Gott steht uns bei und eröffnet immer wieder neue Wege - Predigt zu Lk 18,1-8 von Rainer Stahl

Gott steht uns bei und eröffnet immer wieder neue Wege - Predigt zu Lk 18,1-8 von Rainer Stahl
18,1-8

Liebe Leserinnen und Leser! / Liebe Schwestern und Brüder!

1          Er sagte ihnen aber ein Gleichnis davon, dass man allezeit beten und nicht nachlassen sollte,
2a        und sprach:
2b        »Es war ein Richter in einer Stadt, der fürchtete sich nicht vor Gott und scheute sich vor keinem Menschen.
3a        Es war aber eine Witwe in derselben Stadt,
3b        die kam immer wieder zu ihm und sprach:
3c        ‘Schaffe mir Recht gegen meinen Widersacher / gegen meinen Gegner!’
4a        Und er wollte lange nicht.
4b1      Danach aber dachte er bei sich selbst:
4b2      ‘Wenn ich mich schon vor Gott nicht fürchte noch vor keinem Menschen scheue,
5a        will ich doch dieser Witwe, weil sie mir so viel Mühe macht, Recht schaffen,
5b        damit sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage / mir ein blaues Auge schlage.’«
6a        Da sprach der Herr:
6b        »Hört, was der ungerechte Richter sagt! / :
7a        ‘Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen,
7b        und sollte er bei ihnen lange warten / und wird er es mit ihnen hinausziehen?’
8a        Ich sage euch:
8b        Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze.
8c        Doch / Bloß – wenn der Menschensohn kommen wird, wird er dann Glauben / Beharrlichkeit / Treue finden auf Erden?«“

Etwas Ungeklärtes in diesem Gleichnis war es, das mir den Anstoß dazu gegeben hatte, einen Zugang zum Verstehen zu gewinnen: Es wird nicht offengelegt, wer der Widersacher, wer der Gegner gewesen sein mag und warum er Widersacher, Gegner dieser Witwe geworden war (vgl. Vers 3c). So nehme ich mir die Freiheit, mir einen Fall vorzustellen: Die Witwe hat einen Verwandten, der ihr das Erbe des gestorbenen Ehemannes wegnehmen will, der glaubt, selber Ansprüche zu besitzen – und dies durchaus auf verschiedenen Wegen oder mit verschiedenem Verhalten ihr gegenüber:
+  Ihr Schwager, der ihr die Ehe anbietet, um so seinem verstorbenen Bruder doch noch Nachkommen zu schenken. – Allerdings wird in der neutestamentlichen Geschichte nicht erwähnt, dass die Witwe kinderlos geblieben war. Das imaginiere ich einfach, weil sie ja keinen Sohn um Hilfe bittet, sondern immer wieder diesen Richter aufsucht.
+  Ihr Schwager, der vorgibt, ihr auf diesem Wege das weitere Leben zu sichern. – Hätte sie ihn dann aber als Widersacher wahrgenommen? Es musste also noch mehr „im Raum“ gewesen sein.
+  Ihr Schwager, der auf diesem Wege Verantwortung für das Erbe seines Bruders oder auch einfach Zugriff auf dieses Erbe gewinnen will. – In diesem Fall hatte er sich ohne Zweifel als ihr Gegner erwiesen.

Jetzt will ich nicht auf die verschiedenen Dimensionen der für uns äußerst gewöhnungsbedürftigen Bestimmung der Leviratsehe, der Schwagerehe eingehen. Ich zitiere einfach die grundlegende Festlegung im Buch Deuteronomium / in 5. Mose 25:

5a1      „Wenn Brüder beieinander wohnen und einer stirbt ohne Söhne,
5a2      so soll die Frau des Verstorbenen nicht die Frau eines Mannes aus einer anderen Sippe werden,
5b1      sondern ihr Schwager soll zu ihr gehen
5b2      und sie zur Frau nehmen und mit ihr die Schwagerehe schließen.
6a1      Und der erste Sohn, den sie gebiert,
6a2      soll gelten als der Sohn seines verstorbenen Bruders,
6b        dass dessen Name nicht ausgetilgt werde aus Israel.“

Direkt danach wird im Buch Deuteronomium / in 5. Mose 25 allerdings der wohl viel häufigere Fall behandelt, dass der Schwager nämlich nicht bereit ist, sich in der beschriebenen Weise für seinen verstorbenen Bruder einzusetzen. Deshalb geht dort die vorgestellte die Schwägerin, die Witwe zum Gericht im Tor und klagt ihren Schwager an:

