Lied auf einen Absteiger - Predigt zu Philipper 2,5–11 von Walter Meyer-Roscher

Lied auf einen Absteiger - Predigt zu Philipper 2,5–11 von Walter Meyer-Roscher
2,5-11

Lied auf einen Absteiger

Liebe Gemeinde,

Wer will schon zu den Absteigern gehören? Wir wollen nach oben und dabei festhalten, was wir haben, nach Möglichkeit mehr dazugewinnen, mehr erreichen. Fortschritt, Aufstieg – eine machtvolle Dynamik, die wir in Gang setzen und die uns in ihren Sog hineinzieht.

In einem seiner Lieder hat Wolf Biermann schon vor Jahren vom mühsam aufsteigenden, stetig aufsteigenden, unaufhaltsam aufsteigenden Menschen gesungen. „Aber da brechen doch Fragen auf,“ sang Biermann und er fragte in seinem Lied, wohin der Mensch denn überhaupt aufsteigen will oder auch aufsteigen muss. „Steigt er da auf zur Freiheit oder, was wir schon ahnten, zu den Fleischtöpfen?“ Wie soll das nur weitergehen, wenn alle zu den Fleischtöpfen aufsteigen wollen? „Steigt dann die Menschheit auf im Atompilz zu Gott, und, was wir schon ahnten, ins Nichts? So viele Fragen um einen, der aufsteigt.“ So viele Fragen um alle, die immer nur aufsteigen wollen; so viele Fragen an unser Bemühen um Fortschritt, Aufstieg, Weiterkommen, Mehr-haben-wollen.

Geht es wirklich aufwärts zur Freiheit oder doch  nur zu den Fleischtöpfen des eigenen Vorteils? Wie wollen wir diesen Aufstieg eigentlich vor denen verantworten, die da nicht mithalten können, die zurückbleiben müssen, weil ihnen die Kräfte, das Selbstvertrauen und der Mut abhanden gekommen sind. Vielleicht sind  sie  sogar im allgemeinen Aufstiegskampf zu Boden getreten, ihrer Lebensmöglichkeiten und ihrer Menschenwürde beraubt worden. Viele Fragen, die beantwortet werden wollen.

Sie werden noch drängender, Angst einflößender, wenn es um die Zukunft einer ganzen Welt geht, die nur den Aufstieg kennt und wahr haben will. Wir erleben es doch. Jeder Fortschritt kann so schnell in das Gegenteil dessen umschlagen, was einmal gewollt war. Wir machen ja auch entsetzliche Fortschritte in der Technik des Zerstörens von Lebensmöglichkeiten ganzer Gruppen und Völker, von Zukunftschancen kommender Generationen, bis hin zur massenhaften Vernichtung der Menschlichkeit.

Wolf Biermann hatte schon Recht, als er in seinem Lied fragte: „Steigt da die Menschheit auf im Atompilz zu Gott, und, was wir schon ahnten, ins Nichts?“

Ja, wenn wir Aufsteiger nur nach oben sehen, werden wir Gott jedenfalls da nicht finden. In einer alten jüdischen Erzählung blickt ein Mann zurück in die Glaubensgeschichte seines Volkes und fragt einen Rabbi: „Früher gab es Menschen, die Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen haben. Warum gibt es die heute nicht mehr?“ Darauf antwortet der Rabbi: „Weil sich niemand mehr so tief bücken will.“

Das älteste Glaubenslied der ersten Christen, das Paulus in seinem Brief an die Gemeinde in Philippi weitergibt, nimmt die Antwort des Rabbi auf. Das Lied sucht Gott da, wo Christus ist, und es schildert diesen Christus als Absteiger.

 Gott ist nicht da oben, sondern ganz unten,  wohin Christus abgestiegen ist zu denen, die unten sind, die Opfer des maßlosen zerstörerischen Aufstiegs derer, die um die Macht kämpfen – die Macht über ganze Völker, über globale Märkte, über alle Lebensbereiche.

Der, von dem dieses älteste christliche Glaubensbekenntnis singt, ist einen Weg gegangen, der ganz nach unten führte. Er ist ihn freiwillig und bewusst gegangen, um so zu bewähren, was er von Gott gesagt und was er im Namen Gottes getan hat.

Martin Luther hat das alte Lied nachgesungen. Wir singen es in jedem Jahr zu Weihnachten mit: „Er äußert sich all seiner G’walt, wird niedrig und gering, und nimmt an sich ein’s Knechts Gestalt, der Schöpfer aller Ding.“ Sein Abstieg im Namen Gottes zu denen, die ganz unten sind, hat ihn ans Kreuz gebracht. Ja, so tief muss man sich bücken, um auf diesem Weg Gott zu begegnen.

„Keines seiner Worte ( der Worte Christi) glaubte ich“, schreibt der Dichter und Schriftsteller Rudolf Otto Wiemer,  „hätte er nicht geschrien „Gott, warum hast du mich verlassen?“ Das ist mein Wort, das Wort des untersten Menschen. Und weil er selber so weit unten war, ein Mensch, der WARUM schreit und schreit VERLASSEN, deshalb könnte man auch die anderen Worte, die von weiter oben, vielleicht ihm glauben“.

Deshalb kann sich jeder, sollte sich auch jeder an diesem Christus orientieren. Paulus fordert dazu auf: Seid unter euch so gesinnt, wie es der Gemeinschaft in Christus entspricht, sagt er, wie es in seinem Geist ein auf Gott und seine Gebote hin ausgerichtetes Zusammenleben ermöglichen will.

Darum geht von Christi Weg nach unten, von Gottes Abstieg mit ihm eine ungeahnte Kraft aus, wird eine neue Hoffnung lebendig. Gottes Macht hat sich mit seiner, auch mit unserer Ohnmacht verbunden – eine Hoffnung für alle, denen unsere Aufstiege, die Aufstiege unserer Zivilisation, unserer Wirtschaftskraft, unserer wissenschaftlichen und technischen Fähigkeiten Angst macht. Ein neues Gottvertrauen, das die erfahren können, die ihre Abstiege leidvoll erleben, die sich irgendwann einmal in ihrem Leben, vielleicht auf Dauer, unten wieder finden. Eine neue Orientierung, die unseren Blick auf die lenkt, die noch weiter unten als wir um ihre nackte Existenz, ihr Überleben kämpfen müssen.

Das alte Glaubenslied ist mit dem Hinweis auf den Weg Christi ans Kreuz noch nicht zu Ende, weil dieser Abstieg nicht Gottes letztes Wort ist. „Darum“, so heißt es in dem Lied der ersten Christen dann weiter, „hat ihn (den Gottessohn und Menschenbruder) auch Gott erhöht und hat ihm den Namen gegeben, der über alle Namen ist, dass in dem Namen Jesu sich beugen sollen aller derer Knie, die im Himmel und auf Erden und unter der Erde sind“.

Das sollten wir nicht als bloßen Machterweis und dann doch allmächtiges Herrschaftsgebaren dieses Jesus verstehen, sondern als eine Aufforderung, sich zu bücken, um Gott, den Vater  ganz unten bei uns zu erkennen.

Wir sind eher geneigt, uns vor Macht und Machtstreben, vor der Vision von den Fleischtöpfen des eigenen Vorteils zu verbeugen. Das Bekenntnis in dem alten Glaubenslied, „dass Jesus Christus der Herr ist, zur Ehre Gottes, des Vaters“, sollten wir so aufnehmen, dass wir neben denen in die Knie gehen, die am Boden sind, und mithelfen, dass sie wieder auf die Beine

kommen und auf sicheren Füßen stehen, sich in einer solidarischen Gemeinschaft wiederfinden können. Das wäre ein Bekenntnis in der Gesinnung, die Jesus entspricht und Veränderungen zum Guten in unserer Welt lebenszerstörender Aufstiege und erzwungener Abstiege bewirken kann.

Amen

Perikope
20.03.2016
2,5-11

Lass den Christbaum und die Nüsse, wo der Pfeffer wächst? - Predigt zu Philipper 2,5-9 von Peter Lampe

Lass den Christbaum und die Nüsse, wo der Pfeffer wächst? - Predigt zu Philipper 2,5-9 von Peter Lampe
2,5-9

Lass den Christbaum und die Nüsse, wo der Pfeffer wächst?
Das Abendland auf der Suche nach sich selbst


Liebe Weihnachtsgemeinde,

„Morgen, Kinder, wird’s nichts geben.“[1] In solch keckem Ton reimte Erich Kästner Weihnachtsgedichte in der Weimarer Republik. Ihm damals wie uns in diesem Jahr gelingt es nicht gänzlich, eine Weihnachtsstimmung zu zaubern, die für einen Tag die Welt draußen versinken lässt.[2] Aus Kästners Weihnachtsgedicht von 1930[3] wehen uns die Zeilen entgegen:

„Lieber, guter Weihnachtsmann,
weißt Du nicht, wie’s um uns steht?
Schau dir mal den Globus an.
Da hat einer dran gedreht [….]

In den Straßen knallen Schüsse.
Irgendwer hat uns verhext.
Lass den Christbaum und die Nüsse
diesmal, wo der Pfeffer wächst [….]

Und nach München lenk die Schritte,
wo der Hitler wohnen soll.
Hau dem Guten, bitte, bitte,
den Germanenhintern voll! [….]

Komm, erlös uns von der Plage,
weil ein Mensch das gar nicht kann.
Ach, das wären Feiertage,
lieber, guter Weihnachtsmann!“

Das war 1930.

Ja, das wären Feiertage, wenn mit einem Schlag die Probleme, die uns derzeit umtreiben, aus der Welt verschwänden. Aber den Deus ex Machina, den Weihnachtsmann, gibt es nicht. Wir müssen uns selbst darum mühen, die Werte unseres Grundgesetzes zu verteidigen – gegenüber Noch-Minderheiten, die an Extrempolen unseres Gemeinwesens agieren. Die einen werfen Brandsätze durch Asylheimfenster und fühlen sich angefeuert von Hetzern auf öffentlichen Plätzen und in Onlineforen. Einige drohen den Leiter der evangelischen Stadtmission Dresden umzubringen, weil er sich für Geflüchtete einsetzt, so dass Polizisten ihn schützen. Andere am entgegengesetzten Pol verabscheuen alle, die ihre islamistische Spielart von Religion nicht teilen. Beide scheren sich so wenig um unser Grundgesetz wie die Terroristen, die in Straßen sich in die Luft sprengen. Die einen treibt Islamophobie, die andern Ungläubigenhass, beide eint oft Antisemitismus. Aber hüten wir uns, das Bild, das solche Minderheiten geben, zum Bild der Muslime schlechthin zu machen. Hüten wir uns, die Krakeeler von rechts zum Bild all derer zu machen, die sich um dieses Land sorgen. Zwischen den Extrempolen stehen Zigmillionen in diesem Lande – Muslime, Juden, Christen, Atheisten – als ein buntes Spektrum. Sie eint, zu unserem Grundgesetz zu stehen, dessen Werte zu praktizieren und von Weimar uns so zu unterscheiden. Unzählige treten dafür ein, die je anderen zu achten. Ihnen zu erlauben, angstfrei anders zu sein. Sie scheuen sich nicht, die Ochsentour des Sich-Bildens in fremden Kulturen und den felsigen Eselspfad der Fremdenliebe unter die Füße zu nehmen, anstatt in deutschtümelnder Stallwärme sich zu beduseln. Sich-Öffnen gegenüber dem Fremden. Unzählige in unserem Gemeinwesen tun dies. Welch ein Segen! Welch ein Unterschied zu Weimar!
 
Mit der Haltung des  Sich-Öffnens gegenüber dem Anderen stehen wir im Zentrum der Weihnachtsbotschaft. Sie behauptet nichts weniger als dies, dass Gott selbst – anstatt sich selber zu genügen – menschlich sich dieser Menschheit öffnet. Sie behauptet nichts weniger als dies, dass Gott den Menschen in dem Mann aus Nazareth so hautnahe kam, dass in dessen Wirken etwas über das barmherzige Wesen Gottes aufscheint. Eines Gottes, der sich nicht scheute, die Füße schmutzig auf dem Weg hin zu den Menschen und die Hände unrein zu machen beim Berühren ihrer Schwächen. Eines Gottes, der uns so nahe kam, dass er im Jerusalemer Praetorium und auf Golgatha in das unendliche Leiden dieses Menschengeschlechts eintauchte. Ich lese aus dem uralten Hymnus in Philipper 2, aus den 30er/40er Jahren des ersten Jahrhunderts:

„Ein jeglicher sei bei euch gesinnt, wie Jesus Christus auch war:  Welcher, ob er wohl von göttlicher Gestalt war, hielt er's nicht für einen Raub, Gott gleich sein. Er entäußerte sich selbst, nahm Knechtsgestalt an und ward gleich wie ein andrer Mensch und an Gebärden als ein Mensch erfunden. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tod [….] Darum hat ihn Gott erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über allen Namen ist“ (2,5-9).

Immanuel ist dieser Name, übersetzt: Gott-mit-uns. Dies bedeutet Weihnachten, froh und getrost machendes Weihnachten. Als Mensch uns nahe gekommen, lädt Gott uns in dem Immanuel aus Galiläa ein: „Kommet her zu mir, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch aufrichten”  (Mt 11,28), „mit euch“ sein (28,20). Mit jedem von euch. Mit den Einsamen. Mit den Familien. Mit unseren Nächsten und mit denen weiter entfernt. Gott wagt Liebe.

Verzeihen Sie, wenn ich zum weihnachtlichen Wagnis der Liebe einen weiteren Schriftsteller bemühe, einen, der vor 25 Jahren vor Weihnachten verstarb, einen häretischen Protestanten, der in unserer Welt des faszinierend Absurden auch über das Wagnis der Liebe schrieb: Friedrich Dürrenmatt. In Grieche sucht Griechin notierte er: „Die Liebe ist ein Wunder, das immer wieder möglich“, ja, nötig ist, denn „Die Hoffnung, ein Sinn sei hinter all dem Unsinn,  hinter all dem Schrecken, vermögen nur jene zu bewahren, die dennoch lieben“ (GW 4, S. 407); die die Liebe gegen das Absurde setzen, gegen das Erschrecken.

