den anderen eine lange Nase zu drehen: „Ihr mögt zwar reich, berühmt, gesund und schön sein – aber seht her, ich habe den Herrn auf meiner Seite.“ Denn das ist die Gefahr beim Umwerten, dass wir das Große klein und die vermeintlichen Sieger zu Verlierern machen – und damit wieder am Anfang stehen, weit weg vom Glück.

Auch Paulus hat dieser Versuchung immer wieder einmal nachgegeben, dann und wann, in manchen Briefen oder beim Zusammentreffen mit den anderen Aposteln. Wie wir konnte er gelegentlich bitter werden, wenn der Erfolg der vielen Mühen auf sich warten ließ oder zunichte gemacht wurde, wenn die Gaben, die er anderen brachte, nicht mit Dankbarkeit empfangen, sondern mit geistlichem Hochmut beantwortet wurden. Es hat auch ihn Überwindung gekostet, in der Schuld anderer zu stehen und auf Dauer von ihnen abhängig zu sein, und manchmal spürte auch er den Drang in sich, dem etwas entgegenzusetzen, um sich nicht gar so klein und gescheitert zu fühlen.

Doch mit den Leuten in Philippi war es anders. Zu dieser Gemeinde hatte Paulus ein besonderes Verhältnis. Hier fühlte er sich angenommen und umsorgt. So fiel es ihm leicht, die Spenden anzunehmen, die seinen Lebensunterhalt wenigstens kurz sichern halfen. Als er Kleinasien verließ, um auch in Europa Menschen für Christus zu gewinnen, kam zunächst nur aus Philippi der nötige Rückhalt. Nach Thessaloniki wurden mehrmals Boten gesandt mit Carepaketen und Geld. Doch mindestens so sehr wie über die materielle Unterstützung, die „in Fülle“ bei ihm eintraf, freut sich Paulus über Zuneigung und geistlichen Austausch: „Ich suche nicht das Geschenk, sondern die Frucht, damit sie euch angerechnet wird.“ Er weiß ohnehin, dass er nie zurückzahlen kann, was ihm geschenkt wurde, und ist anständig genug, diese hochwillkommene Hilfe nicht mit seinem Aposteldienst zu verrechnen. Er redet auch nicht schlecht, dass man in Philippi so gut wirtschaften und ihn mit durchfüttern kann, und spielt geistliche gegen wirtschaftliche Beiträge zur gemeinsamen Arbeit nicht gegeneinander aus. Das Evangelium hat er umsonst und gratis weitergegeben, so wie er es selbst empfangen hat, denn Gottes Gnade ist zwar nicht billig, aber immer kostenlos und völlig losgelöst von dem, wie viel jemand spendet oder stiften geht. Dennoch fühlt er sich nicht wie ein Almosenempfänger, der auf Gedeih und Verderb dem Wohlwollen anderer ausgesetzt ist: „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.“

Paulus und die Philipper lassen die gegenseitige Abhängigkeit nicht zum bestimmenden Element ihrer Gemeinschaft werden. Noch immer kann Paulus kritische Punkte offen ansprechen und auf die geistlichen Impulse reagieren, die ihm geschenkt werden. In Fragen des Glaubens führen Gemeinde und Apostel eine Beziehung auf Augenhöhe, auch wenn die einen mehr für den anderen zahlen und dieser wiederum mehr für sie alle nachdenkt über die Heilige Schrift, die er ihnen von Christus her erklärt. Beide Seiten brauchen einander – und beide sind dankbar dafür, dass sie sich gefunden haben. Nur miteinander können sie das Evangelium glaubwürdig ausbreiten, in mitreißenden Predigten und in Gesten und Gaben der Barmherzigkeit

Ihr Vorbild lässt sich in viele Bereiche übertragen, von den vielen EU-„Rettungsschirmen“, die den Krisenländern wieder auf die Beine helfen sollen, über konkrete Hilfen für Menschen in Armut oder Ausbildungsförderung für Kinder aus sozial schwachen Familien, bis hin zu Spenden für Brot für die Welt oder die Katastrophenhilfe, und nicht zuletzt für die Alimentierung der Hauptamtlichen in unserer Kirche, die durch ihr Gehalt freigestellt werden von der Erwerbsarbeit, um sich für die gesamte Gemeinde um Theologie und Verkündigung kümmern zu können.

