Babylon Berlin – Predigt zu Jeremia 29,1.4-7.10-14 von Jürgen Kaiser
Babylon Berlin
Verbrechen und Verschwörung, Korruption und Spionage, Sex und Drogen, Politik und Liebe. Die Serie, liebe Gemeinde, hat alles, was gute Unterhaltung braucht. Sie ist ein Krimi. Sie ist ein Agententhriller. Sie ist eine Liebesgeschichte. Und sie hat historisches Kolorit. Gereon Rath arbeiten bei der Mordkommission. Trotzkisten stehlen einen Zug voller Gold, der sich als Zug voller Giftgas entpuppt. Charlotte Ritter arbeitet tags bei der Polizei und nachts im Moka Efti, einem Nachtclub, den gab es wirklich. Kommunisten verprügeln Nazis, Nazis verhauen Kommunisten und die Polizei knüppelt alle. Berlin im Jahr 1929. Berlin ist Babylon.
Babylon Berlin 2018
Babylon heißen in Berlin zwei alte Kinos und ein versifftes Shisha-Café. In Berlin begnügen sich arabische Großclans nicht mehr damit, Autos zu klauen. Sie rauben Banken aus und stehlen riesige Goldmünzen aus dem Museum. In Berlin gibt es 26 Clubs, viele öffnen erst um 23 Uhr. Im KitKat-Club, für seine Fetischpartys bekannt, hat sich vor drei Wochen einer eine Hirnhautentzündung eingefangen.
Und ich sah eine Frau auf einem scharlachroten Tier sitzen, das war voll lästerlicher Namen und hatte sieben Häupter und zehn Hörner. Und die Frau war bekleidet mit Purpur und Scharlach und geschmückt mit Gold und Edelsteinen und Perlen und hatte in ihrer Hand einen goldenen Becher, voll von Gräueln, und die Unreinheit ihrer Hurerei, und auf ihrer Stirn war geschrieben ein Name, ein Geheimnis: Das Große Babylon, die Mutter der Hurer und aller Gräuel auf Erden. (Offb 17,3-5)
Was hier zu sehen ist, ist keine Fetisch-Nacht im KitKat-Club, sondern eine Vision des Johannes.
Babel und Bibel
Am Anfang, in der Mitte und am Ende kommt Babylon in der Bibel vor. Am Ende, in der Offenbarung, ist Babylon die große Hure. Als Johannes seine Träume aufschrieb, war Babylon längst ein Trümmerhaufen. Man vermutet, dass der Seher Rom meinte, aber nicht laut zu träumen wagte.
Und ich sah einen andern Engel fliegen mitten durch den Himmel, der hatte ein ewiges Evangelium zu verkündigen denen, die auf Erden wohnen, allen Nationen und Stämmen und Sprachen und Völkern. Und er sprach mit großer Stimme: Fürchtet Gott und gebt ihm die Ehre; denn die Stunde seines Gerichts ist gekommen! … Und ein zweiter Engel folgte, der sprach: Sie ist gefallen, sie ist gefallen, Babylon, die Große; denn sie hat mit dem Zorneswein ihrer Hurerei getränkt alle Völker. (Offb 14,6-8)
Am Ende der Bibel ist Babylon gefallen. Am Ende der Zeit wird es keine Weltreiche mehr geben. Schon am Anfang der Bibel steht Babel programmatisch für ein totalitäres Imperium. Der Turm wird zum Symbol menschlicher Hybris. Hoch in den Himmel steigen und wie Gott sein wollen, sich einen Namen machen. Das Mittel, durch das die babylonischen Menschen zur Allmacht greifen, ist die Konformität. Die ethnische Einheitlichkeit, die Einheitlichkeit der Sprache, die Einheitlichkeit der Kultur, die Einheitlichkeit der Religion dienen der Kontrolle und der Machtpotenzierung. Von Anfang an verkörpert Babylon nicht nur die Lasterhaftigkeit, sondern auch den Faschismus: das Übermenschentum durch Totalitarismus und Konformität, durch Ausgrenzung und Vernichtung alles Divergierenden.
Das alles wird nicht erzählt, ist aber als Idee in den Raum gestellt und theologisch von Anfang an verworfen, indem erzählt wird, dass Gott ihre Sprache verwirrt und sie zerstreut, weil ihnen andernfalls nichts mehr unmöglich sei. (1. Mose 11,6-8)
In der Mitte der Bibel erscheint das historische Babylon. Es eroberte Jerusalem, zerstörte den Tempel und verschleppte seine Oberschicht nach Babylon.
Jerusalem Babylon
Babylon wurde zur großen Gegenspielerin Jerusalems. In Jerusalem wohnt Gott, in Babylon die Gottlosigkeit. In Jerusalem wohnen die Heiligen, in Babylon die Huren. Jerusalem hat einen Tempel, Babylon hat einen Turm.
Doch gemessen an der allenthalben aufzuspürenden Verteufelung Babylons steht in der Mitte der Bibel ein erstaunliches historisches Dokument: der Brief eines Propheten mit unerwarteten Tönen:
Dies sind die Worte des Briefes, den der Prophet Jeremia von Jerusalem sandte an den Rest der Ältesten, die weggeführt waren, an die Priester und Propheten und an das ganze Volk, das Nebukadnezar von Jerusalem nach Babel weggeführt hatte – …So spricht der Herr Zebaoth, der Gott Israels, zu allen Weggeführten, die ich von Jerusalem nach Babel habe wegführen lassen: Baut Häuser und wohnt darin; pflanzt Gärten und esst ihre Früchte; nehmt euch Frauen und zeugt Söhne und Töchter, nehmt für eure Söhne Frauen und gebt eure Töchter Männern, dass sie Söhne und Töchter gebären; mehrt euch dort, dass ihr nicht weniger werdet. Suchet der Stadt Bestes, dahin ich euch habe wegführen lassen, und betet für sie zum Herrn; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl.… Denn so spricht der Herr: Wenn für Babel siebzig Jahre voll sind, so will ich euch heimsuchen und will mein gnädiges Wort an euch erfüllen, dass ich euch wieder an diesen Ort bringe. Denn ich weiß wohl, was ich für Gedanken über euch habe, spricht der Herr: Gedanken des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung. Und ihr werdet mich anrufen und hingehen und mich bitten, und ich will euch erhören. Ihr werdet mich suchen und finden; denn wenn ihr mich von ganzem Herzen suchen werdet, so will ich mich von euch finden lassen, spricht der Herr, und will eure Gefangenschaft wenden und euch sammeln aus allen Völkern und von allen Orten, wohin ich euch verstoßen habe, spricht der Herr, und will euch wieder an diesen Ort bringen, von wo ich euch habe wegführen lassen. (Jer 29,1.4-7.10-14)
Babylon in Berlin
Viele besuchen Berlin. Die einen schlafen am Tag und tanzen in der Nacht in den Clubs. Die anderen schlafen in der Nacht und gehen am Tag ins Pergamonmuseum. Dort zieht man mitten in Berlin nach Babylon ein - durch das blaue Ischtar-Tor mit den Stieren und Drachen, den Göttern Adad und Marduk, dann die Prozessionsstraße entlang mit den Löwen.
Gut möglich, dass die Juden aus Jerusalem die gleiche Strecke entlanggezogen waren, als man sie nach Babylon gebracht hat.
Jerusalem in Babylon
Und dann waren sie da, in der großen Stadt mit den vielen Göttern, mit den prächtigen Straßen, mit den blauen Ziegeln und den hängenden Gärten, mit den vielen Sprachen und den vielen Völkern. Eine Stadt, die ihnen fremd war. Eine Stadt mit einer ungeheueren Vielfalt. Eine Stadt, in der sie ihren Platz finden mussten.
Aber zu begreifen, dass die Vielfalt von ihrem Gott, vom Gott Israels, so geschaffen wurde, damit auch sie ihren Platz in der fremden Stadt finden konnten, das war eine weitreichende, eine prophetische Einsicht.
Sie sollen sich einleben in dieser Stadt Babylon. Die Stadt ihrer Feinde soll ihre Stadt werden. Sie sollen ihr Bestes suchen. Das taten sie. Sie bauten Häuser, sie pflanzten Gärten, sie bekamen Kinder und Enkel und die Einwandererkinder begannen, sich mit den Babyloniern zu verheiraten. Sie konnten ihren Glauben behalten, sie konnten ihren Gott anbeten. In Babylon liegt vermutlich der Ursprung der Synagoge. Sie konnten Juden bleiben. Und haben sich als solche integriert.
Freilich geht so was nicht von einem auf den andern Tag. Selbstverständlich hatte sie Heimweh und sangen traurige Lieder:
An den Wassern zu Babel saßen wir und weinten, wenn wir an Zion gedachten. Unsere Harfen hängten wir an die Weiden im Lande. Denn dort hießen uns singen, die uns gefangen hielten, und in unserm Heulen fröhlich sein: »Singet uns ein Lied von Zion!« (Ps 137,1-3)
Sie hatten auch Rachegedanken: Tochter Babel, du Verwüsterin, wohl dem, der dir vergilt, was du uns getan hast! Wohl dem, der deine jungen Kinder nimmt und sie am Felsen zerschmettert! (Ps 137,8-9)
Aber sie packten ihr Weh und Ach in ihre Lieder. Sie zerschmetterten nicht die Kinder der Einheimischen am Felsen. Stattdessen suchten sie der Stadt Bestes. Sie lernten Babylonisch, sie machten Karriere, stiegen auf im Militär, in der Wirtschaft und bei Hof. Ab dieser Zeit tauchen in babylonischen Quellen hebräische Namen auf.
Gott in Babylon
Dreimal Babylon: Das Babylon des Turms, der Hybris, der Macht, des Totalitarismus. Dann das Babylon als Hure, die Stadt der Ausschweifungen, der Gier und der Zügellosigkeit. Und das Babylon des Exils, die Stadt, in der alle leben können. Eine Stadt mit vielen Völkern, Sprachen, Kulturen und Religionen. Eine Stadt, in die die Juden nicht freiwillig kamen, aber mit der sie sich doch anfreunden konnten.
Nach 70 Jahren änderte sich die Situation. Babylon wurde vom Perser Kyros erobert. Die Juden durften nach Hause. Einige gingen zurück, andere blieben da. Man kann dem eigenen Gott auch in der Fremde dienen. Denn er ist nicht dort, wo sein Tempel ist, sondern dort, wo sein Name genannt wird.
Babylon Berlin am 13. Oktober 2018
Ein riesiger Zug bewegt sich nach Westen durch die große Stadt, ungefähr vom Ischtar-Tor zum Brandenburger Tor. Eine viertel Million Menschen aus vielen Nationen und Völkern, aus vielen Sprachen und Kulturen, aus vielen Religionen und Anschauungen. Bürger und Politiker, Heilige und Huren, Christen aus Berlin und Atheisten aus Berlin, auch Muslime aus dem Irak, auch Juden aus Jerusalem, alle vereint hinter dem Wort „unteilbar“.
Eine Stadt, die ihre Vielfalt anerkennt, ist unteilbar. Das gilt für Babylon, das gilt für Berlin, das gilt für Jerusalem, das gilt für jede Stadt. Suchet der Stadt Bestes, und betet für sie zum Herrn; denn wenn's ihr wohlgeht, so geht's euch auch wohl.
Amen.
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Wechselnde Zeiten - Predigt zu Jeremia 1,4-9 von Matthias Storck
Und des HERRN Wort geschah zu mir: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete, und sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest, und bestellte dich zum Propheten für die Völker. Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.
Wechselnde Zeiten
„Kein Wort ist nur das, was das Wörterbuch ihm zuschreibt. Jedes Wort enthält auch die Person, die es ausspricht, die Situation, in der sie es ausspricht und den Grund, warum sie es ausspricht.“ (Vaclav Havel)
Es gibt Worte, die es vermögen, die lärmende Welt für Augenblicke zum Schweigen zu bringen. Ein solches Wort ist das Zwiegespräch zwischen Gott und seinem Propheten Jeremia, einer der innigsten und eindringlichsten Texte der Bibel.
Der Himmel hält still
Als Kind bin ich gern aus dem dunklen Hausflur unter den freien Himmel gelaufen. Dann sah ich einen Moment lang nichts. Es brauchte Zeit, bis die Augen sich wieder an das Licht gewöhnt hatten. So kam das Dunkel jedes Mal mit über die Schwelle und brachte die ganze Welt aus dem Trott. Nur der Himmel hielt still.
Die trotzige Gewissheit, dass Gottes Welt sich mit innigen Gebeten und kleinen Übungen hinters Licht führen ließ, trieb freudige Blüten im kindlichen Gemüt. Dem ehrwürdigen Pfarrhaus am Nordrand von Berlin wuchsen im Sommer Klatschmohn und Stockrosen ins Fenster. Der Himmel türmte Wolkenberge in die platte Landschaft. Der Herbst polterte mit Erntewagen übers Kopfsteinpflaster und fegte in der Abenddämmerung Laub in die Kartoffelfeuer. Der Winter malte zarte Eisblumen an die Fenster, bis auf der Friedhofswiese mit tausend gelben Glocken der Ostertag herbei geläutet wurde. Zwischen Blumenbeeten und ehrwürdigen Linden, auf Streuobstwiesen und Kuhweiden habe ich immer von neuem die leuchtende Partitur des lieben Gottes auswendig gelernt. Ehe das erste Gebet über meine Lippen kam, war die Welt schon voll von Gott. Ich brauchte jedes dieser Bilder, denn Gott schwieg.
Er ließ mich - in Ruhe.
V.5: Ich kannte dich, ehe ich dich im Mutterleibe bereitete… Ganz anders erging es dem Kind aus gutem Hause, dem Priestersohn aus Anatot. Zwar dürfte das Licht des Glaubens ihm kaum anders in die Kindheit geschienen haben. Auch sein Himmel hielt sicher still. Aber Gott ließ ihn keinen Augenblick in Ruhe.
Zur kargen Überlieferung gesellt sich viel Vermutung. Als der künftige Prophet geboren wurde, war die große Welt in Unruhe, sie „ordnete“ sich neu, auf Kosten der kleinen Leute.
„Es wechseln die Zeiten. Die riesigen Pläne / Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt /. Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne / Es wechseln die Zeiten, / da hilft kein Gewalt“, dichtet Bertolt Brecht zeitlos. Ob Assur, Ägypten oder Babylon. Die Weltgeschichte legt keine Pause ein. Nur der Himmel hielt still. Die Menschen sind sich gleich geblieben, wenig mehr als zweieinhalbtausend Jahre wurden dazwischen gezählt.