Was bedeutet es für Christen, dass Gott selbst das Abenteuer der Liebe wagt? Paulus erzählt ein paar Zeilen weiter aus seinem eigenen Erleben. Von dem sich hingebenden Gott wachsen ihm Lebenskraft und Frohmut zu (Phil 2,13; vgl. 4,4)—selbst so zu handeln, wie Christus tat: sich anderen, selbst Fremden zuzuwenden und dabei eigene Interessen und Rechte zugunsten der anderen oftmals zurückzustellen (2,5-9). „Liebe nahm den Staub von meiner Seele“, dichtete der Moslem Rumi im 13. Jahrhundert. „Nur in der klaren Luft der Selbstlosigkeit vermag das Herz zu fliegen“.[4]
 
Wenn wir als europäische Gesellschaft angesichts von Migration, Islamdebatte und Terrorrisiko auf der Suche nach uns selbst sind, dann gehört zu unserer Identität diese Kulturleistung, sich liebend über die eigenen Clangrenzen hinaus dem Anderen zuzuwenden — und so nicht nur für uns selbst und die uns Gleichen im eigenen Stall zu leben.

Aber da ist noch ein Zweites, das unveräußerbar zu unserer Identität als „christliches Abendland“ gehört und mit dem Ersten zusammenhängt. Gab es solch ein „christliches Abendland“? Ja, so etwas gab es, aber nicht als Monolithen, vielmehr stets als vielgesichtiges Abendland, das aus stimulierender Vielfalt heraus kreativ wurde, Dissens als bereichernd empfand und in Dialog und Disput Wahrheit suchte.

Ethnisch bunt, ließ Europa Albrecht Dürer zu einem urdeutschen Maler werden; Dürers Vater kam aus dem östlichen Ungarn von der rumänischen Grenze. Viel früher, im 2. Jahrhundert, wurde ein Palästinenser zum christlichen Philosophen in Rom (Justin), und im selben Jahrhundert wirkte ein Mann aus Smyrna, dem heutigen Izmir, als Bischof von Lyon (Irenäus), während nicht weit weg, in Avignon, zur selben Zeit ein Bauer aus Syrien zu seinem syrischen Gott für gute Ernte betete (IG XIV 2481). Zu Beginn desselben Jahrhunderts scherzte Juvenal (Sat. 3.60–65), dass in Rom der syrische Fluss Orontes mit orientalischen Klängen direkt in den Tiber münde. Ein Nordafrikaner der Spätantike beeinflusste Luthers Theologie in Wittenberg (Augustin). Und so ließe sich die Liste durch die Jahrhunderte weiterführen. Migration und geistiger Austausch über geographische und ethnische Grenzen hinweg belebte von jeher Europa. Das zeichnet Europa aus.

Das Abendland zeichnet eine Kultur der Polyphonie aus, in der islamisch vermitteltes aristotelisches Methodenwerk  und christliche Inhalte scholastisch zusammenfanden. In der jüdische Gelehrte sich an zweideutigen Bibelstellen den Geist schärften und den gelehrten Streit übten. In der die muslimischen Mauren auf der iberischen Halbinsel Naturwissenschaften, Dichtung und Musik förderten. In der ein bunter biblischer Kanon heiliger Schriften, voller Spannungen und Widersprüche steckend, zwangsläufig zu einem Christentum führte, das in eine Vielfalt von Schulen und Konfessionen sich auffächerte. Oft wurde die widersprüchliche Mehrstimmigkeit der Bibel beklagt. In Wahrheit war sie ein Segen für Europa. Denn die biblische Vielstimmigkeit setzte eine polyphone Kultur aus sich heraus, in der um Wahrheit gestritten werden musste; in der andere Interpretationen und Meinungen gehört werden mussten, da sie sich ebenfalls auf heilige Schrift beriefen. Eine polyphone Kultur, in der gelernt wurde, Sachverhalte von verschiedenen Seiten zu betrachten, was unweigerlich in den Wortstreit führte.[5]

Europa darf stolz sein auf seine vielen Stimmen. Wenn wir als Errungenschaften unserer Kultur den demokratischen Dialog herausstellen, in dem alles infrage gestellt werden darf, in dem gestritten und frei die Meinung geäußert werden darf, dann haben wir dies auch, auch dem heterogenen biblischen Kanon zu verdanken, der in seiner Uneindeutigkeit die Leser immer wieder neu zu eigenem Denken herausforderte. Auch dies gehört zum Erbe des Geburtstagskindes Jesus von Nazareth—neben der Liebe zum mir Fremden.

Als dichterisch begabter Lehrer ersann Jesus Gleichnisse, die er selbst nie deutete. Hatte er eine seiner Gleichnisgeschichten beendet, drehte er sich um und ließ die Hörer stehen, damit sie selbst sich einen Reim auf die Bildergeschichten machten und so eigenständig Sinn kreierten. Naturgemäß geschah dies unterschiedlich, wie spätere Deutungen zeigen. Jesu Erzählmethode führte ins selbständige Nachdenken, ins Gespräch, auch in Dissens.

Polyphonie ist mit den biblischen Schriften kanonisiert worden. Das heißt, die frühe Kirche hat – in einem genialen Coup – widersprüchliche Vielstimmigkeit als Norm anerkannt, als Wert, nicht als Übel. Und weiß Gott, sie hat sich im Streit über dieser Bibel geübt, ebenso wie die rabbinischen Bibelausleger. Pflegen wir die Streitkultur! Mit jesuanischer Nächstenliebe, die über die Clangrenze hinausreicht. Mit Respekt vor dem Andersdenkenden. Ohne Scheiterhaufen. Aber mit Courage, wenn menschenfeindlichem Denken entgegenzutreten ist.

Wieweit in das kritische Gespräch Europas sich islamische Gelehrte einbringen werden, historisch-kritisch auch über das eigene heilige Schrifttum nachdenkend, wird mit darüber entscheiden, wie gut die Integration des Islam gelingen wird. Es gibt solche muslimischen kritischen Denkerinnen und Lehrer. Lassen wir an deutschen Hochschulen eine wissenschaftlich verantwortete islamische Theologie sich entfalten – und von dort aus staatlichen Religionsunterricht für Muslime. Fördern wir den interreligiösen Dialog als Universitätsgemeinde.
 
All das braucht Mut. Weihnachten macht diesen Frohmut. „Siehe, ich bin mit euch bis an der Welt Ende“, verheißt der Immanuel (Mt 28,20). Dieses weihnachtliche Gott-mit-uns geschieht da, wo wie in Herne Asylbewerber mit Rosensträußen auf die Polizeiwache ziehen, um sich zu bedanken. Es geschieht da, wo wie in der Nähe von Bamberg zwei Kanu-Ausflügler hungrig in einem, wie sie meinen, alten Gasthof einkehren, mit Käsebrot und Eiern freundlich bewirtet werden und erst, als sie zahlen wollen, merken, dass sie in einem Flüchtlingsheim gelandet sind. Weihnachten geschieht da, wo wir selbst in solchen Geschichten vorkommen.

„Siehe, ich bin mit euch bis an der Welt Ende“ (Mt 28,20). „Euch ist heute der Heiland geboren“ (Lk 2,11). Deshalb, frohe und getroste Weihnachten.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Christo Jesu – in dieser Heiligen Nacht und darüber hinaus. Amen
 


[1] Leicht zugänglich: E. Kästner, Morgen, Kinder, wird’s nicht geben! Mehr oder weniger Weihnachtliches, Zürich: Atrium 20124, 38 (von 1927).

[2] Das muss sie auch nicht. Lukas stellte die Bethlehemgeburt in weltpolitische Bezüge unter Augustus und Quirinius und verkündete „Frieden auf Erden“ in Opposition zur Pax Romana. Zur politischen Interpretation der Weihnachtsgeschichte siehe weiter z.B. P. Lampe, Athen und Jerusalem: Antike Bildung in frühchristlich-lukanischen Erzählungen, München: Komplett-Media, 2010, 9-13.

[3] Kästner, ebd. 31-33.

[4] Leicht zugänglich: M. Mafi & A. M. Kolin, Rumi’s Little Book of Life, Charlottesvielle, VA: Hampton Roads Publishing Company, 2012, 54; 138; Übers. PL.

[5] Zu kultiviertem Streit mit Respekt gegenüber dem Andersdenkenden, leider auch zu barbarischem Streit, in dem Feuer unter Büchern und Menschen loderte. All das war Europa, das im Moment sich nicht mehr zu finden weiß. Wird es an seiner Polyphonie zugrunde gehen, weil diese in unsolidarisches Verhalten etlicher Länder abrutscht – im Vergessen der Fremdenliebe? Oder weil die Polyphonie selbst mundtot gemacht werden soll? Zum Beispiel eine Presse zum Schweigen gebracht werden soll, die einem nicht nach dem Maul redet? Halten einige das Andersdenken der Anderen nicht mehr aus?

 

 

Perikope
27.12.2015
2,5-9

Eine „sympathische“ Gemeinde - Predigt zu Philipper 4,4-9 von Reiner Kalmbach

Eine „sympathische“ Gemeinde - Predigt zu Philipper 4,4-9 von Reiner Kalmbach
4,4-9

Eine „sympathische“ Gemeinde

Die Gnade Gottes unseres Vaters, die Liebe Jesu unseres Herrn und die lebensspendende Kraft des Heiligen Geistes seien mit uns allen. Amen.

Eine „sympathische“ Gemeinde, eine wahre Gemeinschaft. Das ist der Eindruck der entsteht, wenn wir den Brief des Paulus an die Philipper lesen, aus dem wir gleich einen Abschnitt hören werden. Man spürt seine Zufriedenheit, ja seine Freude über das gemeinschaftliche Leben dort in Philippi. Und wir gönnen es dem geplagten Paulus dem die verschiedenen Gemeinden, die aus seiner Missionstätigkeit entstanden sind, des Öfteren ziemliche Kopfschmerzen bereiten. Und da ist noch ein kleines „Detail“: er selbst steckt im Moment bis zu den Ohren in Problemen.

Hören wir nun eine Passage aus dem Philipperbrief, dem 4. Kapitel, die Verse 4 bis 9

(Textlesung)

Gestern

Wir spüren es: in dieser Gemeinde wird mit einer grossen Selbstverständlichkeit gelebt, was wir Christen, landauf, landab und auf der ganzen Welt seit vier Wochen „feiern“: Advent. Die unmittelbar bevorstehende Ankunft des Herrn! Mit einem kleinen Unterschied: wir schauen zurück, wir schauen auf die (noch) leere Krippe, unser Adventsglaube ist rückwärtsgerichtet, während die Philipper ihren Glauben auf ein Ereignis ausrichten, das erst noch geschehen wird.., wann?, keine Ahnung, aber sicher bald, vielleicht morgen schon.

Ich hatte den ganzen Brief vor langer Zeit gelesen, danach immer wieder nur Abschnitte. Jetzt habe ich ihn mir noch einmal ganz vorgenommen..., und da ist mir ein Licht aufgegangen: es stimmt ja, unser Glaube lebt aus der Vergangenheit, wir feiern Ereignisse, die lange zurückliegen und die eigentlich mit meiner persönlichen Geschichte nichts zu tun haben. Das liturgische Jahr lebt geradezu aus der Geschichte: Advent, Weihnachten, Karfreitag und Ostern, Pfingsten..., wir können uns das Kirchenjahr gar nicht ohne diese Feste vorstellen... Neulich fragte ich in einem Gottesdienst, was wäre wenn...die Christenheit beschliessen würde, Weihnachten dieses Jahr ausfallen zu lassen..., also keine besonderen Gottesdienste an Heiligabend mit Krippenspiel und Kerzenschein, keine Gottesdienste an den Feiertagen...

Die Welt würde sich weiterdrehen, die Weihnachtsmärkte würden deshalb nicht schliessen, die Weihnachtsdekoration in den Strassen und Geschäften nicht verschwinden, auf die teuren Geschenke wollte niemand verzichten... Und in den Gemeinden? Vielleicht, ja vielleicht könnten wir die Chance nutzen, um ein paar längst fällige Fragen zu stellen: weshalb gibt es uns überhaupt ?, worin liegen unsere Aufgaben in der heutigen Zeit?, wohin gehen wir...?, oder, was unterschiedet uns von der „Welt“?, warum Glaube ich und welchen Sinn hat der Glaube für mich, mein Leben?

Sind unsere Kirchenfeste wirklich Stolpersteine?, behindern sie uns in unserer Besinnung auf das Jetzt und die Zukunft?

Ganz sicher nicht!, sie sollen uns ja gerade helfen, unseren Glauben im Hier und Jetzt zu verstehen und zu leben. Aber wir sollten dennoch all diese Fragen stellen. Denn die Antworten finden wir nicht in der Vergangenheit, sondern jetzt gerade in diesem Gottesdienst.

Heute

Wenn der Glaube nicht im hier und heute konkret wird, d.h. sichtbar, spürbar, erfahrbar, verkommt er zum Ritus, zur Glorifizierung der Vergangenheit, ein Glaube der vielleicht noch eine Aussenfasade aufrecht erhält, der mich aber existentiell nicht mehr anspricht... Kehren der Kirche vielleicht deshalb so viele Menschen den Rücken zu?

