Wer vertraut, der wartet. - Predigt zu Jeremia 31, 31-34 von Andreas Schwarz

Wer vertraut, der wartet. - Predigt zu Jeremia 31, 31-34 von Andreas Schwarz
31, 31-34

Ausgangsbeschränkung für die Jünger.

Selbstgewählt und alternativlos. Da sitzen sie im Obergemach des Hauses, wo sie immer wieder zusammen gewesen sind. Die elf Jünger. Und Frauen sind auch dabei, Maria Magdalena und Johanna und Maria, die Mutter Jesu, und seine Brüder. Sie sitzen zusammen. So erzählt der Evangelist Lukas. Und beten.  Vielleicht mit den Worten aus Psalm 27. Den man im Volk Israel betet. Schon immer gebetet hat.  Wenn sie unsicher waren, wenn sie sich Sorgen machten, wenn sie Gott gern gehört hätten oder gespürt. Wenn sie ihn angefleht haben, sich zu zeigen, zu helfen, die Not zu lindern, die gerade auf ihnen lastet. „HERR, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und antworte mir!“ Sie sitzen zusammen, beten und gehen nicht raus. Können nicht. Wollen nicht. Wie auch? Jesus ist weg. Jedenfalls hat er sich von ihnen verabschiedet. Sie sehen ihn nicht mehr. Sie warten darauf, dass sich erfüllt, was er versprochen hat:

„Ihr werdet die Kraft des Heiligen Geistes empfangen, der auf euch kommen wird, und werdet meine Zeugen sein.“ Der ist aber noch nicht gekommen. Also warten sie. Und hoffen. Und vertrauen. Und beten.

Schöne Erfahrungen im Rücken. Große Verheißung im Ohr. Und im Herzen. „Siehe, es kommt die Zeit.“

Glauben heißt: warten.

Wir lernen das seit vielen Wochen. Wir warten. Es fällt uns schwer. Je länger, je mehr. Wir wollen eine Perspektive, am besten ein Datum. Wann ist es – endlich – vorbei? Wann ist es wieder gut, also wie vorher? Manche wollen das komplette Ende vom ‚lockdown‘. Je schneller, desto besser. Sie werden ungeduldig. Gehen auf die Straßen und Plätze. Fordern. Kritisieren. Wir wollen nicht mehr warten. Wir wollen alles. Jetzt. Sofort. Das ist unser Recht. Wir sind das Volk. Ungeduld wird laut. Lässt sich nicht zügeln und verhindern. Bricht aus und wird hörbar.

„Siehe, es kommt die Zeit.“ Können wir warten? Warten, weil wir glauben.  Warten, weil wir vertrauen. Anstatt zu denken, wir müssen nicht mehr warten. Wir haben alles. Jetzt schon. Also los. Manchmal drängt sich dieser Eindruck auf. Wenn ich Verheißungsworte an das Volk Israel höre, von den Propheten verkündigt, in schwieriger Zeit, dann befürchte ich, dass Christen denken und glauben: Ja, die mussten damals warten. Die Menschen aus dem Volk Israel. 600 Jahre vor Christus. Eine grausame politische Niederlage mussten sie hinnehmen. Die Stadt Jerusalem war verwüstet. Der Tempel zerstört. Leben findet in der Fremde statt oder in Trümmern. Es gibt keine konkrete Aussicht. Wenig Hoffnung. Vielleicht die Ahnung: wir sind selber Schuld, wir haben unserem Gott nicht vertraut, obwohl wir uns immer und immer wieder daran erinnern, wie er geholfen hat. In aussichtsloser Lage. Wie er uns gerettet und befreit hat. Vor einem übermächtigen Feind. Aus Sklaverei und Unterdrückung. Auf einem langen und mühsamen Weg hat er uns durch die Wüste geführt. Er war da und er hat uns begleitet. Aber wir haben uns abgewendet. Darum ist er zornig. Was wir erleben, ist seine Strafe. So das Volk Israel.

Wenn der Prophet nun wieder Hoffnung macht und als Wort des Herrn sagt: „Siehe, es kommt die Zeit.“ Dann warten sie. Das ist ihre Geschichte. Das ist ihr Glaube.

Für uns Christen heute ist alles erfüllt. Christus ist längst gekommen. Er ist da. Und wir müssen nicht mehr warten. Ich befürchte, dass Christen so denken und glauben.

Ob, wer so denkt, spürt, wie er seinen eigenen Glauben belastet? Wenn er meint, es sei alles gut. Und dann ist es nicht gut. Das Leben ist eingeschränkt. Es ist bedroht. Fragen tauchen auf und bedrängen den Glauben. Wo ist Gott? Warum hilft er nicht, jetzt? Sofort?

Können wir zulassen, dass wir nicht über dem Volk Israel stehen, sondern neben ihm? Dass wir keinen Haken hinter Gottes Verheißung machen: Erfüllt! Sondern warten – wie das Volk Israel? „Siehe, es kommt die Zeit.“ Es kommt etwas, das jetzt noch nicht da ist. Es ist keineswegs alles gut. Die großen  Verheißungen Gottes stehen aus. Auch für uns. Auch für mich. Die ungewohnte Situation, in der wir uns seit vielen Wochen befinden und die sicher auch noch lange so bleiben wird, zeigt: Wir stehen neben dem Volk Israel. Sie lässt mich beten mit den Worten Israels: „HERR, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und antworte mir!“

Dann sitzen wir im Obergemach, wo wir häufig sitzen. Und doch anders, in kleiner Zahl und weit auseinander. Mit Mundschutz, dürfen nicht singen und musizieren, wie früher. Dürfen uns nicht begrüßen und  verabschieden, wie wir es gerne täten, dürfen nicht beim Kirchenkaffee zusammen sein. Sondern warten. Warten, dass kommt, was Gott versprochen hat.