Sonntagsübung
Worte und Bilder bewegen und helfen glauben, Menschen erst recht. Am liebsten lernte ich Menschen auswendig, denn ich wollte sie behalten. Ich merkte mir Gesicht und Stimme, Schritt und Schatten, Lachen und Leidenschaft. Manche erfasste ich nur flüchtig in einem Augenblick, andere lernte ich langsam und beständig, mit Herz und Gemüt und Haut und Haaren. Seltsam genau wie ein gutes Gedicht. Manchmal lernte ich übers Ziel hinaus. Einen Konfirmanden mitsamt der Kirchenbank, auf der er saß, einen Posaunenbläser mit der Oberstimme, die er spielte. Die Tochter des Küsters mitsamt dem Mittagsgeläut am Sonntag um zwölf vor einer weißen Hauswand. Während der Gottesdienste, die ich als Pfarrerskind jeden Sonntag besuchen musste, lernte ich die Besucher auswendig. Das ging schnell, denn die saßen alle brav und still in den Bänken wie Modelle im Atelier. Die Seele ist ein guter Fotograf, und diese Übung schärfte mir auf ihre Weise den „Sinn und Geschmack für das Unendliche“(Schleiermacher).
„Für immer jung“
V.6: Ich aber sprach: Ach, Herr HERR, ich tauge nicht zu predigen; denn ich bin zu jung. Auch mit Gott gleichzeitig zu bleiben ist Übungssache. Diese Wahrheit lernte ich von Bob Dylan. Seine ewig junge Liedzeile buchstabiere ich mir zurecht, wenn ich sie brauche. Meine Menschen von damals leben alle noch. Sie sind zuverlässig und sofort zur Stelle, wenn ich sie suche. Und sie bleiben. Der alte Küster und die fröhliche Organistin, der Chorleiter und der Gastwirt, die Klassenlehrerin und selbst der Bürgermeister. Scharf gezeichnet, bis in die Bewegungen.
V.7: Der HERR sprach aber zu mir: Sage nicht: »Ich bin zu jung«, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende, und predigen alles, was ich dir gebiete.
Wie anders erging es dem Priesterkind aus Anatoth. Keine Erinnerung, kein Bild, kein Gesicht vermochte ihm beizustimmen oder beizustehen. Gott hat sich in sein Leben hineingeredet. Seither hat der zum Propheten berufene Jüngling seine beste Zeit damit verbracht, die Hoffnung der Menschen aus Buchstaben und Steinen in lebendige Herzen zu retten. Dafür ist er immer wieder verspottet, beleidigt, gequält und eingesperrt worden. Hätte er besser in den Chor der Hofpropheten eingestimmt?
Den drohenden Mächten und Gewalten der Welt kann niemand auf Dauer ein Schnippchen schlagen. Es wechseln die Zeiten. Aber die göttlichen Verheißungen sind zeitlos. Und sie bleiben menschlich. „Seid ihr nicht selbst Fremdlinge gewesen?“ Dann wisst ihr, was zu tun ist. Die Erinnerung wird euch wecken. Geht es den Fremden gut, wird es auch dem Volk gut gehen, das sie beherbergt. „Bessert euer Leben, dann will ich bei euch wohnen“ (Kap. 7,3). Dass der große Gott unter kleinen Leuten in seinem Volk „herbergen“ will, ist und bleibt ein unfassbares Wunder. Wie gibt sich der himmlische Fremdling seinen irdischen Geschwistern zu erkennen? Auch darauf weiß der Prophet eine Antwort.
„Ich werde ihnen ein erkennendes Herz geben“, heißt es an anderer Stelle (Kap.24,7). Das menschliche Herz schlägt die Augen auf und kommt an Gottes Liebe nicht vorbei. Wenn diese Liebe die Menschen erfasst, geht sie in der Liebe zum Nächsten auf. „Wer dem leidenden Geschöpf beisteht, steht dem Schöpfer selbst bei“, sagt Martin Buber. Wer Gott von ganzem Herzen sucht, muss unweigerlich auf Menschen treffen.
Wort für Wort
V.8: Fürchte dich nicht vor ihnen; denn ich bin bei dir und will dich erretten, spricht der HERR. V.9: Und der HERR streckte seine Hand aus und rührte meinen Mund an und sprach zu mir: Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.
Die Wahrheit haust nicht in toten Buchstaben. Sie hat nun einen Namen, der für sie bürgt: Jeremia - in Gott gegründet. Das Wort Gottes wird im Mund des Propheten wahr: ein göttliches Geschehen, es wird Geschichte. Gottesbegegnungen gibt es nicht zweiter Hand. Gott lässt sich nur Wort für Wort aus der Alltagswelt heraus buchstabieren, immer von neuem. Wer ihn entdeckt, muss ihn zur Sprache bringen - und wird beim Wort genommen. Dabei geht es um die eigene Anschauung, die eigene Freude, den eigenen Ton - nicht zuletzt auch um das eigene Gesicht. Noch deutlicher sagt es Martin Luther:
„Der Mensch und das Wort Gottes, sie können nicht einander gegenüber stehen. Das eine verwandelt das andere ständig in sich. Entweder der Mensch verwandelt Gott und sein Wort in seine Welt und seine Art. Oder umgekehrt: Gott verwandelt uns in sein Wort.“ Wir werden seine Boten. Aber Wort bleibt Wort und Welt bleibt Welt.
Gottes Sehnsucht
„Du schöpfst die Verheißung nicht aus.“
Jeremia versucht unermüdlich, seine Zuhörer aus der vermeintlichen Geborgenheit und Sicherheit ihrer Gebete aufzuschrecken. Er kennt den Preis jedes Wortes. Nichts von dem, was er sagt, ist zweiter Hand, alles kommt aus dem von Gott entfachten Herzen. Der Prophet will das Wort und die Menschen losreißen von den Trutzmauern falscher Gewissheit und sie vorbereiten auf den drohenden Aufbruch in eine ungewisse, ungesicherte Zukunft. Gott muss mitkommen können. Er selbst muss durchs Tor. Er muss ins Lager. Er muss durchs Feuer. Er muss ins Exil. Wer bei den Menschen wohnen will, muss das Menschsein bis ins Letzte einüben. Auch Gott.
Er bindet sich nicht an eine Stadt. Er bindet sich nicht an einen Altar. Aber er bindet sich fest an das menschliche Herz. „Gottes Sehnsucht ist der Mensch“, schreibt der Kirchenvater Augustinus (354-430) später. Wo der Mensch dem Menschen ein Mensch wird, will Gott wohnen. Dort ist des Herrn Tempel.
Wortfremde
Was aber geschieht, wenn mühsam eingeübte, gehütete und vertraute Worte unerwartet ihren Sinn verlieren? Wenn sie nicht mehr halten können, was sie versprechen? Es gibt Zerreißproben, denen auch fest gefügte Gewissheiten nur schwerlich standhalten. Die äußerste, dunkel lastende Seelennot in den Tagebuchaufzeichnungen Jochen Kleppers (1903-1942) oder auch die dumpfe Angst in Dostojewkijs „Totenhaus“ belegen, wie Worte sehr plötzlich sang- und klanglos, sogar ersatzlos vergehen können. Die Dichterin Anna Achmatowa(1889-1966) beschreibt vielfach solche und ähnliche Erfahrungen:
„...Die Erstarrungen und Schreie/ all meine schlaflosen Nächte/ legte ich in ein stilles Wort/ und ich sprach es vergebens.“
Was mag aus dem Propheten geworden sein, in dessen Leben sich Gott selbst von Anfang an Wort für Wort hineingesprochen hat?
Wir wissen es nicht.
Das vertraute Leuchten in den Fenstern des Vaterhauses verliert sich schon an der nächsten Straßenecke. Prophet oder nicht, sofort beginnt die Wortfremde. Ab jetzt ist selbst Gott ein gewagtes Wort. Die Einsamkeit wächst. Der Himmel bleibt als erster daheim. Oft ist die Morgensonne eine kalte Neonstange und der Mond ein Hundertwattgespenst. Jeder Tag hat blinde Flecken. Die Nacht kennt kaum noch gutes Dunkel. Die Seele wird eine Angstherberge. Bis in die Herzkammern hausen Eisheilige. Die Sehnsucht gefriert. Aber Gott ist oft nur ein einziges Wort weit entfernt.
Keimzellen
Was bleibt von den Worten, für die dieser einzigartige Prophet mit der Wahrheit seines ganzen Lebens einsteht? Worte sind Keimzellen.
„Die Keimzellen eines unabhängigen Lebens sind wie kleine Boote im Ozean der Ohnmacht. Sie werden vom Wellengang hin und her geschleudert. Doch sie tauchen immer wieder auf. Sie sind sichtbare Boten des Überlebens in der Wahrheit“ (Vaclav Havel).
Dieses ermutigende Bild des Bürgerrechtlers und ehemaligen tschechischen Präsidenten ist voller lebendiger Sehnsucht. Aber jedes Wort bleibt auch umlagert von teuer bezahlter, ernüchternder Welterfahrung.
Auch das erschließen die Worte: Die Wahrheit hat immer einen eigenen Lebenslauf. Und zwar lange, ehe sie sich entfaltet. Bevor sie zur Wirkung kommen kann, hat sie einen weiten, oft unsicheren Weg hinter sich, meist voller Mühsal. Immer von neuem muss sie aus dem Ungeordneten ins Ungewisse. Hinnehmen und Hergeben, Jubeln und Verstummen, Tränen und Glück, Streit und Friede, Not und Tod lösen einander ab.
Die eigene Erfahrung lehrt: Es gibt radikale Veränderungen, die ein ganzes Leben umwandeln können. Sie beginnen eher beiläufig und unscheinbar. Man muss sie nur für möglich halten. Man muss sie wahrnehmen und ausprobieren. Und – wie die kleinen Boote im Ozean der Ohnmacht – muss man sich selbst leicht nehmen und loslassen können, auch auf die Gefahr hin, den Halt zu verlieren.
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Am Anfang hat jeder einen Auftrag bekommen - Predigt zu Jeremia 1,4-10 von Georg Freuling
Ich glaube, jeder hat am Anfang einen Auftrag bekommen. „Du sollst Else glücklich machen.“ „Du sollst Oboe spielen.“ „Du sollst die Formel für Kadmiumperoxyd erfinden.“ Aber dann kommt eine Menge dazwischen, eine ganze Kindheit zum Beispiel, Fußballspiele und Hausaufgaben, du gehst ins Schwimmbad, verliebst dich und versuchst, den Führerschein zu machen oder die Steuererklärung. Du musst noch Brot kaufen und Gurken und eh du dich versiehst, hast du vergessen, was du eigentlich wolltest. Und dann rufen noch allerhand Leute dazwischen, „denk an die Familie“, „das kannst du nicht“ oder „erst die Arbeit, dann das Vergnügen“, und schon hast du ein Dutzend neue Aufträge auf dem Buckel. Und deshalb muss man sich manchmal daran erinnern: Was soll ich tun in dieser Welt? (Auftrag von Susanne Niemeyer, 100 Experimente mit Gott. Von Abenteuer bis Zuversicht, Freiburg 2018, 26 – mit freundlicher Genehmigung der Autorin)
Am Anfang – da hat jeder einen Auftrag bekommen. So schreibt es Susanne Niemeyer in ihrem Buch „100 Experimente mit Gott.“ Ich fand das passend für diese Predigt: Gerade haben wir von anvertrauten Talenten gehört, in der Lesung (Mt 25,14-30). Und von einem besonderen Auftrag hören wir im Bibeltext für diese Predigt. Da geht es um die Berufung des Propheten Jeremia:
Und das Wort des HERRN erging an mich: 5) Bevor ich dich gebildet habe im Mutterleib, habe ich dich gekannt, und bevor du aus dem Mutterschoss gekommen bist, habe ich dich geweiht, zum Propheten für die Nationen habe ich dich bestimmt. Und ich sprach: Ach, Herr, HERR, sieh, ich weiss nicht, wie man redet, ich bin ja noch jung! Der HERR aber sprach zu mir: Sag nicht: Ich bin noch jung. Wohin ich dich auch sende, dahin wirst du gehen, und was immer ich dir gebiete, das wirst du sagen. Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin bei dir, um dich zu retten! Spruch des HERRN. Dann streckte der HERR seine Hand aus und berührte meinen Mund, und der HERR sprach zu mir: Sieh, ich lege meine Worte in deinen Mund. Sieh, am heutigen Tag setze ich dich über die Nationen und über die Königreiche, um auszureissen und niederzureissen, um zu zerstören und zu vernichten, um zu bauen und zu pflanzen. (Jer 1,4-10)
Das ist der Auftakt des Buches Jeremia. Mit der Berufung fängt alles an: 45 Jahre Prophetenleben, immer wieder unterbrochen – auch, weil Jeremia mundtot gemacht wurde oder untertauchen musste. Ein Auftrag für ein ganzes Leben. Nun bin ich kein Prophet. Sie, Ihr seid es auch nicht. Muss aber auch nicht sein, wenn jede und jeder seine Talente hat, mit denen er wuchern oder die er verkümmern lassen kann, wie wir in der Lesung gehört haben. Muss nicht sein, wenn jeder am Anfang einen Auftrag bekommen hat. Was Gott in diesem Gespräch zu Jeremia sagt, kann er ebenso gut uns sagen – mit unseren Aufträgen. Und wer kann schon sagen, dass die klein sind… Jede Menge von dem, was Gott, aber auch von dem, was Jeremia hier sagt, kann ich mit unseren Aufträgen verbinden. Wo fange ich an?
Am besten am Anfang…
Aufträge bekommen wir.