Seit drei Jahren bin ich zusätzlich für eine kleine Gemeinde zuständig, die sich, knapp 300 km entfernt, in einer anderen Stadt befindet. Sie gehört zu einer anderen Kirche. Zwei Gemeinden unterschiedlicher Tradition teilen sich einen Pfarrer. Für mich persönlich eine grosse Herausforderung. Die Gemeinde musste viele Jahre lang ohne Pfarrer auskommen. Das ist hier in den patagonischen Anden nicht einfach, die protestantischen Kirchen befinden sich in der absoluten Diaspora. Die meisten Gemeindeglieder gehören zur Unterschicht und unternehmen ungeheure Anstrengungen, um die Kosten der Gemeinde bestreiten zu können. Und dennoch geschehen in dieser Gemeinde Dinge die mich immer wieder tief beeindrucken. Neulich sagte ich einem Kollegen der mich besuchte: „...im Grunde ist dies die Gemeinde die ich mein ganzen Leben lang gesucht habe...“

Was ist dort anders, als in „anderen“ Gemeinden? Vielleicht sollte ich die Situation mit den Worten des Paulus beschreiben: die Gemeinde ist „liebenswert“, sie hat, als verschwindende Minderheit in einer grossen Stadt, einen „guten Ruf“, es wird viel gelacht, viel miteinander gefeiert, gegessen, auch geweint, getröstet..., die Menschen leben eine Solidarität mit anderen, wie ich sie selten erlebt habe, sie ist eben eine „sympathische“ Gemeinde. Viele Gemeindeglieder arbeiten ehrenamtlich in mehreren sozialen Projekten in den Armenvierteln. Sie versuchen Kindern und Jugendlichen und vor allem alleinstehenden Frauen und Müttern eine Perspektive zu geben. Es gibt nur sehr wenige, die nicht „irgendwo“ ihre Gaben und Fähigkeiten einbringen...Sie feiern jeden Sonntag Gottesdienst, auch wenn der Pfarrer nicht da ist..., und sie versammeln sich nach dem Gottesdienst um einen grossen Tisch, um das mitgebrachte Essen zu teilen. Es gibt Familien die in den letzten zehn Jahren den Sonntag nie zu Hause verbracht haben...

Während eines Gottesdienstes fragte ich einmal: „warum tut ihr das, was hat euch veranlasst, das Gemeindeleben so zu gestalten...?“ Ich erwartete Antworten wie: „...weil man als Christen eben so leben soll...“, stattdessen schauten sie mich nur an, so als läge so manch einem die Frage auf der Zunge: „was soll denn diese dumme Frage...?“, bis eine Frau aufstand und es mir erklärte: „...wir sind eben so, wir können es nicht erklären..., wir helfen, weil wir Christen sind, nicht weil wir es als solche tun sollen...“

Und dann komme ich jetzt in dieser Adventszeit in die Gemeinderäume und es wird überall gebastelt, geschmückt, gebacken, genäht..., eine Frau sitzt auf dem Boden, umringt von einer Schar Kinder und erzählt eine spannende Geschichte. Und dann informiert mich eine andere Frau: „...die Kleidung die wir nähen, das Gebäck, die Spielsachen.. sind für die Familien im „Barrio“ (Armenviertel)..“, und dabei strahlt sie mich an und ich spüre und sehe die Freude in ihren Augen und ihrem Herzen, weil sie anderen eine Freude bereiten darf.

Diese Frau kommt selbst aus einem der ärmsten Viertel der Stadt, sie ist alleinstehende Mutter von drei Kindern, hat nie ihren Schulabschluss gemacht, kann jetzt erst, nach vielen Jahren, von den Vergewaltigungen, der Gewalt, der Erniedrigung... erzählen. Während eines Gottesdienstes wollte sie einfach Zeugnis geben, von dem was in ihr und mit ihr gerade geschieht: „ hier in dieser Gemeinschaft durfte ich zum ersten Mal in meinem Leben die Sonne sehen, ich traute mich den Kopf zu heben, um nach vorne schauen zu können..., jetzt möchte ich dieses Licht in die Herzen der Kinder bringen...“

Und meine „alte“ Gemeinde?, die mich schon seit so vielen Jahren ertragen muss...? Nach einem Adventsgottesdienst kommt eine Frau auf mich zu, in der Hand eine grosse Tasche: „wir haben uns jeden Nachmittag getroffen, um Papiersterne zu basteln..., nimm sie bitte mit (in die andere Gemeinde) als kleine Zeichen der Freundschaft und Verbundenheit...“ Ich nehme einen wunderschönen Stern heraus, er ist in einer durchsichtigen Tüte und dran hängt ein Kärtchen mit einem Bibelvers: „Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich euch: Freuet euch!“

„Der Herr ist nahe“

Über der Gemeinde in Philippi leuchtet dieser Satz in Grossbuchstaben. Das spürt man, das ist nichts „aufgesetztes“, nichts erzwungenes, das ist echt, es ist ein Leben in der Erwartung. Sein Kommen ist so gewiss, dass wir uns um das „ob“ (er wirklich kommt) nicht mehr den Kopf zerbrechen müssen. Diese Gewissheit scheint ansteckend zu wirken: die Wiederkunft Christi ist so gewiss wie auf den Abend der Morgen folgt. Und darum geht es doch in der Gemeinde: wir feiern nicht nur Advent, weil es das Kirchenjahr so vorschreibt, weil es eben eine Tradition ist. Diese Zeit soll uns die Augen öffnen, wir sollen erkennen, sehen, spüren..., dass wir als Gemeinde in der ständigen Erwartung leben, Advent als gemeinschaftlicher Lebensstil: die Frau im Gottesdienst, Analphabetin fast, hat das glasklar erkannt: das Licht scheint nicht aus der Vergangenheit, es kommt aus der Zukunft und erhellt unser Jetzt, d.h. unser Leben. Für sie ist der Glaube ein „unglaublich“ befreiendes Erlebnis, eine Freiheit die sie beflügelt, verborgene Gaben und Energien freisetzt..., das ist ansteckend, das motiviert selbst den ärgsten Kirchenschläfer..., Freiheit das zu tun, was dran ist, einfach so...

Und so wird aus dem Segenswunsch „der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft....“ ein neuer Lebensstil.

Der Herr ist nahe!, wie wahr!, noch vier Tage bis Heiligabend...

Amen.

 

Perikope
20.12.2015
4,4-9

Predigt zu Philipper 4,4-7 von Winfried Klotz

Predigt zu Philipper 4,4-7 von Winfried Klotz
4,4-7

Der Apostel Paulus schreibt an die Christen in Philippi:

4 Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!   Kap 3,1; 2. Kor 13,11; 1. Thess 5,16
5 Eure Güte laßt kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe!    Tit 3,2
6 Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen laßt eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!     Mt 6,25-34; 1. Petr 5,7
7 Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.    Joh 14,27; Kol 3,15

Liebe Leserinnen und Leser!

Brauchen wir eine Aufforderung zur Freude? Es geht uns doch gut, wir haben, was wir brauchen und gehen auf Weihnachten zu, das fröhliche Familienfest.

Und wenn wir nicht haben, was wir brauchen, was nützt es uns dann, dass uns jemand aufruft, uns zu freuen. Das ist dann doch unangebracht, ärgerlich und letztlich vergeblich. Wie soll man sich freuen, wenn wesentliche Dinge des Lebens fehlen? Gesundheit, Partnerschaft, passende Arbeitsstelle und Auskommen, eine Lebensperspektive; ein Ziel, für das es sich zu leben lohnt?

Ich kann natürlich darauf verweisen, dass der, der diese Zeilen geschrieben oder seinem Schreiber diktiert hat, sich gerade selbst in einer ungewissen, ja bedrohlichen Lebenssituation befand. Paulus war wegen der öffentlichen Predigt von Jesus festgesetzt und vor Gericht gestellt- Ausgang offen, inklusive Hinrichtung oder Kampf in der Arena ums Überleben. Damals wie heute, das Bekenntnis zu Jesus als dem Herrn war unerwünscht und konnte schlimme Folgen haben. Kaum bei uns in Deutschland, aber wer genau hinhört und eine gute Zeitung liest, bekommt einiges von dem mit, was Christen weltweit durchmachen wegen ihres Bekenntnisses zu Jesus.

Mit Blick auf Paulus und die Leiden von Christen weltweit könnte ich also sagen: Wenn ein Paulus in seiner Lage zur Freude aufrufen kann, ja, wie er in Kapitel 1, 18 dieses Briefes schreibt, sich freuen kann, dann lass den Kopf nicht hängen, dann raff dich auf und gibt den dunklen Gedanken, dann gib den Sorgen keinen Raum! Leb in der Freude, sei fröhlich, tu dir und anderen was Gutes! Nimm das Leben nicht so schwer! Was aber, wenn dein Leben zurzeit wirklich unerträglich schwer ist? Hilft es dir dann, wenn auf andere verwiesen wird, die es auch schwer haben?

Solche Aufforderungen wie, ‚Kopf hoch, nimm das Leben nicht so schwer‘, sind weit verbreitet. Die, die sie aussprechen, vermeiden manchmal damit, sich auf die Dunkelheit im Leben ihres Nächsten einzulassen, sich auf ihren Mitmenschen einzulassen. Die irgendwie richtige, aber nicht unbedingt hilfreiche Aufforderung, lass dich nicht so hängen, dient dann der Vermeidung persönlicher Anteilnahme am Leid des Nächsten. Sie kann aber auch Ausdruck der Ratlosigkeit sein. Ärgere dich also nicht zu sehr über vermeidende Reaktionen deiner Umgebung, wenn du im Leid steckst. Trösten ist eine anstrengende Aufgabe.

So, im Sinne von ‚nimm das Leben nicht so schwer, freu dich trotzdem‘, meint es Paulus nicht! Schauen wir genau hin, was er sagt: „Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!“ Er sagt nicht, lasst Dich nicht so hängen, sondern weist auf seinen, unseren Grund für die Freude hin: Jesus Christus, den Herrn. Freude trotz großen Leidens hat diesen einen Grund bei Paulus: Jesus Christus ist mein Herr. ER ist der, der mein Leben wirklich in der Hand hält und regiert. Der mir Ziel und Kraft gibt, es zu bewältigen. Der mir unfassbare Nähe schenkt, in der ich aufgehoben bin. In Klagelieder 3, 57 heißt es: „Du nahtest dich zu mir, als ich dich anrief, und sprachst: Fürchte dich nicht!“ Der meine Lage kennt und mein Gebet hört. Der mich verbindet mit all den Vielen, die auch zu ihm gehören und mich trägt auch durch ihre Gebete. Von eine nordkoreanischen Christin wird aus der Lagerhaft berichtet: „Als ihre Wärter erfuhren, dass sie Christin war, folterten sie sie so stark, dass sie begann, an Gott zu zweifeln. Doch zurück in ihrer Zelle ließ Gott sie seine Gegenwart erfahren: ‚Es waren noch zwölf Insassen in diesem Loch, aber ich fühlte mich mutterseelenallein. Plötzlich hörte ich eine laute Stimme. Ich schaute auf. Keiner der anderen reagierte oder verzog auch nur eine Miene. Offenbar war ich die Einzige, die die Stimme gehört hatte. Plötzlich kam die Stimme wieder. Sie sagte: Meine geliebte Tochter! Du gehst auf dem Wasser. Ich hörte diese Stimme nicht in meinem Kopf, sie kam von außen, aber die anderen hörten sie nicht. Und ich wusste, wessen Stimme das war: Gottes Stimme! Er machte mir Mut, er zeigte mir, dass er mich nicht vergessen hatte. Während meiner Haft sollte ich diese Stimme noch etliche Male hören. Jedes Mal gab Gott mir eine Botschaft der Ermutigung.‘“ Soweit dieser Bericht, zu finden im Heft von Open Doors: „Gottes verborgenes Wirken, die andere Seite der Christenverfolgung, 2015“.

Freude, das muss nicht Fröhlichkeit sein, weil das Leben rund scheint; Freude; das kann ein Freuen unter Tränen sein. Diese Freude hat bei Paulus ihren Grund in der Nähe des Herrn Jesus. Der Herr ist nahe, so sagt er im nächsten Satz und äußert damit keine Lehrmeinung, sondern eine geistliche Erfahrung: Gefängnismauern, Leid und Dunkelheit des Lebens versperren dem auferstandenen Herrn nicht den Zutritt. Seine Augen sind offen über denen, die ihn kennen und lieben. Jesus Nähe wärmt auch in der Eiseskälte der Not. ER richtet auf, die zerschlagen sind. Wer hier von Vertröstung auf ein besseres Jenseits redet, hat nichts verstanden. Es geht beim Christsein doch nicht zuerst um Welterklärung und Weltverbesserung, sondern im Kern darum, dass Gott denen nahe ist in Jesus, die ihn lieben. Das ist Advent! Und Advent hat Folgen: Eine göttliche Freundlichkeit strahlt aus denen, die sein sind. „Eure Güte laßt kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe!“ Noch einmal: Eure Güte, Freundlichkeit, Milde, Gelassenheit, - eure Großzügigkeit - sollen alle merken! Welch ein Wunder, wenn die Übersehenen, Zurückgesetzten, Kritisierten, Abgelehnten denen, die sie so behandeln, mit Güte, Freundlichkeit, Milde, Gelassenheit, ja Großzügigkeit begegnen. Da strahlt etwas auf von der Güte Gottes in Jesus. Aber auch von seiner Macht zu richten die Lebenden und die Toten.