·         Ich denke an die vielen und gewinnbringenden Partnerschaften zwischen Gemeinden hier und drüben in Thüringen oder der Slowakei: Nicht alle haben es geschafft, unter veränderten Bedingungen nach der Wende weiter in gutem Kontakt zu bleiben.

·         Dass die ehemaligen Missionskirchen heute als eigenständige und vollwertige Partner auch in Fragen der Theologie und Ethik gehört werden und mitentscheiden wollen, ist für manchen engagierten Unterstützerkreis immer noch recht ungewohnt.

·         Die größte Herausforderung besteht hier bei uns oft darin, denen unter uns, die auf Spenden und Aktionen wie Tafelladen, Vesperkirche u.a.m. angewiesen sind, ihre Würde nicht zu nehmen, sondern ihnen einen geachteten Platz in der Mitte der Gemeinde zu gönnen.

Paulus und sein Freundeskreis in Philippi machen uns vor, wie wir mit unseren ganz unterschiedlichen Gaben, mit unseren sehr verschiedenen wirtschaftlichen Möglichkeiten und auch mit unserer individuellen Not trotzdem geschwisterlich miteinander umgehen, wie wir uns unsere Würde lassen und uns gegenseitig mit dem beschenken können, was wir selbst aus Gottes guten Händen empfangen haben. Sie zeigen uns, dass die Werte und Maßstäbe, nach denen wir Erfolg und Scheitern beurteilen, vor Gott nicht wichtig sind. Sie fordern uns heraus, so miteinander umzugehen, wie es dem Urteil Gottes über uns entspricht, liebevoll und „auf Augenhöhe“. Sie zeigen uns, was wirklich stark und mächtig macht, und wie zufrieden die leben, die auch in schwieriger Lage von sich sagen können: „Gott nahe zu sein ist mein Glück“.

Paulus hat davon erzählen können. Seine Besucher, wie Epaphroditos, der aus Philippi gekommen war, um nach dem Rechten zu sehen und (einmal mehr) dringend Benötigtes vorbeizubringen, haben diese Geschichten von Gottes starkem Wirken im schwachen Apostel und seinem Dienst weiter verbreitet und so dem Evangelium Raum gegeben.

Bis heute werden solche Geschichten erzählt. Mitten unter uns finden sie ihre Fortsetzung. Der letzten Weltjugendtag in Rio de Janeiro hatte einen emotionalen Höhepunkt mit der Vigilfeier und der anschließenden Nachtwache an der Copacabana. Eine riesige Menschenmenge – die Rede war von knapp 2 Millionen – feierte dabei zunächst ganz so, wie es bei solchen Großveranstaltungen überall üblich ist. Dann kam ein (übrigens sehr gutaussehender) junger Mann im Rollstuhl auf die Bühne, Felipe Passos, 23 Jahre alt, aus Brasilien. Er erzählte von seiner Jugendgruppe, die sich seit dem letzten Treffen in Madrid intensiv auf den Weltjugendtag im eigenen Land vorbereitet hatte, und von dem Überfall, bei dem ihnen die gemeinsame Spendenkasse gestohlen und Felipe selbst angeschossen und schwer verletzt wurde. Dann brach er ab, nahm das kleine Holzkreuz in die Hand, das er um den Hals trug, und erklärte: „Um Zeugnis abzulegen, brauchen wir nur auf das Kreuz schauen und auf die Erfahrung, die wir beim Beten machen.“ Noch während er sprach, sah man, wie in der riesigen Menge, die sich am Strand versammelt hatte, immer mehr Menschen ganz unbewusst nach dem Kreuz griffen, das sie selbst dabei hatten. Sehr unterschiedliche Kreuze waren das übrigens, nicht nur die Pilgerkreuze, wie Felipe eines trug, auch solche, die an silbernen Kettchen am Hals junger Mädchen hingen oder als Abschluss an den Perlen des Rosenkranzes baumelten oder als Zeichen bischöflicher Würde zum Ornat gehörten. Kreuze, so unterschiedlich wie die Erfahrungen, die ihre Trägerinnen und Träger mit ihnen gemacht hatten und so verschieden wie die Hoffnungen, die in diesem Moment zum Gebet wurden:

-          Die Sorge um einen Ausbildungsplatz und um eine gesicherte Zukunft

-          Das Glück der ersten großen Liebe

-          Die Angst vor Krieg und Gewalt

-          Die Fürbitte für Kranke und Sterbende

-          Die Anliegen der Menschen, die einem anvertraut wurden

-          Die Ideen und Ideale einer besseren Welt

-          Der Dank für Familie und Freunde….

Doch obwohl alle still ihren eigenen Gedanken nachhingen, schien es, als spürten in diesem Moment alle die besondere Kraft der Verbundenheit mit Jesus Christus – „den, der mich mächtig macht“, wie Paulus sagen würde: der, in dessen Nähe wir Glück finden.

„Jeder von uns trägt sein Kreuz“, hatte Felipe – Philippus! – in seinem Statement gesagt: „Ich erkenne darin Jesus Christus, schaue über das Kreuz auf mein Leben und sehe, was darin steckt: Freude, Sieg, Auferstehung.“ Starke Worte eines durch Christus gestärkten Menschen! Niemand wäre in diesem Moment auf die Idee gekommen zu fragen, was gewesen wäre, wenn Felipe die Einbrecher nicht überrascht hätte. Keiner fragte, was aus ihm hätte werden können ohne die schwere Verletzung, und auch sonst niemand muss sich fragen oder hinterfragen oder schief anschauen lassen, egal welch merkwürdige Wendungen sein Leben genommen hat, wie viele Misserfolge weggesteckt, wie viele Brüche geheilt werden mussten. Es war ganz so wie im Lobgesang der Maria, die Gott dafür dankt, dass er die Niedrigen zu Ehren bringt und den vom Leben Benachteiligten und Enttäuschten Würde und Selbstachtung gibt. Äußeres Zeichen dafür ist das Kreuz…

…. auch für Silvano Beltrametti, der ein Jahr nach seinem Sturz den Unfallort besuchte und einen langen Moment der Stille mit dem Kreuzzeichen beendete.

… auch für die von ihrem Mann verlassene Freundin, die eine Gemeinde gefunden hat, in der sie unterstützt und gebraucht wird.

.. auch für Elena, Dimitri, Mary, Achmed und alle, die wie sie auf der Suche nach einem besseren Leben Menschen finden, die sie um Christi willen unterstützen.

… erst recht für Paulus, der verschenkt, was er empfangen hat, und auch dafür Gott zu danken weiß:

„Ich vermag alles, durch den, der mich mächtig macht“, den Gekreuzigten und Auferstandenen, denn „Gott nahe zu sein ist mein Glück.“

Im Lobgesang der Maria bekennen wir, dass bei Gott die Mächtigen nicht immer stark bleiben werden und die Rechtlosen zu ihrer Sache kommen: „Er stößt die Gewaltigen vom Thron und erhöht die Niedrigen.“ Er macht wahr, was er zusagt und steht unbedingt zu seinem Wort und zu seinen Menschen. Das Kreuz Jesu Christi ist dafür das beste Beispiel: Nicht einmal der Tod kann sich Gott widersetzen; das Leben behält das letzte Wort.

Wir brauchen deshalb „Erfolg“ und „Karriere“ und „Macht“ nicht mehr in den Kategorien zu messen, die uns diese Welt vorgeben möchte. Wäre es nicht ein guter Vorsatz für das neue Jahr, unser Leben „über das Kreuz hinüber“ anzuschauen, so wie es der junge Felipe Passos vorgeschlagen hat, es also mit dem Blick Gottes zu sehen, voller Wohlwollen und Güte? Ich bin überzeugt davon, dass wir ganz ähnliche Erfahrungen machen werden wie Paulus und seine Freunde in Philippi, wie die vielen Menschen letzten Sommer am Strand von Rio und wie der, der den 73. Psalm aus der Fülle seiner Lebenserfahrung aufgeschrieben hat, damit ihn andere mitbeten können. So Gott will spüren wir, dass unser Glück nicht von Wohlstand oder Berühmtheit abhängt, sondern davon, auf Gott zu vertrauen und dankbar zu sein für das, was von ihm kommt – Gesundheit, Lebensunterhalt, Vertrautheit und Liebe, Licht und Musik.