Aufträge sind keine selbstgewählten Aufgaben. Manchmal werden sie uns vor die Füße gelegt, manchmal stolpern wir darüber, manchmal sträuben wir uns auch. Zu Jeremia sagt Gott: Nicht nur vom Mutterleibe an, vorher schon war dein Auftrag klar. Was du tun sollst, steht schon fest. Dann ergibt sich ein Problem: Ich kann das nicht beweisen oder erklären. Ich war nicht dabei, als Gott sich dieses eine Leben ausgedacht hat. Das Drehbuch hat er mir auch nicht mitgegeben. So weit der Blick zurück. Vorausgeblickt wäre ein Leben mit Drehbuch langweilig: Ich müsste meinen Auftrag nicht suchen und würde auch keine Überraschungen erleben. Unabhängig davon, was schon gesetzt ist: Wir Menschen sind gefühlt alles andere als fremdgesteuert, wir sind suchend und fragend unterwegs. So kann es auch passieren, dass ein unerwarteter Auftrag wichtiger und prägender wird als jedes zuvor selbst gesteckte Ziel. (Passiert mir immer wieder…) Deshalb bin ich auch der Meinung: Es ist Unsinn, dass heute alles irgendwie Sinn „machen“ muss. Denn Sinn „machen“ wir Menschen nicht. Wir finden ihn. Oft erst dann, wenn wir zurückblicken und gar nichts mehr machen können.
Aufträge nehmen uns manchmal den Mut.
„Warum soll ausgerechnet ich das machen?“ Wahrscheinlich hat sich jeder von uns schon mal diese Frage gestellt. Wahrscheinlich hat jeder schon mal angesichts einer großen Aufgabe geschluckt, seine eigenen Fähigkeiten und Erfahrungen überschlagen und dann gedacht oder gesagt: „Sorry – da bin ich der Falsche!“
Jeremia sagt: „Ich tauge nicht.“ Und: „Ich bin zu jung.“ Da ist er Mitte zwanzig – eigentlich alt genug. Doch „jung“ bedeutet hier auch so viel wie „ohne das nötige Ansehen, ohne Autorität“. Jeremia kommt aus einer Priesterfamilie vom Lande. Wahrscheinlich ahnt er es: Das Landei aus Anatot wird in Jerusalem niemand ernst nehmen – bei denen, die die Nase etwas höher tragen.
„Ich schaffe das nicht. Ich tauge nicht.“ Wie viele denken das in ihrem Leben immer wieder? Ducken sich weg? Machen sich klein? Da gibt es jede Menge verborgener Talente.
Gott ist da anders als all die Skeptiker, die mit ernsten Mienen fragen, ob da jemand seiner Aufgabe gewachsen ist. Gott ist erst recht anders als die Spötter, die den Daumen senken. Gott sagt: Nur Mut! Trau dich! Lass dich nicht einschüchtern von dem, was andere denken und sagen. Gott sagt: „Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin bei dir!“
Aufträge fordern Stehvermögen.
Jeremia hatte diesen Zuspruch Gottes nötig. 45 Jahre hat er in Gottes Auftrag gesprochen. Immer wieder vergebens. Aber nicht nur das – er wurde verlacht, bedroht, verhaftet, in eine stinkende Zisterne geworfen und schließlich außer Landes gebracht, einfach mitgenommen. Immer wieder beklagt er sich bei Gott über seinen Auftrag. Immer wieder möchte er ihm diesen Auftrag vor die Füße werfen, aber kommt doch nicht von ihm los. Keine andere Prophetengestalt im Alten Testament wird so eindrücklich beschrieben – mit ihren inneren Kämpfen, den Niederlagen, dem Frust. Das ist eine Besonderheit bei Jeremia, dass sein Leben so deutlich hervortritt.
Ich wünsche uns allen, dass uns diese Erfahrungen Jeremias, 45 Jahre Frust und Anfeindungen, erspart bleiben. Trotzdem können sich vermutlich viele auch darin wiederfinden: Manchmal ist unser Stehvermögen gefordert: nicht aufgeben, nicht locker lassen. Und manchmal spüren wir: Wenn du jetzt einbrichst, dann verrätst du alles, wofür du stehst. Das ist dann alles andere als bequem, aber gehört dazu, wenn wir unseren Aufträgen nicht ausweichen.
Zuletzt: Aufträge sind nicht unsere Privatsache.
Meistens sind wir in unserer kleinen Welt unterwegs: Familie, Schule oder Beruf. All das füllt uns aus – so sehr, dass wir oft nicht wissen, wo uns der Kopf steht. Manchmal fühlen wir uns auch klein, wenn wir die Probleme dieser Welt sehen. Was können wir schon tun?
Jeremia wird zum Propheten für die Völker berufen. Größer, globaler geht es nicht. Manche Ausleger stoßen sich an diesem „übersteigerten“ Selbstbewusstsein. Geht es nicht eine Nummer kleiner? Und einige alten Handschriften lesen nicht: Zum Propheten für die Völker habe ich dich bestimmt, sondern zum Propheten für mein Volk habe ich dich bestimmt. Es ist aber so gedacht, wie es da steht: Jeremias Auftrag steht in einem weiten Horizont.
Für unsere Aufträge bedeutet das: Denk nicht zu klein! Auch wenn die Welt um uns herum verrückt spielt, gib die Hoffnung nicht auf! Auch wenn jetzt die Grenzen dicht gemacht werden, und Menschen auf ihrer Flucht ertrinken, dann setz dich weiter für Menschlichkeit ein. Und wenn jetzt wieder über Integration in unserem Land gestritten wird, dann überlass denen nicht das Feld, die alles nur schwarz-weiß malen und uns in der gesellschaftlichen Diskussion um Jahrzehnte zurück katapultieren. Und wenn du siehst, wie gerade der Rasen im Garten verwelkt, dann denkt über deinen Lebensstil nach. Dann frag: Was kann ich tun, damit diese schöne Welt nicht vor die Hunde geht?
Zu tun gibt‘s genug, auch wenn wir keine Propheten sind. Jeremias Geschichte fordert mich heraus: Frag immer wieder, was du tun sollst! Verlier nicht den Mut, wenn dir ein Auftrag über den Kopf wächst! Lass dich nicht entmutigen, wenn du dabei Enttäuschungen erlebst. Und: Denk niemals „Was kann ich schon tun?“ Amen.
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Wer ist schon ein Prophet ? – Predigt zu Jeremia 1,4-10 von Wolfgang Ratzmann
Liebe Gemeinde,
I
gibt es in unserer Welt von heute noch Propheten? Oft scheint es so, als seien sie ausgestorben. Fast überall geht es drunter und drüber:
- Das Klima spielt verrückt, weil wir Menschen an der Klimaschraube gedreht haben und weiter drehen. Aber man geht zur Tagesordnung über. Auch unsere Regierung hat ihre Klimaziele in die Zukunft verschoben.
- Millionen Menschen sind auf der Flucht, weil sie in ihren Heimatländern nicht überleben können. Sie riskieren ihr Leben, während wir vor allem darüber nachdenken, wie wir in Europa und in Deutschland möglichst ungeschoren davonkommen.
- Das vereinte Europa bröckelt und neue Nationalismen breiten sich aus. Es ist schick geworden, auf allen Ebenen vorwiegend an sich zu denken und kaum an das Ganze und an den anderen…
Es scheint, als seien die Propheten ausgestorben. Wäre das nicht dringend nötig, dass da ein Prophet aufstünde – einer vom Schlage des Jeremia, der vielleicht zu Beginn seines Dienstes Angst hatte, dann aber mutig den Mächtigen seiner Zeit die Leviten las? Einer, der sie zur Besinnung und Umkehr aufforderte und der ihnen ihre Illusionen vor Augen hielt?
Aber hätten sie denn heute eine Chance, gehört zu werden? Wenn es sie schon gäbe: Sollen sie sich aufstellen – vor dem Weißen Haus in Washington oder vor dem Bundeskanzleramt, vor dem Berliner Dom oder der Peterskirche in Rom und dort ihre scharfen Reden halten? Wer würde denn da zuhören?
Es scheint, als wären die Propheten ausgestorben. Und in gewisser Weise muss das wohl so sein, weil unsere demokratische und pluralistische Gesellschaft ganz anders verfasst ist als die zu Jeremias Zeiten und weil auch Informationen und Meinungen in ganz anderer Gestalt ausgetauscht werden als damals. Es wäre heute unmöglich, einen Propheten in das „Haus des Königs“ zu schicken, damit er dort – vielleicht in einer Kabinettssitzung oder bei einem Festmahl – eine machtvolle Rede hält, etwa nach dem Muster des Jeremia-Buches: „Höre des Herrn Wort, du König von Juda, der du auf dem Thron Davids sitzt, du und deine Großen und dein Volk… So spricht der Herr: Schafft Recht und Gerechtigkeit und errettet den Beraubten von des Frevlers Hand und bedrängt nicht die Fremdlinge, Waisen und Witwen…“ (Jer. 22,2f).
Es ist wahr, dass auch die Großen von heute immer wieder auch Widerspruch brauchen, Bußrufe und Mahnungen. Es ist wahr, dass auch heute klare Worte zur Orientierung in Richtung Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung sehr nötig sind. Aber die unterliegen ganz anderen Kommunikationsgesetzen als damals. Da gibt es Kommissionen, in denen Wissenschaftler und Politiker zusammenarbeiten und in denen zukunftsfähige Wege zum Überleben der Menschheit erarbeitet werden. Da erscheint gelegentlich eine Denkschrift, zum Beispiel von der EKD, oder ein Buch, das Gewissen tatsächlich wachrütteln kann. Und da geschieht es – leider oft erst im Rahmen einer Krise oder Katastrophe, dass die Mächtigen eine wirklich nötige und für alle gute Entscheidung treffen und dass diese von Vielen akzeptiert wird. Vielleicht sind die Propheten heute gar nicht ausgestorben, sondern sie treten nur anders auf, benutzen nur andere Medien als allein die zündende Rede und suchen die Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten und Fachleuten?
II
Als ich vor über 40 Jahren als junger Pfarrer ordiniert wurde, überreichte mir ein Kirchenvorsteher aus meiner damaligen Gemeinde in Plauen ein Buch mit einer Glückwunschkarte, auf der einzelne Verse aus dem Jeremia-Text notiert waren: „Der Herr sprach zu mir: Sage nicht, ich bin zu jung, sondern du sollst gehen, wohin ich dich sende und predigen, was ich dir gebiete…“ Der Kirchvorsteher war offenbar der Meinung, dass Pfarrer gerade als Prediger doch so etwas wie Propheten sein sollten. Dabei dachte er ganz sicher nicht daran, dass Pfarrer die Zukunft vorausahnen sollten. Oder dass ich nun vor allem den damals Mächtigen, den SED-Oberen, kräftig die Leviten lesen sollte. Nein, ich sollte als Pfarrer generell das predigen, was mir Gott gebietet. Ich sollte den Mut haben, nicht das zu sagen, was die Leute gern hören wollen oder was der Zeitgeist denkt, sondern was wirklich Gottes Willen entspricht. Pfarrer sollten sich ganz der Wahrheit verpflichtet fühlen, wie sie ihnen aus der Beschäftigung mit dem biblischen Wort entgegenkommt. Aber sind Pfarrer Propheten? Sollen sie Propheten sein?
In einem Punkt sind Pfarrerinnen und Pfarrer ganz sicher mit Jeremia einig: Manchmal möchten sie, möchten wir sagen: „Ach Herr, ich tauge nicht zu predigen. Ich bin zu jung.“ Oder: „Ich verstehe diesen biblischen Text nicht.“ Oder: „Ich bin von der Situation überfordert. Ich habe kein Wort, das ich angesichts eines schlimmen Todesfalles predigen kann.“ Da gibt es eine Art Solidarität zwischen den Selbstzweifeln des Jeremia und den eigenen Zweifeln – und da möchte man gern die Zusagen dieses Textes auch für sich selbst und den eigenen Verkündigungsdienst in Anspruch nehmen: „Fürchte dich nicht vor ihnen, denn ich bin bei dir…“ Und: „Siehe, ich lege meine Worte in deinen Mund.“
Aber Pfarrer und Pfarrerinnen, Prädikanten und Lektorinnen sind normalerweise keine Propheten, und sie sollen es auch nicht sein. Denn ihr Amt ist vielfältiger: Sie sind Seelsorger – und deshalb soll auch ihre Predigt seelsorgerlich geprägt sein und Verständnis für die Probleme und Sorgen der Menschen haben. Sie sind Repräsentanten der Kirche – und deshalb erwarten zu Recht die Leute von ihnen, dass sie nicht nur ihren subjektiven Glauben darstellen, sondern auch das vertreten, was die Kirche heute sagt. Oft sind sie mit Kindern, Jugendlichen und Älteren auch gemeindepädagogisch tätig, und so ist auch die Predigt eine Möglichkeit, den Glauben verstehbar zu machen und Wege zu ihm aufzuzeigen… Wenn es in der Geschichte vorkam, dass sich einzelne Pfarrer ganz als Propheten auf der Kanzel gebärdet haben, dann war dieses angebliche Prophetentum meist nur Ausdruck eines tiefen inneren Konfliktes mit der Gemeinde oder eines Gefühls, von der Kirche abgelehnt zu werden. Nein, Pfarrer sind nicht einfach Propheten – so wie Jeremia übrigens auch kein Priester war. Auch evangelische Pfarrer haben ja priesterliche Funktionen zu erfüllen und sich um die verschiedenen heiligen Handlungen, die Sakramente, und die heiligen Räume, die Kirche, und dazu noch um viele Verwaltungsfragen zu kümmern.
III
Aber dennoch: Unser Bibeltext will uns erinnern, dass unsere Kirche nicht sein kann ohne so etwas wie eine prophetische Dimension. Sie muss sich nicht allein ausdrücken in einzelnen aufsehenerregenden Persönlichkeiten wie Jeremia oder Jesaja oder wie Johannes der Täufer es gewesen sind. Aber sie muss spürbar werden in der kirchlichen Verkündigung, vor allem in der Predigt, und auch in den Gesprächen, die wir untereinander über den Glauben führen.
Was meine ich damit? Es geht um einmal die Gewissheit und zum anderen um die Freiheit der Verkündigung. Von beidem ist nämlich in unserem Bibelwort vor allem die Rede:
Von der Gewissheit: „Ich sonderte dich aus, ehe du von der Mutter geboren wurdest und bestellte dich zum Propheten für alle Völker“, so heißt es hier. Jeremia, der immer wieder einmal von Ängsten überfallen wird, stützt sich in seinem Dienst auf eine Berufung, die nicht nur in seiner Glaubensüberzeugung, in seinem Mut oder in seiner Beredsamkeit gründet. Er weiß sich berufen von Gott selbst – berufen schon vor seiner Geburt. Das macht ihn gewiss. Auf sie kann er sich verlassen, nicht allein auf seine eigene Kraft.