7b1      „Mein Schwager weigert sich, seinem Bruder seinen Namen zu erhalten in Israel,
7b2      und will mich nicht ehelichen.“

Jetzt – so finde ich – wird unsere Gleichnis-Situation schon ein Stück weit lebendiger:
Der Schwager der Witwe im Lukasevangelium weigert sich gerade nicht, sondern er greift nach seiner Schwägerin und hat sich so als Widersacher, als Gegner erwiesen: Er will sie als Witwe im System der Abhängigkeit und Zugehörigkeit festhalten. Diese aber wehrt sich. Sie will selbstständig bleiben. Sie will den Betrieb des Mannes selber weiterführen. Sie repräsentiert die neue Zeit, nach der auch Frauen eigenständig wirken, das Erbe selbstständig weiterführen können. Ich habe einmal einen interessanten Satz gefunden: „Rechtsmündig ist die F.(rau) erst als Mutter und als Witwe.“

Wir erkennen: Die Witwe kämpft für ihr Recht, auf eigenen Füßen zu stehen. Deshalb bedrängt sie den Richter ihrer Stadt! Und dieser Richter beschließt letztlich, gegen das traditionelle Recht neuen Gesichtspunkten und Entscheidungsmöglichkeiten den Durchbruch zu ermöglichen! Aber er tut dies nicht als Überzeugter, sondern nur als Bedrängter. Er will seine Ruhe haben vor dieser ihn störenden und bedrängenden Frau:

5b        „»‘[…] damit sie nicht zuletzt komme und mir ins Gesicht schlage / mir ein blaues Auge schlage’«“ – wie das griechische Wort eigentlich heißt!

Erst jetzt erfasse ich wirklich, was Jesus aus Nazareth – ich darf festhalten, dass dieses nur im Lukasevangelium erhaltene Gleichnis wirklich auf Jesus zurückgeht – seinen Zuhörerinnen und Zuhörern und auch uns zumutet:
Wir sollen an Gott festhalten, ihn mit unseren Gebeten bedrängen, selbst wenn wir gelegentlich das Gefühl haben, dass Gott uns gegenüber wie ein nur selbstinteressierter Richter handeln würde. Und wir sollen ihm gegenüber wie eine verzweifelte und ganz von ihren Problemen, Sorgen und Wünschen erfüllte Witwe auftreten. Dazu sollen wir unseren Mut aufbringen! Denn, wenn wir bei solchem beharrlichen Gebet bleiben – mit Gott können wir ja nur durch unser Gebet kommunizieren (!) –, klammern wir uns an unsere Überzeugung, dass Gott uns Gutes will, dass Gott uns gegenüber aufrichtig ist!

Bei solchem Beten wirken sich sicher auch unsere charakterlichen Voraussetzungen aus. Aber, wenn es wirklich um die Existenz geht, dann werden wir alle doch auch unsere Wohlanständigkeiten fallen lassen und für uns mit Gott wirklich ringen. Christus sagt uns dazu: Ja, das dürfen wir:

7a        „»‘Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen?’«“

Ich erspüre hier einen Verstehensweg unserer jüdischen Nachbarn, den auf alle Fälle schon Lukas etwa im Jahr 73 verfolgt hatte: den Schluss vom Kleinen zum Großen. Was also gegenüber dem ungerechten Richter sinnvoll ist, das ist umso sinnvoller gegenüber Gott, gegenüber dem, der unser Leben und unser Wohlergehen will:

8a        „»Ich sage euch:
8b        ‘Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze.’«“

Denn Gott ist nicht einfach der Sachwalter der Tradition, des Herkommens, sondern der Förderer auch von neuen Lebensmöglichkeiten, derjenige, der uns ganz Unerwartetes möglich machen kann, vielleicht uns in unserem Leben – in Ihrem Leben wie in meinem Leben – schon möglich gemacht hatte:

Als ich auf dem Weg zur erfolgreichen Promotion B war – wie das damals in der DDR hieß (in Westdeutschland wäre das die Habilitation gewesen) –, musste ich erkennen, dass trotzdem nicht vorgesehen wurde, dass ich an der Universität Jena bleiben konnte. Warum? Weil ich neben meiner Arbeit an der Universität auf das Zweite Examen, auf das Examen der Kirche und auf die Ordination zuging. Natürlich erfuhr ich diesen Grund erst nach den politischen Veränderungen: Dass deshalb damals die Partei an der Universität, die SED, entschieden hatte, dass ich zu gehen habe, mir aber diese Promotion B nicht verweigert wurde. Aber meine Kirche schickte mich zu einem gut zweijährigen Einsatz in die Zentrale des Lutherischen Weltbundes in Genf! Und der Staat genehmigte mir diesen Auslandseinsatz! Hatte nicht damals Gott mir den für mich beinahe selbstverständlich wirkenden Weg verbaut? Und dann im Unterschied dazu mir unerwartet neue Möglichkeiten eröffnet?

Für unsere Geschichte heißt das: Gott ist derjenige, der die Lebenschancen der verwitweten Schwägerin zu tolerieren und ihr die ersehnte Zukunft zu eröffnen bereit ist, so dass sich diese Witwe auf diesem Wege weiterhin selbständig der Geschäfte ihres verstorbenen Mannes annehmen kann.

An diesem Punkt meines Erkennens habe ich darüber gegrübelt, welche moderne Herausforderung dem entsprechen könnte, was damals – vielleicht im Jahr 29 bei Jesus und eben im Jahr 73 bei Lukas – gemeint gewesen war. Da trat vor mein inneres Auge die Bewegung „#MeToo“ / „auch ich“, oder in Russisch: „#Ятоже“ [„Ja-tosche“] / „ich auch“, oder in Hebräisch: „גםאנחנו#“ [„gam-’anachnu“] / „auch wir“! Zu der es sogar die Bewegung „#HowIWillChange“ / „wie ich mich ändern will“ gibt! Diese Bewegungen legen mir die Frage vor die Füße, wie wir aufstrebende junge Menschen fördern. Erfolgreiche junge Männer und junge Frauen.
Wenn wir in unserem Leben in einer Beziehung zu Gott bleiben wollen – sei sie auch noch so schwach –: Dann wirklich selbstlos! Ohne selbstsüchtige Erwartungen – egal auf welchem Gebiet. Ich bin ein Mann. Aber ich kann sagen, dass ich immer selbstlos gefördert wurde und selber andere selbstlos zu fördern versucht habe. Damit wurden meine Lehrerinnen und Lehrer und ich mit Blick auf andere, zum Beispiel auf Studentinnen und Studenten, nicht unbedingt zu Gerechten. Aber: Wir wurden zu Menschen, die anderen immer klar in die Augen sehen konnten. Zu Menschen, denen andere nie „ein blaues Auge geschlagen“ hätten.
Gerade vor dem Hintergrund der „#MeToo“-Bewegung werden wir doch darauf aufmerksam, wie viele Menschen sich als selbstlose Förderinnen und Förderer verhalten! Auch wir, auch ich!

Darauf hebt die überraschend wirkende letzte Frage ab:

8c        „»‘Doch / Bloß – wenn der Menschensohn kommen wird, wird er dann Glauben / Beharrlichkeit / Treue finden auf Erden?’«“

Diese drei Facetten des Wortes „Glauben“ zeigen mir drei Dimensionen der Zusage, die uns unser Bibelwort anbietet:
Zuerst Glaube, Vertrauen, dass das eigene Leben von Gott bewahrt bleiben wird. Gegen alle Unsicherheiten unserer gegenwärtigen Zeit können wir Gott weiter vertrauen – und wenn wir Menschen neben uns haben, die für uns Verantwortung aufbringen, auch ihnen vertrauen.
Dann Beharrlichkeit: Gerade auch Beharrlichkeit im Beten. Ich kann nur bezeugen, dass es mir selber hilft, wenn ich meine Erfahrungen und Ängste immer wieder im Gebet Gott gegenüber ausspreche! Lassen auch Sie sich auf diese Erfahrung ein!
Und schließlich Treue, Dranbleiben am Vertrauen auf Gott: Auch, wenn wir für den als gut erkannten Weg kämpfen müssen. Auch, wenn wir anderen Lebensmöglichkeiten gewähren, ihnen anbieten, ihnen nie wegnehmen. Also, dass ich offen dafür bleibe, dass sich für mich Erhofftes zwar zerschlagen kann, aber Unerwartetes zu einem Weg für mich werden kann!

Ist das nicht ein großes Angebot für uns? Ja, es ist das Angebot dieser Woche für jede und jeden von uns.