Gemeinsam beginnen wir ein neues Kalenderjahr. Wieder werden wir nicht alles planen können und schon gar nicht alles bekommen, was wir uns wünschen. Das brauchen wir auch nicht. Denn „ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht – und wer Gott nahe ist, der findet das Glück.“

Amen.

Perikope
01.01.2014
4,10-20

Predigt zu Philipper 4,10-20 von Bert Hitzegrad

Predigt zu Philipper 4,10-20 von Bert Hitzegrad
4,10-20

Der Predigttext für diesen ersten Tag des neuen Jahres steht im Philipper-Brief im 4. Kapitel.
Paulus schreibt:

Ich bin aber hocherfreut in dem Herrn, dass ihr wieder eifrig geworden seid, für mich zu sorgen; ihr wart zwar immer darauf bedacht, aber die Zeit hat's nicht zugelassen.

Ich sage das nicht, weil ich Mangel leide; denn ich habe gelernt, mir genügen zu lassen, wie's mir auch geht. Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides, Überfluss haben und Mangel leiden; ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.

Doch ihr habt wohl daran getan, dass ihr euch meiner Bedrängnis angenommen habt.

Denn ihr Philipper wisst, dass am Anfang meiner Predigt des Evangeliums, als ich auszog aus Mazedonien, keine Gemeinde mit mir Gemeinschaft gehabt hat im Geben und Nehmen als ihr allein.

Denn auch nach Thessalonich habt ihr etwas gesandt für meinen Bedarf, einmal und danach noch einmal. Nicht, dass ich das Geschenk suche, sondern ich suche die Frucht, damit sie euch reichlich angerechnet wird.

Ich habe aber alles erhalten und habe Überfluss. Ich habe in Fülle, nachdem ich durch Epaphroditus empfangen habe, was von euch gekommen ist: ein lieblicher Geruch, ein angenehmes Opfer, Gott gefällig. Mein Gott aber wird all eurem Mangel abhelfen nach seinem Reichtum in Herrlichkeit in Christus Jesus. Gott aber, unserm Vater, sei Ehre von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

Und Gott segne dieses sein Wort an uns und lasse es auch durch uns zu einem Segen werden. Amen.

Liebe Gemeinde!

Seit 0 Uhr schreiben wir ein neues Jahr. Die Sektkorken haben geknallt, die Raketen sind in das Dunkle der Zukunft geflogen und Wünsche hatten Hochkonjunktur:  „Einen guten Rutsch, Hauptsache Gesundheit, bleibe so wie Du bist im Neuen Jahr …“

Seit 0 Uhr heißt das Jahr „2014 nach Christi Geburt“. Wieder ein neuer Anfang, wieder ein Aufbruch ins Unbekannte. Wieder ein Jahr weiter.

Seit 0 Uhr gilt ein neuer Kalender! Haben Sie den neuen schon aufgehängt oder hängen Sie noch am alten. Noch sind die Tage unbeschrieben, auch wenn die Termine schon den Kalender füllen. Noch wissen wir nicht, was sie bringen werden.  

Was überwiegt an dieser Schwelle zwischen Alt und Neu, zwischen Rückblick und Ausblick, zwischen Gestern und Morgen? Das  Glück, die Freude, die Chancen und Möglichkeiten, die jeder Tag mit sich bringen kann? Ist es doch die Vorsicht, die Sorge, die Angst vor dem, was kommen kann und was nicht zu den Neujahrswünschen passt? Oder kommt nichts mehr – das neue Jahr im täglichen Trott so wie im alten …? Es macht keinen Spaß mehr das „Wandern von einem Jahr zum andern“ (EG 58,2), wenn es mühsam geworden ist - auf ausgetretenen Pfaden, auf Wegen, die nicht voran führen, sondern sich nur im Kreis bewegen ... Und wieder fängt ein altes Lied von vorne an!