Ich möchte dankbar dafür sein, wie gut es mir geht. Dass ich habe, was ich zum Leben brauche. Dass ich gesund bin und ganz eng mit vielen lieben Menschen verbunden bin. Aber ich vermisse die offene Gemeinschaft. Die volle Kirche. Den gemeinschaftlichen Gesang. Das Singen im Chor. Das Musizieren in der  Bläsergruppe. Die Kinder, die fröhlich zum Kindergottesdienst gehen. Den guten Austausch beim Kirchenkaffee, beim gemeinsamen Mittagessen, beim langen Erzählen nach dem Gottesdienst draußen vor der Tür. Das alles geht jetzt nicht. Es gibt kein: Jetzt. Sofort. Wir warten. Ich warten. Das gehört zu dieser Lage dazu. Es gehört zu meinem Glauben dazu. Zu warten. Dass Gottes Verheißung sich erfüllt. Und das Leben bestimmt.

„Siehe, es kommt die Zeit.“ Und dann glauben wir nicht nur. Dann sprechen und bekennen wir nicht nur.  Dann erleben wir. Dann ist Gottes Nähe nicht bloß in Büchern. Nicht bloß im Kopf und auf den Lippen. Sondern im Herzen. Und darum im ganzen Menschen. Was in meinem Herzen wohnt, bestimmt mein Leben. Was ich denke. Was ich glaube. Was ich hoffe, Worauf ich mich freue. Wenn ich liebe. Was ich liebe. Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben Wie gut, dass du, Herr, diese Verheißung wahrmachst. Ich vertraue dir. Dass du es gut mit mir meinst. Dass du eine Zukunft für mich hast, auch wenn ich sie jetzt nicht sehe. Dass du mir meine Zweifel vergibst, meine Ungeduld, meine Forderungen, meine Enttäuschungen. Dass du mich auf deine Zukunft mit uns hoffen lässt;  dass du mich lieben lässt, die, mit denen ich lebe, die, die leiden. Dass du mich warten lehrst. Auf die Erfüllung deiner Verheißung. Siehe, es kommt die Zeit. Mit deiner Hilfe warte ich darauf geduldig. Und bis dahin bete ich mit vielen anderen, die zu dir und deinem Volk gehören:

„HERR, höre meine Stimme, wenn ich rufe; sei mir gnädig und antworte mir!“ Amen.

 

Vier Fragen zur Predigtvorbereitung an Pfarrer Andreas Schwarz

1.    Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Es ist die ungewöhnlichste Zeit zum Predigen. Seit vielen Wochen entstehen Predigten ohne eine Gemeinde sichtbar als Gegenüber zu haben, nur als schriftliches Dokument und als Audiodatei. Seit 10. Mai nun für Gottesdienste in eingeschränkter Lage, mit Ab-stand, Mundschutz und ohne Singen. Aber (endlich) wieder Menschen, die gerne kom-men und gerne hören wollen und die schwierige Lage annehmen.

2.    Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Zunächst zu wissen, dass viele Menschen sich über gute und verlässliche Worte freu-en, dass sie offen sind für Verheißungen da, wo sie vertrauen.

3.    Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Die Bearbeitung von prophetischen Texten sind immer bereichernd. Für diesmal hat mich eine Bemerkung aus den GPM angeregt und darum auch die Predigt stark beein-flusst, dass wir als Christen Wartende sind. In dieser hoffnungsvollen Lage stehen wir neben Israel (nicht darüber!). Das macht biblische Prophetie aus dem AT für mich noch einmal ein Stück lebensnaher und wertvoller.

4.    Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Die überaus wertschätzende Begleitung durch meine Predigtcoachin. Alle kritisichen Bemerkungen waren für mich einsichtig und erhellend, haben mir so gut getan, dass ich den Eindruck habe, die Predigt hat sprachlich und an Deutlichkeit gewonnen. Ich bin vor allem dankbar dafür.

 

Perikope
24.05.2020
31, 31-34

Einfach heil aus zwei Kränkungen und drei Überraschungen - Predigt zu Jeremia 14, 1-9 von Markus Kreis

Einfach heil aus zwei Kränkungen und drei Überraschungen - Predigt zu Jeremia 14, 1-9 von Markus Kreis
14,1-9

Liebe Gemeinde,

Sommer 2018. Hitzewelle. Viel zu wenig Wasser im Sommer. Eigentlich soll der eher sintflutartige Regengüsse bringen. Trockenheit. Dürre. Klimaerwärmung. Eisbären, Singvögel, Insekten: Sind laut Experten am Aussterben. Die Menschheit auch? Eine Arche scheint jedenfalls nicht in Aussicht. Oder besser: ein schön klimatisiertes Raumschiff.

Jeremia schildert eine Wetterkatastrophe. Die Natur leidet samt ihren Geschöpfen unter fehlendem Wasser. Alle seine Quellen in Himmel und Erde sind versiegt. Bleiben trocken. Warum? Jeremia stellt diese Frage gar nicht. Trotzdem beantwortet er sie. Das ergibt sich aus seiner Rede:

Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben.

Wassermangel und trockene Quellen, sowohl auf Erden als auch im Himmel – das soll ein Zweites bebildern: Die Menschen sind abgeschnitten von Gott als Quelle. Oder gehen zu falschen Quellen, die dem Leben feind sind. Die Wassernot bebildert schlicht und einfach die Sünde. Die Tatsache, dass die Menschen von Gott getrennt sind. Dass sie Gott weder hören noch ansprechen.

 

Jeremia tut eines nicht bei seiner Rede von Sünde. Er benennt keine einzelnen sündigen Taten. Punktum: Mensch und Gott sind voneinander getrennt, das muss genügen. Die Karre ist insgesamt verfahren. Es geht nicht nur ums Lenken oder Ziehen oder Schieben oder Bremsen. Es geht um das Ganze, nicht um das ein oder andere Bewegen oder Stehen.

Die Menschen sind von Gott getrennt. Das scheint damals der Fall gewesen zu sein. Sündenbekenntnis, das heißt zur guten Quelle zu gehen. Da die Hitzewelle extrem lang andauerte, ist wohl kein Mensch auf diese Idee gekommen. Außer dem einen: Jeremia. Er wendet sich der guten Quelle zu: Gott.