Amen.

Vier Fragen zur Predigtvorbereitung an Dr. Rainer Stahl

1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Mir stehen Lebensschicksale vor Augen, die zu grundlegenden Veränderungen geführt haben und dabei Enttäuschungen und bleibende Verletzungen, aber auch Bestärkung von Hoffnung und Lebensfreude bewirkt haben.

2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Der entscheidende Punkt war für mich der Versuch, die im Text angedeutete Problemlage konkret imaginieren zu können: Widersacher, Gegner interpretiert als Gegenüber, der die Witwe in der traditionellen Abhängigkeit festhalten will (und dabei natürlich auch gewisse Bewahrung realisieren würde).

3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Dass ich versuche, auch weiterhin angesichts von Krisen in meinem Leben das Vertrauen, den Glauben, die Beharrlichkeit, die Glaubenstreue gegenüber Gott durchzuhalten.

4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
In der abschließenden Bearbeitung habe ich die guten Rückfragen und Hinweise meines Coaches und auch noch selber Gedanken aufnehmen können, die den Text klarer gemacht haben.

 

Perikope
13.11.2022
18,1-8

Wie finde ich Gott? - Predigt zu Lk 17,20-21 von Monika Lehmann-Etzelmüller

Wie finde ich Gott? - Predigt zu Lk 17,20-21 von Monika Lehmann-Etzelmüller
17,20-21

I Text

Als Jesus aber von den Pharisäern gefragt wurde: wann kommt das Reich Gottes? da antwortete er ihnen und sprach: Das Reich Gottes kommt nicht so, dass man es beobachten kann. Man wird auch nicht sagen: Siehe hier! oder: Siehe dort! Denn siehe, das Reich Gottes ist in eurer Mitte.

II Hauptfrage

Wo ist Gott?
Uralt ist die Frage, die über der Szene steht. Wie verwitterter Stein, aus Nacht und Himmel, aus Erinnerung und Zukunft, aus Zweifel und Erde geformt. Wo ist Gott? Eine Frage mit vielen Geschwistern. Wo ist Gott? Woran merke ich, dass er da ist? Wie finde ich sie? Kommt Gott zu uns, gerade jetzt, da wir Gotteszuversicht und Gottesmut brauchen in schwieriger Zeit? Wie kann ich die Zeichen entziffern, die Schrift lesen, wie kann ich spüren, dass er nahe ist? Bist Du da, Gott? Ich habe so lange auf dich gewartet.

III Jesus antwortet als Pharisäischer Weisheitslehrer

Es sind die Pharisäer, die so fragen. Und sie sind es, an die Jesus zuallererst die Antwort richtet. Ihnen, also den Pharisäern, sagt er: Das Reich Gottes ist in eurer Mitte. Das überrascht mich. In den Evangelien kommen die Pharisäer nicht gut weg. In vielen Geschichten erleben wir sie als welche, die Jesus aufs Glatteis führen wollen, ihn missverstehen und schlecht machen. Doch hier hören wir einer Diskussion auf Augenhöhe zu. Die Pharisäer legen Jesus eine Frage vor, die in der jüdischen Theologie bis heute zentral ist: Wann kommt Gott? Wie lange müssen wir noch warten? Jesus stellt sich unbefangen und ganz und gar hinein in dieses Nachdenken. In dieser Szene zeigt Jesus sich als einer der Weisen und Lehrer Israels, deren Schule bis heute das Judentum prägt. Jesus spricht als einer von ihnen. Er ist Jude. Seine Jünger sind Juden. Nur so ist zu verstehen, was Jesus sagt. Das Reich Gottes ist in eurer Mitte, sagt er. Wer wissen will, wer Gott ist, soll euch hören und auf euch sehen.