Schon wieder fängt der gleiche Tag von vorne an. Filmkundige kennen und lieben diese Szenen in „Und täglich grüßt das Murmeltier“ – die amerikanische Filmkomödie aus dem Jahr 1993. Doch, es ist nicht nur zum Lachen, wenn man das Gefühl hat, in einer Zeitschleife zu leben und immer wieder an genau demselben Tag aufzuwachen. So geht es dem arroganten und zynischen TV-Wetteransager Phil (gespielt von Bill Murray), der seinen alljährlichen Auftrag hasst, vom „Tag des Murmeltieres“ (Groundhog Day) am 2. Februar aus der nordamerikanischen Kleinstadt Punxsutawney zu berichten. Er wird dort vom plötzlich einbrechenden Schneesturm festgehalten, durchlebt wieder und wieder denselben Tag, den 2. Februar.  Jeden Morgen springt der Radiowecker auf 6.00 Uhr und weckt mit derselben monotonen Stimme … Und Phil hört dieselben Fragen, begegnet denselben schrulligen Kleinstadtbewohnern und demselben verschlafenen Murmeltier jeden Tag neu. Jeden Tag …

Das Leben wie ein Gefängnis, aus dem man nicht ausbrechen kann!

Paulus sitzt im Gefängnis. Ganz konkret. Abgeschottet, isoliert, hinter Mauern. Er muss mit dem Schlimmsten rechnen. Und es gelingt ihm doch aus dem starren Verließ auszubrechen. Zumindest gedanklich. Seine Gedanken gehen zu der jungen Gemeinde in Philippi, zu den „Brüdern, nach denen er sich sehnt“ (vgl. Phil 4,1). Aber auch umgekehrt scheint es so zu sein: Die Gemeinde, „Brüder und Schwestern“, wissen sich mit dem Apostel verbunden, nicht erst seitdem er im Gefängnis sitzt. Sie haben ihn und seine Arbeit schon öfter unterstützt durch freundliche Gaben. Offenbar können sie es sich leisten, den Missionar auf seinen Missionswegen zu sponsern – vielleicht aus persönlicher Verbundenheit, vielleicht auch aus Dankbarkeit. Vielleicht aus dem Evangelium heraus, das Paulus ihnen gebracht hatte. Er hatte den bezeugt und verkündigt, der selbst niedrig und gering geworden ist. Die Verletzlichkeit einer menschlichen Geburt hatte er erlebt, die Endlichkeit des gewaltsamen Todes. Er, der eigentlich groß war, hat sich klein gemacht, klein gemacht, um bei den Kleinen und wenig geachteten zu sein, den Sündern, den Kinder und Frauen, den Verzagten, den angefochtenen im Glauben. Und er hat sie darin ermutigt, mit den Schwachen die Schwäche zu teilen und mit den Verachteten und Verlassenen solidarisch zu sein: Kranke besuchen, Hungrige sättigen, Nackte kleiden und diejenigen, die im Gefängnis sind, nicht allein zu lassen. Paulus ist im Gefängnis und fühlt sich offensichtlich nicht allein. Seine Brüder – und Schwestern – haben von ihm gelernt. Sie sind bei ihm in jeder Lebenssituation – als er noch bei ihnen war und „von oben“ gepredigt hat. Und nun, als er „ganz unten“ angekommen ist. Im Gefängnis.