Jeremia fühlt sich von seinen Sünden verklagt, wie seine Landsleute. Wohl gemerkt: Nicht von Gott sieht er sich angeklagt. Ein anderes bringt ihn vor den Richter. Seine Sünden verklagen ihn. Also etwas, das Teil seines Lebens ist. Sprich durch sein eigenes altes Leben. So alt, dass es ihm fast fremd vorkommt. Nicht mehr wie sein eigenes. Seine Vergangenheit zerrt seine Gegenwart vor Gericht. Und Jeremia nimmt an, dass es vielen anderen genauso geht.

Jeremia spricht es nicht offen aus. Er erlebt einige Leute seiner Zeit anders. So nach dem Motto: Sünde? Gibt’s doch gar nicht! Oder wenn, dann sind es immer nur die anderen. Was natürlich umso mehr empört. Falls Sie eine Übereinstimmung mit der Gegenwart sehen, ist das rein zufällig und liegt keinesfalls in der Absicht des Autors.

Sich im Streit mit dem Leben hinter sich zu sehen.Ich weiß nicht, wie Sie das sehen. Ich vermute, Sie kennen das. Haben es bei anderen bemerkt. Oder selbst mal erlebt.Was mich angeht, ich kenne das: Die Vergangenheit bedrängt die Gegenwart.

Sowie bei Eltern, die ahnen, etwas falsch gemacht zu haben, wenn sie sehen, was ihre Kinder als Erwachsene so treiben. Böse Überraschung. Oder wie ein Schüler vor der Abschlussprüfung. Bisher glaubt er, mit der Methode Vier gewinnt alles im Griff zu haben. Doch jetzt muss er sich fragen: Hab ich mein Können richtig eingeschätzt? Böse Überraschung. Bilanz ziehen – und bemerken, dass sie längst nicht so gut ausfällt, wie wir meinten.  

Jeremias Annahme kränkt. Mit ihr konfrontiert, drängt es einen zu entgegnen: Ich bin doch mündig. Weiß, mich vor bösen Überraschungen zu schützen. Bin dagegen gefeit. Bisher hat die Bilanz immer gestimmt. Ich bin doch nicht blöd. Weiß, mit so was umzugehen. Bösen Überraschungen aus dem Weg zu gehen.

Jeremias Annahme kränkt. Wie dann mit dieser Kränkung umgehen? Gegenangriff? Gehorsam? So tun, als wär nix? Das alles hält die Natur für den Fall eines Angriffs bereit. Und Jeremias Sätze greifen an. Böse Überraschung.  

Was bleibt übrig? Die einzig echte und gute Überraschung ist dann: Ich überrasche mich selbst. Mit einem echten Sündenbekenntnis. Und spreche gehorsam, gekränkt oder nicht: 7 Ach, HERR, wenn unsre Sünden uns verklagen, so hilf doch um deines Namens willen! Denn unser Ungehorsam ist groß, womit wir wider dich gesündigt haben.

Wie bitte? Gehorsam? Wieder mal zu allem Ja und Amen sagen? Auch zur Gottesvergiftung? Dazu ein Beispiel aus der Bibel.

  

Jesus verlässt Israel und geht in den heutigen Libanon. Da kommt eine Libanesin zu ihm und fordert lautstark Jesus auf, ihre kranke Tochter zu heilen. Jesus wehrt sie ab mit den Worten: Ich bin nur für die Israeliten da. Die Frau lässt sich nicht abspeisen, worauf Jesus sagt: Es ist nicht fein, dass man den Kindern ihr Brot nehme und vor die Hunde werfe. Die Frau erwidert: Ja Herr, aber doch essen die Hunde von den Krümeln, die von ihrer Herren Tische fallen. Und Jesus antwortete und sprach zu ihr: Frau, dein Glaube ist groß. Dir geschehe, wie du willst! Und ihre Tochter wurde gesund zu derselben Stunde.

Die Frau reagiert auf Jesu Kränkung mit Gehorsam: Sie nimmt das Etikett Hündin an. Obwohl es sie kränkt. Obwohl Jesu Anwurf sie vom Heil weg rückt. Und gewinnt gerade so das Heil, das sie sich wünscht. Und verliert das Etikett. 

Falls es einem so ergeht: Jeremia wirbt für genau diesen Gehorsam. Sieh Deinen Ungehorsam ein, Dein Ungenügen. Steh´ zu Deiner insgeheimen Kränkung. Wende Dich Gott zu. Erbitte und erhoffe seine Zuwendung. Die mit Macht und unwiderstehlich Kränkung überwindet. Dich glauben macht, dass Dir selbst in der Kränkung nur Gutes von Gott widerfahren wird. Mach ´es wie Jeremia.

Und das bedeutet gute Überraschung Nummer zwei. Lass Deinem Frust freien Lauf. Wenn es Dir, anders als der Libanesin, an Wortwitz fehlt – mach´ es noch mal wie Jeremia: Kränke als Gekränkter Gott. Gehe wie Jeremia Gott hart an, wenn er zu lange braucht. Wettere mit Gott und beschimpfe ihn. Wenn die Wendung zum Guten die Geduld überstrapaziert. 8 Du bist der Trost Israels und sein Nothelfer. Warum stellst du dich, als wärst du ein Fremdling im Lande und ein Wanderer, der nur über Nacht bleibt? 9 Warum bist du wie einer, der verzagt ist, und wie ein Held, der nicht helfen kann?

Was Jeremia hier formuliert, das klingt ein bisschen nach politischer Wutrede. Gott lebt im Untergrund. Wie ein Gesetzloser. Gott verdrückt sich heimlich, wenn es drauf ankommt. Ein Versager, der nicht zu seinem Wort steht. Ein hilfloser Helfer. Der sozusagen David ohne Schleuder antreten lässt. Und Noah ohne Arche. Jeremia geht Gott hart an nach dem Motto: Du forderst nur, ohne das dazu Notwendige zu geben.

Jeremia kränkt Gott mit seinen Sprüchen. Er weiß, was er tut. Denn Gott geht mit Kränkung anders um als Menschen. Die fühlen sich angegriffen, sind oft beleidigt, ziehen sich zurück. Oder schlagen zurück. Gott spielt nicht die beleidigte Leberwurst.