Weil Jesus, der Herr, nahe ist, beten Christen voller Zuversicht. Wir versinken nicht in den Sorgen. (Goethe im „Faust“, II. Teil, 5. Akt, es redet die Sorge: „Wen ich einmal mir besitze / dem ist alle Welt nichts nütze … Er verliert sich immer tiefer / siehet alle Dinge schiefer … Halber Schlaf und schlecht Erquicken / heftet ihn an seine Stelle / und bereitet hin zur Hölle.“) Dass die Sorgen die Übermacht gewinnen, hängt nicht an ihrer Menge und Größe, sondern an einer Grundentscheidung: Worauf richte ich mich aus? Was ist mein Lebensziel? Jesus hat in der Bergpredigt gelehrt: „Sorgt euch zuerst darum, dass ihr euch seiner (Gottes) Herrschaft unterstellt, und tut, was er verlangt, dann wird er euch schon mit all dem anderen versorgen.“ Was geht zuerst bei mir? Was ist für uns als Gemeinde Jesu Christi zuerst wichtig? Wir beten: „Dein Reich komme!“ Was erbitten wir da? Doch nicht das Schlaraffenland, sondern wir beten „um ein Leben unter der rettenden Treue Gottes und in Frieden und Freude, wie es der Heilige Geist schenkt.“ (Römer 14, 17)

Deshalb laufen wir uns nicht tot im Kreisen um uns selbst und unsere Bedrängnisse; Jesus ist uns doch nahe. Auf IHN hin schauen wir wie Menschen, die in der Morgendämmerung zur aufgehenden Sonne schauen und in ihrem Licht die Schwere der Nacht abschütteln und in der Frische des Morgens aufatmen. Das ist gewiss: Unser Herr erdrückt uns nicht! Unser Herr ist kein tötendes Gesetz und auch kein Sklaventreiber. Unser Herr hört und erhört unser Gebet. Wir beten zuversichtlich, halten Fürbitte, danken ihm. Wir verstehen unter Erhörung oft, dass geschieht, was wir erbitten. Lasst uns im Vertrauen annehmen, dass unser Herr Jesus uns auch erhört hat, wenn wir das Erbetene nicht erhalten. Und danken wir Gott dafür. „Sorgt euch um nichts, sondern in allen Dingen laßt eure Bitten in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kundwerden!“ Aus den Sorgen ein Gebet machen! Bitten und Flehen, verbunden mit Lob und Dank! Dafür Zeit nehmen und nicht die Sorgen betäuben, übertünchen, verdrängen oder, was ja richtiger scheint, mit aller Kraft, allem Geld, aller Zeit das zu überwinden versuchen, was Sorgen macht. Mach aus Deinen Sorgen ein Gebet! Und dann geh den Weg, der Dir gewiesen ist. Wer betet, bleibt nicht ohne Antwort.

Wer betet, wird in Gottes Frieden eingehüllt: „Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“ Besser übersetzt heißt es: Der Friede Gottes wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren. Genauso gilt: Wer umbetet wird, den umgibt Gottes Frieden. Das ist keine Magie; Gottes Frieden ist personale Gegenwart Jesu. Paulus legt davon Zeugnis ab, dass Gottes Frieden nicht davon abhängt, dass die äußerlichen, irdischen Bedingungen stimmen. Er übersteigt unser Verstehen. Er kann Gegenwart werden auch unter dem Gegenteil.

Ich will diesen Gedanken, wie auch das vorher Gesagte, nicht überdehnen. Es mag jemand sagen: Mir ist all das fremd. Es kommt mir vor, als müsste ich mich in eine jenseitige Welt katapultieren. Das kann und will ich nicht. Ich muss bei mir bleiben.

In Ordnung, bleibe bei dir. Aber beginne zu dem zu reden, von dem Paulus bezeugt, dass ER nahe ist: Jesus, komm zu mir und hilf mir. Amen.

Amen

 

Perikope
20.12.2015
4,4-7

Predigt zu Philipper 4,4–7 von Walter Meyer-Roscher

Predigt zu Philipper 4,4–7 von Walter Meyer-Roscher
4,4-7

Liebe Gemeinde,

„Freude, schöner Götterfunke“ – wir glaubten sie schon zu hören, die Melodie Beethovens. Sie strahlt so viel Hoffnung, Zuversicht, Lebensfreude aus. Dem Fußballspiel in Hannover, das als ein Zeichen gegen den Terror gedacht war, sollte sie einen besonderen Akzent geben. Dazu die Lichterkette, die schon durch die Stadt zum Stadion  unterwegs war, um die Dunkelheit aufzuhellen.

Stattdessen legte sich die unheilvolle Bedrohung, anonym und eben deshalb furchtverbreitend, über alle erwartungsvollen Vorbereitungen. Bert Brecht hat leider wieder einmal Recht behalten mit seinem Bekenntnis: „Wirklich, ich lebe in finsteren Zeiten“.

„An die Nachgeborenen“ hatte er geschrieben. So lesen wir es heute: „Auch ohne Gewalt auszukommen, Böses mit Gutem zu vergelten, gilt als weise. Alles das kann ich nicht. Wir leben in finsteren Zeiten“, sagt er. Die sind nicht heller geworden. Es liegt so nahe, sich damit abzufinden, sich zurückzunehmen und sich zurückzuziehen – verängstigt, resigniert, ohne Hoffnung.

Die Hoffnung aber will Paulus auf keinen Fall aufgeben. In der so viel älteren, aber auch so dunklen Zeit für die ersten christlichen Gemeinden will er Mut machen, Angst und Resignation zu überwinden. Er schreibt im Gefängnis. Seine persönliche Situation ist bedrückend. Er weiß nicht, wie es weitergehen wird. Er wartet auf einen Prozess, dessen Ende im Dunkeln liegt. Und er schreibt an eine durch ihre Umwelt bedrängte und bedrohte Gemeinde: Sorget nicht, freuet euch – allerdings nicht, weil die Zeiten besser werden könnten, sondern weil, wie er sagt, der Herr nahe ist.

Er kommt sichtbar, mächtig, macht allen Schrecken und aller Angst ein Ende. Das wird dann auch das Ende der Zeit und das Ende der Welt sein. So haben sie es damals wohl verstanden: „Der Herr ist nahe“.

Ich weiß, viele wünschen sich heute diesen Gott, der in all seiner Macht und Herrlichkeit kommt, der seine und unsere Feinde vernichtet, alle Gewalt und allen Terror beendet, gewissermaßen vom Himmel her ein Reich des Friedens errichtet.

Paulus hat den Gott, von dessen Nähe er spricht, immer mit Jesus verbunden. Wer Gottes Herrlichkeit sehen will, kann sie nur im Angesicht Jesu Christi erkennen. So jedenfalls hat es Paulus an die Gemeinde in Korinth geschrieben.

Jesus hat Menschen im Namen Gottes heil gemacht – Menschen, die unter Krankheit, Ausgrenzung, Gewalt, aber auch eigener Schuld litten, die sich nach Gerechtigkeit sehnten. Er hat ihnen zugesagt, dass Gott sie nicht aufgibt, dass er bei ihnen ist, ihnen ihre Menschenwürde wiedergibt und Mut zum Leben macht.

Denen, die zu ihm kamen, hat Jesus sich zugewandt und ihnen so Gottes Liebe nahe gebracht. Denen, die ihm zuhörten, hat er als Gottes Gebot die Aufforderung zu einer bedingungslosen Nächstenliebe ans Herz gelegt.

Und so, hat er gesagt, werde ich zu allen Zeiten – nicht erst an ihrem Ende – auf Menschen zukommen. Ich werde da sein, wo sie aus Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit aufwachen, wo sie denen helfen, die in Not sind, wo sie die alten Hoffnungsbilder von Gott mit Leben erfüllen.

Er ist nahe, wo Menschen in seinem Geist sich von Gefährdung und Bedrohung nicht einschüchtern lassen, wo sie die Aufgaben der Mitmenschlichkeit und der Barmherzigkeit vor ihren Füßen aufgreifen: z.B. Hilfe für die, die vor dem Terror fliehen und ihre Heimat verlassen müssen, die bei uns so etwas wie ein neues Zuhause suchen. Wer sich von Jesu Aufforderung zur Nächstenliebe leiten lässt, erfährt – so sagt es jedenfalls Paulus – den Frieden Gottes, „der höher ist als alle Vernunft“.

Nach den Terroranschlägen in Paris, die uns erschüttert und erschreckt haben, hat ein Mann, dessen Frau in der Konzerthalle Bataclan  ihr Leben hat lassen müssen, den Terroristen, ihren Helfern und ihren Auftraggebern einen Offenen Brief geschrieben. Da heißt es:

„Ihr wollt, dass ich Angst habe, dass ich meine Mitbürger mit Argwohn betrachte und meine Freiheit für meine Sicherheit opfere. Vergesst es. Ich bin und bleibe der, der ich war… Wir sind zu zweit, mein Sohn und ich… Dieser kleine Junge wird für Euch sein Leben lang ein Affront sein, weil er glücklich sein wird und frei. Denn, nein, auch seinen Hass werdet Ihr nie bekommen.“

Der Vater dort in Paris ist überzeugt, dass er seinem Sohn Schutzräume schaffen kann für das Herz, für die Gedanken, für alles Tun und Lassen. Ja, solche Schutzräume brauchen wir, in denen die Freude am Leben, das wir haben, und die Kräfte für das Leben anderer wachsen können.

Als solch einen Schutzraum begreift Paulus den Frieden Gottes, der alle Vernunft übersteigt, alle Resignation zurückdrängen will und Mut macht, sich nicht an das zu verlieren, was wir als dunkle Bedrohung und angstmachendes Unheil vor Augen haben.

Aber wir müssen dann auch aus diesem Schutzraum heraus handeln, uns einsetzen gegen Unmenschlichkeit und für Gerechtigkeit – in unserem persönlichen Umfeld jedenfalls, in unserer Gesellschaft ohne Gewalt. Doch, das können wir, auch wenn der Skeptiker Bert Brecht es nicht glauben will. Wir halten es mit Paulus, der zur Güte auffordert, zur Sorge um andere und für andere.

Wir gehen auf Weihnachten zu  und werden wieder die alten Hoffnungsworte hören: Fürchtet euch nicht. Große Freude werden alle erleben, denn ein Mensch wird geboren, und in allem, was er tut, ist Gott da – eine Ermutigung, unser Menschsein zu bewahren und menschenwürdiges Leben zu schützen und zu fördern, wo immer wir das können.

Amen

Perikope
20.12.2015
4,4-7

Freude steckt an - Predigt zu Philipper 4,4-7 von Dieter Koch

Freude steckt an - Predigt zu Philipper 4,4-7 von Dieter Koch
4,4-7

Liebe Gemeinde,

Freude steckt an. Die Freude des Apostels Paulus steckt an. In seiner Freude weiß er sich mit den Freunden in Philippi verbunden. Ihrer aller Freude hat einen Grund: die Nähe Gottes, die in Jesus Christus erfahrene wohltuende Nähe des himmlischen Vaters.

Freude steckt an. Die Freude des Apostels Paulus steckt an. Dabei scheint sein Leben gar nicht auf Freude ausgerichtet sein zu können. Denn Paulus sitzt im Gefängnis. Haltlose Verleumdungen haben ihn in Ephesus hinter Kerkermauern gebracht. Seine Botschaft vom auferstandenen Gekreuzigten, mit dem eine neue Weltzeit angebrochen ist, eckte an. Die Händler, die im religiösen Geschäft mit allerlei Devotionalien um die große Artemis von Ephesus gut verdienten, suchten ihn in die Ecke zu treiben. Sie strebten danach, ihn mundtot zu machen. Sie konnten zwar seinen Leib treffen, aber nicht seine Seele. Die gehörte seit Damaskus einzig noch seinem Herrn Jesus Christus, seinem Erlöser, seinem Befreier aus den Zwangsordnungen des Gesetzes. Seit Christus in sein Leben getreten war, war Paulus von einer absoluten Gewissheit erfüllt, dass nichts, nichts, gar nichts, weder Engel, noch Mächte, noch Gewalten ihn  je wieder trennen können von der Liebe Gottes, die in Christus Jesus ist, unserem Herrn (Römer 8,38f).

Freude steckt an, erst recht, wenn sie in erfahrener Liebe gründet. Wem ein anderer zur Freude wurde, der will auch ihm Freude schenken. Freude schafft einen eigenen Kreislauf des Gebens und Nehmens. Das Geheimnis der Liebe besteht nicht zuletzt darin, auch noch inmitten der tiefen Vertrautheiten einander immer wieder neu spüren zu lassen, was einen erfreut, was einen dankbar sein lässt. Es ist die Welt der kleinen Aufmerksamkeiten, der Freude am Morgen, des guten Wortes am Tage, der Ruhe am Abend. Freude und Liebe leben im Strömen, können nicht stillstehen. Das gilt für die vertraute Liebe eines Paares, für die aufmerksame Liebe in einer Familie, für die großherzige Nächstenliebe und auch und vor allem für die Liebe Gottes.

Er, der Weltenlenker ist uns in Jesus Christus als Mensch genaht. Er hat uns an ihm zu erkennen gegeben, was wahres, erfülltes, auf Freude gestimmtes Leben sein darf: ein Leben in Würde, ein Leben in mit-und füreinander geteilter Würde. Er hat uns reich beschenkt, indem er uns zu erkennen gegeben hat, dass Er nicht das Opfer von Böcken will, sondern ein inniges Herz, dass Er sich nicht an unserer Angst weidet, sondern unser Glück, unser Wohl und Heil sucht. Er hat uns reich beschenkt, Er, der uns krönt mit Gnade und Barmherzigkeit (Psalm 103,4), seit er uns in Jesus gezeigt hat, was Frieden bedeutet und Versöhnung schafft. Er hat uns reich beschenkt, Er, der die Hungrigen füllt mit Gütern (Lukas 1,53), indem er uns dank Jesus zu verstehen gegeben hat, dass die wahren Güter Frieden und Freude sind.  Alles wirklich Gute, alles was es wert ist, für rein, ehrbar und liebenswert zu gelten, kommt aus der Liebe. Die Liebe Gottes, ist ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben ist (Römer 5,5). Sie ist der Grund unserer Freude.