So ist das im Leben: die einen sind „unten“ und die anderen sind „oben“. „Mir ist alles und jedes vertraut!“ sagt der Apostel von seinem Leben. Wir kennen das auch! Da gibt es unsagbaren Reichtum auf dieser Welt und gleich daneben bittere Armut. Da herrschen die einen und die anderen müssen sich beherrschen lassen. Da erleben wir Glücksmomente und sind im siebten Himmel und kurz danach fallen wir in ein Loch – in das Loch einer Krankheit, der Arbeitslosigkeit, der Angst vor der Zukunft. Das ganze Leben war voller Aktivität und Selbstbestimmung – immer oben auf – und plötzlich kommt im Alter das gepflegt werden müssen, die Abhängigkeit von anderen, das Gefühl, nichts mehr wert zu sein, nicht mehr gebraucht zu werden. „Oben und unten, lieber Paulus, auch wenn wir noch nicht im Gefängnis waren - wir kennen uns da auch aus. Und wir haben die Angst, dass wir auch im neuen Jahr immer wieder in ein Loch fallen werden. Dass die Wirtschaft nicht mehr bergauf geht, dass uns ein Unfall oder eine Krankheit aus der Bahn wirft, dass Menschen, die uns vertraut sind, gehen müssen, dass es Trennungen und Abschiede gibt … Lieber Paulus, wir wünschen uns, oben zu bleiben und haben Angst vorm Untergehen? Was macht Dich so mutig?“

Paulus ist im Gefängnis und scheint die Ketten der Angst zu sprengen. Er hat gelernt, beides zu tragen, zu ertragen, das niedrig und das hoch Sein, das satt Sein und das Hungern, den Überfluss und den Mangel. Ein Lernprozess! Dafür reicht offenbar nicht diese Predigt aus noch dieser Gottesdienst. Und auch nicht der erste Tag des neuen Jahres. Lernen ist ein ständiger Prozess.

Vielleicht war das ganze letzte Jahr ja solch ein Lernprozess für Sie! Es ist nicht lange her, da wurden auf allen Kanälen die „Highlights 2013“ beleuchtet, in den Zeitungen gab es die Rückblicke mit den Katastrophen und Glücksmomenten der letzten 365 Tage. Wie ist ihre persönliche Bilanz? Waren sie mehr „oben auf“ oder eher „niedergeschlagen“. Sagen Sie, das ist ein Jahr, das kann ich getrost zurücklassen. Oder spüren Sie Dankbarkeit für besondere Momente. Haben Sie Gottes Nähe erfahren – vielleicht nicht so gewaltig wie die Stürme im Herbst, eher sanft und säuselnd wie der leichte Wind im warmen Sommer des letzten Jahres? Hilfe in schweren Zeiten, neue Perspektiven, wo alles sich im Kreis drehte, zärtliche Berührungen in einer rauen Gesellschaft, ein fester Grund in Momenten, in denen das Leben sich als unsicher und brüchig erwies …?

Paulus sitzt im Gefängnis, und er hat gelernt, dass ihm das genügt, was er gerade hat. Und mit den Gegensätzen des Lebens hat er reichlich Erfahrung. Er, der Pharisäer auf hohem Ross, der vor Damaskus vom Pferd gestürzt wurde. Er, der meinte, er hätte den Durchblick und die Autorität in Sachen Wahrheit und Glaube. Er wurde blind von dem wahren Licht, das ihm begegnete. Und er ist mit Christus, dem Licht des Lebens durch Tod und Auferstehung gegangen, durch Missionserfolge und Christenverfolgung, von der herzlichen Gemeinschaft in den neuen Gemeinden zur Isolation in der Gefängniszelle … Er hat gelernt. Und er hat sich einen Blick bewahrt – den Blick für die Dankbarkeit. Nicht nur für die freundlichen Gaben seiner Gemeinde, die ihn aus der Einsamkeit herausreisen. Sondern er kann dem danken, der ihn auch in aller Bedrängnis nicht allein lässt: „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht!“ Und es ist als ob Christus selbst mit ihm in seinem Verließ ausharrt, ihm das Wasser und das Brot reicht und die Kraft schenkt und die Zuversicht tief in das Herz gibt, dass er nicht allein ist. Er hätte sicherlich mit einstimmen können in die Worte des Gefangenen der Nazi-Zeit – Dietrich Bonhoeffer. Worte, die heute noch Menschen aus ihren Gefängnissen befreien: „Von guten Mächten wunderbar geborgen erwarten wir getrost, was kommen mag. Gott ist mit uns am Abend und am Morgen und ganz gewiss an jedem neuen Tag.“