Gott lässt die Kränkung nicht auf sich sitzen. Gott hat Humor und Wortwitz wie die Libanesin. Er münzt wie sie die Kränkung um. Jesus kränkt die Frau, indem er sie als Hündin bezeichnet. Sie weist das nicht zurück. Die Frau unterwirft sich diesem Etikett. Und nutzt es zu ihren Gunsten. Ja, ich bin eine Hündin. Und wie die bekomme ich jetzt grad mal was Gutes von Dir ab. Und so geschieht es.

Den Anwurf: Du forderst und beschämst nur! Ohne mir das dazu notwendige zu geben! Das lässt Gott nicht auf sich sitzen. Er hört auf dieses Etikett, nimmt es an. Zugleich will er so nicht gesehen werden. Er will seinem Gegenüber nichts schuldig bleiben. Und das heißt: Er tut das Notwendige. Er gibt Gutes. Damit Schluss ist mit den Anwürfen. Damit er Gutes zurückbekommt.

 

Jeremia kränkt Gott mit seinen Sprüchen. Das Beschimpfen packt Gott bei seiner Ehre. Und zeigt an, was Gott tun könnte. Und zwar angesichts dessen, was Gott schon Gutes getan hat. Das heißt vor allem: Gott, erneuere Du Deinen Bund mit mir. Denn ich schaffe es ja nicht. Tu du das Deine, wenn ich das Meine nicht fertig kriege. Und bloß noch blind und fahrig im Leben herumeiere.

Einfach Heil aus zwei Kränkungen und drei Überraschungen. Wenn es denn mal geschieht: Fühle Dich ruhig gekränkt. Überrasche Dich dabei selbst mit einem Sündenbekenntnis. Kränke Gott. Überraschung Nummer zwei. Denn der lässt die Kränkung nicht auf sich sitzen. Überraschung die dritte. Er bleibt einem nichts schuldig. Gott gibt das, was an Gutem fehlt. Er tut alles, um Anwürfe zu entkräften. Um sie in Lob und Dank zu verwandeln. Amen. 

Vier Fragen zur Predigtvorbereitung an OStR Markus Kreis

1.    Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Hier kann ich – nur? – auf meinen inneren Hörer verweisen. Da ich an einer Berufsschule für Energie- und Informationstechnik unterrichte, hat mein Bild der SchülerInnen sehr wahrscheinlich unbewusst mitgewirkt.


2.    Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Die Idee, dass der biblische Autor ‚gesampelt‘, also seinen Hitzewelletext auf Basis des Sintfluttextes formuliert hat. In der Folge: die eindrückliche Schilderung der Sintflut sowie die Erweiterung auf all das, was Gottes Bundestätigkeit einschließt.


3.    Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Wenn Gott von Menschen gekränkt wird, dann zeigt er ihnen sein wahres Gesicht, das „absolut“ menschenfreundlich ist.

4.    Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Ich habe abstrahierende durch narrative Formulierungen ersetzt sowie Textelemente mit Irritationspotential für die Leser-/Hörerschaft gestrichen oder umformuliert. Außerdem habe ich der semantischen Spur der biblischen Textvorgabe den Vorrang eingeräumt, Anspielungen reduziert und auf die adressatengerechte Verwendung von Personalpronomina geachtet.

Perikope
19.01.2020
14,1-9

"Du meine Seele singe, wohl auf und singe schön!" – Predigt zu Jeremia 20,7-11a von Frank Hiddemann

"Du meine Seele singe, wohl auf und singe schön!" – Predigt zu Jeremia 20,7-11a von Frank Hiddemann
20,7-11a

1. EIN GECOVERTER PSALM
"Du meine Seele singe, wohl auf und singe schön!"

Liebe Gemeinde,
so dichtete, nein sang Paul Gerhardt. Ein heiteres Lied, ein Psalmlied, ein "gecovertes" Lied, wie Jugendliche heute sagen. Das heißt: Ein Lied, das ein altes Lied wiederholt und zugleich neu singt, den Psalm 146. Schon Luther hat ihn nachgesungen. "Lobe den Herrn, meine Seele", hat er den hebräischen Text übersetzt. "Du meine Seele singe", jubiliert Paul Gerhardt, noch etwas intimer und vertrauter mit sich selbst und seiner Seele.

Auch unser Predigttext ist ein Lied. Aber ein dunkles Lied. Ein Liebeslied, das davon singt, wie abhängig der Liebende vom Geliebten ist. Ein Klagelied. Es singt der Prophet Jeremia. Bis eben hat er im Block gelegen. An Händen und Füßen stramm gefesselt. Als er wieder frei gelassen wird, hat er nichts Besseres zu tun als seinem Peiniger ein paar prophetische Sprüche entgegen zu werfen: "In der Verbannung wirst du sterben, Jerusalem wird zerstört samt Tempel,
wo du mich jetzt festgehalten hast. Spruch des Herrn."

Später ein Moment der Stille, der Mann spürt seine Wunden und redet wieder, diesmal zu Gott:
Du hast mich verführt Gott,
und ich ließ mich verführen.
Du hast mich gepackt und überwältigt.
Jeden Tag werde ich zum Gespött,
alle verlachen mich.
Ach, sooft ich rede,
muss ich rufen,
muss ich schreien:
"Gewalt und Misshandlung".
Ja, das Wort Gottes wurde mir täglich zu Spott und Hohn.
Dachte ich aber:
"Ich will nicht mehr an Gott denken
und nicht mehr im Namen Gottes reden,
dann brannte es in meinem Herzen wie Feuer,
es erfüllte mein Inneres ganz.
Ich versuchte, dies auszuhalten,
ich vermochte es aber nicht.
Ach, ich hörte das Gerede von Vielen:
"Grauen ringsum!
Verklagt ihn!
Wir wollen ihn verklagen!"
Selbst alle Menschen, die in Frieden mit mir verbunden sind,
warten gespannt auf meinen Sturz.
"Vielleicht lässt er sich verführen,
dann können wir ihn überwältigen
und uns an ihm rächen."
Aber Gott steht mir wie ein starker, kraftvoller Mann bei.
Deshalb werden die, die mich verfolgen,
straucheln und nichts erreichen.