IV Eine altbekannte Erkenntnis neu ins Licht stellen: Jesus ist Jude

Das klingt so selbstverständlich. Haben wir ja schon oft gepredigt und oft gehört. Tatsächlich erleben wir, wie die Abgrenzung in unserer christlich geprägten Gesellschaft von Jüdinnen und Juden zunimmt. Der Antisemitismus nimmt zu in einem Maß, das sich vor Jahren niemand hätte vorstellen wollen. Der Mannheimer Sohn Xavier Naidoo relativiert den Holocaust und spricht in Reichsbürgerrhetorik, Kayne West bedient krude Theorien einer jüdischen Weltverschwörung. Auf Kundgebungen der AfD werden ungeniert nationalsozialistische Symbole vorgezeigt. Das hatten wir schon mal und es möge nie mehr zurückkehren. Darum ist es gerade jetzt so bedeutsam, eine altbekannte Erkenntnis ganz neu ins Licht zu stellen: Jesus ist Jude. Was Jesus sagt, ist gewoben aus den uralten Hoffnungsfäden, dem Lichtleinen und den Trotzliedern Israels. Wer nach einem Kompass sucht, kann es halten wie die Pharisäer, die vor Jesus stehen: nämlich fragen, die Juden selbst fragen, was sie hoffen, was sie brauchen und wie sie leben auch in unserem Land. Was sein muss, dass sie bleiben können.

V Das Reich Gottes ist inmitten der Gemeinde, trotz allen Versagens

Das Reich Gottes ist in eurer Mitte.
Mir sind zuerst die Pharisäer ins Auge gefallen. Jetzt lasse ich den Blick weiter wandern. Da stehen ja auch noch die Jünger. Wie werden sie die Worte Jesu wohl gehört haben: Das Reich Gottes ist in eurer Mitte, mitten in eurer Gemeinschaft. Kann das sein? Würden wir das über uns selbst sagen, über unsere Gemeinde, unsere Kirche, dass das Reich Gottes da ist, erlebbar, spürbar in unserer Mitte? Die Kirche ist oft alles andere gewesen als ein Ort, an dem Menschen Gott gefunden haben. Schreckliches geschah in ihrem Namen, das Menschen zerbrochen hat. In der Geschichte und in der Gegenwart, wenn wir z.B. an die Opfer von sexualisierter Gewalt denken, die es auch in unserer Kirche gegeben hat und gibt. Die Jünger selbst haben versagt; sie haben Jesus verraten und im Stich gelassen.

VI Räume öffnen, in denen Gott sein kann, so wie die Jüngerinnen es getan haben

Trotzdem hängt der Satz auch über ihnen. Das Reich Gottes ist in Eurer Mitte. Es ist verborgen und nicht so leicht zu sehen. Es leuchtet auf, wenn Menschen Gottes Willen tun, das Gute und die Liebe. Da war der Mut der Frauen, die bei Jesus geblieben sind. Als er starb und die Welt sich über dem Kreuz verfinstert hat, war es allein ihr Mut, der Gott in der Welt gehalten hat. Ihr Mut war übrig und er hielt stand.
Geht es darum - dass wir als Gemeinde Räume öffnen, in denen Gott und sein Reich sein kann? Ganz buchstäblich Räume mit Wärme für Seele und Haut und Füße in dem Winter, auf den wir zugehen. Oder in den Begegnungscafés, wo jeder kommen kann und jede willkommen ist. Räume aus Gebeten, aus Liedern und Gottes Wort, in denen Trost wachsen kann, Zuversicht und Mut. Räume, in denen wir Frieden leben, in der Gemeinde, in der Nachbarschaft, in der Schule, am Arbeitsplatz und in der Familie.
Gott traut es uns zu. Er traut Menschen, die Sprünge und Risse in ihrem Leben haben. Sie sind die Stellen, durch die das Licht durchdringt. Mit solchen Menschen hat Gott etwas vor.

VII Jesus PLUS: nicht nur Weisheitslehrer, sondern gelebte Gottesgegenwart

Ich habe auf die Pharisäer geschaut. Dann auf die Gemeinschaft der Jüngerinnen und Jünger, die bis zu uns reicht. Jetzt schaue ich auf Jesus. Da steht er, in der Mitte, er sagt: Das Reich Gottes ist in eurer Mitte. Auch so kann ich es hören: Das Reich Gottes ist Jesus selbst. In ihm leuchtet es auf, in ihm wird es greifbar, mit ihm bekommt es ein Gesicht. Wer fragt, wo Gott ist; wo kann ich ihn finden; wie wirkt er zwischen uns, der kann auf Jesus schauen. Da ist Gott. Er ist  in dem Kind, das geboren wird in einem Land unter fremder Besatzung, ein Flüchtlingskind vom Kindbett an. In dem Wanderprediger, der Menschen neu aufrichtet und Hoffnung lehrt: Auch du bist Gottes Kind, auch du bist willkommen in Gottes Reich. In dem Gekreuzigten, der das Dunkel ganz auf sich nimmt, sich ihm ganz preisgibt, damit wir es nicht sind. In seinen Worten und in seiner Wirksamkeit, in seinem Vertrauen und in seiner Ohnmacht, in seinem Leben und in seinem Tod und in seiner Auferstehung, da ist Gott.