Und Phil, der TV-Reporter, den „täglich das Murmeltier grüßt“ in der amerikanischen Komödie – wie ist er aus dem Käfig der sich immer wieder wiederholenden Zeit ausgebrochen? Das Ekel vom TV-Wetterkanal hat sich zu einem wahren Wohltäter entwickelt. Er hat sein Wissen über den Tagesablauf für andere eingesetzt. Er, der nur sich selbst kannte, zeigt Zuneigung zu den Menschen, denen er begegnet. Und er verliebt sich in seine Kollegin Rita (im Film von der einfach liebenswerten Andie MacDowell gespielt). Und – Sie erraten das Happy End – diese Liebe entreißt ihn der Zeitschleife und beide wachen an einem 3. Februar in seinem Bett auf. Ein neuer Tag kann beginnen. Für Phil ein neues Lebens.

Und wie werden Sie aufwachen – am 2. Januar, am 3. Februar oder am 6. September 2014?

Gefangen in der sich ewig wiederholenden Zeitschleife oder mit dem Blick auf neue, geschenkte Zeit? Satt vom Lebensglück oder hungrig nach Zuneigung und Liebe? Im Überfluss der Gnade Gottes oder mit dem Mangel an Hoffnung und Perspektiven?

Paulus scheint der Mann für alle Fälle und für die einfachen Antworten zu sein. „Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.“ Doch wie Phil auf der Leinwand braucht auch Paulus im Gefängnis einen langen Atem, um diese Antwort zu finden. Aber dort, wo dieser Durchbruch durch die Mauern gelingt, da öffnet sich ein weiter Raum. Da liegt ein ganzes Jahr vor uns mit allen Chancen und Möglichkeiten, mit den Risiken, in denen wir nur hoffen können, dass Gottes Macht uns hindurchträgt und den Nebenwirkungen, die uns so leicht den Blick für seine Nähe verstellen.

Aber wir haben doch gelernt. Im letzten Jahr. Er war da und ist bei uns geblieben. Und hielt uns fest. Und als wir fielen, fielen wir in seine Hand. Dieser Blick und diese Dankbarkeit schenken Vertrauen. Vertrauen für das, was kommt. Denn er geht mit von einem Jahr zum andern, durch die Höhen und die Tiefen, durch Freud und Leid, durch das Grau des Alltags und den Glanz der glücklichen Momente.

Und wenn ich ihn nicht spüre – liegt es an ihm oder an mir? Wenn ich mich gefangen nehme lasse von dem Druck der Termine, von dem Einerlei der Tage, von der Klage „Es ist doch eh immer dasselbe!“ – wer hat die Schlüssel in der Hand und ist der Kerkermeister. Er oder ich?

Der Blick macht frei. Der Blick auf Christus an meiner Seite. Der erwartungsvolle Blick auf jeden Tag. Der Blick auf Menschen, die mir ihre Nähe schenken, die guten Gaben für mein manchmal so beengtes Leben. Die Gaben der Gemeinschaft, der Gebete, der Gedanken. Der fürsorgliche Blick auch auf Menschen, die meine Nähe brauchen, meine Liebe, meine Sorge für sie. Und nehme ich sie in den Blick, schaue ich nicht in die Augen Christi?

Seit 0 Uhr ein neues Jahr, ein neuer Kalender, Zeit, geschenkte Zeit der Erwartung, der Veränderung, Zeit auch des Stillstands. So wie er war, so bleibt er an meiner Seite.

„Gott nahe zu sein ist mein Glück!“ heißt es in der Jahreslosung 2014 aus den Psalmen (Ps 73,28). Paulus als jüdischer Gelehrter kannte diese Worte. Und er konnte sie mitsprechen – sogar im Gefängnis. Und wir im Jahr 2014? Es mag ein anderes Glück sein als das Glück der Wünsche aus der Neujahrsnacht. Aber es ist ein Glück, dass uns voller Vertrauen in ein neues Jahr gehen lässt. Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus zum ewigen Leben. Amen.

Perikope
01.01.2014
4,10-20