2. WORTE DER OHNMACHT
Du hast mich verführt, gepackt und überwältigt. Dieser Mann redet wie eine Frau, die gegen ihren Willen zur Liebe gezwungen wird. Dieser Mann braucht die Worte der Ohnmacht, um seinem Leiden Ausdruck zu geben. Wenn er die Worte Gottes reden muss, die ihn überfallen, spuckt er sie aus und sogleich fallen alle über ihn her. Sie verletzen ihn, schließen ihn in den Block. Eigentlich sind es Gottes Worte. Ihn müssten sie verletzen. Aber er, Jeremia, steht für Gott ein, gegen seinen Willen. Er könnte zwar seinen Mund halten, aber dann beginnen die Worte in ihm drin zu brennen, als seien es glühende Kohlen. Er muss sie ausspucken, die schwelenden Worte in seinem Inneren und dann trifft ihn der Zorn von außen. Eine ausweglose Situation. Alles, was helfen kann, ist ein Lied.

Aus einem Jetzt, das nicht mehr ist als ein Schrei, aus dem ausweglosen Moment werden Verse und Strophen, wird ein Bild des Leidens. Aus dem Jetzt der Verzweiflung, wird eine Wegstrecke, ein Stück Leben, das dem Verstummen abgerungen ist.

3. IN DER KUTSCHE NACH MITTENWALDE
"Du meine Seele singe, wohl auf und singe schön!" - 1651. Paul Gerhardt sitzt in einer Kutsche nach Mittenwalde. Sein ganzer Hausstand ist interwegs. Ein Teil hinten auf der Kutsche in Kisten. Ein Teil rappelt voraus. Ein Teil folgt in einem Lastenfuhrwerk. Unterwegs sein mit allem. Das ist recht für einen Christenmenschen. Wir haben hier keine bleibende Statt. Paulus lächelt. Er wird tüchtig durchgeschüttelt. Die Straße ist gut. Mittenwalde liegt an der alten Heerstraße nach Dresden. Aber auch ein gute Straße schützt einen nicht vor den Stößen des Lebens. Seine erste Pfarrstelle wartet auf ihn in Mittenwalde. Einer seiner Vorgänger, der Propst Gallus Lutherus, wurde dort in seiner eigenen Kirche erschossen. Plündernde Soldaten drangen in die Kirche ein. Und der Pastor wollte den Gotteskasten nicht abgeben. Das Geld der Gemeinde war darin. Da traf ihn der Pistolenschuss. Die Dörfer am Rande der Straße tragen noch heute die Spuren des Krieges. Schwarze Gehöfte, einige Orte sind zu Wüstungen geworden. Sie ziehen an den Kutschenfenstern vorbei, Gras und Sträucher holen sich ihr Gelände zurück. Diese Ruinen sind nicht romantisch. Der große Krieg hat die Gegend zur Ader gelassen, ausgeblutet. Dazu die Pest. "Er weiß viel tausend Weisen, zu retten aus dem Tod", kommt Paulus Gerhardt in den Sinn. Eine Liedzeile, trotzig dem Schrecken des entvölkerten Landes entgegen gesetzt.

Die meisten Felden sind nicht bestellt. Es fehlen Hände und Werkzeuge. Und Gerhardt formuliert noch einmal gegen den Augenschein: "Er nährt und gibet Speisen, zur Zeit der Hungersnot, macht schöne rote Wangen oft bei geringem Mahl;" Woher soll denn sonst die Hilfe kommen? Wasser und Brot fallen ihm ein, ein geringes Mahl im Gefängnis. Die meisten sind über den Haufen geschossen worden. Glück hatte, wer im Gefängnis landete. "Und die da sind gefangen, die reißt er aus der Qual." Vielleicht ist "Du meine Seele singe, wohl auf und singe schön!" auf dieser Kutschfahrt entstanden. Zwei Jahre später wurde es in Crügers Gesangbuch veröffentlicht.

4. DIE STÖSSE DES LEBENS
In Mittenwalde hat Paul Gerhardt geheiratet. Er war fast 48 Jahre alt, als er sich 1655 mit der 32jährigen Anna Maria Berthold zusammen tat. Zwei Jahre später begrub er in der Kirche sein erstes Kind. "Wenig und böse ist die Zeit meines Lebens" steht auf der Grabtafel der kleinen Maria Elisabeth.
Du meine Seele, singe,
Wöhlauf, und singe schön
Dem, welchem alle Dinge
Zu Dienst und Willen stehn.
Ich will den Herren droben
Hier preisen auf der Erd,
Ich will ihn herzlich loben,
So lang ich leben werd.


Dieses Lob ist im Munde Paul Gerhardts nie verstummt. Nicht dass es ihm irgendwann besser gegangen wäre. Nicht dass er bis zum glücklichen Ende durchgehalten hätte. Seine Heiterkeit war nie eine Sache überwundener Trübsal. Sie sprosste zwischen den Steinen seines Leids. Sie holte sich stets ihr Gelände zurück. Denn seine Wurzeln gingen tief hinab in den Quellgrund unseres Trostes, Gott selbst.

Jeremia und Paul Gerhardt lebten in schweren Zeiten. Was ihnen zustieß, hätte andere zerbrochen. Überlebt haben sie auch mit Hilfe von Liedern, die ihrem Leid Ausdruck gaben. Manchmal schwangen sie sich sogar darüber hinaus.