Wir leben in einem Zeitalter, in dem statt dessen vor allem Subjektivität gefragt ist. Auch im Blick auf Lebenseinstellungen, auf die uns bestimmenden Werte und den religiösen Glauben sind wir immer selbst, als Subjekte, gefragt, was uns einleuchtet oder nicht, wozu wir Lust haben oder nicht. Auch den Predigtdienst könnte man ja so verstehen, dass da Leute predigen, denen das eben Spaß macht, die Lust dazu haben, die Bibel auszulegen, oder die gern über ihren Glauben reden wollen. Aber das Wort Gottes soll auch dort gesagt werden, wo die persönliche Lust endet. Wenn der einzige Sohn mit 21 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben kommt und eine Trauerfeier zu halten ist: Kann man da noch „Lust“ haben, hier zu predigen? Es ist gut, wenn wir da als ordinierte und von der Kirche berufene Predigerinnen und Prediger wissen: Es geht nicht nur nach meiner Lust, ob ich predige. Ich bin im Namen Gottes von der Kirche berufen, zu gehen, wohin mich Gott sendet, zu reden, auch wenn ich selbst kaum ein Wort zu sagen weiß, zu warten auf das Wort, das Gott selbst mir in meinen Mund legen wird.
Und von der Freiheit der Verkündigung ist die Rede: „Du sollst gehen, wohin ich dich sende und predigen, was ich dir gebiete. Fürchte dich nicht vor ihnen… Ich setze dich über Völker und Königreiche, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen.“ Was zunächst wie eine Mahnung zum Gehorsam klingt, ist zugleich eine Einladung in die Freiheit der Verkündigung. Es stimmt zwar: Eine Predigt hat auch seelsorgerliche und gemeindepädagogische Aufgaben, und sie wird als ein Wort der Kirche verstanden. Aber letztlich soll sie Gott selbst Raum und Stimme geben. Ihm, Gott, seiner Wahrheit, sind die Prediger letztlich verpflichtet.
Und deshalb kann kein Kirchenvorstand beschließen, was der Pfarrer demnächst zu predigen hat. Er selbst muss die Worte finden und verantworten, die sich ihm aus dem biblischen Wort heraus erschließen. Er muss es in seiner Verkündigung nicht allen recht machen wollen, weder den Fundamentalisten noch den Liberalen, weder den AfD-Anhängern noch den anderen. Er soll vielmehr in der Freiheit seines Dienstes letztlich Anwalt der Wahrheit, Anwalt des Wortes Gottes sein. Vielleicht bekommt er dafür nicht nur Beifall, sondern auch Kritik. Und vielleicht geht es nicht ohne Konflikte ab, nicht ohne „ausreißen und einreißen“, wie es bei Jeremia heißt, bevor dann das „bauen und pflanzen“ wieder seinen Platz hat. Übrigens ist um solcher Freiheit willen der Pfarrer nicht bei der Gemeinde angestellt, sondern bei der Landeskirche – auch wenn er natürlich dann in eine konkrete Gemeinde abgeordnet wird.
Die Verkündigung lebt aus solcher Freiheit, die aus dem Hören auf Gottes Wort entsteht. Prophetisch predigen: das heißt wahrhaftig predigen, ohne falsche Rücksichtnahmen, die das Evangelium wohlfeil machen und ihm die Spitze nehmen. Und das ist nicht nur ein schwieriges Problem, sondern zugleich auch ein Glück. Schon deswegen, weil man manchmal spüren kann, wie Menschen sich nicht ständig nach wohlfeilen Worten, sondern nach dem wahren und wahrhaftigen Wort sehnen.
Sind die Propheten ausgestorben? Vielleicht gibt es in unserer verwirrten Welt mehr „Propheten“ als wir ahnen, Menschen, die sachkundig und engagiert Wege vom Unheil zum Heil suchen und gehen.
Sind die christlichen Propheten ausgestorben? Die christliche Verkündigung heute muss nicht von Prophetengestalten ausgerichtet werden, wie Jeremia einer war. Aber das Prophetische ist für sie unentbehrlich – die Gewissheit, dass Gott selbst die Verkündigung will und Menschen dazu beruft, und die Freiheit, uns dabei allein an seinem Wort zu orientieren und falsche Rücksichten zu vermeiden.
Gott schenke es uns, dass er seine Worte in den Mund derer legt, die zu uns predigen oder die zu uns im Alltag Worte des Glaubens sagen. Und er gebe es uns, dass wir seine Worte heraushören aus den vielen Worten, die uns immer wieder begegnen. Amen
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Wenn böse Geister schön geredet werden – Predigt zu Jeremia 23, 16-29 von Manfred Wussow
So spricht der Herr Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie betrügen euch, sie verkünden euch Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des Herrn. Sie sagen denen, die des Herrn Wort verachten: Es wird euch wohlgehen –, und allen, die im Starrsinn ihres Herzens wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen.
Aber wer hat im Rat des Herrn gestanden, dass er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat sein Wort vernommen und gehört? Siehe, es wird ein Wetter des Herrn kommen voll Grimm und ein schreckliches Ungewitter auf den Kopf der Gottlosen niedergehen. Und des Herrn Zorn wird nicht ablassen, bis er tue und ausrichte, was er im Sinn hat; zur letzten Zeit werdet ihr es klar erkennen. Ich sandte die Propheten nicht, und doch laufen sie; ich redete nicht zu ihnen, und doch weissagen sie. Denn wenn sie in meinem Rat gestanden hätten, so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun zu bekehren.
Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott, der ferne ist? Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe? spricht der Herr. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt?, spricht der Herr.
Ich höre es wohl, was die Propheten reden, die Lüge weissagen in meinem Namen und sprechen: Mir hat geträumt, mir hat geträumt. Wann wollen doch die Propheten aufhören, die Lüge weissagen und ihres Herzens Trug weissagen und wollen, dass mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt, so wie ihre Väter meinen Namen vergaßen über dem Baal? Ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen?, spricht der Herr. Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?
Predigt
Nicht hören, alles sehen
Sie schauen mich erwartungsvoll an. Ein schönes Bild. Es macht mir auch Freude, Sie anzusehen. Ich freue mich, mit Ihnen in ein Gespräch zu geraten, auch wenn ich, zugegeben, zunächst alleine rede. Ich weiß, dass Sie etwas von mir erwarten, in den nächsten Minuten Ihre Meinung bilden und vielleicht auch Ihre Widerworte loswerden möchten. Und was habe ich zu sagen? Hört nicht auf die Worte der Propheten! Hört nicht! Verweigert euch! Lasst nicht alles ins Ohr! Unschwer zu erraten: es ist ein Zitat. Ein Zitat aus einer der großen Reden, die Jeremia gehalten hat. Gut zweieinhalb Jahrtausende ist das her. Aber ziemlich aktuell.
Jeremia sieht, wie Könige und ihre Beamten gezielt ihre Macht ausbauen, vor Missbräuchen nicht zurückscheuen und ohne jede Hemmung Menschen ausbeuten. Gesetze gibt es nicht. Und wenn, das Gesetz des Stärkeren. Klar, wie so etwas ausgeht. Um Kritiker mundtot zu machen und ihre Sicht für die Nachwelt geschönt zu hinterlassen, halten sie sich einen ganzen Stab von Schönrednern, die frech und professionell das Bild ihrer Herren – sagen wir – gestalten. Es gilt nicht nur das gesprochene Wort.
Jeremia sieht, wie eine ganze Kaste von Propheten damit beschäftigt wird, den Mächtigen nach dem Munde zu reden. Sie liefern Begründungen, werben um Verständnis, gaukeln die gute, vollendete Welt vor. Sie schaffen es auch, Unrecht religiös zu verbrämen. Dafür setzen sie ihre große Kunst ein, gut und überzeugend zu reden. Das macht sich besonders gut. Dass Gott unter ihrer Hand zu einem Handlanger degradiert wird, ficht sie nicht weiter an. Gott hat doch seine Treue versprochen! Oder? Er ist immer schon einer von uns gewesen! Er hat uns vor allen Völkern auserwählt! Meldet sich eine Stimme, die von Gottes Willen redet, wird sie zum Schweigen gebracht, niedergebrüllt, bedroht. Das geht mit einfachen Mitteln. Nestbeschmutzer!
Wir treffen hier auf die Abteilung Öffentlichkeitsarbeit. Sie darf ruhig etwas kosten. Es hängt zu viel davon ab. Es hängt zu viel davon ab, Sichtweisen und Wahrnehmungen zu manipulieren, oder nicht ganz so hart, ein wenig zu steuern.
In einem solchen System gibt es viele Nutznießer, die still und unerkannt ihre Geschäfte machen, sich zu verbergen wissen und den schönen Schein natürlich wahren. Eine Hand wäscht die andere. Mit Geld und mit Schweigen. Wenn es nur um das Schmutzigmachen ginge – an vielen Händen klebt Blut.
Jeremia ist ein Nestbeschmutzer. Wenigstens. Wir hören ihn rufen: Hört nicht auf die Worte der Propheten! Jeremia hat alles gesehen. Zuviel.
Propheten unter sich
Ich habe jetzt in Kurzform eine Geschichte erzählt, die sich immer wieder ereignet hat und immer noch an kein Ende gekommen ist. Den Beruf des Propheten gibt es unter uns schon lange nicht mehr. Eigentlich waren alle Propheten auch nur Sprecher, Botschafter Gottes, also Menschen, die in ihren Berufen, in ihrem Alltag Maß genommen haben am Willen Gottes. Dazu unabhängig und nicht korrumpiert. Dabei haben sie gelegentlich auch die große Bühne, die große Auseinandersetzung suchen müssen. Sie waren so etwas wie ein soziales Gewissen. Sie nahmen die schwachen und kleinen Menschen in den Blick. Die Witwen, die Waisen. Sie haben Könige und Hohepriester angeklagt. Wenn es sein musste, direkt im Tempel. Die fromme Routine, das fromme Getue war ihnen zuwider.
Im Laufe der Zeit ist es aber immer öfter geschehen, dass sich auch Propheten kaufen ließen und zur Öffentlichkeitsabteilung ihrer Herren und Geldgeber wurden. Fatal, dass ihr höchstes Gut – das Wissen um gut und böse – nichts mehr wert war. Geld macht nicht nur unglücklich. Es nimmt der Welt ihren Grund und ihre Hoffnung. Es macht kaputt, was einmal ganz war. Es macht aus Menschen – Unmenschen.
Von Jeremia sind gleich mehrere Reden überliefert, die den Schleier von diesen Geschichten wegziehen, ohne auf persönliche Befindlichkeiten Rücksicht zu nehmen. Sie könnten zu Hause das ganze 23. Kapitel des Jeremiabuches nachlesen – wortgewaltig, unbeirrbar und ungeheuer mutig.
„Wehe euch Hirten, die ihr die Herde meiner Weide umkommen lasst und zerstreut! Spricht der Herr. Ihr habt meine Herde zerstreut und verstoßen und nicht nach ihr gesehen. Siehe, ich will euch heimsuchen um eures bösen Tuns willen, spricht der Herr“. Alle verstehen auf Anhieb, was die Stunde geschlagen hat. Gott will nicht länger mitspielen. „Propheten wie Priester sind ruchlos; auch in meinem Hause finde ich ihre Bosheit, spricht der Herr.“
Jeremia kann, wenn ich das so sagen darf, auf eine Biografie seiner Augen zurückschauen. Das größte Unheil lässt sich sehen – es wächst, es wuchert - und es fällt nie vom Himmel. Nie! So spricht der Herr Zebaoth: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch Sicherheit versprechen, wo ihr am Rande des Abgrunds steht.
Im Redezirkus
Jetzt sind mittendrin! Lesen wir doch einmal die Zeitung. Vor 25 Jahren wurde in Solingen ein Haus angesteckt. Eine türkische Familie lebte dort. Zwei Frauen und drei Mädchen kamen ums Leben: Saime, Hülya, Gülüstan, Hatice und Gürsün Genç. Dies geschah am Pfingstsamstag 1993.
Schon Jahre vorher wurde der Hass gesät. Ein Zitat aus der Süddeutschen: „Fünf Jahre vor dem Anschlag hatte die politische Kampagne gegen angebliche "Asylmissbraucher" begonnen. Das Wort wurde das beliebteste in Wahlkämpfen… Die politische Sprache betrieb Mobilmachung; "Fluchtwege" mussten abgeschnitten, "Abschreckung" musste praktiziert werden.“ (Zitate SZ 28.05.2018). Die, die großen Reden hielten, blieben unbehelligt, die, die das Feuer legten, wurden zur Rechenschaft gezogen. Eine komische, schreckliche Welt.
Nach dem Anschlag wurden Krokodils Tränen geweint. Und der damalige Bundeskanzler mochte den Beileidstourismus nicht. Er hatte Wichtigeres zu tun, als mitzutrauern. Wie roh, ungehobelt gehässig Sprache ist, wie Worte verletzen.
Im Kommentar der Zeitung heißt es: „Die Politik tat so, als gebe es ein verseuchtes Zimmer im Haus der Verfassung; nach der Grundgesetzänderung wurde daher gerufen wie nach dem Kammerjäger.“ Der Kommentar spielt auf eine Änderung des Asylrechtes an.
Ausländer wurden diffamiert als die, die - Zitat - "bettelnd, betrügend, ja messerstechend durch die Straßen ziehen" und dann "nur weil sie das Wort Asyl rufen", dem Steuerzahler sieben Jahre lang auf der Tasche lägen.“ Zitatende. Die, die das damals gesagt haben, immerhin schon Ende der 80iger Jahre (!), erinnern sich nicht mehr, können, wollen auch nicht erinnert werden – heute lässt sich dafür umso trefflicher auf die Partei mit dem großen A verweisen, die mit alten, auch christsozialen Parolen neu auf Stimmenfang ist. Das Reservoir scheint unerschöpflich. Es hilft nichts: In unserer Gesellschaft wird nach wie vor Hass gesät und ein gutes Gewissen dafür gesucht. In der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit wird teuer bezahlt und hochprofessionell der Hass – das können wir uns doch nicht nachsagen lassen, oder? – weg retuschiert. Programm Bildbearbeitung. Wie hoch soll die Auflösung sein?