Freude steckt an. Dabei kennt die Freude vielfältige Formen.  Sie drückt sich mannigfaltig aus. Sie kennt wechselnde Zeiten und Orte. Lebendige Freude ist niemals starr. Freude empfindet Elisabeth, wie sie das Kind in ihrem Leibe spürt. Es ist eine ganz und gar ursprüngliche Freude, die Freude über das anbrechende Neue, das werdende Kind im Mutterleib. Da öffnet sich ein Raum freudiger Erwartung. Eine Freude, gleicher und doch anderer Art ist die des Kindes selbst, das da hüpft und tanzt. Eingebunden in die schützende Sphäre ist das Kind ganz im Werden, schöpft es Atemzug um Atemzug die Freude des Lebens. Es wächst nicht nur dank der Nahrung, die ihm zuströmt, es wächst auch aus dem, was seiner sich entfaltenden Seele zukommt, die Stimmen seiner Eltern, der Klang eines Hauses. Es ist das Wunder der göttlichen Gegenwart, dass aus seinem Geiste heraus Leben sich formt, ein Kind wird, das anfängt zu hüpfen und zu tanzen und das dann in diese Welt geboren wird, die Augen aufzuschlagen und zu staunen.

Eine eigene Freude ergreift uns im Zauber der Musik. Ich denke beispielhaft an Mozarts große c-Moll-Messe und das Laudamus te darin: Wir loben dich, ein so hinreißendes Stück, dass mir das Herz vor Freude hüpft. Ich denke beispielhaft an ein so großartiges Lied wie Paul Gerhardts Adventschoral: Wie soll ich dich empfangen und wie begegn ich dir, so eine Zeile darin, wie: Mein Herze soll dir grünen in stetem Lob und Preis. In dem Moment, da man solches singt, geht das Herz schon auf, grünt und sprosst und entfaltet sich die innere Freude. Sie stimmt dankbar mit ein. Sie singt: Du hebst mich hoch zu Ehren und schenkst mir großes Gut, das sich nicht lässt verzehren, wie irdisch Reichtum tut.

Eine eigene Freude liegt über den Stunden der Stille, der einkehrenden tiefen Ruhe. Das Gebet ist ein Weg dahin, die Meditation dient der Sammlung des Gemüts. Wir rasen durch die Tage. Hektik ist allen Ortes. Wir sind Getriebene der Zeit. Wozu? Dabei ist die Zeit doch eigentlich ein aufgespannter Raum, um zu sich selber zu finden, der Boden, aus dem heraus wir uns entfalten können. Aber kann man je zum Frieden, je in die Zufriedenheit finden, solange man durch die Zeiten jagt, solange man als Jäger auf der Pirsch nach immer neuer Beute ist, solange man meint nur im Anhäufen immer höheren Konsums glücklich werden zu können?

Es liegt ein tiefer Verrat über den vorweihnachtlichen Tagen. Der Aberwitz des Hastens nach Geschenken, das Übermaß an Besorgungen, wenn das alles bleibt – und man dann unterm Weihnachtsbaum ankommt, und keinen Sinn hat füreinander, keine Freude mehr empfinden kann, ohne Gott bleibt? Wozu das alles? Was sollen all die Gaben, wenn man dabei sich selber nicht zur Gabe wird und anderen nicht Gabe ist? Was sollen all die Geschenke, wenn sie ohne Liebe daherkommen, ohne Liebe bleiben? Was soll all das Friedensgesäusel, wenn man nicht zum echten Frieden findet? Lass dich los in Gott und was die Menschen angeht: „In der Süße der Freundschaft lasst Lachen sein und geteilte Freude“ (Khalil Gibran, Der Prophet, Ausgabe Olten 1985, S.80). Das wäre schon genug.

Ernst Barlach verdanken wir eine eindrückliche Plastik, die freien Ausdruck mit höchster Innerlichkeit verbindet, sein Bildwerk ‚Der singende Mann‘ aus dem Jahre 1928. Es ist eines seiner bekanntesten und beliebtesten Werken, vielleicht zusammen mit der Skulptur ‚Die Schwebende‘ im Dom zu Güstrow. Ein Schweben liegt auch über dem singenden Mann. Er ist völlig in sich versunken. Er lauscht mit geschlossenen Augen in sich hinein. Der Sänger wirkt völlig gelöst, konzentriert und hingegeben. Hingegeben an den Gesang und hingegeben an den sich nach Innen öffnenden Blick. Die befreiende Wirkung der Musik lässt ihn gelassen werden. Er ist voll Hingabe und Kontemplation. Diese Bronzearbeit ist überaus fein gearbeitet und doch ganz klar strukturiert. Die Gestalt ist ganz bei sich. Die Augen sind geschlossen. Doch der Mund öffnet sich. Aus seinem Herzen strömt die Freude.

Dankbare Erinnerungen mögen ihn leiten. Er erfährt die Sorglosigkeit im Augenblick. Wie er da sitzt, erlebt er eine Gottesstunde. Es geht jetzt nicht um Soll und Haben, nicht um Mühe und Arbeit, nicht um Haschen nach Wind. Jetzt, jetzt ist er ganz bei sich und so ganz bei Gott. Losgelöst und konzentriert zugleich, hingegeben an sich und den nahen Gott. Er ist gelassen und ruhig geworden. So wird er zum Organ der Musik, des Liedes, des Gotteslobes. In solchen gesammelten Momenten wissen wir, was wirklicher Frieden ist. Wir beginnen zu verstehen, warum in der Anbetung sich das menschliche Leben vollendet, so sie frei, heiter und leicht aus uns ströme. Ernst Barlachs Werk ist ein gelungenes Schaubild der Freude, eine Einladung, die Freude zu entdecken, jene Freude, da ungeteilt Lebensfreude und Gottesfreude einander gehören, jene Freude, die sich Gottes verdankt und deshalb aus Dankbarkeit kommt.

Freude steckt an, die des Paulus, die der Elisabeth, die des singenden Mannes. Gehen wir ein jeder für sich und zugleich mit- und füreinander einen kleinen Schritt weiter dieser Freude entgegen, mit der Gott uns entgegenkommt. Freude hat einen Grund: die Nähe Gottes, die in Jesus Christus erfahrene wohltuende Nähe des himmlischen Vaters. Amen.

 

Perikope
20.12.2015
4,4-7

"Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt"

Manuskriptfassung der Predigt von Michael Bünker am Donnerstag, 30. April, um 18 Uhr, in St. Stephan zu Würzburg zur Eröffnung der verbundenden Tagung der Synoden.

Liebe Gemeinde,

das Wort der Heiligen Schrift, das zur Predigt aufgegeben ist, ist der Monatsspruch für den Monat Mai und passt zum kraftvollen Aufblühen und Grünen, dessen wir uns Jahr für Jahr in dieser Zeit erfreuen dürfen. Im Brief des Apostel Paulus an die Gemeinde in Philippi heißt es in Kapitel 4, Vers 13:

"Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt."

Gott segne an uns das Reden und das Hören!

Liebe Schwestern und Brüder, Monatssprüche sind eine Form, Worte der Heiligen Schrift als Begleitung für einen längeren Zeitraum zu wählen. Dabei ist die "Erfindung" von Monatssprüchen relativ jung und eng mit der Zeit des Nationalsozialismus und der Verweigerung evangelischer Kreise gegen den Ungeist der Zeit verbunden. Den ersten Monatsspruch gab es 1934, im Jahr des Kirchenkampfes und der Barmer Bekenntnissynode. Dass sie bis heute ein vertrauter Begleiter geworden sind, kann daher auch als eine der Lehren aus den Auseinandersetzungen der damaligen Zeit gesehen werden. 70 Jahre nach dem Kriegsende und der Befreiung von der Verbrechensherrschaft sehen wir das mit großer Dankbarkeit und dem Aufruf, auch heute wachsam zu sein: Wenn sich die Abgründe auftun ist es gut, sich auf den festen Grund der biblischen Botschaft zu stellen.

Wie die Tages- und Jahreslosungen ist es auch bei den Monatssprüchen gut, nicht nur nach ihrer direkten Anwendung zu fragen, sondern sie auch zumindest dann und wann der Auslegung zu unterziehen. Das wird im Folgenden geschehen und zwar unter dreierlei Leitworten: Zuerst geht es um den Dank für den Kontext, dann um die Freude der Geschäftsordnung und schließlich um den Wert von Fußnoten.

Dank, Freude und Wert sind natürlich nicht zufällig gewählt. Mit allen drei Substantiven könnte ich auch den Anlass unseres Gottesdienstes kennzeichnen, nämlich den Dank und die Freude über ihre Bereitschaft, sich als Synodale wählen und heute in ihrem Amt verpflichten zu lassen und damit den Wert, den Synoden für unsere evangelischen Kirchen haben.

Nun aber zum ersten Schritt, zum Dank für den Kontext. Im griechischen Text beginnt unser Monatsspruch mit den beiden Worten πάντα ἰσχύω. Auf Deutsch: Ich kann alles. Der gelernte Wiener wird einigermaßen nervös, wenn jemand von sich sagt: Ich kann alles. Mit dieser Haltung, dieser Selbsteinschätzung wäre er oder sie ein sicherer Kandidat, um auf jener berühmten Couch im Haus Berggasse Nummer 19 Platz zu nehmen, an deren Kopfende Dr. Sigmund Freud zu sitzen pflegte. Denn ganz normal ist das irgendwie nicht. Das allein würde den gelernten Wiener freilich noch nicht beunruhigen, denn er ist es gewohnt, in nicht ganz normalen Zuständen unter nicht ganz normalen Menschen zu leben und legt es dann und wann auch darauf an, selbst nicht ganz normal zu sein, aber er würde doch nachdenklich werden und sich selbst sagen – natürlich im typisch österreichischen Konjunktiv: Wenn das am End‘ ein jeder von sich glauben würde? Wo kämen wir denn dann hin? Der Herr Dr. Freud, in Wien würde man sagen "der Herr Professor Freud", obwohl er ja bekanntlich nie Professor war, er würde von Infantilität sprechen, denn sich selbst für allvermögend zu halten, das kann eigentlich nur das umfassend und total versorgte Kind im Mutterleib, ein Zustand, der spätestens mit der Geburt definitiv zu Ende geht. Und wenn jemand geraume Zeit nach der Geburt immer noch an diesem Selbstbild festhält und einem verlorenen Paradies nachtrauert zeigt – so Sigmund Freud – das krankheitsträchtige neurosenproduzierende Bild der Introjektion.

Weil ich nicht annehmen kann, dass uns der Glaube im Zustand des Infantilen fixieren will, blicke ich dankbar auf den engeren und weiteren Kontext. Der engere macht klar, worauf sich diese Selbsteinschätzung zurückführt. Eben nicht auf das eigene Können oder Vermögen, nicht auf eigene Kraft und Fähigkeit, sondern ich kann nur deshalb alles, weil es mir gegeben wird durch einen, der mich dazu ermächtigt, der mir die Kraft gibt. Wieder scheint mir auch angesichts der vielen Übersetzungsvarianten das griechische Original vielsagender zu sein: Dort ist vom Dynamisieren die Rede. Von einem anderen dynamisiert zu werden, das ist also die Ursache des eigenen Vermögens und der eigenen Kraft. Der weitere Kontext weist uns darauf hin, dass es die konkreten Herausforderungen sind, vor denen sich der Apostel Paulus gestellt sah, auf die sich dieses πάντα ἰσχύω, dieses "Ich vermag alles" bezieht. Wer das ohne Kontext liest, "überstrapaziert" (Joachim Gnilka) die Aussage des Paulus. Es müsste also genauer heißen: Ich vermag das alles, und zwar niedrig oder hoch sein, satt sein oder hungern, Überfluss haben oder Mangel leiden. Alles und jedes ist mir vertraut, schreibt Paulus, aber er hat gelernt, sich genügen zu lassen, wie’s ihm auch geht. Nicht, weil er einem stoischen Ideal anhinge  oder sich selbst überhaupt nichts zutrauen würde. Das wäre ja nichts anderes als die Kehrseite der Medaille hinsichtlich der Fixierung in der Infantilität und damit eine weitere Weigerung, erwachsen zu werden.

Professor Freud würde von Projektion sprechen. Paulus hingegen hat erfahren, dass die völlige Abhängigkeit von jenem anderen, der ihm die Quelle der Dynamik geworden ist, nicht zur Selbstabwertung führt, sondern im Gegenteil zum Vertrauen in das eigene Vermögen, Können und Zustandebringen. Das, was ihm lebendige Erfahrung wurde, will uns zur ebenso lebendigen, dynamisierenden Verheißung werden! Das Vertrauen auf die jedem Menschen  von Gott geschenkten Möglichkeiten und Fähigkeiten, die Erfahrung, dass Gott uns schon in anderen Situationen beigestanden hat, wo wir dachten, wir schaffen es nicht alleine, kräftigt und dynamisiert uns auch in anderen Lebenssituationen, in denen wir an dem Berg, der vor uns liegt zu verzweifeln drohen. Das Vertrauen, dass Gott uns begleitet, dass er uns mit Fähigkeiten beschenkt hat, mit denen wir Vieles meistern können, und das Wissen um den unergründlichen Wert der eigenen Person durchbricht also die Täuschungen und befreit zur Realität.

Die Realität ist aber gerade nicht die Welt, wie wir sie uns vielleicht erträumen oder wünschend projizieren. Die Realität besteht aus dem, was uns entgegensteht, was uns auch widersteht, aus Begegnungen und Widerfahrnissen. Uns begegnen unsere Mitmenschen, die wir in unterschiedlichen Zusammenhängen mal unsere Geschwister, unsere Freunde oder unsere Nächsten nennen und dann wieder unsere Gegner oder schlicht: die anderen. Das ist in Synoden nicht anders. Und darum gehören zur Realität von Synoden auch Geschäftsordnungen. Wo es eine Geschäftsordnung gibt, da befindet man sich inmitten der realen Welt des zielgerichteten Zusammenwirkens von Menschen, Gruppen, Institutionen und Kirchen. Geschäftsordnungen regeln den Ablauf und das Miteinander in komplexen Organisationsformen, wie Synoden sie nun einmal sind. Denn Synoden sind der sichtbare organisatorische Ausdruck des evangelischen Kirchenverständnisses auf der Grundlage des Priestertums aller Gläubigen. Sie verbinden das ordinierte Amt, die ecclesia docens, mit den nichtordinierten Ämtern, der ecclesia audiens, und verbinden beide miteinander zum sichtbaren Ausdruck des Leibes Christi. Beide unterstellen sich als Synodale der Leitung der Kirche, die Jesus Christus selbst durch den Heiligen Geist in seinem Wort ausübt.