5. IN LIEDERN LEBEN
Und es lässt sich heute noch in Liedern leben mit Gottesworten auf der Zunge und im Bauch. Mit drei Strophen aus Paul Gerhardt Liedern erinnere ich Sie an das kleine Einmaleins des Lebens in Liedern:

Erstens: Die Dinge unseres täglichen Lebens mögen uns wichtig erscheinen. Aber wer nur darauf achtet, wie er seine Siebensachen bei sich behält und seine Angelegenheiten regelt, der verstrickt sich leicht in Ihnen. Wenn Ihnen mal wieder alles bis zur Hutschnur geht, empfehle ich ihnen diese Strophe:
Ich bin ein Gast auf Erden
Und hab' hier keinen Stand;
Der Himmel soll mir werden,
Da ist mein Vaterland.
Hier reis' ich aus und abe;
Dort in der ew'gen Ruh'
Ist Gottes Gnadengabe,
Die schleußt all' Arbeit zu.


Zweitens: Wir bauen alle an unseren Nestern. Wenn es möglich ist, sehen wir auf das Gute in unserem Leben. Wenn wir beten und singen, ist es gut, auch die dunkle Hälfte des Lebens in den Blick zu nehmen und - beim Namen zu nennen. Eins der beliebtesten Kindergebete, das zur Nacht gesprochen wird, handelt vom Satan, der das Kindlein verschlingen will, und wo es Schutz davor findet.
Breit aus die Flügel beide,
O Jesu, meine Freude,
Und nimm dein Küchlein ein!
Will Satan mich verschlingen,
So laß die Englein singen:
Dies Kind soll unverletzet sein!


Drittens: Wir leben unser Leben, wo schon andere gelebt haben. Wir leben in ihrer Spur, singen ihre Strophen, holen ihre Worte hervor, wenn unsere Leben schwer wird. Gott ist ein Mensch geworden. Und was auch immer uns begegnet, er hat es auch erlebt oder gedacht oder gespürt. Oder erlitten.
Ich hang' und bleib' auch hangen
An Christo als ein Glied;
Wo mein Haupt durch ist gangen,
Da nimmt er mich auch mit.
Er reißet durch den Tod,
Durch Welt, durch Sünd' und Not,
Er reißet durch die Höll',
Ich bin stets sein Gesell.


Und der Friede Gottes, der höher ist, als all unsere Vernunft, bewahre euere Herzen und Sinne in Christus Jesus.
Amen

Perikope
24.03.2019
20,7-11a

…und dennoch – Predigt zu Jeremia 20,7-11a von Berenike Brehm

…und dennoch – Predigt zu Jeremia 20,7-11a von Berenike Brehm
20,7-11a

I Ich kann nicht mehr. Ich mag nicht mehr. Katerstimmung in der Kirche. Die Jugend bleibt aus, die Pfarrstellen werden weniger. Man sieht so wenig von dem, was man investiert. Die Kirche scheint auf dem absteigenden Ast zu sein. Ermüdung macht sich breit. Und mit ihr kommen diese Fragen: Warum mache ich das Ganze überhaupt? Bringt das eigentlich noch was? Ich kann nicht mehr. Ich mag nicht mehr. Katerstimmung auch in ganz anderen Bereichen. Alles wächst einem über den Kopf. Zeit und Kraft gehen einem aus. So viel hat man gegeben: Ist für pflegebedürfte Angehörige dagewesen. Tag für Tag. Oder hat sich für ein politisches Ziel eingesetzt. Und man fragt sich: Wie lange kann, ja, wie lange will ich das noch?Ich kann nicht mehr. Ich mag nicht mehr. Vielleicht sagst du das. Vielleicht sage ich das. Vielleicht sagen Sie das. Der Prophet Jeremia hat es gesagt. Ganz laut. Und: Er hat es zu Gott gesagt. Ich kann nicht mehr. Ich mag nicht mehr. Katerstimmung beim Propheten Jeremia.

II Wir hören den heutigen Predigttext aus dem Buch Jeremia,

Kapitel 20,7-11a:

Herr, du hast mich überredet und ich habe mich überreden lassen. Du bist mir zu stark gewesen und hast gewonnen; aber ich bin darüber zum Spott geworden täglich, und jedermann verlacht mich. Denn sooft ich rede, muss ich schreien; »Frevel und Gewalt!« muss ich rufen. Denn des Herrn Wort ist mir zu Hohn und Spott geworden täglich. Da dachte ich: Ich will seiner nicht mehr gedenken und nicht mehr in seinem Namen predigen. Aber es ward in meinem Herzen wie ein brennendes Feuer, verschlossen in meinen Gebeinen. Ich mühte mich, es zu ertragen, aber konnte es nicht. Denn ich höre, wie viele heimlich reden: »Schrecken ist um und um!« »Verklagt ihn!« »Wir wollen ihn verklagen!« Alle meine Freunde und Gesellen lauern, ob ich nicht falle: »Vielleicht lässt er sich überlisten, dass wir ihm beikommen können und uns an ihm rächen.« Aber der Herr ist bei mir wie ein starker Held, darum werden meine Verfolger fallen und nicht gewinnen.

III Jeremia kann und mag nicht mehr. Schon vier laute Klagen hat Jeremia deswegen zum Himmel geschickt. Jetzt klagt er zum fünften Mal. Denn Jeremia hadert mit seinem Auftrag. Nie wollte er Prophet werden. Doch dann hat Gott ihn einfach losgeschickt. Jeremia hat sich zwar gewehrt, aber es kam, wie Gott es wollte.

Und jetzt klagt Jeremia. Klar und laut. Jetzt klagt Jeremia Gott an. Ganz direkt und persönlich. Er wirft ihm vor, dass er ihm keine Wahl gelassen hat, dass er ständig den Buhmann spielen und den Finger in die Wunde legen muss. Und als ob das noch nicht genug wäre: Durch sein Predigen ändert sich noch nicht mal etwas. Im Gegenteil: Die anderen verschwören sich gegen ihn.

Jeremia ist wütend und frustriert. Doch diese ganze Wut und Enttäuschung frisst er nicht in sich hinein. Er schleudert sie Gott entgegen. Man kann sagen: Welche Frechheit! Was nimmt Jeremia sich da eigentlich raus? Und man kann sagen: Welch Vertrauen! Wie kommt es, dass Jeremia trotz allem Zweifel bei Gott bleibt?