Auf der Straße geht es weniger professionell zu. Ich wurde an meiner Bushaltestelle angesprochen. Eine Gruppe dunkelhäutiger Mädchen wartete auch. Jung. Fröhlich. Bestes Hochdeutsch. Ein älterer Mann meinte aber, so, dass es die anderen gut hören konnten, zu mir: Die hätte man früher vergast. Nicht wahr. - Erst war ich wie vom Blitz getroffen, dann traf es ihn.
Noch können wir einhalten und umkehren. Wer läuft, immer nur läuft, weiterläuft, läuft seiner Zukunft davon. Eigentlich hatten alle Propheten, egal in welchem Gewand, die Aufgabe, Gottes Wort zu predigen, damit sich die Menschen von ihrem bösen Wandel und von ihrem bösen Tun bekehren. Jeremia, geht einmal nach Berlin!
Unwetter
Es liegt ein Unwetter in der Luft. Jeremia sagt den Menschen: „Siehe, es wird ein Wetter des Herrn kommen voll Grimm und ein schreckliches Ungewitter auf den Kopf der Gottlosen niedergehen. Und des Herrn Zorn wird nicht ablassen, bis er tue und ausrichte, was er im Sinn hat; zur letzten Zeit werdet ihr es klar erkennen.“
Eine Gerichtsrede ist das. Ein Urteil wird gesprochen. Doch Gott schickt uns kein Heer auf den Hals, er kommt auch nicht mit Drohnen - er sieht uns untergehen. Wir Menschen zerstören die Welt, die uns Heimat ist. Die uns als Heimat anvertraut wurde. Für alle Menschen! Doch: Wir Menschen machen Menschen arm – oder reich. Wir Menschen rufen „Frieden“, säen aber Hass. Wir Menschen verkaufen Waffen, spielen aber die Unschuldslämmer. Über alles aber wollen wir die Deutungshoheit. Wir erfinden Sprachregelungen. Wir brauchen den frommen Betrug.
Jeremia hat mit der Gerichtsrede Ärger bekommen. Die Menschen wollten nicht hören. Oder besser: sie wollten etwas Schönes hören. Viele von den Propheten lieferten ihnen – Träume. Ihre Träume. Einer schöner als der andere. „Ich höre es wohl, was die Propheten reden, die Lüge weissagen in meinem Namen und sprechen: Mir hat geträumt, mir hat geträumt … Ein Prophet, der Träume hat, erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen?“
Träume sind nicht gleich Träume. Sie können Flucht sein – aber auch eine neue Welt beschreiben, die Welt Gottes. Gottes Wort ist auch ein Traum. Am 15. Januar 1929 wird in Atlanta ein Junge geboren, der den Namen Michael bekommt und später Martin Luther heißen wird, Martin Luther King.
Washington, 28. August 1963:
„… Ich habe einen Traum, dass eines Tages jedes Tal erhöht und jeder Hügel und Berg erniedrigt werden. Die unebenen Plätze werden flach und die gewundenen Plätze gerade, und die Herrlichkeit des Herrn soll offenbart werden und alles Fleisch miteinander wird es sehen. Dies ist unsere Hoffnung. Dies ist der Glaube, mit dem ich in den Süden zurückgehen werde. Mit diesem Glauben werden wir den Berg der Verzweiflung behauen, einen Stein der Hoffnung…“
Wer die Bibel kennt, hört den Propheten Jesaja heraus. Vom Manuskript gelöst, ruft Martin Luther King: „Ich habe einen Traum, dass sich eines Tages diese Nation erheben wird und die wahre Bedeutung ihrer Überzeugung ausleben wird: Wir halten diese Wahrheit für selbstverständlich: Alle Menschen sind gleich erschaffen.
Ich habe einen Traum, dass eines Tages auf den roten Hügeln von Georgia die Söhne früherer Sklaven und die Söhne früherer Sklavenhalter miteinander am Tisch der Brüderlichkeit sitzen können.
Ich habe einen Traum, dass eines Tages selbst der Staat Mississippi, ein Staat, der in der Hitze der Ungerechtigkeit und in der Hitze der Unterdrückung verschmachtet, in eine Oase der Freiheit und Gerechtigkeit verwandelt wird.
Ich habe einen Traum, dass meine vier kleinen Kinder eines Tages in einer Nation leben werden, in der man sie nicht nach ihrer Hautfarbe, sondern nach ihrem Charakter beurteilt.
Ich habe heute einen Traum!“
Am 4. April 1968, vor 50 Jahren, wird Martin Luther King ermordet. Doch keine Kugel trifft den einen Traum, der in vielen Köpfen und Herzen lebt. Den Traum, der mit Mächten und Gewalten kämpft, ihnen das Feld aber nicht lässt. Im Psalm 126 heißt es: Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlöst, werden wir sein wie die Träumenden. Dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein.“
Redet Gott von einem Unwetter, ist das ein Albtraum – hören wir auf ihn, werden wir Träumende.
Hören wir auf ihn, gehen wir mit unseren Träumen nicht unter.
Gottes Ferne und Nähe
Mitten im Satz hören wir Gott sagen, dass er Himmel und Erde erfüllt. Wer sich verstecken will, wird gefunden, wer sich vom Acker macht, aufgegriffen, wer sich an menschlichen Hoffnungen vergreift, in die Knie gezwungen. Gott lässt sich nicht vereinnahmen oder instrumentalisieren – doch in seiner Ferne ist er uns nah. Mit seinem Wort. Hört nicht auf die Worte der Propheten! Hört nicht! Verweigert euch! Lasst nicht alles ins Ohr! Und sagt das auch. Gott hat seine, unsere Welt noch nicht aufgegeben. „Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, dass ich dem David einen gerechten Sproß erwecken will. Der soll ein König sein, der wohl regieren und Recht und Gerechtigkeit im Lande üben wird… Und dies wird sein Name sein: Der Herr unsere Gerechtigkeit“ (23,5f.) Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn.
Quellennachweis:
Süddeutsche Zeitung, 28.05.2018: 25 Jahre nach Solingen - Wie der Hass entstand - Kommentar von Heribert Prantl
Süddeutsche Zeitung, 29.05.2018: Anschlag von Solingen "Die deutsche Politik hat nichts gelernt" Interview mit Mehmet Daimagüler
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Mit Gottes Liebe unsere wahre Liebe finden – Predigt zu Jeremia 23, 16-29 von Rainer Kopisch
Liebe Gemeinde,
die Bezeichnung falsche Propheten ist schon sehr alt, aber auch in unserer Zeit in Gebrauch. Damit wird eine Erscheinung bezeichnet, die seit Menschengedenken ernste Gefahren für das Leben von Menschen heraufbeschwören kann. Der Predigttext des heutigen Sonntags führt uns in die Lebenszeit des Propheten Jeremia. Er weist mit Gottes Wort auf die Gefahr der falschen Propheten seiner Zeit hin. Sie führen die Menschen fern von Gott in die Irre.
Doch hören sie selbst aus dem Kapitel 23 des Buches Jeremia die Verse 16 bis 29:
Ich lese den Text in der aktuellen Luther-Übersetzung.
so spricht der Herr Zebaoth: hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie betrügen euch, sie verkünden euch Gesichte aus ihrem Herzen und nicht aus dem Mund des Herrn. Sie sagen denen, die das Herren Wort verachten: es wird euch wohlgehen –, und allen, die im Starrsinn ihres Herzens wandeln, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen. Aber wer hat im Rat des Herrn gestanden, dass er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat sein Wort vernommen und gehört? siehe, es wird ein Wetter des Herrn kommen voll Grimm und ein schreckliches Ungewitter auf den Kopf der Gottlosen niedergehen. Und des Herrn Zorn wird nicht ablassen, bis er tue und ausrichtet, was er im Sinn hat; zur letzten Zeit werdet ihr alles klar erkennen. Ich sandte die Propheten nicht, und doch laufen sie; ich redete nicht zu ihnen, und doch weissagen sie. Denn wenn sie im Rat gestanden hätten, so hätten sie meine Worte meinem Volk gepredigt, um es von seinem bösen Wandel und von seinem bösen Tun zu bekehren. Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott, der ferne ist? Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe? spricht der Herr. Bin ich es nicht, der Himmel und Erde erfüllt? spricht der Herr. Ich höre es wohl, was die Propheten reden, die Lügen weissagen in meinem Namen und sprechen,: Mir hat geträumt, mir hat geträumt. wann wollen doch die Propheten aufhören, die Lüge weissagen und ihres Herzens Trug weissagen und wollen, dass mein Volk meinen Namen vergesse über ihren Träumen, die einer dem andern erzählt, so wie ihre Väter meinen Namen vergaßen über dem Baal? ein Prophet, der Träume hat, der erzähle Träume; wer aber mein Wort hat, der predige mein Wort recht. Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen?, spricht der Herr. Ist mein Wort nicht wie ein Feuer, spricht der Herr, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt?
Wir bekommen eine Schilderung des Jeremia über die Zustände seiner Zeit. Wir hören von falschen Propheten, die ihre eigenen Träume zu Weissagungen machen. Denen, die das Wort Gottes verachten, sagen sie Wohlergehen voraus und denen, die starrsinnig auf den egoistischen Wünschen ihres Herzens verharren, sagen sie, dass kein Unheil über sie kommen wird. Wir hören nichts über die Beweggründe und die Absichten dieser falschen Propheten. Gott macht auf die mangelnde Legitimation aufmerksam. Wer hat im Rat des Herrn gestanden, dass er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat sein Wort vernommen und gehört?
Gottlos sind sie und es wird sie ein schreckliches Unwetter treffen bis allen klar sein wird, was der Wille Gottes ist. Wenn diese falschen Propheten wirklich von Gott gesandt wären, hätten sie das Volk mit Gottes Worten von seinem bösen Wandel und seinen bösen Taten bekehrt. So aber haben sie all das Böse und Schlimme noch dadurch unterstützt, dass sie sich als Propheten Gottes ausgegeben haben. Gott stellt durch Jeremia klar, dass er unabhängig und nicht zu vereinnahmen ist, wie nahe er auch den Menschen kommt, denn seine Größe reicht bis in die unerreichbare Ferne. Gott ist eben nicht und für niemand verfügbar.
Jeder Mensch aber, wo er auch ist, wird von Gott gesehen, weil Gott allumfassend ist.
Gott kennt die falschen Propheten. Er hört, wie sie als Propheten auftreten und was sie weissagen. Er kennt ihre Lügen, mit denen sie die Menschen betrügen und verführen. Er klagt sie mit Recht an, dass sie sich bemühen, Gottes Namen vergessen zu machen. Was die falschen Propheten träumen, erfahren wir nicht, aber die Verbreitung ihrer Träume bereitet den Boden für die Willkür und die Herrschaft des widergöttlichen Bösen. Eine Scheinwelt ist entstanden, in der Betrüger und Betrügerinnen mit den Betrogenen wie in einer gemeinsamen großen Seifenblase von Selbstbetrug leben. Gottes Wort wird aus dieser Scheinwelt ausgeschlossen, weil es diese Welt in Frage stellt. Es wäre entlarvend für Verführer und Verführte in der gottfernen Scheinwelt. Gott selbst spricht von seinem Wort wie von einem Feuer oder einem Hammer, der Felsen auseinanderbrechen lässt.
Uns betrifft dieses gewaltige Wort Gottes scheinbar nicht, solange wir das Prophetenwort des Jeremia auf seine Zeit begrenzen. Ich fühle mich Jeremia und seinem schweren Prophetenamt verbunden und sage frei heraus: Dieses Gotteswort im heutigen Predigttext ist hoch aktuell. Es beschreibt einen bösen Teil der Lebenswirklichkeit in unserem Land, Europa und der Welt sehr genau. Es wird ein Geheimnis der Menschheit bleiben, dass es in dieser Welt immer wieder zu diesen menschenunwürdigen Zuständen der Verführung durch falsche Propheten kommt. Als menschunwürdig bezeichne ich sie deshalb, weil Gott den Menschen als sein Ebenbild erschaffen hat. Die Würde Gottes sollte sich in der Würde des Menschen spiegeln. Einen Blick in unsere Verfassung könnte Hoffnung wecken.
Damit keine unnötigen Zweifel aufkommen, will ich noch eine wichtige Voraussetzung dieser Predigt nennen: Gottes Liebe gilt allen Menschen. Sie zu erfahren, sollte allen Menschen ermöglicht werden. Das heißt auch: Diese Liebe kennt keine Grenzen, wie wir Menschen sie auch immer ziehen könnten.
Die Botschaft der Liebe Gottes ist durch Jesus erneut in die Welt gekommen. In der Liebe zu sein und die Botschaft Jesu ernst zu nehmen, bedeutet auch die Botschaft Gottes in den Worten des Propheten Jeremia deutlicher zu erkennen.
Die Aktualität dieses Gotteswortes lässt uns fragen, wer uns heutige Menschen mit ausgedachten Geschichten - auf neudeutsch: fakenews – verführt und wie es möglich ist. Botschaften wie „Es wird euch wohlgehen“ hören wir gern, weil wir das auch wünschen. Unsere Wünsche gehen in Erfüllung, wenn wir den wörtlichen und bildlichen Versprechungen der Werbung folgen. Menschliche Schwächen aus den verstecktesten Ecken der Seele werden angesprochen und mobilisiert. Gott will nicht, dass wir mehr auf das Haben und Besitzen achten als darauf, wie wir als Menschen und Christen die Gabe der Liebe Gottes in dieser Welt leben. Der Mangel an wirklicher Liebe und die inneren Nöte der Menschen können zu Fluchten in verschiedene Irrwege und Süchte führen.
Wo liegt der Grund die Anfälligkeit der Menschen für die Botschaften falscher Propheten? Jesus benennt im Johannesevangelium Kapitel 16 Vers 33 einen Grund:
In der Welt habt ihr Angst, aber seid getrost: Ich habe die Welt überwunden. (Joh 16,33). Jesus hat mit der Liebe Gottes die Macht der Angst in der Welt gebrochen. Deshalb haben wir als Christen die Möglichkeit, die Angst in unserem Leben auf ihre ursprüngliche Aufgabe zu reduzieren, uns auf aktuelle Gefahren zeitnah aufmerksam zu machen. Wenn wir in der Nachfolge Jesu durch unser Leben gehen, werden wir der Liebe Gottes in unseren Herzen folgen können und alles, was uns begegnet, in ihrem Licht sehen. Mit diesem Licht können wir auch die Schatten in unserer Seele erkennen. Wir sind Menschen, die anfällig sind für Neid und Eifersucht, für Habgier und Geiz, für Machtgier und für die Angst, die uns zu Eitelkeit, Hochnäsigkeit, verletzendem Gehabe, Machtgier und aggressivem Verhalten führen kann.