VII In schwieriger Zeit bleibt es, bleibt er, wenngleich rätselhaft

Schemenhaft sehe ich zwischen den Jüngern und Pharisäern noch andere Gesichter. Wie kann ich Gott finden, so fragen auch sie. Wie kann ich Gott wieder spüren, so hat eine junge Frau gefragt. Er kommt mir so fern und schweigsam vor. Fern und schweigsam im Dürresommer, in diesem Jahr, in dem der Krieg uns so nahe gekommen ist und in dem so vieles uns bedrückt. Wo ist Gott in schwieriger Zeit? Wie kann ich ihn wiederfinden? Gottes Reich ist in Eurer Mitte. Martin Luther hat das so übersetzt: Das Reich Gottes ist inwendig in euch. Ihm war wichtig, das heraus zu meißeln: Jeder, jede kann Gott finden, ohne Umwege und ohne Einweihung. Manchmal spüren wir nichts von Gott. Erst im Zurückschauen sehen wir die Spuren. War er die Kraft, die dann doch gereicht hat? War seine Stimme in den Worten der Freundin verborgen, die Trost und Rat wusste? War da nicht sein Wort, das nährte und Kraft gab für lange Zeit: Fürchte Dich nicht. Ich werde bei dir sein. Ich glaube: In der Sehnsucht, dass Gott da ist, ist Gott auch. Gott ist mitten in dem Gefühl, dass er fehlt, mitten in dieser Sehnsucht. Er lässt sich überraschend finden, in der Stille einer leeren Kirche, im Zusammensein mit Lieblingsmenschen, im Klopfen des Regens, in der kalten Klarheit des Herbstmorgens, wenn der Winter sich langsam anschleicht.

VIII  Lasst (euch auf) das Reich Gottes ein

Das Reich Gottes ist mitten unter euch.
Es ist in dem Warten Israels.
In ihrer Hoffnung: Gott ist da, wo man ihn einlässt.
Gott lässt es wachsen und leuchten in Räumen, die Menschen öffnen. Räume für andere, für die, denen es kalt geworden ist im Leben, im Herzen und auf der Haut. Raum für Hoffnungstaten und Freundlichkeit, fürs Aussprechen und Angstgestehen, für Trotzlieder und Mutgedanken.
Es legt Spuren in unser Leben, die wir entziffern können. Da war Gott da. Und da auch. Da war er die Brise Rückenwind. Da war er in der Hand auf meiner Schulter. Da war er in dem Wort, das mich satt gemacht hat, das gereicht hat für lange Zeit.
Das Reich Gottes ist da in Jesus. In seinem Angesicht sehen wir das Gesicht Gottes. Wo ist Gott? Er ist da. Gott ist da.

Vier Fragen zur Predigtvorbereitung an Monika Lehmann-Etzelmüller

1. Welche Predigtsituation steht Ihnen vor Augen?
Vor Augen steht mir eine junge Frau, die mich gefragt hat: Wie kann ich Gott wiederfinden? Während der Coronazeit, die sie als einsame Zeit erlebt hat, nach dem Tod ihrer Mutter und mit dem neuen Bewusstsein für Krieg und Gewalt in unserer Welt, schien Gott sich immer weiter zu entfernen. Ist überhaupt etwas von ihm da in unserer Welt? Bei der Predigt in Hohensachsen, einer Gemeinde unseres Kirchenbezirks, werde ich sie in den Reihen suchen. Ob sie da sein wird? Ich glaube, nein, aber ihre Suche nach Gott wird da sein.

2. Was hat Sie bei der Predigtvorbereitung beflügelt?
Gottes Reich ist in eurer Mitte – die vier Möglichkeiten, diesen Satz zu hören, habe ich bei Gerd Theißen gefunden.

3. Welche Entdeckung wird Sie weiter begleiten?
Gemeinde sein bedeutet, Räume zu öffnen, in denen Gott sein kann.

4. Was verdankt diese Predigt der abschließenden Bearbeitung?
Die Predigt verdankt ihre Zwischenüberschriften meinem Predigtcoach. Dadurch ist ihre Gliederung viel deutlicher geworden.

Perikope
06.11.2022
17,20-21