Weil da dieses Feuer in mir ist, sagt Jeremia. Deshalb mache ich weiter. Trotz und inmitten allen Klagens. Denn da ist diese Leidenschaft in mir. Diese Leidenschaft, die mich antreibt, und die meinen eigenen Klagen ins Wort fällt. Die mich ermutigt, mich inmitten aller Widrigkeiten zu Gott zu bekennen. Die mir in aller Mutlosigkeit ein „und dennoch“ abringt. Deswegen mache ich dennoch weiter.

IV Jeremia zeigt eindrücklich: Glauben heißt „und dennoch“ sagen. Dennoch bleiben, dennoch weitermachen. Mit Gott leben bedeutet nicht, mit einem Bein schon im Paradies stehen. Oder: Alles wird besser und einfacher, wenn man glaubt. Nein, mit Gott leben bedeutet, mit beiden Beinen in dieser Welt stehen. Glauben bedeutet, dass manches auch schwerer wird. Denn an all den Ungerechtigkeiten dieser Welt leiden Glaubende doppelt. Zum einen daran, dass es sie überhaupt gibt. Zum anderen daran, dass es sie in einer von Gott geliebten Welt gibt, dass Gott sie zulässt.

Glaube ist was für die, die immer glücklich sein wollen, sagen manche Heilsversprechen. Wer nur genug glaubt, dessen Probleme lösen sich in Luft auf – das hört man immer wieder. Doch ich muss euch und Sie mit Jeremia enttäuschen: Glaube ist etwas für die, die es aushalten, dass Gott, nicht alles so wendet, wie wir wollen. Denn an Jesus Christus glauben, heißt an den glauben, der wünschte, dass der Kelch an ihm vorrübergeht, und der dennoch nicht verschont wurde. Der durch Leid und Tod gegangen ist. Der es überwunden hat, ja, aber der es zuvor aushalten musste.

Andere sagen: Glauben ist etwas für die, die etwas zum Festhalten brauchen. Damit ihr Leben leichter zu ertragen wird. Glaube ist was für die Schwachen, sagte etwa Friedrich Nietzsche. Und ich sage mit Jeremia: Glauben ist etwas für die Starken. Für die, die die Spannungen aushalten. Für die, die nicht aufgeben. Für die, die trotz allem bei Gott bleiben. Glaube ist Opium für das Volk, sagte etwa Karl Marx. Und ich sage mit Jeremia: Glaube ist wie ein High-Energy-Drink. Er lässt uns hellwach werden. Er lässt uns unermüdlich arbeiten. Er lässt uns sich einsetzen. Dafür, dass sich etwas ändert in der Welt.

V Dennoch bleiben. Bei Gott. Ihm das eigene Leben hinhalten. Das bedeutet Glauben. Diese Fragen aushalten lernen: Wenn Gott die Welt geschaffen hat - Warum dann so fehleranfällig? Wenn Gott uns so sehr liebt - Wieso müssen wir dann Leid erfahren? Mit diesen Fragen Gott gehen, das bedeutet Glauben für Jeremia. Nicht fliehen, sondern mit Gott ringen. Ihm all die Verzweiflung hinhalten, und auch die Wut und die Trauer. All die dunklen Gefühle. All das, was nicht auszuhalten ist.

Und dennoch bleiben. Bei Gott. Und in der Welt. Ihm das eigene Leben hinhalten – und: das eigene Leben einsetzen. Weil da dieses Feuer in einem brennt. Weil die Wahrheit nicht schweigen lässt. Und für sie auch Anfeindungen aushalten. Anfeindungen, die unweigerlich entbrennen, wenn wir unbequeme Wahrheiten aussprechen. Das bedeutet Glauben für Jeremia. Sich dennoch einsetzen. Auch auf die Gefahr hin Spott und Hohn aushalten zu müssen. So wie Greta Thunberg, die derbe Hasskommentare unter ihren Posts lesen muss. So wie all die Jugendlichen, die jeden Freitag auf die Straße gehen, und denen so viel Hochmut von Politikern entgegengebracht wird.

Denn Glauben heißt „und dennoch“ sagen. Dennoch nicht von Gott lassen. Dennoch sich engagieren. Trotz Katerstimmung. Weil Gott mich nicht loslässt. Dieser Gott, der stärker ist als alle Mutlosigkeit und Kraftlosigkeit. Stärker als alle Anfeindungen und Gefahren. Und erst recht stärker als schwindende Mitgliederzahlen oder Pfarrpläne. In diesem Vertrauen „und dennoch“ sprechen, inmitten der Klage Gott bekennen – das ist Glaube. Amen.

Es folgt das apostolische Glaubensbekenntnis

Perikope
24.03.2019
20,7-11a

Baut Häuser, pflanzt Gärten! – Predigt zu Jer 29,1.4-7.10-14 von Barbara Eberhardt

Baut Häuser, pflanzt Gärten! – Predigt zu Jer 29,1.4-7.10-14 von Barbara Eberhardt
29,1.4-7.10-14

Lena fühlt sich, als hätte sie ihre Heimat verloren. Jahrelang ist sie Konfi-Teamerin gewesen. Das hat riesig Spaß gemacht. Zu überlegen, wie sie Jüngeren die Kirche nahebringen konnte. Den Glauben an Gott und an Jesus und an die Gemeinschaft. Das Schönste waren immer die Gottesdienste gewesen, die sie gemeinsam vorbereitet hatten. Moderne Lieder und jeder, auch noch der schüchternste Konfi, hat etwas dazu beigetragen. Wundervoll war das. Und irgendwann war es vorbei. Die anderen aus ihrem Team sind zum Studium weggezogen oder hatten keine Zeit mehr. Neue Konfi-Teamer waren nachgerückt, viel jünger als sie. Sie war nicht mehr am richtigen Platz. Das spürte sie. Und verabschiedete sich aus dem Konfi-Team. Ein paar Mal hat sie es mit dem normalen Sonntagsvormittagsgottesdienst versucht. Aber das war nicht ihr Ding. Einfach in der Kirchenbank sitzen, alte Kirchenchoräle singen. Sollte sie einfach gehen, aus der Kirche austreten wie so viele andere in ihrem Alter? Nein, so war sie nicht. Sie war schon immer eine, die etwas schaffen wollte. Die Kirche mitgestalten. Ihren Glauben leben. Gemeinsam mit anderen. Also hat sie sich als Kandidatin für den Kirchenvorstand aufstellen lassen. Vielleicht, so hofft sie, kann sie ja wieder eine Heimat finden. Und anderen eine Heimat geben.