Tiefsitzende Unzufriedenheit und Existenzängste machen Menschen für die Botschaften und Worte falscher Propheten empfänglich. Empfindungen, Opfer von Ungerechtigkeit zu sein, machen Menschen traurig oder aggressiv. Allein die Aufmerksamkeit und der Beistand liebender Menschen können hier beistehen.
Als Christen brauchen sie unseren Herrn nicht zu fragen. Sie wissen, dass sie zwei Aufgaben haben, die sie nacheinander abarbeiten können, wenn sie bereit sind. Die erste Aufgabe ist: Der Liebe Gottes in sich selbst Raum geben und langsam selbst Liebe zu werden. Wenn sie sich wundern sollten. Sie haben richtig gehört. Liebe hat nichts mit Machen sondern mit Sein zu tun. Die zweite Aufgabe ist: Andere Menschen mit der Liebe Gottes anzustecken. Gott hat ihnen genug gesunden Menschenverstand, Fantasie und Vertrauen in die Kraft der Liebe geschenkt.
Sie werden auch andere Menschen für diese Aufgabe gewinnen können. Warten Sie dabei nicht auf Initiativen von Pfarrerinnen, Pfarrer oder Mitglieder der Kirchenvorstände oder anderer Gremien. Haben Sie keine Furcht eine falsche Prophetin oder ein falscher Prophet zu werden.
Das können sie gar nicht schaffen, wenn Sie die Liebe Gottes sind. Lassen Sie sich nicht entmutigen, wenn Sie wie Jeremia auf Ablehnung oder Schlimmeres stoßen. Was soll Ihnen passieren? Sie werden in der Liebe Gottes Verständnis für jeden Menschen entwickeln, sie werden aber auch Geduld mit sich und anderen brauchen.
Amen
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Verstecken spielen macht Spaß – Predigt zu Jeremia 23, 16-29 von Heinz Behrends
Ich möchte Verstecken spielen, Großpapa“, sagt Emil. „Ich fange an, ich versteck mich“. Großvater möchte noch fragen, auf welches Gebiet zum Verstecken sie sich einigen, bis zu der Hecke im Garten oder auch noch dahinter. Aber schon ist er fort. „Okay, spielen wir verstecken“. Großvater zählt bis 20. „Ich komme“. Er schaut sich um, nichts zu sehen. Doch, da hinter dem Kirschbaum, da schimmert ein rotes T-shirt. Aber er geht nicht gleich hin, sondern tut so als suche er. Auf der Terrasse, am Car-Port, hinter dem blühenden Rhododendron. Langsam schleicht er sich näher, mit dem Rücken zum Jungen. „Wo ist er nur?“ Er hört ein leichtes Kichern, dreht sich um. „Da bist du, da hab ich dich“. Emil quietscht vor Freude. „Noch mal“, sagt er. Verstecken spielen macht Spaß. Noch mehr Freude macht es, gefunden zu werden. Emil teilt die Erfahrung anderer Kinder nicht, die sich verstecken, weil sie Angst haben.
Verstecken aus Angst
Das Malheur ist passiert. Paula wollte Mutters Tasse von der Anrichte nehmen und hat sie fallen lassen. Sie wollte sie doch nur mal in die Hand nehmen. Nun ist sie auf den Boden gefallen, zerbrochen in 1000 Stücke. Es war ein Erbstück von Großmutter. Mutter hat es geliebt und gehütet wie einen kostbaren Schatz, er ist nicht zu ersetzen. Mutter wird es gehört haben und gleich runter in die Stube kommen. Es wird ein Donnerwetter geben. Paula versteckt sich in der Ecke, am liebsten würde sie sich unsichtbar machen. Da kommt Mutter schon. Jetzt gibt es kein Entkommen mehr. Mutter entdeckt die Scherben, schreit kurz auf und sieht Paula zusammengekauert in der Ecke. „Was hast du getan“! Für eine Entschuldigung reicht Paula der Atem nicht. Sie ist wie erstarrt.
Gott sieht alles
Ein schreckliches Gefühl ist das. Nichts kann ich verbergen. Mutter sieht viel, aber der liebe Gott sieht noch mehr, er sieht alles.
„Meinst du, dass sich jemand so heimlich verbergen könne, dass ich ihn nicht sehe?“ Wir sind nicht perfekt, wir bleiben hinter dem zurück, was Gott von uns fordert. Dies Gefühl verlässt uns nicht. Wir wissen nur zu gut, was gut ist, was dran ist. Das Wissen, Gott sieht alles, macht es nicht besser. Eigentlich ein schreckliches Gottesbild. Ich möchte Orte haben, wo niemand hinguckt, ich möchte Geheimnisse haben. Die digitale Technik ersetzt den allwissenden Gott. Kameras überall. Navigatoren kennen meine Wege und Orte. Allmählich wehren wir uns dagegen, dass wir durch Satelliten-Ortung überall aufzuspüren, zu sehen sind. Oft von Augen, die ungnädiger sind als Gott es sein kann. Ich kann mich nicht verbergen. Schlimm.
Wenn Gott sich versteckt
Noch schlimmer ist, wenn Gott sich versteckt. Daniela hat MS. Sie ist erst 23. Zwei Schübe im ersten Jahr. Leben auf einem Pulverfass. Das Gebet im Haus verstummt. Jeden Morgen hatte Mutter für alle am Tisch gebetet. Für die Kranken, gedankt für die Gesundheit, das Glück. Die Realität ist nun so bitter. Warum das alles? Wozu? Fragen ohne Antwort. Wenn Beten hören ist, dann hört sie nichts mehr. Gott schweigt. Gott hat sich versteckt, er hat sich verborgen. Deus absconditus nennt Martin Luther diese Gotteserfahrung, diesen Gott. Der verborgene Gott.
Gott ist fern
„Bin ich nur ein Gott, der nahe ist?“- Nein. Ist er nicht. Eine tiefe Lebens-, eine erschütternde Glaubenserfahrung. Realität. Darum wettert der Prophet Jeremia gegen die Propheten, die den kuscheligen Gott verkünden. „Sie sagen denen, die des Herrn Wort verachten: Es wird Euch wohlgehen“. Vielleicht meinen sie es gut und wollen Menschen zu Gott bringen. Aber das geht nicht mit einem Kuschelkurs. Sie wollen nach dem Mund reden. Träumer sind sie. Was ihre Herzen wünschen, ist nicht Realität, ist nicht das Leben. Es kann nicht gut gehen, wenn Menschen den Bund mit Gott nicht mehr ernst nehmen. Für Jeremia ist das ein großes Thema. Gott hat einen Bund mit den Menschen geschlossen, hat ihnen die Weisungen, die Thora, gegeben, damit sie wissen, wie Leben gelingen kann. Als Antwort auf diese Wohltat verlangt Gott, dass sie danach leben. Da kann man nicht drum herum reden wie die anderen Propheten es tun. Sie wollen geliebt werden, sie wollen sich nur selbst bestätigen. „Wenn sie in meinem Rat gestanden hätten, so hätten sie meine Worte gepredigt, um sie von seinem bösen Wandel zu bekehren.“ Jeremia schimpft, er ermahnt. „Wie reimen sich Stroh und Weizen zusammen, spricht der Herr?“ Auf Stroh hinterlassen die Kamele ihren Kot. Weizen dagegen, das Wort Gottes ist lebenswichtig. Es ernährt.
Keinen Kuschelkurs
Aus Kulturen vor Jeremia ist bekannt. Wenn ein Prophet ein Wort an das Volk richtet, muss er eine große Locke abgeben und aus seinem Gewand schneidet man ein Stück Tuch, damit man ihn später erkennt, wenn er falsch gesprochen hat. Kuschelkurs ist nicht angesagt. Nicht nach dem Munde reden. Jeremia macht das nicht, er redet wie es Wetterberichte tun. „Es wird ein Wetter des Herrn kommen, ein schreckliches Ungewitter“. Er spricht wie ein Schmiede- und Maurermeister spricht. „Ist mein Wort nicht wie Feuer, wie ein Hammer, der Felsen zerschmeißt“. Ein moderner Text ist das, dieser Jeremia. Die Lehrerin in der Schule für Krankenpflegerinnen bespricht mit den Schülerinnen das Gleichnis vom Weltgericht, um ihnen die Werke der Barmherzigkeit zu vermitteln. Sie lehnen die Erzählung vehement ab. „Gericht gibt es nicht“. „Das ist doch Quatsch“. „So ein blöder Gott“. Sie haben als Konfirmandinnen die Lieder von der Liebe Gottes gelernt. Und falsch verstanden. Liebe als Akzeptanz jeder Verhaltensweise. „Ich bin okay, du bist okay“. Wir können nicht lieben, wenn wir uns alle für lieb halten. Die Unwuchten aushalten, das ist es. Die Liebe lebt von der Wahrheit, damit ich weiß, was ich lieben kann.
Nahe durch seinen weiten Blick
„Bin ich nur ein Gott, der nahe ist, spricht der Herr, und nicht auch ein Gott, der ferne ist“? Nein, Gott ist nicht fern. Gott ist nahe durch seine Ferne. Stefan steigt auf den Kirchturm und hat einen weiten Blick. Die Sicht ist klar wie selten. Er sieht dort unten die ganze Landschaft. Die Straßen unter ihm. Er sieht das Haus, in dem er lebt, den Rathausplatz. Den Bäcker, bei dem er jeden Morgen die frischen Brötchen holt, den Friedhof dort am Rand, wo er seine Eltern begraben hat. Er sieht die Wege in der Feldmark wie sie am Horizont wie in eine Zukunft verschwinden. Ja, selbst den Rand der kleinen Stadt dort am Horizont kann er sehen, wo er im Krankenhaus geboren wurde und seine Mutter starb. Ein klarer Blick. Er sieht die Details, Und er sieht das Ganze. Er sieht das alles nur, weil er Distanz hat, von dort oben. Ja, Gott ist nahe, weil er das Ganze sieht. Die Scheidung nach 21 Jahren Ehe war damals ein kleine Katastrophe, die Kinder blieben bei der Mutter. Dann die Diagnose: Prostata-Krebs vor 8 Jahren, die OP, 5 Jahre halbjährige Nachsorge, immer wieder leicht verängstigt. Der Karriere-Knick. Die versprochene Leitungs-Stelle bekam ein anderer. Aber jetzt, beim Blick vom Kirchturm ist er glücklich. Er hat wieder geheiratet, die Patchwork-Familie ist kein Problem. Wenn er das Ganze betrachtet, war Gott nie fern, sondern nahe.
Ja, so ist Gott. Er ist nahe, weil er als der Ferne den Überblick hat. „Bin ich es nicht, der Himmel und Erde füllt?“ Darum muss ich mich nicht verstecken vor dem, der mehr über mich weiß als ich selber. Gefunden werden ist schön.
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Der ferne Gott - Predigt zu Jeremia 23,16-29 von Jürgen Kaiser
Liebe Gemeinde,
Als Ulf Poschardt an Heilig Abend aus der Christmette kam, sonderte der Chefredakteur der „Welt“ um 0.48 Uhr einen Tweet ab: „Wer soll eigentlich noch freiwillig in eine Christmette gehen, wenn er am Ende der Predigt denkt, er hat einen Abend bei den Jusos bzw. der Grünen Jugend verbracht?“ Der Tweet hat eine heftige Diskussion zum Thema in Gang gesetzt. „Sie haben schon länger dieses Gefühl, dass Kirche zu politisch geworden ist?“, wurde Poschardt in einem Interview gefragt und bekannte: „Na klar. Evangelische Kirchentage sind von grünen Parteitagen oft nur schwer zu unterscheiden. Die Rolle des Pfarrhauses für die deutsche Politik ist von Gudrun Ensslin über Angela Merkel bis Katrin Göring-Eckart und Frauke Petry kaum zu unterschätzen. Politik ist in Deutschland viel zu sehr säkularisierte Religion. Am schlimmsten ist das Gift des säkularisierten Protestantismus.“ [Zeit Online, https://www.zeit.de/2018/02/ulf-poschardt-christmette-politik-kritik-tw….]
Er sitzt im Schatten der hohen Mauer. Männer in langen Mänteln eilen über den Platz. Er sieht, dass sie ihn bemerken, aber sie grüßen nicht. Er grüßt auch nicht. Sie verschwinden im Palast. Jeremia ärgert sich. Seine Kollegen sind gefragt. Er nicht. Sie werden gerufen, um ihre Analysen vorzutragen. Seine Mahnungen will keiner hören. Seine Kollegen haben andere Methoden. Sie benebeln sich mit Räucherwerk, haben schöne Träume und sagen angenehme Dinge. Solche Leute sind gern gesehene Gäste im Palast.
Als die Sonne ganz hinter der hohen Mauer verschwindet, geht Jeremia ins Haus und ruft seinen Schreiber. „Schreib!“, sagt er und diktiert:
So spricht der HERR der Heerscharen: Hört nicht auf die Worte der Propheten, die euch weissagen! Sie täuschen euch, sie verkünden die Schauung ihres eigenen Herzens, nicht das, was aus dem Mund des HERRN kommt. Immer wieder sagen sie zu denen, die mich verachten: Der HERR hat gesagt: Ihr werdet Frieden haben! Und zu jedem, der im Starrsinn seines Herzens lebt, sagen sie: Es wird kein Unheil über euch kommen! Wer hat denn in der Versammlung des HERRN gestanden, dass er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat auf sein Wort geachtet und hat es gehört? Sieh, der Sturm des HERRN ist losgebrochen als Zorn, ein wirbelnder Sturm, gegen das Haupt der Frevler wirbelt er. Die Wut des HERRN wird sich nicht legen, bis er die Pläne seines Herzens ausgeführt und verwirklicht hat. In ferner Zukunft werdet ihr es ganz begreifen. Ich habe die Propheten nicht gesandt, und dennoch sind sie gelaufen, ich habe nicht zu ihnen gesprochen, und dennoch haben sie geweissagt. Wenn sie aber in meiner Versammlung gestanden haben, sollen sie mein Volk meine Worte hören lassen und sie zurückbringen von ihrem bösen Weg und von der Bosheit ihrer Taten. Bin ich denn ein Gott der Nähe, Spruch des HERRN, und nicht auch ein Gott der Ferne? Kann sich einer in Verstecken verstecken, und ich würde ihn nicht sehen? Spruch des HERRN. Fülle ich nicht den Himmel und die Erde? Spruch des HERRN. Ich habe gehört, was die Propheten gesagt haben, die in meinem Namen Lüge weissagen: Ich habe geträumt, ich habe geträumt! Wie lange noch? Haben die Propheten, die Lüge weissagen und die den Trug ihres Herzens weissagen, überhaupt Verstand; sie, die planen, mit ihren Träumen, die sie einander erzählen, meinen Namen in Vergessenheit zu bringen bei meinem Volk, wie ihre Vorfahren meinen Namen vergessen haben über dem Baal? Der Prophet, der einen Traum hat, soll einen Traum erzählen, der aber, der mein Wort hat, soll treu mein Wort sagen. Was hat das Stroh mit dem Getreide gemein? Spruch des HERRN. Ist mein Wort nicht so: wie Feuer, Spruch des HERRN, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert?