Daher ist es nicht nur guter Brauch und liebe Gewohnheit, dass Synoden mit einem Gottesdienst eröffnet werden, sondern tiefer geistlicher Ausdruck ihres Selbstverständnisses. Synoden entscheiden weder einfach nach Mehrheit oder Minderheit und auch nicht nach Einheitlichkeit, sondern nach größtmöglicher Einmütigkeit. Das heißt, dass Synoden gerade dadurch, dass sie die Vielfalt wahren und die Vielstimmigkeit der Meinungen achten und den Konflikten nicht ausweichen, der Einheit dienen. Nun gibt es aber auch die Gefahr der synodalen Introjektion und der synodalen Projektion. Synodale Introjektion könnte lauten: Wenn nur alle so täten, wie ich meine, dann wäre die Kirche gerettet! Und die synodale Projektion: Irgendwer wird uns doch sagen, wo es lang geht! Beidem steht die Geschäftsordnung im Wege und ermutigt in ihrer unvergleichlich trockenen Sprache alle Synoden dazu, erwachsen zu sein, zu diskutieren, zu beraten und zu entscheiden.

Mit dem Apostelkonzil (Apg. 15) tritt die junge Kirche aus dem Kindheitsstadium ins junge Erwachsenenalter ein. Aber die recht gelebte Synodalität bleibt eine ständige Aufgabe. Gerade Minderheitskirchen leben oft das Wechselbad von maßloser Selbstüberschätzung und ebenso maßloser Selbstverkleinerung. Manchmal sogar in ein und demselben Satz, wenn einer verloren gegangenen glorreichen Vergangenheit die heute tief empfundene Bedeutungslosigkeit diametral gegenüber gestellt wird oder wenn angenommen wird, das Reformationsjubiläum müsste nicht nur selbstverständlich alle Evangelischen, sondern gleich die ganze Welt interessieren. Sie "verösterreichern" sich gleichsam selbst, denn auch Österreich kann beides zugleich sein: Der kleine Rest eines ehemals großen Imperiums und eine Weltmacht – zumindest in Kultur, Skilauf und Eurovision Song Contest, wenn schon nicht im Fußball. Glaube befreit auch hier zur Realität. Daher spreche ich von der Freude der Geschäftsordnung. Ja, das alles hat einen hohen Wert und ich freue mich, dass wir in der GEKE nun bereits zum zweiten Mal eine sehr gelungene Begegnungstagung europäischer Synodaler haben konnten und die nächste bereits geplant ist. Bräuchte nicht auch unser zusammenwachsendes und konfliktreiches Europa insgesamt mehr an politischer Synodalität?

Und schließlich soll die Rede vom Wert der Fußnoten sein. Zum Satz "Alles vermag ich durch ihn, der mir Kraft gibt" setzen nämlich einige spätere Handschriften dazu: Christus. Das ist ein späterer Zusatz, der in den Übersetzungen nicht aufgenommen wurde. Ich kenne unseren Vers noch in der alten Lutherversion als beliebten Konfirmationsspruch: "Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, Christus." Die Kommentare lehnen den Zusatz nicht nur aus historischen Gründen ab, sondern auch aus literarisch-ästhetischen. Der Zusatz würde auch die "feierlich andeutende Sprache" (Martin Dibelius) des Paulus, dessen Worte alles bekennen und deshalb nur dunkel und feierlich anzudeuten wagen (Ernst Lohmeyer), durch Überdeutlichkeit zerstören.

Ohne das einfach vom Tisch zu wischen frage ich mich aber, ob es nicht Zeiten und Umstände gibt, die von uns mehr an Deutlichkeit, mehr an erkennbarem Profil verlangen? Gerade auch in den Fragen, die uns vielleicht ganz selbstverständlich erscheinen? Musste die Bekenntnissynode von Barmen noch einmal betonen, dass Jesus Christus das eine Wort Gottes ist, das wir zu hören, dem wir zu vertrauen und zu gehorchen haben? Ich denke ja. Musste Dietrich Bonhoeffer in seiner "Nachfolge" unter Bezug auf unser Schriftwort extra darauf hinweisen, dass wir durch die Taufe in Christus hineingetauft worden sind und daher alle unsere Beziehungen von Christus umschlossen sind? Ich denke ja.

Paulus steigert den an unserer Stelle formulierten Gedanken ja selbst, wenn er im Brief an die Galater schreibt: "Ich lebe, doch nun nicht ich, sondern Christus lebt in mir" (Gal. 2,20). Mit dieser Verlagerung des Existenzgrundes in die Zuwendung Gottes in Jesus Christus beginnt der Glaube. Der Glaube schafft die Person, die ich bin, neu, weil er mich lehrt, mich von Gott her zu sehen. Durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin (1. Kor. 15,10). Damit sind wir über Kontext, Geschäftsordnung und Fußnoten beim Kern der reformatorischen Botschaft, bei der Rechtfertigung angelangt. Ihr verdanke ich mich in meinem Gottvertrauen. Ihr verdanken sich unsere Gemeinden und Kirchen. Uns ist es geschenkt worden, 500 Jahre später daran zu erinnern und die Bedeutung für heute zu vermitteln und für die Zukunft auszuschöpfen. Mit den Fußnoten, die wir zum Text dieser Welt setzen. Mit den Geschäftsordnungen, mit denen wir in unserer säkularen und pluralen Gesellschaft Einmütigkeit leben lernen. Mit den Kontexten, in denen wir stehen und in denen das Wort von der freien Gnade Gottes durch uns ausgerichtet werden soll an alles Volk.

Dazu bewahre uns der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, in Jesus Christus.

Amen.

"Freut euch!" - Weihnachtspredigt von Margot Käßmann

"Freut euch!" - Weihnachtspredigt von Margot Käßmann
4,4-7

Freude

Tja, liebe Gemeinde, freuen denn nun SIE sich auf Weihnachten? Oder sagen Sie eher: Was soll das? Dieser ganze Rummel nervt mich nur. Und überhaupt, so ein Stress! Gehören Sie zu den Adventsmuffeln oder eher zu den Perfektionisten? Aber wenn nicht jetzt: WANN haben Sie sich zum letzten Mal überhaupt so richtig gefreut? Versuchen Sie doch mal, sich ein Bild hervorzuholen aus Ihrer Erinnerung:

Ich habe mich so sehr, aus tiefstem Herzen bewegt gefreut! Da habe ich von innen heraus gestrahlt! Bei vielen wird das schon länger her sein, fürchte ich. Mein Eindruck ist, dass Erwachsenen bei uns die Freude eher abhandenkommt mit zunehmendem Alter. Da hört sich dann der Apostel Paulus fast merkwürdig an, wenn er als gestandener Mann an die Gemeinde in Philippi schreibt: "Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich: Freuet euch!" (Philipper 4,4) Da beneiden wir Kinder ja geradezu um ihre so ganz unvermittelte, sinnliche Freude. Sie freuen sich auf Weihnachten, ja, auch auf die Geschenke.

Matthias Claudius hat einst gedichtet:

Ich danke Gott
Ich danke Gott und freue mich
Wie's Kind zur Weihnachtsgabe,
Daß ich bin, bin! Und daß ich dich,
Schön menschlich Antlitz! habe,

Daß ich die Sonne, Berg und Meer
Und Laub und Gras kann sehen
Und abends unterm Sternenheer
Und lieben Monde gehen,

Und daß mir denn zu Mute ist,
Als wenn wir Kinder kamen
Und sahen, was der heilge Christ
Bescheret hatte, Amen!

Das ist eine sehr schöne Verbindung finde ich. Wir dürfen uns an uns selbst, am Leben freuen, wie sich ein Kind an Weihnachten über ein Geschenk freut. Und solche Momente kennen wir doch: Da kommst du durch den Buchenwald an die Steilküste und blickst plötzlich aufs Meer. Oder: Du spürst, dass jemand dich liebt und möchtest am liebsten die ganze Welt umarmen. Ja, das Leben ist gut – das können wir spüren in aller Tiefe. Freude über einen wunderbaren Anblick in der Natur, der uns anrührt. Die Erfahrung von Liebe. Das Erleben von Glück. Ja, das Leben ist gut, denken wir in solchen Momenten. Da kann uns ein Sternenhimmel, ein Naturerleben anrühren und uns die Tiefe des Lebens spüren lassen.

Die Freude, von der Paulus spricht, hat noch eine andere Dimension. Es ist die Freude über die Nähe Gottes. Denn darum geht es ja an Weihnachten: Gott kommt den Menschen nahe. Auf die Ankunft Gottes in der Welt bereiten wir uns vor, das meint Advent. Und diese Ankunft denkt Paulus im doppelten Sinne. Einmal: Gott wurde Mensch! Das ist unfassbar. Das unterscheidet das Christentum auch von allen anderen Religionen, zu glauben, dass Gott selbst menschliche Erfahrungen von Geburt bis Tod, von Freude und Leid gemacht hat. Zum anderen meint Paulus die Wiederkunft Gottes: Gott ist nahe in dem Sinne, dass diese Zeit und Welt enden werden und Gottes Zukunft anbricht – schon jetzt, aber dann in Ewigkeit.

Damals waren die Menschen überzeugt, der auferstandene Christus  würde bald kommen, sie lebten in "Naherwartung". 2000 Jahre später fällt es uns schwer, das nachzuempfinden. Wir erwarten die reale Wiederkunft Gottes eigentlich nicht mehr. Und sich darauf freuen, das erscheint uns ein merkwürdiger Gedanke. Wir haben uns eingerichtet in dieser Zeit und in dieser Welt und halten sie für ewig.

In allem Leide

Andererseits: Ein wirklich gute Welt voller Freude und Glück ist unsere Welt nicht. Das wissen wir doch sehr wohl. Wir haben in diesem Jahr mit Erschrecken erlebt, wie schnell der Krieg wieder vor unserer Haustür sein kann. Das Elend der Flüchtlinge in dieser Welt sehen wir täglich. Und wir sind beschämt, dass sie nach Elend und Flucht bei uns nicht freundlich aufgenommen werden. Der Terror der Milizen, die sich "islamischer Staat" nennen, bringt grausamste Bilder in unsere geschützte Welt. Wo soll denn da Freude herkommen?

Wir sollten auch die Freude der Kinder nicht nur idealisieren. Viele Kinder leben in Armut. Sie sehen den Reichtum hinter den Schaufensterscheiben und müssen damit leben, dass sie daran nicht teilhaben können. Und auch die Vorfreude ist nicht so weit verbreitet, wie uns die Werbung weismachen will. Viele haben Angst vor Weihnachten. Denn es gibt allzu oft Streit in der Familie, wenn alles nicht so perfekt ist, wie erhofft. Und dann kommen böse Tatsachen auf den Tisch. Auf einmal gibt es drei Tage Zeit miteinander und manche merken, dass sie sich gar nichts mehr zu sagen haben.

Wenn diese Welt ewig wäre, das wäre doch gar keine ideale Vorstellung. Dann würden Gewalt und Hass, Ungerechtigkeit und Leid niemals ein Ende haben. Oder wie der Theologe Heinz Zahrnt es einmal ausgedrückt hat: "Ewiges Leben in dieser Welt, das wäre die Hölle". Deshalb ist die Vorstellung, dass eines Tages Gottes Welt kommen wird, gar nicht so beängstigend. Sie kann "Erlösung" im wahrsten Sinne des Wortes bedeuten. Das meint aber gerade nicht Weltflucht nach dem Motto: Alles egal, ich warte darauf, dass Gott alles richten wird, sondern eine geradezu radikale Zuwendung zur Welt mit all ihrer Not. Die Erwartung der Ankunft Gottes ermutigt uns: Es muss nicht alles bleiben, wie es ist!

Paulus leitet aus der Vorfreude auf Gottes Zukunft eine klare Haltung in dieser Welt ab. Er schreibt in seinem Brief:  "Eure Güte lasst kund sein allen Menschen! Der Herr ist nahe!" Es geht um eine Lebenshaltung! Weil wir glauben, dass Gott uns nahe ist, werden wir mitten in unserer Welt Spuren von der Zukunft Gottes legen. "In dir ist Freude in allem Leide", so drückt ein Gesangbuchlied diese Haltung sehr schön aus. Weil Gott selbst Leid kennt, können wir uns in allem Leid Gott anvertrauen. Weil Gott einst alle Tränen abwischen wird, können wir schon hier Tränen abwischen. Weil Not und Geschrei ein Ende haben werden, tun wir alles, um schon hier Not und Geschrei zu beenden. Die tiefe Freude, die wir im Glauben erleben, ignoriert das Leid gerade nicht!

Aber sie lässt uns das Leid vor Gott bringen im Gebet und uns antreten gegen das Leid wo immer wir können. Indem wir Flüchtlingen die Tür öffnen, indem wir dem Hass und der Ausgrenzung entgegen treten. "Und indem wir angesichts der fremdenfeindlichen Demonstrationen in unserem Land dieser Tage sagen: Ein weltoffenes Land wollen wir sein! O ja, wir können als Christen, Juden, Muslime und als Menschen ohne Religion in Frieden miteinander leben."