Lena geht auf den Dachboden. Dort steht die alte Kiste, die ihre Mutter ins Altpapier geben will. Sie hat es nie leiden können, Sachen einfach wegzuwerfen. Wie eine Löwin hat sie als Kind um ihre alten Schulhefte gekämpft und sie vor der Mülltonne bewahrt, hat eins nach dem anderen durchgeblättert und sorgfältig aussortiert.
Und jetzt diese Kiste, die Jahrzehnte vor sich hin gestanden hat. Lena sitzt davor und macht sie auf. Eine Ansichtskarte aus Lloret de Mar aus den 80ern. Eine von der Insel Mainau, auf der säuberlich das Datum geschrieben ist: 16. April 1962. Zeitungsausschnitte aus dem Lokalteil. Todesanzeigen von Menschen, die sie nicht kennt. Ein Album mit weiteren Ansichtskarten. Sie will es schon weglegen, da fällt ein Brief heraus.
Liebste Inge, steht da mit zittriger Handschrift. Wie geht es euch? Hoffe, ihr seid wohlbehalten. Denke oft an dich und die Kinder. Wie groß sie wohl schon sind?! Mir geht es gut, werde aber vorläufig nicht kommen können. Wenn Du kannst, schick mir warme Unterhosen und einen Mantel. Gebt auf Euch acht! Baut Häuser und pflanzt Gärten! Gott schütze Euch! In Liebe, Dein Karl
Sie dreht den Brief vorsichtig um. Worte in kyrillischer Schrift. Adresse und Absender in Schreibschrift. Das muss ein Brief ihres Urgroßvaters aus russischer Kriegsgefangenschaft sein. Sie weiß, dass ihre Urgroßmutter mit den Kindern aus Schlesien geflohen ist, während ihr Mann in Gefangenschaft war. Aber: Baut Häuser und pflanzt Gärten? Dazu wären sie doch damals nie in der Lage gewesen. Sie muss ihre Mutter fragen.

73 Jahre ist es jetzt her, dass der Zweite Weltkrieg geendet hat. Gott sei Dank! Denn damit war dem Morden des Nazireiches ein Ende gesetzt. Das Leiden war allerdings nicht vorbei gewesen. Schwer traumatisierte Menschen, die alles verloren hatten. Männer in Kriegsgefangenschaft. Flüchtlinge. Allein in Westdeutschland waren es zehn Millionen. Sie wurden untergebracht in Baracken, auf Bauernhöfen, in Privatwohnungen. Und was ihnen entgegenschlug, war oft keine Willkommenskultur, sondern Ablehnung. Sie waren zu viele, sie waren fremd. Aber im Lauf der Jahre haben viele von ihnen Erstaunliches geleistet. Sie bauten Häuser, pflanzten Gärten, gingen in die Gottesdienste im Ort und engagierten sich in Vereinen. Manchen von ihnen hat ihr Glaube geholfen. Abends, wenn die Arme und Beine schwer waren von der Arbeit, blätterten sie in ihren abgewetzten Bibeln und Gebetsbüchern und fanden Trost in den Worten.

Mit dem alten Brief in der Hand geht Lena nach unten. Ihre Mutter schnippelt gerade Gemüse für das Abendessen. „Was bedeutet: Baut Häuser, pflanzt Gärten!“, fragt Lena. Ihre Mutter lacht. „Woher hast du denn das her?“ „Ich habe einen Brief gefunden“, sagt Lena, „von meinem Uropa aus der Kriegsgefangenschaft. Er schreibt: Baut Häuser, pflanzt Gärten!“ „Also“, sagt Lenas Mutter. „Das war so eine Redewendung bei uns. Immer wenn wir konstruktiv denken sollten, hieß es: Baut Häuser, pflanzt Gärten!“ „Konstruktiv denken?“ „Na ja, zum Beispiel als die Uhrenfabrik geschlossen wurde. Meine Eltern haben ja beide dort gearbeitet. Plötzlich waren sie arbeitslos und sie hatten noch Schulden. Da waren sie völlig fertig, als sie das erfahren haben. Keiner wollte was sagen beim Abendessen, sogar wir Kinder waren still. Und schließlich sagte mein Vater: Baut Häuser, pflanzt Gärten! Da mussten wir alle lachen, haben zusammen abgespült, und danach haben meine Eltern die Stellenanzeigen in der Zeitung durchgesehen. Oder damals, als die Schnellstraße durch unseren Ort gebaut werden sollte. Da hieß es wieder: Baut Häuser, pflanzt Gärten! Dann haben sie sich mit Nachbarn zusammengetan und eine Bürgerinitiative gegründet. Sie haben es geschafft, dass die Schnellstraße außenrum gebaut wurde. Woher sie das Baut-Häuser-pflanzt-Gärten haben, weiß ich allerdings nicht.“ „Es ist schön“, sagte Lena.

Der 21. Oktober ist Kirchenvorstandswahltag. Lena geht in den Gottesdienst. Warum weiß sie selbst nicht. Vielleicht um noch etwas Segen zu bekommen für die Wahl. Sie will wirklich gern im Kirchenvorstand mitarbeiten. Häuser bauen, Gärten pflanzen. Etwas voranbringen. Konstruktiv sein. Die Lieder im Gottesdienst sind nicht ganz so schlimm, wie sie es in Erinnerung hat. Eines gefällt ihr sogar richtig gut. Die Pfarrerin erzählt etwas von einem Brief, den der Prophet Jeremia in die Fremde geschrieben hat. Wie der Brief von meinem Uropa, denkt Lena. Und hört die Worte:

Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte. So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl. Denn so spricht der Herr: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe. Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der Herr, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen.

Amen.

Perikope
21.10.2018
29,1.4-7.10-14