Martin Dutzmann sitzt in seinem Büro mitten in Berlin. Hin und wieder verlässt er es, um in den Bundestag zu gehen oder einen Staatssekretär zu besuchen. Martin Dutzmann ist ein freundlicher Mensch. Dass er laut wird, den Zeigefinger hebt oder mit der Faust auf den Tisch haut, kann ich mir kaum vorstellen. Dass er heikele Themen lieber verschweigt, um seinem Gesprächspartner nicht die Laune zu verderben, kann ich mir auch nicht vorstellen. In der Versammlung des Herrn hat Martin Dutzmann meines Wissens noch nicht gestanden, dass er das Wort des Herrn direkt gesehen oder gehört hätte. Aber er sitzt im Rat der EKD und hört direkt, was dort gesagt wird.
Die Kirche ist der Meinung, dass sie etwas zu sagen hat. Sie soll sich um die Seele ihrer Mitglieder kümmern, sie muss sich aber auch zu Wort melden, wenn in der Gesellschaft etwas vor sich geht, das Gott so nicht wollen kann. Die Kirche glaubt, dass das Evangelium nicht nur ihren einzelnen Mitgliedern etwas zu sagen hat, sondern der gesamten Gesellschaft. Sie sieht sich zu einem prophetischen Wächteramt berufen. Sie darf nicht schweigen, wenn sie in Politik und Gesellschaft Tendenzen wahrnimmt, die sich an Gottes Geboten gemessen nur als Fehlentwicklungen brandmarken lassen.
Deshalb äußern sich die Pfarrer und Pfarrerinnen auf den Kanzeln auch politisch, bemängeln und kritisieren. Dass sie sagen, was gut ist, kommt auch vor, aber seltener. Die Kirchen institutionalisieren sogar die politische Einmischung. Die Landeskirchen haben Länderbeauftragte, die den Kontakt zu den Landesregierungen und Landesparlamenten halten, die EKD hat Herrn Dutzmann, den Bevollmächtigten des Rates der EKD in Berlin und Brüssel.
Die Kirche kritisiert. Aber sie wird auch kritisiert. Nicht zuletzt dafür, dass sie kritisiert. Die Kirche solle sich nicht einmischen, sondern bei ihrer Sache bleiben. Oft sind solche Einwendungen ihrerseits politisch motiviert und kommen von einer Seite, für die die Kirche zu links ist. Andere monieren, die Kirche betone ihre politische Verantwortung vor allem, um ihre gesellschaftliche Relevanz zu demonstrieren und ihrer eigenen Marginalisierung entgegenzusteuern, und warnen vor der Moralisierung und Emotionalisierung des Christentums. [Ulrich H.J. Körtner, Für die Vernunft. Wider Moralisierung und Emotionalisierung in Politik und Kirche, 2017.]
Von der anderen Seite wird die Kirche kritisiert, weil sie zu zahm sei. Sie sitze den Mächtigen auf dem Schoß, sage nur, was die hören wollten und sei so glücklich über ihre guten Beziehung zum Staat, dass sie es gar nicht wage, das zu tun, was ihr Auftrag ist: Sich für die einzusetzen, die keine Stimme haben, und dem Recht und der Gerechtigkeit im Land zum Durchbruch zu verhelfen.
Die Klagen des Propheten Jeremia und des Chefredakteurs Poschardt liegen nicht ganz auf derselben Linie. Jeremia klagt über seine Kollegen, die den falschen Leuten das Falsche sagen. Zu denen, die nichts von Gott wissen wollen, sagen sie, Gott ist mit euch, alles ist gut, ihr werdet euren Frieden haben. Poschardt beklagt nicht, dass die Kirche ihr prophetisches Amt wahrnimmt und gesellschaftliche und politische Fragen anspricht. Er beklagt nur, wie sie das tut. Nämlich in einer Weise, die sich nicht mehr unterscheidet von Parteiprogrammen oder Wahlkampfreden zumeist eher linkerer Gruppen. Der Punkt ist aber nicht die eher linke Einfärbung, sondern die Ununterscheidbarkeit zwischen Kanzelwort und Wahlkampfrede. Mit Blick auf die Weihnachtspredigt, die Poschardts Tweet ausgelöst hat, ist der Vorwurf kaum von der Hand zu weisen.
Wer hat denn in der Versammlung des HERRN gestanden, dass er sein Wort gesehen und gehört hätte? Wer hat auf sein Wort geachtet und hat es gehört?
Woher nehmen wir unsere Botschaften? Wessen Worte reden wir?
Prediger und Predigerinnen, Länderbeauftragte und EKD-Bevollmächtigte lesen die Bibel und die Zeitung. Doch für manche ist der Weg von der Bibel zur Zeitungsmeldung sehr kurz. Jede Kritik wird von Straße aufgeglaubt und dem Wort Gottes als Fußnote angeheftet, wenn nicht gar als Schlagzeile übergestülpt.
Jeremias Anklage einer allzu gefälligen, staats- und systemdienlichen Einlullungs- und Propagandaprophetie könnte Wasser auf die Mühlen derer sein, die meinen, die Kirche müsse um des Evangeliums willen Tacheles reden, deutlicher Partei ergreifen und die Missstände und die Ungerechtigkeit beim Namen nennen. Aber ist das wirklich das, was wir bei Jeremia lesen? Wären das nicht die allzu kurzen Wege von der Bibel auf die Straße, ein elektrisierter Aktionismus, der das Evangelium mit Kurzschlüssen mehr gefährdet als es zu bezeugen? Dann brennt einem Kanzelredner bei starker Weihnachtsspannung leicht die Sicherung durch und verdirbt einem Chefredakteur die Stimmung.
Jeremia mobilisiert gegen die falschen Propheten nicht zum Protest auf der Straße. Er reißt vielmehr einen tiefen Graben auf. Er rückt Gott in weite Ferne. Er wirft ein Schlaglicht auf die dunkle Seite Gottes, auf einen fernen Gott, der sich nicht für politische Botschaften einspannen lässt, nicht für die liebsamen, aber auch nicht für die unliebsamen.
Bin ich denn ein Gott der Nähe, Spruch des HERRN, und nicht auch ein Gott der Ferne? Kann sich einer in Verstecken verstecken, und ich würde ihn nicht sehen? […]Der Prophet, der einen Traum hat, soll einen Traum erzählen, der aber, der mein Wort hat, soll treu mein Wort sagen. Was hat das Stroh mit dem Getreide gemein? Spruch des HERRN. Ist mein Wort nicht so: wie Feuer, Spruch des HERRN, und wie ein Hammer, der Felsen zerschmettert?
Woher nehmen wir unsere Botschaften? Wessen Worte reden wir?
Jeremia hat keine Träume. Er hat Gottes Wort. Direkt und unmittelbar. Seine Kritik an den Lügenpropheten artikuliert er als Spruch des Herrn. Was er redet, redet gar nicht er selbst, sondern Gott.
Hier stellt sich ein Gott vor, der Politik und Kirche gleichermaßen die Illusionen raubt. Weder will er einspringen, wenn die Politik nicht weiter weiß, noch mag er der Kirche helfen, ihren Bedeutungs zu kaschieren. Er steht nicht zu Diensten, ist nicht einfach ein Gott zum Dabeisein, Mitsein und Mitmachen, zum Segnen und Absegnen. Gott lässt sich nicht für politische Ziele einspannen. Weder zur höheren Legitimierung von Regierungspolitik, noch zur höhere Legitimierung von Opposition und Protest.
Er ist auch und zuerst einmal auch darin ein ferner Gott, dass sich seine Worte nicht einfach in politisches Handeln übertragen lassen und dass Martin Dutzmann nicht einfach Gesetzesvorlagen aus der Bibel abschreiben und dem Staatssekretär auf den Schreibtisch legen kann. Der Gott Israels bekennt sein hohes Engagement für Recht und Gerechtigkeit. Nur sind diese Werte, was immer sie meinen, längst in die politischen Programme eingewandert. Wer sie einfach per „copy & paste“ aus der Bibel in die Predigt oder in kirchliche Verlautbarungen übernimmt, muss sich tatsächlich fragen lassen, worin eigentlich der Unterschied liege zwischen Bibel und Parteiprogramm.
Daher ist man gut beraten, ruhig zu bleiben, still zu halten, Bibel zu lesen, zu predigen, was man dort gelesen hat und nicht so zu tun, als sei man täglich in den Versammlungen des Herrn und höre, ja sehe das Wort Gottes.
Ruhig bleiben, abwarten. Wenn Gott stürmt, wenn sein Zorn entbrennt, wenn sein Wort hämmert, wird man es schon mitkriegen. Und dann wird man nicht mehr schweigen können. Aber erst dann.
Jeremia sitzt im Schatten der hohen Mauer. Er hat nicht gut geschlafen in dieser Nacht. Sein letzter Text hat ihn gequält. Er hasste seinen Beruf, seiner Berufung misstraute er von Anfang an. „Ich weiß nicht wie das geht, ich bin zu jung“, hatte er gesagt. Aber der Herr sprach: „Sag nicht: Ich bin noch jung… Was immer ich dir gebiete, wirst du sagen. Er berührte seinen Mund und sagte: Ich lege meine Worte in deinen Mund, dass du ausreißen und einreißen, zerstören und verderben sollst und bauen und pflanzen. (Jer 1,4-10)
Das war lange her. Aber Jeremia musste immer daran denken, wenn er im Schatten der hohen Mauer saß. Er musste schon vieles ausreißen und verderben in seinem Leben. Doch er weiß: Irgendwann kommt die Zeit, dass Gott ihm sagt: Jetzt baue und jetzt pflanze.
Gott wird sich melden. Gott wird sich einmischen. Wir werden es hören. Zu seiner Zeit. Wie und wo und wann er es will. Amen.
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Herzensschreiber gesucht - Predigt zu Jeremia 31,31-34 von Nico Szameitat
Da-dumm. Da-dumm.
Sonntagszeitung, Kleinanzeigen, Stellenangebote: „Herzensschreiber zum nächstmöglichen Zeitpunkt gesucht. Unbefristete Stelle, Vollzeit, für Mann oder Frau mit Erfahrung in Kalligraphie zwecks Beschriftung von Herzen. Einfühlungsvermögen von Vorteil. Aussagekräftige Bewerbung erbeten an Chiffre JER 31 31 34.“
Da-dumm. Da-dumm.
„Siehe, es kommt die Zeit, spricht der Herr, da will ich mit dem Hause Israel und mit dem Hause Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund gewesen ist, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägyptenland zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, ob ich gleich ihr Herr war, spricht der Herr; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der Herr: Ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben, und sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Und es wird keiner den andern noch ein Bruder den andern lehren und sagen: »Erkenne den Herrn«, denn sie sollen mich alle erkennen, beide, Klein und Groß, spricht der Herr; denn ich will ihnen ihre Missetat vergeben und ihrer Sünde nimmermehr gedenken.“ (Jeremia 31,31-34, Lutherbibel 2017)
Da-dumm. Da-dumm.
Ach, das hört sich doch sehr nach Liebeskummer an. Da ist der Allmächtige einen ewigen Bund mit einem Menschenvolk eingegangen, und dann lief es ganz anders als von ihm erhofft. Das kleine Israel hatte er für seinen Bund auserwählt: „Sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein.“ Und wie für ein kleines Kind hatte er alles für Israel getan. An die Hand hatte er sie genommen, mit Mose, und aus der Knechtschaft in Ägypten geführt. Er ist mit ihnen den staubigen Weg durch die Wüste gezogen, hat ihr Genörgel ertragen – „Wann sind wir endlich da?“ – ok, er ist nicht immer seelenruhig geblieben, aber er hat sie mit allem Nötigen versorgt: Mit Himmelsbrot und Lebenswasser, mit Schutz vor Feinden, mit Geboten auf steinernen Tafeln, die das Leben in dem größer werdenden Volk erst möglich machten. Zusammen waren sie im gelobten Land angekommen und hatten das Land urbar gemacht. Er gab seinem geliebten Volk Richter und Könige. Und immer wieder Propheten, die es auf den rechten Weg zurückbringen sollten. Doch im Laufe der Jahrhunderte hatte er immer mehr den Eindruck, dass aus den Kindern Israels pubertäre Jugendliche geworden waren und dass nach der rebellischen Phase nun der Loslösungsprozess begonnen hatte. Wenn es nach ihm ging, würde er seinen Bund ja ewig festhalten, aber offenbar wollten sie nicht mehr. Jeremia hieß jetzt sein Prophet, der dem Volk einen neuen Bund prophezeite. Einen Bund nicht auf steinerne Tafeln, sondern ins Herz geschrieben. Und dafür würde er, Gott, einen Herzensschreiber brauchen.
Da-dumm. Da-dumm.
Was für ein Traum! Gottes Wort im Herzen der Menschen eingeschrieben. Und was für ein Alptraum: Für die Theologieprofessoren, für die Bibliothekare in den theologischen Abteilungen der großen Bibliotheken, für die Hüter der Glaubenskongregation in Rom, und für viele Pfaffen und Pfaffinnen! All das theologische Büchermachen, alles wissenschaftliche Spekulieren und Erklären, was Gottes Wille sei, alle Theologisiererei in ihrer höchsten Kunst hätte dann ein Ende! Und als nächstes schlössen die juristischen Fakultäten und Gerichte, weil alle Menschen automatisch nach Gottes Willen, nach seinen Geboten lebten und in Nächstenliebe handelten. Denn wenn die Menschen Gottes Wort im Herzen haben, dann wissen alle – ach Quatsch, dann spüren alle, was Gottes Wille ist! Dann sind die Menschen eins mit Gott. Und eins mit Gott leben und handeln sie. Und keiner mehr, der den anderen lehrt und sagt: „Das ist aber Sünde.“ Und keine mehr, die die andere lehrt und sagt: „Gott will, dass wir alle Dingens und Kirchens tun.“ Ach, was wäre das für eine Zeit! Aber wie soll Gottes Wort in unsere Herzen kommen? Wer kann die Herzschrift schreiben?