Weihnachtschrist sein

Martin Luther hat sich selbst als Weihnachtschrist bezeichnet. Er konnte sich am Weihnachtsfest so richtig freuen und hat viel dazu beigetragen, dass es so wichtig wurde für die Menschen in Deutschland. Gott ist für Luther wie "ein glühender Backofen voller Liebe" uns er schreibt: "Wir haben mehr Ursache uns zu freuen als traurig zu sein; denn wir hoffen auf Gott, der da sagt (Johannes 14,19): "Ich lebe, und ihr sollt auch leben."

In Anlehnung an Luther ist also die Freude immer größer als die Trauer, weil wir uns von Gott gehalten wissen. Das Leben ist für Christen mehr als das, was wir sehen, weiter und größer als unsere engen Grenzen. Deshalb hat Freude eine viel tiefere Dimension. Das Geschenk, über das wir uns freuen, ist das Kind in der Krippe. Seine Ankunft feiern wir jedes Jahr neu. Und das ist der Anlass, warum wir denen, die wir lieben, Geschenke machen. Das kann uns doch wirklich entlasten und uns den Druck nehmen, dass alles nun ganz wunderbar weihnachtlich sein muss wie in der Jakobs-Kaffee-Krönungswerbung. Das macht doch eher Angst vor Weihnachten. Nicht alle Familien sind das, was wir "heil" nennen.

Entspannt euch, macht das Beste draus, und hört auf mit dem Stress, dass alle ganz harmonisch alle irgendwie besuchen müssen und dabei Dauerglück zeigen sollen. Es muss auch keine Gans sein, Pizza tut es doch auch. Und wenn das Geschenk nicht passt, ist doch nicht so schlimm. Der Weihnachtsbaum ist total schief und nadelt schon am Heiligabend – ja nun lacht doch mal drüber. Das alles ist zweitrangig! Ich erinnere mich, wie viel Mühe ich mir einmal gemacht hatte mit den Geschenken. Und am Ende spielten meine Kinder hochvergnügt mit dem Geschenkpapier und den Verpackungen – Humor ist gefragt, auch an Weihnachten. Wenn wir anfangen können, über unsere eigenen Ansprüche zu lachen, dann kann Freude über das, was wir haben Raum greifen. Und das wissen wir alle: Die wirklichen Geschenke des Lebens können wir nicht kaufen. Es sind Momente von Glück. Erfahrungen von Liebe, Erleben von Vertrauen.

Ganz am Ende des Abschnitts, der unser Predigttext heute ist, schreibt Paulus: "Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus." (Philipper 4,7) In den lutherischen Kirchen ist das zur Formel geworden, die am Ende einer Predigt gesagt wird. Dieser eine Satz, fasst gut zusammen, worum es im Glauben geht: Das wir den Frieden Gottes erleben, erfahren mit Herz und Sinn. Wir können Glauben nicht erzeugen, wir können Gott nicht beweisen, wir können die Ewigkeit nicht erklären – das geht über die Vernunft.

Aber wir können zu einer Lebenshaltung finden, die sich aus der inneren Freude über Gott speist. Um diese innere Freude geht es. Die wird sich nach aussen zeigen, auch in Gelassenheit gegenüber all den Ansprüchen der Perfektion. Und sie wird uns mutig machen, mitten in der Welt dafür einzutreten, dass vom Frieden Gottes schon Hier und Jetzt etwas erfahrbar wird. In dieser Haltung können wir uns aus tiefstem Herzen freuen auf Weihnachten und zugehen auf das Fest der Ankunft Gottes in der Welt, das wir miteinander feiern wollen. Oja, ich freue mich auf Weihnachten. Und ich hoffe, Sie auch.

Amen.

Perikope
21.12.2014
4,4-7

Predigt zu Phil 2,12f von Reinhold Mokrosch

Predigt zu Phil 2,12f von Reinhold Mokrosch
2,12-13

Hinweis: Phil 2,12-13 ist die Lesung, kann aber auch der Predigttext sein.

Wer bin ich wirklich?

Predigt-Text: Phil. 2, 12f:

12 Also, meine Lieben, - wie Ihr allezeit gehorsam gewesen seid, nicht allein in meiner Gegenwart, sondern jetzt noch viel mehr in meiner Abwesenheit, - schaffet, dass Ihr selig werdet, mit Furcht und Zittern.

13 Denn Gott ist’s, der in Euch wirkt beides, das Wollen und das Vollbringen, nach seinem Wohlgefallen.

 

  1. Ausgerechnet am Reformationstag drängt Paulus uns in einen Widerspruch. Wer entscheidet: Wir oder Gott in uns?

Liebe Gottesdienstbesucher!

Ich höre die Briefempfänger in Philippi stöhnen: „Das ist doch ein totaler Widerspruch, ehrwürdiger Paulus! Einerseits forderst Du uns auf, für unser Heil selbst zu sorgen! ‚Schaffet, dass Ihr selig werdet!‘ rufst Du uns Philippern zu. Und: ‚Mit Furcht und Zittern‘ fügst Du noch zu Recht an; zu Recht, denn wir werden hier in Philippi grausam verfolgt, von Juden und von Römern! Aber andererseits ermahnst Du uns: ‚Allein Gott kann ich Euch wirken: Euer Wollen und Euer Vollbringen, - nach seinem Wohlgefallen; nicht: nach unserem Wohlgefallen! 

Das ist doch ein totaler Wiederspruch, ehrwürdiger Paulus! Was sollen wir in unserer furchtbaren Situation denn nun tun? Unser Heil selbst schaffen und allein auf unsere Kraft vertrauen? Oder uns auf Gottes Wirken in uns verlassen und unser Wollen und Vollbringen allein von Gott erwarten, weil nicht wir, sondern er in uns wirkt!?“

Liebe Gemeinde! Mir geht es wie den Philippern! Ihnen auch? Auch ich empfinde Paulus Aufforderung als widersprüchlich. Und ich weiß nicht, was ich tun soll. Soll ich selbst aktiv werden oder soll ich mein Wollen, Entscheiden und Handeln allein Gott überlassen und wenig Aktivität zeigen?

Ich erinnere viele solcher Situationen: Bei meiner Entscheidung damals, als ich ein externes Berufsangebot erhielt, war ich im Zwiespalt: Sollte ich entscheiden und meine Familie aus der Heimat heraus reißen oder sollte ich auf eine Eingebung von Gott warten? Bei der Erkrankung meiner Eltern aus Altersgründen wusste ich nicht, ob ich es allein schaffen würde und erwartete von Gott eine Entscheidungshilfe, ob Seniorenheim oder nicht? Und bei der langen und schwierigen Berufswahlphase meiner Kinder erhoffte ich, dass Gott in den Kindern eine Entscheidung wirke, so dass nicht ich nachhelfen musste. Es gab und gibt viele Lebensphasen, in denen ich nicht wusste, wie und was Gott in mir wirkt. Oft fragte ich: Wie, Jesus Christus, würdest Du jetzt entscheiden? Aber ich hörte keine eindeutige Antwort.  -  Ich vermute, liebe Gemeinde, dass auch Sie solche Erfahrungen gemacht und sich gefragt haben: Wer handelt und entscheidet hier eigentlich – Ich oder Gott in mir?

Warum drängt Paulus ausgerechnet am Reformationstag uns in solchen Widerspruch?  Wenn Gott uns unabhängig von unserem Entscheiden und Handeln annimmt, rechtfertigt und gerecht macht, dann brauchen wir doch eigentlich gar nicht mehr zu fragen: Wer handelt und entscheidet da – Gott in mir oder ich selbst?

  1. War es auch zu Paulus Zeiten ein Widerspruch?

Bitte gehen Sie mit mir nochmals zu Paulus zurück. Vor 2000 Jahren waren ja die Vorstellungen vom Verhältnis zwischen Mensch und Gott völlig anders als heute. Die Vorstellung von einem autonomen Menschen mit einem souveränen Ich gab es damals nicht. Der Mensch war, wie sogar noch Martin Luther 1530 meinte, ein Reittier, das entweder von Gott oder vom Teufel geritten wird. Allein kann das Pferd bzw. der Mensch keine Richtung finden. Es ist auf einen Führer angewiesen. Der Reiter, natürlich zusammen mit dem Pferd, zeigt die Richtung an. Auf den Menschen übertragen: Allein aus sich heraus, so empfand man damals zu Paulus Zeiten, kann kein Mensch etwas Geordnetes entscheiden und tun. Nur durch Gottes oder des Teufels Führung kann der Mensch wollen, entscheiden und handeln. Deshalb schrieb Paulus den Philippern: „Gott allein ist es, der in Euch Euer Wollen und Vollbringen wirkt“ und zwas „nach seinem Wohlgefallen“, nicht nach Eurem Wohlgefallen. (Dass auch der Teufel die Philipper reiten und in ihnen wirken könnte, erwägt Paulus nicht.)

Wie sollen wir nun aber Paulus andere, uns widersprüchlich erscheinende Aufforderung verstehen: „Schafft Euch Euer Heil selbst, damit Ihr selig werdet!“ Das dürfen wir eben nicht so verstehen, wie wir es anfangs taten: als ob Paulus hier einen autonomen Menschen mit einem souveränen Ich anspricht. Nein er fordert die Philipper nicht in diesem Sinne auf: Ihr allein seid verantwortlich für Euer Wollen, Entscheiden und Handeln. Nein! Vielmehr spricht er die Philipper an als solche, die Christus nachfolgen wollen: die den Feind nicht vernichten, sondern lieben wollen; die nicht zurück schlagen, sondern noch die andere Wange hinhalten wollen; die nicht zürnen, sondern vergeben wollen; usw.  Denn Paulus lobt in unserem Text ja die Philipper, dass sie Jesus Christus gegenüber „gehorsam“ sind: ‚Ihr seid immer gehorsam gewesen (gegenüber Christus)!‘ D.h. Ihr habt seine Bergpredigt-Forderungen im Glauben an Gottes Kommen befolgt.

Das meint Paulus, wenn er die Philipper uns auffordert: Schafft Euch Euer Heil! Mit Furcht und Zittern. D.h. Werdet Nachfolger Christi! Befolgt die Bergpredigt! Werdet Friedensstifter und gewaltlos Sanftmütige. Trotz Eurer Angst vor der Gewalt der Gewalttätigen.

  1. Paulus meinte es nicht als Widerspruch. Aber ich lebe im Zwiespalt: Wirke ich oder Gott in mir?

Ich höre wieder die Antwort der Philipper auf Paulus‘ doppelte Aufforderung, die jetzt aber anders lautet als ich anfangs vermutet hatte: „Ehrwürdiger Paulus“, mögen sie ihm geschrieben haben, „Ja, wir wollen Christus nachfolgen und seinen Bergpredigt-Awerden. Aber verstehe: Das schaffen wir nicht aus eigener Kraft heraus! Dazu brauchen wir Gottes Geist! Wie gut, dass Du uns erinnerst: Allein Gott kann in uns ein gutes Wollen und ein gutes Vollbringen wirken. Nicht wir selbst. Deshalb bitten wir Dich: Fordere uns nie wieder auf, selbst und aus eigener Kraft uns unser Heil zu schaffen. Hast Du Dich da vielleicht in der Wortwahl versehen?“  Ja, diese Antwort seitens der Philipper stelle auch ich mir vor. Und auch ich kritisiere Paulus: So kann er es nicht gemeint haben, dass wir uns unser Heil selbst schaffen sollen. Das wäre heute am Reformationstag eine absurde Botschaft. Vielleicht hat er sich wirklich in der Wortwahl versehen…

Wir wissen es nicht. Aber wie dem auch sei, - Paulus meinte: Werdet christi Jünger mit Gottes Geist und Hilfe!  Ihm stellte sich wahrscheinlich gar nicht die Alternativ-Frage: Entscheide und handle ich oder entscheidet und handelt Gott in mir?

Für Luther stellte sich diese Frage ja auch nicht. Er glaubte seit dem 31. Oktober 1517: Was der Teufel in mir auch wirken möge – Gott befreit mich von meiner Bosheit und Sünde und rechtfertigt mich. Mit dieser Gewissheit stelle ich mir gar nicht mehr die Frage: Handle ich oder handelt Gott in mir?

  1. Trotzdem bleibt ein Zwiespalt in mir und ich frage: Wer bin ich wirklich?

Stimmt. Aber trotzdem bleibt der Zwiespalt in mir bestehen. Ich weiß und glaube, dass Gott mich rechtfertigt. Und trotzdem besteht der Zwiespalt in mir fort: Ist es wirklich „Gott in mir“, der entscheidet, wirkt und handelt? Oder sind es meine eigenen Kräfte, die ich mir erworben habe? Oder bin doch stolz auf mein gutes Verhalten Oder ich schäme mich für mein törichtes und feiges Verhalten. Ich bin da oft zerrissen. Ist es Gott in mir? Oder ist es mein Ich in mir? Wer hat eigentlich mein Leben gewirkt? Wer bin ich wirklich?

Liebe Gemeinde und Gottesdienstbesucher! Diesen inneren Konflikt „Wer bin ich wirklich? Beherrscht Gott mich oder beherrscht mein eigenes Ich mich?“ hat Dietrich Bonhoeffer tiefgründig in einem Gedicht ausgedrückt. Er schrieb es am 9. Juli 1944 in seiner engen Gefängniszelle. Er saß schon seit April 1943 im Gefängnis, weil er Juden gerettet und Widerstand geleistet hatte. Er schrieb:

Wer bin ich?

Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich träte aus meiner Zelle

Gelassen und heiter und fest, wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft, ich spräche mit meinen Bewachern

Frei und freundlich und klar, als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch, ich trüge die Tage des Unglücks

Gleichmütig, lächelnd und stolz, wie einer, der Siegen gewohnt ist.

Bin ich wirklich, was andere von mir sagen? Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?

Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig, ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle…

Ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne, müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen, matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen?