Da-dumm. Da-dumm.
„Ich komme wegen der Stellenanzeige. Ich bin Herzspezialist.“ „Ach“, sagt Gott, „das klingt gut. Kennen Sie sich denn auch mit Herzschrift aus?“ „Das will ich meinen. Ich leite einer der führenden Universitätskliniken und arbeite nahezu täglich mit dem EKG.“„Mit dem Evangelischen Kirchengesangbuch?“ „Nein, mit dem Elektrokardiogramm. »Das Elektrokardiogramm (…) ist die Aufzeichnung der Summe der elektrischen Aktivitäten aller Herzmuskelfasern mittels eines Elektrokardiografen. (…) Gelegentlich wird es auch Herzschrift genannt. (…) Mit dem EKG lassen sich vielfältige Aussagen zu Eigenschaften und Gesundheit des Herzens treffen. Zu beachten ist, dass das (…)EKG nur die elektrische Aktivität des Herzmuskels anzeigt, nicht jedoch die tatsächliche (…)Leistung widerspiegelt.«1“ „Nein, nein!“, rief Gott. „Ich brauche doch keinen Kardiologen! Und auch wenn die ganze Operation am offenen Herzen stattfindet, brauche ich keinen Herzchirurgen! Ich brauche einen Herzensschreiber, der in die Herzen hineinschreibt. Keine Herzschrift über das Herz. Mitten hinein! Ist das denn so schwierig?!“
Da-dumm. Da-dumm.
Letztendlich gab es nur einen geeigneten Bewerber. „Du also.“, sprach Gott. „Hätt‘ ich mir ja auch denken können.“ „Ja. Wer denn sonst, wenn nicht ich?“ „Stimmt. Wer, wenn nicht du... Okay, du bist ab sofort mein Herzensschreiber!“ Also sandte Gott seinen eingeborenen Sohn in die Welt, auf dass alle, die an ihn glauben, das ewige Leben haben.
Und so kam der Herzensschreiber in die Welt, der den kleinen Zöllner Zachäus vom Baum pflückte, der für die Frau am Brunnen lebendiges Wasser schöpfte, der der krummen Witwe den Rücken stärkte, der Pilatus staunend zurückließ, der mit den Jüngern neue Wege ging. Sie alle spürten, dass Jesus eins mit Gott lebte und handelte. Durch gemeinsames Essen, wenn sie am Seeufer zusammen Fische grillten, durch Worte, durch kleine Gesten erreichte er ihr Herz, so dass manch eine hinterher flüsterte: Ich bin Gott selbst begegnet.
Ja, Jesus ist der neue Bund. Denn tief in sein Herz eingeschrieben ist Gott. Und so wird Jesus selber zum Herzensschreiber. So hat sich die Prophezeiung von Jeremia weder an dem Volk Israel noch an der ganzen Menschheit verwirklicht, sondern in nur einem Menschen: Jesus Christus, einig Gottessohn und eingeborener Herzensschreiber.
Da-d..
Und nun ist er weg. Am Donnerstag. Verschwunden. Auf in den Himmel oder wo auch immer hin. Und seitdem ist er nicht wiedergekommen. Bis heute nicht. Stattdessen hat das Büchermachen und die Theologisiererei angefangen. Denn wer wusste jetzt noch genau, was Gottes Wille ist, wenn der einzig wahre Herzensschreiber doch wieder verschwunden war?
Für die Jünger muss das eine Katastrophe gewesen sein, als Jesus verschwand. Auf einmal waren sie auf sich alleine gestellt. Da aber Jesus wusste, wie es den Jüngern ergehen würde, ließ er ein Abschiedsgeschenk da, den Heiligen Geist. Nur ist dieser Heilige Geist, dieser Windhauch, diese Feuerflamme, nicht so fassbar wie ein Jesus von Nazareth, mit dem ich Wasser schöpfen oder Fische grillen kann. Und doch spüre ich manchmal diese Geistkraft. Wenn sie nämlich Menschen begeistert. Wenn zum Beispiel beim Kirchentag (jetzt beim Katholikentag) alle anfangen zu summen, zu singen. Dann ahne ich etwas von der Begeisterung, mit der die Jünger unterwegs waren.
Insofern ist der Geist kein Herzensschreiber, sondern ein Erinnerer.
Er erinnert uns an die Geschichten, die wir vererbt bekommen haben.
Von Generation zu Generation, von Herz zu Herz.
Bei den Jüngern war das durch das gemeinsame Leben mit Jesus noch eine komplette Herzensschrift. In unseren Herzen finden wir mit Hilfe des Geistes
einen Abglanz durch die Zeiten.
Klangreste, Wüstenspuren,
leuchtende Buchstaben einer Schrift,
die der eingeborene Herzensschreiber
irgendwann einmal vervollständigen wird.
Amen.
1 I www.wikipedia.org/wiki/Elektrokardiogramm, abgefragt am 8. Mai 2018
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Was können wir erwarten ? - Predigt zu Jeremia 31,31-34 von Antje Marklein
Höre meine Stimme, wenn ich rufe – Exaudi - so heißt der Sonntag heute. Aber : Wer hört denn? Zwischen Himmelfahrt und Pfingsten sind wir allein. Der Auferstandene hat sich getrennt von seinen Freunden, hat sich – Himmelfahrt - aufgemacht zu Gott. Und das Pfingstereignis, der Heilige Geist, der sich zu den Menschen begibt - steht noch bevor.
Höre meine Stimme, wenn ich rufe? Wer hört denn da noch? Im Kirchenjahr ist dieser Sonntag ein bisschen verloren, ‚geistlos‘ sozusagen. So wie eine Zeit zwischen zwei Regierungen oder zwei Legislaturperioden des Kirchenvorstandes oder zwei Schuljahren. Eine Zeit dazwischen, wo man nicht so richtig weiß: woran soll ich mich halten. Was gilt noch, was wird sich verändern?
In so einer geistlosen Zeit suchen Menschen nach Stabilität. Gefährlich wird diese Suche, wenn sie sich vermeintlichen Sicherheiten hingeben, sich populistischen Sprüchen anschließen, nach schnellen Lösungen suchen. Also: was gibt unserem Leben Stabilität in geistlosen Zeiten?
Das Leben besteht aus Verträgen. Verträge regeln das Miteinander, und sie geben – zumindest in bestimmten Bereichen, Sicherheit. Mein Dienstvertrag regelt meine Arbeit, der Stromanbieter schließt mit mir einen Vertrag über meinen Stromverbrauch und dessen Kosten, mein Handyvertrag sichert mir bestimmte Leistungen, ein Ehevertrag kann im Krisenfall Klarheit herbeiführen, usw. Der Kaufvertrag für den neuen Schrank stellt die gegenseitigen Verpflichtungen fest, ja, und wenn man einen Vertrag nicht einhält, kann man sich die Konsequenzen schon vorher ausmalen. Wenn ich meinen Handyvertrag nicht bezahle, kann ich das Handy nicht nutzen. Wenn ich mich nicht Mietvertrags-konform verhalte, habe ich bald keine Wohnung mehr. Wenn eine Baufirma ihren Zeitplan nicht einhält, zahlt sie Konventionalstrafe.
Bei einem Vertrag gehen beide Seiten eine Verpflichtung ein, und meist wird sie schriftlich festgehalten. Das gibt Sicherheit.
Im alten Israel, lange vor unserer Zeitenrechnung, haben die Menschen ihren Alltag auch mit Verträgen geregelt, sicher nicht immer schriftlich, aber die Folgen hatten sie meist im Blick, wenn sie Verträge geschlossen haben. Das Zwischenmenschliche musste geregelt werden, etwa durch klare Familienhierarchien, Regeln über das Verhältnis von Mann und Frau, und Regeln über das Verhältnis zwischen Mensch und Gott. Wir kennen die schönen alten Geschichten vom Bund Gottes mit Noah, die großen Versprechen an Abraham und auch Mose hat den Israeliten den Bund Gottes mit ihnen vor Augen gehalten. Gott sagt: Ich führe euch aus Ägypten heraus, und ihr haltet euch an meine Gebote: zwar kein schriftlicher Vertrag, aber schon ein Versprechen auf Gegenseitigkeit und immerhin die Gebote in Stein gemeißelt. Und gerade in besonders geist-losen Zeiten waren in Stein gemeißelte Gesetze stabilisierend.
Verträge werden gebrochen, und die unvermeidlichen Folgen treffen ein. Immer wieder deuten die Schreiber des ersten Testaments ihren Alltag mit dem belohnenden oder strafenden Gott. Die Prophetenbücher sind voll von Drohungen der Propheten an das Volk. Die Strafe wird auf dem Fuße folgen, Unheilsprophetie nennt man das, und oft genug geht die schlimmste Drohung der Propheten in Erfüllung. Einmal allerdings hat einer dieser Propheten, Jeremia war es, seine Hörer richtig überrascht. Im Jeremiabuch, das sonst hauptsächlich aus Unheilsprophetie besteht, aus Klage und Untergangsstimmung, im Jeremiabuch gibt es eine besondere Ausnahme. Da macht sich Jeremia zum Sprachrohr Gottes, um ein großes Versprechen zu geben, das direkt ins Herz geht. Und das ist der Text, der heute als Predigttext für diesen ‚geistlosen‘ Sonntag Exaudi vorgesehen ist.
Gebt Acht, es kommt die Zeit, spricht der HERR, da will ich mit dem Haus Israel und mit dem Haus Juda einen neuen Bund schließen, nicht wie der Bund, den ich mit ihren Vätern schloss, als ich sie bei der Hand nahm, um sie aus Ägypten zu führen, mein Bund, den sie gebrochen haben, obgleich ich ihr Herr war; sondern das soll der Bund sein, den ich mit dem Hause Israel schließen will nach dieser Zeit, spricht der HERR: Ich lege mein Gesetz in ihr Herz und schreibe es in ihren Sinn. Sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein. Da wird keiner den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, denn sie alle werden mich kennen, Kleine und Große. Ihre Untaten will ich vergeben und ihrer Sünde nicht mehr gedenken.
Was ist das Neue?
Dieses Gesetz geht direkt ins Herz. Gott sagt: Ich lege mein Gesetz in ihr Herz und schreibe es in ihren Sinn. Sie sollen mein Volk sein, und ich will ihr Gott sein.
Gott legt sich uns ans Herz: Ich will euer Gott sein, Ihr seid mein Volk. Ihr, Israel, und ihr, die Völker der Welt, ich euer Gott, und ihr mein Volk. Ein großes Versprechen, einseitig, kein Vertrag. Ein einseitig geschlossener Bund. Kein Vertrag der das Leben sicher macht, ein Bund im Herzen. Ein großes Versprechen. Etwas fürs Herz.
Ja, und dann? Was hab ich davon? Dass Gott sich in mein Herz gepflanzt, geschrieben hat? Was ich davon habe, ergibt sich. Ja es ergibt sich, ich muss es nicht machen. Ken Gebot einhalten, kein Gesetz befolgen. Es ergibt sich. Mit Jeremias Worten:
Da wird keiner den andern lehren und sagen: »Erkenne den HERRN«, denn sie alle werden mich kennen, Kleine und Große. Ihre Untaten will ich vergeben und ihrer Sünde nicht mehr gedenken.
Soll heißen: Keiner muss mehr dem anderen sagen, wie das mit Gott zu verstehen ist. Keiner muss mehr dem anderen sagen, was gut ist im Leben und was schlecht. Jeder weiß es, jeder lebt es, es ergibt sich. Kleine und Große werden Gott kennen. Es ergibt sich.
Ist das eine Utopie? In der ‚geistlosen‘ Zeit ein Blick in die weit entfernte Zukunft? Ja, möchte ich sagen, davon sind wir so weit entfernt wie lange nicht. Viel lieber und viel einfacher halten wir uns an Sicherheiten, an Gesetze, an Verordnungen, die das Leben regeln. Wer bei rot über die Ampel fährt, zahlt. Wer den Mietvertrag nicht einhält, geht. Wer in Deutschland kein Bleiberecht hat, wird ausgewiesen. Wer nach der OP drei Tage im Krankenhaus war, wird entlassen. Wer seine Stromrechnung nicht zahlt, hat keinen Strom. Ja, das sind Gesetze, die Sicherheit geben. Aber sie gehen nicht ins Herz. Sie bleiben im Kopf.
Anders ist das, was wir in der Kirche erleben, was wir feiern. Ja, sicher, wir haben auch Gesetze, wie ein Gottesdienst geht, welche Voraussetzungen erfüllt sein müssen damit ich bei der Kirche arbeiten kann, wie viele Küsterstunden einer Gemeinde zustehen. Aber unsere Botschaft, die uns aufgetragen ist, sie geht ins Herz. Und wenn wir Jugendliche konfirmieren und mit dem Segen entlassen, dann geht die Botschaft ins Herz. Und wenn zwei Menschen sich trauen lassen, geht der Segen ins Herz. Wenn eine Kirchengemeinde Kirchenasyl gewährt, tut sie das aus dem Herzen; die Diakonie der Kirche ist Herzenssache. Für mich ist all das schon ein Aufblitzen des neuen Bundes, von dem Jeremia vor so langer Zeit sprach. Hier wird etwas davon spürbar, was es heißt: ’Sie sollen mein Volk sein und ich will ihr Gott sein‘. Es ergibt sich.
Höre meine Stimme, wenn ich rufe. Ja, möchte ich heute am Sonntag Exaudi rufen, ja Gott, höre uns und leg uns deine Gesetze ins Herz. Lass wahr werden, was du Jeremia in den Mund gelegt hast, lass wahr werden, was wir manchmal schon ahnen, und was in Jesus Christus schon aufblitzte.
Und so warten wir in dieser ‚geistlosen‘ Zeit. Komm Heiliger Geist. Amen.