Wer bin ich? Der oder jener?... Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin. Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott!

Bist Du es, Gott in mir? Ist es mein eigenes Ich in mir? Einsames Fragen treibt mit mir Spott. Wer ich auch bin…Dein bin ich, o Gott!

Gottes Friede, der höher ist als jede Vernunft, bewahre unsere Herzen und unser Fragen – in Christus Jesus.

Amen

Prof. Dr. Reinhold Mokrosch, Universität Osnabrück, Reinhold.Mokrosch@uni-osnabrueck.de


 

Perikope
31.10.2014
2,12-13

Predigt zu Philipper 4,10-13 von Johannes Block

Predigt zu Philipper 4,10-13 von Johannes Block
4,10-13

1. Die Entdeckung des eigenen Ich

Ich – so lautet das erste Wort des Predigttextes für den Neujahrstag. Ich – mit diesem kleinen und zugleich unendlich facettenreichen Wort beginnt das Predigtjahr 2014. Ich – sechsmal erwähnt der Apostel dieses Wörtchen im Bibelabschnitt für die Predigt am Jahresbeginn:

Ich bin aber hocherfreut in dem Herrn. - Ich sage das nicht, weil ich Mangel leide; denn ich habe gelernt, mir genügen zu lassen. - Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut. - Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht.

Am ersten Tag des Jahres macht der Apostel Mut, Ich zu sagen. Das Kalenderjahr ändert sich. Doch unser jeweiliges Ich nehmen wir mit in das neue Jahr. “Ich nehme mich immer mit”, heißt es in einem modernen Gedicht. “Ich nehme mich immer mit” – das kann eine Lust und das kann eine Last sein, je nach Tagesform und Lebenssituation. Hinter dem kleinen Wörtchen Ich steckt ein weiter Kontinent mit hohen Gipfeln und tiefen Tälern, mit schönen und schweren Gefühlen, mit hochschweifenden und bedrückenden Gedanken, mit Momenten der Selbstgewißheit und des Selbstzweifels, der Begeisterung und der Niedergeschlagenheit, der geselligen und der einsamen Zeiten. Das eigene Ich ist ein vielgesichtiger Kontinent mit vertrauten und verborgenen Winkeln. Manchmal ist man sich seiner Sache gewiß; und manchmal erkennt man sich kaum wieder und wundert sich über sich selbst.

Wie schön wäre es, wenn man vertrauter werden könnte mit dem eigenen Ich – diesem wechselvollen Kontinent! Wenn man den Mut und die Zeit aufbrächte, sich selbst zu entdecken und wahrzunehmen! Wenn man gelernt hätte, sich genügen zu lassen, wie der Apostel schreibt: Sich genügen zu lassen in allem, was das neue Jahr bringen wird an Höhen und Tiefen, an alltäglicher Routine und außergewöhnlichen Ereignissen, an neuen Anfängen und letzten Abschieden.

Das eigene Ich entdecken und wahrnehmen - das wäre auch ein politischer Beitrag im Dekadejahr 2014 “Reformation und Politik”. “Mütterrente”, “Energiewende”, “Mindeslohn” oder “Autobahnmaut” scheinen die großen parteipolitischen Stichworte der kommenden Monate zu werden. Doch eine über die Tagespolitik hinausragende, eine Sinn und Frieden stiftende Politik wird es ohne das Bewußtsein für das eigene Ich nicht geben. Herausragende Persönlichkeiten mit einem charismatischen Ich haben immer wieder politische Veränderungen hervorgerufen. Im vergangenen Jahr wurde etwa an Nelson Mandela (1918-2013) oder an Willy Brandt (1913-1992) erinnert. Wo das eigene Ich in sich ruht, wo das eigene Ich sich genügen lassen kann – wie der Apostel schreibt -, dort kann sich eine abgeklärte und unabhängige Politik entwickeln. Wenn Menschen das eigene Ich wahrnehmen und lernen, sich genügen zu lassen, dann werden sich Wege finden, um einerseits mit dem Mangel und andererseits mit dem Überfluss umgehen zu lernen. Und das hieße im 21. Jahrhundert: einerseits mit den begrenzten Ressourcen der Erde zu haushalten und andererseits eine Überfluß- und Wegwerfgesellschaft zu reformieren. Mit dem eigenen Ich – ob und wie es sich genügen lassen kann – beginnt immer auch die große Politik.

Die Entdeckung und Wertschätzung des eigenen Ich - das ist keine Erfindung der modernen Philosphie oder der modernen Psychologie. Die Frage und Suche nach dem eigenen Ich ist eine Menschheitsfrage von geradezu biblischem Alter. Man denke etwa an das Ich im Buch der Psalmen: Herr, du erforschest mich und kennest mich. Ich gehe oder liege, so bist du um mich (Ps 139,1.3). Oder man erinnere sich an die Propheten Israels, die herausgetreten sind aus der Masse des Volkes: Jesaja aber sprach: Hier bin ich, sende mich! (Jes 6,8) Auch der Brief des Paulus an seine Freunde in der griechischen Stadt Philippi ist ein Zeugnis für die Entdeckung des eigenen Ich. Paulus treibt gewissermaßen eine existentielle Theologie, bei der das eigene Ich berührt, bewegt und begeistert wird. Ich bin aber hocherfreut in dem Herrn, beginnen die Sätze des Paulus. Hier werden nicht formelhafte Richtigkeiten oder stroherne Lehrsätze verkündet und festgeschrieben. Vielmehr ist Paulus ein existentieller Theologe, der mit eigenem Herzblut die helle Freude in dem Herrn aufgreift und davon umfangen und getragen wird. Eine gute Theologie bildet, hinterfragt, erneuert, erwärmt, begeistert, erhellt und erfreut das eigene Ich. Mit dem eigenen Ich beginnt immer auch die hohe Theologie. Der moderne Vertreter einer existentiellen Theologie, Rudolf Bultmann (1884-1976), schreibt: „Jeder Satz über Gott ist zugleich ein Satz über den Menschen und umgekehrt. Deshalb ... ist die paulinische Theologie zugleich Anthropologie“.

Am Anfang des neuen Jahres macht der Apostel Mut, Ich zu sagen und das eigene Ich zu entdecken. Wem das eigene Ich geheuer wird, der kann dem Ungeheueren standhalten – dem Ungeheueren im Laufe eines langen Jahres: sei es das Ungeheuer des Mangels, wenn man verzichten muss und auf der Schattenseite des Lebens steht; oder sei es das Ungeheur des Überflusses, wenn das Shopping zum Gesellschaftssport wird und die übersättigten Bürger immer weiter konsumieren. Der Apostel Paulus macht Mut zum eigenen Ich durch zwei seiner Äußerungen im Brief an seine Freunde in Philippi. Paulus schreibt zum einen: Ich habe gelernt, mir genügen zu lassen (2.), und zum anderen: Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht (3.).

2. Ich habe gelernt, mir genügen zu lassen

Ich habe gelernt, mir genügen zu lassen, schreibt der Apostel und beschreibt damit ein hohes Ideal. Wer sich genügen lassen kann, der vermag die Waage zu halten zwischen den Gegensätzen des Lebens: zwischen der Erfahrung des Mangels und der Erfahrung des Überflusses. „Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt“: Zwischen diesen beiden Extremen die Waage zu halten, sich genügen lassen, das ist hohe Kunst – hohe Lebenskunst. Paulus hat diese Lebenskunst im Gefängnis gelernt, als er wegen christlicher Umtriebe von den römischen Behörden verurteilt und eingesperrt wurde. Aus dem Gefängnis, in dunklen Kerkermauern und bedrückender Einsamkeit, schreibt Paulus an seine Freunde in Philippi:

Ich habe gelernt, mir genügen zu lassen, wie's mir auch geht. Ich kann niedrig sein und kann hoch sein; mir ist alles und jedes vertraut: beides, satt sein und hungern, beides, Überfluss haben und Mangel leiden.

Als der russische Oligarch und Putin-Gegner Michail Chodorkowskij nach zehn Jahren Haft aus dem Straflager entlassen und nach Deutschland ausgeflogen wurde, habe ich mich über dessen ruhige und gelassene Austrahlung gewundert - so weit man das aus der Ferne beurteilen kann. Ob man darin eine Art paulinische Lebenskunst erkennen kann: sich genügen zu lassen? Möglicherweise lernt man die Genügsamkeit und innere Waage gerade in den dunklen Zeiten, auf der Schattenseite des Lebens. Der Apostel scheint im Gefängnis eine innere Freiheit gewonnen zu haben von den äußeren Umständen seines Lebens – sei es der Mangel, sei es der Überfluss.

Blicken wir zum einen auf die Erfahrung des Mangels: Paulus ist kein Asket, der allem Genuß und aller Lebensfreude die Absage erteilt. Das wäre nur wieder eine neue Unfreiheit, die den Menschen auf Askese, Verzicht und Genußlosigkeit festlegt. Paulus predigt nicht eine Art grüngefärbter Askese, sondern die Freiheit, sich vom Mangel und von Durststrecken innerlich unabhängig zu machen. Wenn die Umstände es erfordern, dann ist “ein Christenmensch ein freier Herr”, dessen Herz selbst in Not und Mangel unbeeindruckt pocht und schlägt. Wer sich genügen lassen kann, der trägt seinen Stolz im Herzen und nicht in den Augen, die vor lauter äußerer Pracht überquellen.

Blicken wir zum anderen auf die Erfahrung des Überflusses: Paulus ist kein Hedonist, dem der Genuß über alles geht. Wiederum geht es um die Freiheit, die sich das Herz des Menschen bewahrt, wenn er im Überfluss lebt und tagtäglich konsumiert: Speisen und Getränke sowieso, darüberhinaus Kleider, Schuhe und Kosmetika, Urlaubsreisen, Premiumautos, Smartphones und vieles andere mehr bis hin zum Konsum von Musik, DVDs und Facebook. In einer Überfluß- und Konsumgesellschaft ist genau genommen nicht die Geldfrage, sondern die Herzensfrage die entscheidende: ob sich das eigene Herz in der bunten Angebotswelt verliert und davon aufgesogen wird. Die Unzufriedenheit und Unruhe vieler Zeitgenossen rührt nach Auskunft von Soziologen auch von daher, dass viele Menschen immer mehr das Gefühl bekommen, all die vielen schönen Angebote und Möglichkeiten gar nicht wahrnehmen zu können und deshalb unglücklich werden in der Meinung, immer irgendetwas vom Leben zu verpassen. Ich habe gelernt, mir genügen zu lassen, schreibt der Apostel von sich. “Ein Christenmensch ist ein freier Herr”, dessen Herz nicht am Genuß und am Überfluss hängt. Wer sich genügen lassen kann, der trägt seinen Stolz im Herzen und nicht im gefüllten Warenkorb.

3. Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht

Wie gelingt es, ein genügsames Herz zu haben? Wie gewinnt das Herz einen befreiten Stolz, der sowohl vom Mangel als auch vom Überfluss unabhängig macht?

Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht, schreibt kurz und knapp der Apostel: Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht. Das klingt fast so griffig und energiegeladen wie ein präsidiales „Yes, we can“. Und wir können paulinisch ergänzen: „Yes, we can – powered by God”. Paulus vermag alles, weil ihn jemand mächtig macht, der hinabgestiegen ist in das Reich des Todes und aufgefahren in den Himmel zur Rechten Gottes. Hölle und Himmel, Tod und Auferstehung: In dieser gegensätzlichen Breite spiegelt sich die Macht dessen, der die Herzen stärkt und genügsam macht - selbst in der Tiefe des Mangels und selbst in der Höhe des Überflusses.

Ich vermag alles durch den, der mich mächtig macht. Vielleicht muss man sich ein Leben lang einüben: in diesen Satz des Paulus und in ein genügsames Herz. Natürlich gibt es auch den Umweg über das Gefängnis – wie im Brettspiel “Monopoly”: “Gehe nicht über Los. Gehe ins Gefängnis.” Niemand weiß, was das neue Jahr bringen wird. Auf einmal hat sich der Apostel im Gefängnis wiedergefunden. Auf einmal ist man krank. Auf einmal ist man ohne Arbeit. Auf einmal ist man alt. Auf einmal ist man allein. In einer bedrückenden Situation hat der Apostel das Geheimnis seines Lebens entdeckt: Die Freude im Herrn, die das Herz genügsam werden lässt selbst im Mangel und selbst im Überfluss. Das Geheimnis des Paulus ist eine Freude, die alles im Leben verändert und verschiebt. Es ist, als wäre eine neue Liebe in den Raum getreten und inspiriert nun das Leben. Ich bin hocherfreut in dem Herrn, mit diesen Worten umschreibt der Apostel das Geheimnis seines Lebens, das Geheimnis seines genügsamen Herzens.

Das neue Jahr liegt vor uns: zwölf Monate und 365 Tage. Vor der Klammer dieses neuen Kalenderjahres steht die Freude, von der der Apostel Paulus aus dem Gefängnis an seine Freunde in Philippi schreibt. Es ist eine Freude, die das Herz genügsam macht in all den Widerfahrnisses eines Jahres. Wir müssen keine Apostel und keine Helden werden. Denn die Freude im Herrn ist bereits in die Welt gekommen wie ein neu geborenes Kind. Die Freude im Herrn schenkt ein fröhliches Herz in allen Dingen. “Wenn ich ihn nur habe”, beginnt das Lied eines erfreuten Herzens. Dieses Lied der Freude steht wie das Vorzeichen vor der Klammer eines neuen und langen Jahres. Der Dichter Novalis (1772-1801) singt und sagt:

Wenn ich ihn nur habe,
Wenn er mein nur ist,
Wenn mein Herz bis hin zum Grabe
Seine Treue nie vergißt:
Weiß ich nichts von Leide,
Fühle nichts, als Andacht, Lieb und Freude.

 

Perikope
01.01.2014
4,10-13